09.04.1984

WIRTSCHAFTS-KOMMENTARAlles normal

Von Wolfgang Kaden *
In dieser Woche werden 21 Finanzminister nach Washington fliegen - zu einem Treffen, das etliche der Anreisenden als überflüssig erachten. Man könne in diesem Jahr durchaus auf die Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds verzichten, hatten einige Minister aus den Industriestaaten im Februar gemeldet. Es gebe nichts Wichtiges zu bereden.
Alles normal auf der internationalen Finanzszene?
Dem argentinischen Finanzminister Bernardo Grinspun gebührt Dank dafür, daß er rechtzeitig vor dem Washingtoner Termin diesen Irrtum ausgeräumt hat. Der Argentinier tat dies auf höchst wirksame Weise: Bis zuletzt zögerte er die Zahlung der zum 31. März fälligen Zinsen auf Argentiniens 43 Milliarden Dollar Auslandsschulden hinaus.
Erst wenige Stunden vor dem Schlußtermin schickte Grinspun die fälligen 500 Millionen Dollar los. 400 davon hatte er sich gepumpt.
Die Aufregung in der Gilde der Geldhändler war groß. Es schien ja nicht ausgeschlossen, daß aus Argentinien kein Geld kommen würde - und daß die Regierenden aus Buenos Aires auf dem Kontinent bald Nachahmer fänden. Irgendwann hätten dann die Lateinamerika-Kredite in den Bankbilanzen für uneinbringlich erklärt werden müssen. Große US-Banken wären bald darauf gezwungen, den Bankrott zu erklären.
Es gibt schon Wichtiges zu bereden, in Washington: Die globale Schuldenkrise ist mitnichten beseitigt, sie wird täglich schlimmer.
Der Hamburger Bankier Albrecht C. Rädecke, Vorstandssprecher der Deutsch-Südamerikanischen Bank, bot kürzlich eindrucksvolle Zahlen dar. Der gesamte Pump Lateinamerikas war Ende letzten Jahres auf 335 Milliarden Dollar gestiegen - ein Jahr vorher waren es noch 20 Milliarden weniger. Ende dieses Jahres werden es, so schätzt Rädecke, 360 Milliarden US-Dollar sein.
Das muß auch so sein, nach den Gesetzen der Geldwelt. Weil die armen Südamerikaner ihr gepumptes Geld nicht abstottern können, greifen die Bankiers zum Mittel der Umschuldung. Und das heißt: Die Rückzahlungen werden erst einmal für fünf bis neun Jahre ausgesetzt.
Viele Länder können allerdings noch nicht einmal die Zinsen aufbringen, die natürlich auch für die umgeschuldeten Kredite fällig sind. Die müssen sie sich dann durch neuen Pump besorgen, so wie es jetzt die Argentinier taten. Meist sind dabei auch die Bank-Profis zur Stelle: Sie gewähren ihren Schuldnern neue Kredite - um sich selbst das Geld, in einem internen Umbuchungsvorgang, sogleich wieder als Zinserträge gutschreiben zu können.
Wenn es auch ansonsten in der Wirtschaft an Wachstum mangelt, bei diesem Monopoly sind noch Traumquoten zu erreichen. Zinsen sind auf Zins-Kredite zu zahlen, das Schuldenrad dreht sich immer schneller.
Mit einer schlichten Zinseszinsrechnung läßt sich ermitteln, wohin solches Wirtschaften führt: In sechs bis sieben Jahren hat sich die Schuld der Lateinamerikaner verdoppelt.
Alles normal? Die betroffenen Länder zwingen unter dem Schuldendruck ihre Bevölkerung zu immer mehr Einschränkungen; die Industriestaaten erleben, daß die ausgepowerten Länder ihre Einkäufe um ein Drittel zurückdrehen. Im übrigen ist mit dem Hamburger Zentralbank-Präsidenten Wilhelm Nölling zu fragen, "wie lange das internationale Finanzsystem in der Lage ist, einen solchen Tanz auf Messers Schneide nervlich durchzuhalten".
Ewig gewiß nicht. Statt den Schuldenberg immer höher zu schütten, müßten die Gläubiger-Länder alles daransetzen, ihn abzutragen.
Wie auch immer Manager und Minister das Problem banktechnisch lösen; wer auch immer letztendlich zahlen muß (Regierungen, Banken oder beide): An einem Schuldenerlaß - auf viele Jahre gestreckt - kommen die Geldgeber aus dem wohlhabenden Norden nicht mehr vorbei.
Erst danach könnten die Finanzminister vielleicht einmal eine Frühjahrstagung des Weltwährungsfonds ausfallen lassen.
Von Wolfgang Kaden

DER SPIEGEL 15/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

WIRTSCHAFTS-KOMMENTAR:
Alles normal

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch