09.04.1984

USAFeinde lieben

Nicht Mondale, sondern der schwarze Reverend Jesse Jackson stand nach der New Yorker Vorwahl als der eigentliche Sieger da: Er könnte sogar die Wahl zwischen Reagan und Mondale entscheiden. *
Party-Plausch in Washington und anderswo in USA drehte sich um ein Hauptthema: "Jesse Jackson hat mir am besten gefallen." Und: "Nur Jackson hat mich überzeugt."
So redeten viele Amerikaner nach der landesweit ausgestrahlten großen Diskussion der drei demokratischen Präsidentschaftsbewerber am vorletzten Mittwoch. Die Frage "Werden Sie nun Jackson auch wählen?" aber pflegte weiße Bürger in Verlegenheit zu bringen: "Nun, das gerade nicht."
Schwarze sind in den USA als exzellente Unterhalter anerkannt, haben - seit Martin Luther King - einen Ruf als Idealisten und Visionäre. Aber daß sie ein schweres Regierungsamt verantwortlich ausüben können, bezweifeln die meisten ihrer weißen Mitbürger.
Das spürte auch Jesse Jackson, nach Walter Mondale und Gary Hart der dritte Mann im Wettstreit um die demokratische Alternative zum regierenden republikanischen Präsidenten Ronald Reagan.
Zwar versucht Jackson eine "Regenbogen-Koalition" aller Rassen, Religionen und Hautfarben anzusprechen. Aber bislang konnte er fast nur auf Amerikas Schwarze zählen, war seine Unterstützung unter den Weißen "minimal" ("The New York Times").
"Ich kann nichts dafür", hatte sich Jackson noch Ende März beklagt, "daß die Weißen ... wenig von der Intelligenz und dem Fleiß schwarzer Menschen halten." Für sie sei es nach wie vor eine "moralische Herausforderung", jemanden "nach seinem Charakter zu beurteilen und nicht nach seiner Rasse".
Am letzten Dienstag haben einige Tausend weißer Amerikaner die moralische Herausforderung angenommen. Bei der Präferenzabstimmung der Demokraten im fast blütenweißen Bundesstaat Wisconsin entschieden sich zehn Prozent für den Schwarzen. Bei den Vorwahlen im Bundesstaat New York stimmten 26 Prozent der Wähler für Jackson, obwohl der Anteil der Farbigen an den registrierten Demokraten nur ein Fünftel ausmacht.
Jackson blieb damit nur einen Punkt hinter Hart, der nun im Rennen gegen den New Yorker Sieger Mondale (45 Prozent) weit zurückgefallen ist. Und Jacksons Abschneiden ist die eigentliche Sensation.
"Wenn einmal die Geschichte (der New Yorker Vorwahl) geschrieben wird", urteilte der Gouverneur des Bundesstaates, Mario Cuomo, der Mondale unterstützt hatte, "wird das längste Kapitel Jackson gewidmet werden. Der Mann hatte keinen Pfennig, keine Fernseh- und Radio-Anzeigen. Und schaut euch an, was er erreicht hat."
Jackson erreichte in New York, daß 22 Prozent der Wähler spanischer Herkunft und sieben Prozent der Weißen für ihn stimmten. Offenbar zahlte sich der Einsatz außerhalb der schwarzen Gemeinschaft aus - auch in Form von kostenloser Publicity:
Der schwarze Kandidat übernachtete bei einer Latino-Familie, speiste in New Yorks Chinatown mit Stäbchen; er begrüßte Homosexuelle als diskriminierte Brüder und erwarb sich die Sympathien der Atomkraft-Kritiker, als er am Jahrestag des Unfalls vor dem Reaktor von Three Mile Island bei Harrisburg auftauchte und sich im strömenden Regen zu den Demonstranten stellte.
Jackson zeigt bei seinen Auftritten mehr Einsatz als die anderen Präsidentschaftsbewerber. "Ich sah, wie Jimmy Carter in die Charlotte Street kam und nach ihm Ronald Reagan", erzählt Jackie Booker aus New Yorks verkommener South Bronx, "aber der Reverend Jackson ist der erste, der dort geblieben ist." Jackson schlief bei der Familie von Walter und Alice Willie. Die Hausfrau kochte ihm sein Lieblingsgericht: Hühnchen mit Reis, Soße und Broccoli.
Während Jackson bei den Willies speiste, flimmerte auf ihrem Fernseher ein 30-Minuten-Programm - bezahlte Werbung für den Konkurrenten Gary Hart. Da freute sich Anne Brown, eine Nachbarin, über den leibhaftig anwesenden Kandidaten Jesse Jackson: "Danke, daß Sie in unser Viertel gekommen sind. Mondale macht das nicht und Hart auch nicht."
Die Willies und ihre Nachbarn sind schwarz. Sie gehören zu der Bevölkerungsgruppe, die Jackson mobilisiert hat wie nie zuvor ein US-Politiker: Letzten Dienstag in New York gingen fast doppelt so viele Schwarze zu den Vorwahlen wie 1980 zur Präsidentschaftswahl. Und 81 Prozent stimmten für Jackson.
Das ist um so bemerkenswerter, als sich das schwarze Establishment der Demokraten weitgehend für Mondale ausgesprochen hatte - etwa die King-Witwe Coretta, Andrew Young (der einstige Uno-Botschafter der USA und heutige Bürgermeister von Atlanta) und in New York die führende schwarze Zeitung "Amsterdam News".
Doch Jackson versteht die Massen anzusprechen. Er kennt und nutzt die mitreißenden Effekte der schwarzen Revival-Gottesdienste: *___Auf seinem "Kreuzzug" zur Registrierung der Wähler ____im vergangenen Jahr erzählte er seinen dicht ____zusammengedrängten Zuhörern von Moses, der das Meer ____teilte, um die Gemeinde ins gelobte Land zu führen. ____Dann teilte Jackson die Menge, indem er die Anwesenden ____aufforderte, in der Mitte eine Gasse freizumachen, ____damit sich die noch nicht als Wähler Eingetragenen zur ____Registrierung nach vorn begeben konnten. *___Vor der New Yorker Wahl am 3. April erinnerte Jackson ____bei Auftritten in Kirchen an die Ermordung Martin ____Luther Kings am 4. April 1968: "Das war die Kreuzigung ____unseres Helden. Und fast auf den Tag genau 16 Jahre ____später könnt ihr zu seiner Wiederauferstehung ____beitragen, wenn ihr zur Wahl geht und die richtige ____Entscheidung trefft." Natürlich war das die Stimmabgabe ____für Jackson.
Übereifrige Bewunderer nennen ihren Jackson auf seinen Wahlveranstaltungen "Prophet Preacher" oder gar "Mr. President". Präsident kann er nicht werden, nicht mal Präsidentschaftskandidat, aber zum Präsidenten-Macher ist der schwarze Reverend inzwischen aufgestiegen:
Sogar wenn es dem derzeit sicher führenden Mondale gelingen sollte, bis zum Parteitag in San Francisco genügend Delegierte für die Nominierung auf sich zu vereinigen, ist er von Jackson abhängig. Denn auch ein Mondale, der ohne Jacksons Hilfe zum offiziellen Kandidaten der Demokraten gewählt wird, muß mit Jackson Kompromisse schließen. Sonst wird der Reverend seine Millionen Wähler am 6. November nicht zum Wahlgang mobilisieren - und so wohl die Wiederwahl Ronald Reagans garantieren.
Zu den Kompromissen rechnet Jackson nicht die Berufung zum Vizepräsidenten oder auch nur auf einen Kabinettsposten ("Einer muß von draußen aufpassen"), sondern vor allem Zugeständnisse im Wahlrecht, die es den Schwarzen ermöglichen sollen, eine größere Rolle im öffentlichen Leben zu spielen als bisher.
Bislang haben weder Mondale noch Hart eindeutig zu erkennen gegeben, daß sie sich solchen Forderungen anschließen wollen. Bei der Fernsehdiskussion vorletzte Woche attackierten die beiden einander so vehement, daß sich Jackson als staatsmännischer Vermittler profilieren konnte.
Der Reverend machte zudem Punkte bei schwarzen wie weißen Amerikanern, weil er als einziger den Heiland in die Debatte brachte. Während Mondale und Hart - im Wettstreit um jüdische Stimmen - die palästinensischen Terroristen verurteilten, verkündete Jackson: "Jesus sagte ... wir sollen unsere Feinde lieben. Was lehrt uns das? Wenn du deinen Feind liebst, betrachtest du ihn, nimmst dich seiner an und bekehrst ihn womöglich sogar."

DER SPIEGEL 15/1984
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