12.03.1984

NACHRUFMARTIN NIEMÖLLER †

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Vom U-Boot und vom Freikorps zur Kanzel, vom Hitler-Wähler (seit 1924) zum KZ-Häftling und vom Bußprediger der Nation zum Leninpreisträger: Dieser maßlose Moralist im Land der Denker, Henker und Händler mied die leichten Wege, aber auch den Opfergang. Martin Niemöller blieb immer der strenge Protestant aus Westfalen, dem Opportunismus über alles zuwider war, und ein Herzens-Monarchist, der sich vergeblich nach einer christlichen Obrigkeit sehnte. Nimmt so einer seine Sache ernst, steht er heutzutage rasch und ständig in der Ecke.
Niemöller tat sich mit den Nazis schwerer als gestandene Antifaschisten. Obwohl ihm die Juden "menschlich gewiß nicht sympathisch" waren, trieb ihn sein Glaube, gleich nach 1933 den Pastoren-Widerstand gegen den Arier-Paragraphen in der Kirche zu organisieren, den Notbund der Pfarrer, aus dem die "Bekennende Kirche" wuchs - die größte, aktivste und wohl auch effektivste Widerstandsbewegung der Nazi-Zeit.
Doch noch im folgenden Jahr schätzte Niemöller, kein Pg., "das gewaltige Werk der völkischen Einigung und Erhebung", auch "die Idee von Rasse und Volkstum" - was sein späteres Schuldbekenntnis verständlich macht, das er dann allen Deutschen abforderte: "nicht treu genug gebetet und nicht brennend genug geliebt" zu haben. Im Himmel, die Bibel lehrt es, ist größere Freude über einen bereuenden Sünder denn über tausend Gerechte.
Bei Einführung der Wehrpflicht 1935 nannte Niemöller den Dienst in der Hitler-Wehrmacht eine "Christenpflicht", 1959 aber, reuig gewiß, die Ausbildung in der Bundeswehr eine "Hohe Schule für Berufsverbrecher". Mit der Verwegenheit des Marineoffiziers a. D. verlas der Pfarrer Niemöller 1937 von seiner Dahlemer Kanzel Namenslisten Verfolgter, erinnerte Hitler ernsthaft an ein "Ehrenwort" und kam ins KZ, auf acht Jahre. Vor dem üblichen Schlimmsten blieb er bewahrt: Als "persönlicher Gefangener des Führers" genoß er in Sachsenhausen und Dachau eine Art Arrest, konnte viel lesen und regelmäßig Familienbesuche empfangen. Es war nicht Bitternis, sondern die Wahrheit, als er später klagte: "Ich habe unter der Kirche nach 1945 mehr gelitten als unter dem ganzen Nationalsozialismus."
Dennoch empfand ihn das Ausland nach 1945 als wortmächtigen, würdigen Sprecher jener Deutschen, die ihre Irrtümer bekannten, wobei Niemöller - ungerecht, aber heilsam - eben gleich die Kollektivschuld aller Deutschen postulierte. Er übernahm das Außenamt der Evangelischen Kirche und wurde einer der sechs Präsidenten des Weltkirchenrats. Er reiste in fast alle Länder der Erde, schon 1952 nach Moskau, und genoß die Sirenen seiner Polizei-Ehreneskorte auf Hawaii. Er ließ sich nicht zum Bischof, sondern zum "Kirchenpräsidenten" von Hessen und Nassau wählen, weil dieser Titel bescheidener sei, sagte er.
Unter dem Druck seiner Amtsbrüder gab der wenig duldsame Eiferer, der seine politischen Feinde so wenig liebte wie seine nächsten Kollegen, 1956 das Außenamt, 1964 das Präsidentenamt ab: "Wenn ich nicht Pension kriegte von der evangelischen Kirche von Hessen und Nassau, wäre ich aus der Kirche längst raus." Er wurde Präsident bei der Deutschen Friedensgesellschaft, kämpfte gegen den Atomtod, ließ sich auf den kommunistischen Weltjugendfestspielen in Helsinki feiern, nahm 1967 den Lenin-Friedenspreis entgegen - ein Jahr vor der Prag-Intervention, und danach die Lenin-Medaille in Gold sowie die Goldene Friedensmedaille und den Großen Stern der Völkerfreundschaft aus der DDR.
Von der Bundesrepublik, die laut Niemöller einst "in Rom gezeugt, in Washington geboren" war, nahm er, vielleicht reuig, das Großkreuz des Bundesverdienstkreuzes und sah hernach wieder in Westdeutschland, wohl wieder reuig, die "primitivsten Menschenrechte" bedroht. Des Menschen Herz, Niemöller wußte es, ist eitel.
Er hatte die meisten Gedankenschulen dieses Jahrhunderts ausprobiert und fand - seiner Zeit immer ein bißchen voraus - schließlich in der Friedensbewegung Erfüllung; als einer der ersten unterschrieb er 1980 den Krefelder Appell. Denn, so die treffendste seiner Sentenzen: "Würde Jesus sagen: 'Nimm die Atombombe'?" Martin Niemöller wurde 92 Jahre alt.

DER SPIEGEL 11/1984
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