13.08.1984

ATOMWAFFENNuklearer Winter

Auch Washington prüft jetzt die Theorie, daß nach dem Einsatz von Kernwaffen ein Klimasturz das Leben auf der Erde zerstören würde. Atomfrost könnte die Abschreckungsdoktrin entwerten. *
Im Juni schneite es in New York. Und einem Bauern froren während einer Sommernacht im US-Bundesstaat Vermont die Zehen ab.
Schuld am Wintereinbruch zur Mittsommerzeit war der Ausbruch des _(1951 in Nevada. )
Mount Tambora im fernen Holländisch-Ostindien. Ein Jahr zuvor, vom 5. bis 11. April 1815, hatte der Vulkan gewaltige Staub- und Aschemassen viele Kilometer hoch in die Atmosphäre geschleudert.
In den folgenden Monaten verteilten Luftströmungen den Dreck rund um den Globus, und wie ein Filter absorbierte die verschmutzte Stratosphäre die wärmenden Sonnenstrahlen: Ursache dafür, daß nach Jahresfrist viele Weltregionen mit frostigen Sommertemperaturen teil hatten an Südostasiens geologischer Katastrophe.
Was bislang als unvorhersehbares Jahrhundertereignis der Natur galt, kann die Menschheit nun, wie angesehene Forscher befürchteten, jederzeit mit eigenen Mitteln wiederholen - nur noch viel schlimmer. Sechs amerikanische Wissenschaftler behaupten in einer kürzlich veröffentlichten Studie, der Einsatz von Atomwaffen mit einer Gesamtsprengkraft von 5000 Megatonnen (also nicht einmal die Hälfte jener 12 000 Megatonnen, die derzeit in den Arsenalen der Supermächte lagern), müßte unweigerlich die Erde verdunkeln.
Rauch und Ruß der Feuerstürme in Städten und Wäldern würden die Atmosphäre schwärzen, das Sonnenlicht schlucken und die Temperaturen bis zu 24 Grad sinken lassen. Der deutsche Sommer geriete zum Dauerfrost: saurer Schnee statt saurem Regen auf den Wiesen, Eislauf statt Segeln auf den Gewässern.
Schlimmer noch: Den Wettersturz würden die meisten Pflanzen- und Tierarten nicht überleben, und spätestens nach ihnen stürbe der Mensch.
Das Schreckensbild vom klimatischen Holocaust stieß jedoch zunächst auf Widerspruch. Kritiker behaupteten, daß bei einem Atomangriff gegen vornehmlich militärische Ziele Städte kaum getroffen und die fatalen Flächenbrände daher nicht entstehen würden. Was von derartigen Einwänden zu halten ist, stellte Noel Gayler, Admiral a. D. und früher Chef des US-Geheimdienstes NSA, klar: "Was immer bei uns oder den anderen erzählt wird - in einem großen Atomkrieg werden Städte getroffen, und sie werden brennen."
"Die Leute haben vergeblich versucht, Steine aus unserem Theorie-Gebäude herauszubrechen", bewertet Richard P. Turco, Mitautor der Studie, die Diskussion der vergangenen Monate.
Diese Erkenntnis scheint sich nun auch in der US-Administration breitzumachen. Bislang hatte man dort, wie Richard L. Wagner, Verteidigungsminister Weinbergers Berater für Atomfragen, vor dem US-Senat bekannte, den klimatischen Folgen nuklearer Feuerstürme kaum Beachtung geschenkt. Nun sollen binnen fünf Jahren gleich 50 Millionen Dollar aufgewendet werden, um diese Wissenslücke schnell zu schließen.
Mehr als ein Dutzend Regierungsbehörden wollen mit Simulationen und Tests den befürchteten Phänomenen auf die Spur kommen.
Doch Zweifel an dem Ergebnis der Untersuchung scheinen kaum noch vorhanden. Atom-Experte Wagner: Die meisten Szenarien und auch die Mehrheit der denkbaren Faktorenkombinationen werden uns zeigen, daß es einen nuklearen Winter geben wird."
Der allerdings, so ist Geheimpapieren der Nuklearbehörde des Pentagon zu entnehmen, hätte zunächst einmal für die Militärs dramatische Folgen: *___Beobachtungssatelliten und Aufklärungsflugzeuge würden ____im Blindflug in und über den Dreckwolken kreuzen - ____Truppenbewegungen blieben unbeobachtet, Ziele ____unerkannt. *___Infrarotsensoren und Radargeräte wären gestört, wenn ____nicht gar völlig von Partikel-Echos lahmgelegt. *___Nachrichtenverbindungen aller Art brächen zusammen. *___Die Überlebensfähigkeit und Zielgenauigkeit von ____Atomsprengköpfen würden durch die veränderten ____ballistischen Bedingungen in den riesigen ____Schmutzschwaden beeinträchtigt. *___Selbst die Strahltriebwerke von Kampf-Flugzeugen und ____Marschflugkörpern könnten in Staub und Ruß versagen.
Gefahr droht damit auch den fliegenden Kommandostellen, aus denen die Polit- und Militärstrategen beim Weltuntergang den Überblick behalten wollen. Schon wiederholt, zuletzt nachdem der Vulkan St. Helena 1980 im Norden der USA ausgebrochen war, meldeten Verkehrspiloten Triebwerksausfälle und Notlandungen mit zunächst unbekannter Ursache. Später stellte sich heraus: Sie waren in mit bloßem Auge nicht erkennbare Wolken aus Vulkanasche geraten.
Auswirkungen dieser Art könnten, so hofft George A. Keyworth, Wissenschaftsberater von Präsident Reagan, jedem Aggressor einen Strich durch die Rechnung machen: "Wenn sich die am schwersten wiegenden Annahmen bestätigen sollten, würde das die Versuchung der Sowjets zu einem Erstschlag entscheidend mindern."
Das Fazit, das Nobelpreisträger Herbert A. Simon aus der Wissenschaftler-These zog, schon 100 Megatonnen atomarer "Nutzlast", ausschließlich über Städten abgeworfen, könnten den nuklearen Winter auslösen, geht noch weiter: "Nicht einmal gegen einen unbewaffneten Gegner" sei unter diesen Voraussetzungen ein größerer Atomangriff möglich, "ohne gleichzeitig Selbstmord zu begehen - ohne selbst eine ebenso schwere Strafe zu erleiden wie man sie seinem Opfer zugedacht hat": Selbstabschreckung in ihrer höchsten Form.
Allein die (nach amerikanischen Erkenntnissen) 729 sowjetischen SS-20-Atomsprengköpfe, die gegen Westeuropa gerichtet sind, würden mehr als 100 Megatonnen Sprengkraft freisetzen - schon ein eurostrategischer Schlagabtausch würde mithin im Todesfrost enden.
Das läßt die Militärs nicht ruhen. Schon werden Konzepte entwickelt, wie doch noch vermieden werden könnte, was derzeit unvermeidlich scheint: *___Einsatz der schmutzigen Waffen in Staffeln, nach Zahl, ____Zeit und Ort so begrenzt, daß sich der Himmel ____langfristig nicht verfinstert. *___Nur noch Verwendung von Sprengköpfen, die unterirdisch ____explodieren und damit Staub- und Ascheauswurf ____minimieren - das heißt, atomar könnten nur noch ____Punktziele vernichtet werden.
Weinberger-Berater Wagner eröffnete dem US-Senat schließlich noch eine dritte Möglichkeit. Der Angreifer könnte sich danach zum Erstschlag geradezu ermutigt sehen: Schießt er in einer ersten Salve nur so viele Megatonnen auf den Gegner, daß der Atomfrost gerade noch vermieden wird, "dann würde die Aussicht, diese Schwelle zu überschreiten, dessen Antwort begrenzen" - Ende der Abschreckung, zumindest für den Angreifer?
[Grafiktext]
LANGER WINTER Die möglichen Nachwirkungen eines Atomkrieges 30 Schlimmster Fall: Der Feuersturm wirbelt Tonnen eines radioaktiven Gemisches aus Asche, Staub, Rauch und Ruß in die obere Atmosphäre. Folge: Das Sonnenlicht wird für lange Zeit abgeschirmt. 20 Kilometer Leichterer Fall: Der Feuersturm reicht nicht aus, das radioaktive Gemisch über die Regenwolkenschichten zu tragen. Der Regen bringt es zur Erde zurück. 10
[GrafiktextEnde]
1951 in Nevada.

DER SPIEGEL 33/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ATOMWAFFEN:
Nuklearer Winter

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock