14.05.1984

Boykott: Die Angst der Russen vor dem Westen

Die Sowjet-Sportler dürfen zu den Olympischen Spielen nach Kalifornien nicht fahren, weil sie dort Gefahren ausgesetzt sind: Terroristen, Spionagejägern, Superpreisen, Kriminalität, Smog, Hitze mit hoher Feuchtigkeit - und Abwerbung durch Antikommunisten. Oder war es nur Rache für Amerikas Moskau-Boykott 1980?
Die Olympische Idee ist tot, zerronnen ist der Glaube an den gewaltfreien Wettstreit aller Welt-Jugend nur um Gold, Silber und Bronze. Der künstliche Frieden einer harmlos spielenden Menschheit ist endgültig vorbei.
Das sportliche Welttheater mit dem national begrenzten Wir-Gefühl ist zur Schließung verurteilt: seit 1980 durch den Boykott der USA, weil zur Zeit der fröhlichen Spiele auch junge Russen junge Afghaner töteten, seit vorigem Dienstag durch den Boykott-Beschluß der UdSSR und ihrer treuen Bündnispartner.
Moskau hatte eine kompliziertere Begründung als einst die Amerikaner anzubieten: Man bleibe lieber daheim wegen "anti-olympischer Handlungen der amerikanischen Behörden und der Organisatoren der Spiele" in Los Angeles.
Das erklärte das Nationale Olympische Komitee (NOK) der Sowjet-Union, als eben das Friedensfeuer vom Peloponnes - erstmals käuflich - über die Straßen von New York getragen wurde. Minuten vor der Rundfunkmeldung vom Sowjet-Boykott hatte die erste Fackelträgerin bekundet: "Es ist eine Ehre für mich und meinen Großvater." Der Opa der Gina Hemphill, 23, hieß Jesse Owens. Er gewann im nicht boykottierten Berlin 1936 vier Goldmedaillen.
Auch Bauarbeiter William Thorpe, 27, war "gerührt ob dieser Ehre", den ersten Fackel-Kilometer laufen zu dürfen; sein Großvater Jim gewann 1912 bei den Olympischen Spielen in Stockholm zwei Medaillen. Gleich darauf mußte das US-Fernsehen "Trauer" und "Depression" in Amerika melden. Die "Washington Post" verkündete eine "Verschlechterung der Beziehungen" zwischen den beiden Weltmächten. Weltklasse-Marathonläufer Alberto Salazar sprach vom "Todesstoß für Olympia".
Die Sowjetsportler, die noch emsig trainierten, wurden vom Reiseverbot der eigenen Führung überrascht: "Wir werden Olympia niemals boykottieren", hatte ihr Chef Marat Wladimirowitsch Gramow noch kurz vorher versprochen, jedoch mit dunkler Dialektik hinzugefügt: "Eine ganz andere Sache wäre eine eventuelle Nichtteilnahme."
Die andere Sache liegt vor. Gesiegt hatte die Furcht der Funktionäre vor Kaliforniens Werbewirkung auf die Sowjet-Athleten: die Traumwelt Hollywoods, die weißen Datschen in Beverly Hills mit ihren lauwarmen Swimmingpools, die TV-Reklame für so fremde Dinge wie Straßenkreuzer, Tiefkühlkost und Deodorants.
Die kapitalistische Reizüberflutung der Sowjet-Asketen in den Purpur-Hügeln Südkaliforniens hätte die Systemtreue mancher Sportler auf die Probe gestellt. Am Fuße der Tehachapi-Berge sind schließlich Menschen aus aller Welt hängengeblieben - inklusive 6000 Eskimos, die ein Leben unter Palmen dem kalten Norden vorziehen.
Der Boykott-Eklat mag die Sportfans aller Welt verärgern, überraschen darf er sie nicht. Das internationale Friedensfest war fast immer auch ein Forum zwischenstaatlichen Haders.
Unter der olympischen Flamme versuchten die Russen 1908 in London ihre finnischen Untertanen und die Engländer ihre irischen davon abzuhalten, die eigene Nationalfahne aufzuziehen; von den Spielen in Antwerpen (1920) wurden die Weltkrieg-I-Verlierer Österreich, Bulgarien, Ungarn und die Türkei ausgeschlossen.
Hitler führte mit den Olympischen Spielen im Jahr 1936 dem Ausland die Zuneigung der Deutschen zu ihrem Führer vor. Der Welt-Beifall half ihm dann bei der Verwandlung der deutschen Zuschauer in Untertanen. Von den Friedensspielen 1948 in London wurden die Weltkrieg-II-Verlierer Deutschland und Japan ausgeschlossen. In Melbourne 1956 blieben drei arabische Staaten wegen Israel und drei europäische wegen der Sowjet-Intervention in Ungarn zu Hause.
Seit 1964 (Tokio) dürfen die Südafrikaner wegen ihrer Apartheid-Politik nicht mehr mitspielen, auch die Taiwan-Chinesen und die Israelis wurden ferngehalten, Indonesien und Nordkorea blieben aus politischem Protest von selbst daheim. 1972 schließlich erreichte der subversive Krieg das Spielfeld, als Palästinenser in München zwei Israelis erschossen und neun zur Geisel nahmen, die dann alle auf dem Militärflughafen von Fürstenfeldbruck ums Leben kamen.
Eine ähnliche Katastrophe fürchtete NOK-Chef Gramow, voriges Jahr noch Vize-Propagandachef der KPdSU, angeblich auch für Los Angeles: "Gegen die UdSSR werden feindselige politische Demonstrationen vorbereitet. Das NOK der UdSSR", so erklärten die sowjetischen Partei-Olympioniken, "sowjetische Sportler und offizielle Persönlichkeiten werden unverhohlen mit physischer Gewalt bedroht."
In den letzten fünf Jahren gab es tatsächlich acht Bomben- und Pistolenattentate auf diplomatische Vertretungen der UdSSR in den USA, meist ausgeführt von Exil-Kubanern oder jüdischen Extremisten. Verletzt wurde niemand. Zu den Spielen haben sich 165 antikommunistische Organisationen in einem "Bund zum Ausschluß der Sowjets" (Ban the Soviets Coalition) vereinigt - konservative Amerikaner, jüdische Radikale, Emigranten aus den baltischen Staaten vor allem, auch Neu-Flüchtlinge aus Jaruzelskis Polen.
Spätestens seit dem Sowjetattentat auf 269 Jumbo-Insassen im vorigen September trommelt diese Koalition gegen die Sowjetbeteiligung an den Friedensspielen. Ihr größter Erfolg: Das kalifornische Parlament in Sacramento deklarierte - ohne weitere Auswirkungen - den Ausschluß der UdSSR von den Olympischen Spielen.
Ein Manager des amerikanischen Boykott-Vereins, David Balsiger, 35, übte Psychoterror mit der Ankündigung, es seien "Gewaltakte gegen sowjetische Sportler und Schlachtenbummler nicht ausgeschlossen". Das wirkte bei Leonid Chomenkow, dem Leiter des sowjetischen Sportbundes, der sich nun fürchtete, "das Leben unserer jungen Athleten zu riskieren".
Monatelang bemühten sich die amerikanischen Olympia-Organisatoren, das Sicherheitsbedürfnis der Sowjetgäste zu stillen. Für den Schutz der UdSSR-Delegation wurden eine Million Dollar bereitgestellt, die Hälfte davon zur Bewachung des sonst von deutschen Touristen bevorzugten Kreuzfahrtschiffes "Grusija", das im Hafen von Los Angeles den mehr als 800 Sportlern und Begleitern aus der UdSSR eine geschlossene Heimstatt bieten sollte, in der sie ganz unter sich wären. Der nach dem Jumbo-Abschuß verhängte US-Bann über sowjetische Schiffe und Flugzeuge, unter dem zum Beispiel Außenminister Gromyko hatte leiden müssen, wurde eigens für die Spiele wieder aufgehoben, die Landung von 28 Jets der Firma Aeroflot zugelassen.
Insgesamt sollten zur Sicherung der erwarteten 10 000 Athleten mehr als 17 000 amerikanische Wachleute zusammengezogen werden, unter ihnen 150 Spezialagenten der Bundespolizei FBI. Doch der Sowjetagentur "Tass", Terroristen-Angst hin oder her, gefiel dies auch nicht:
"Von welcher Völkerverständigung kann die Rede sein, wenn das FBI erklärt, daß seine 150 Agenten die Sportler der UdSSR und der anderen sozialistischen Länder bespitzeln werden ... Die Polizei von Los Angeles hat angekündigt, daß eine besondere ''Abwehrformation'' gebildet wird, die ebenfalls die Gäste der Olympischen Spiele beschatten wird. Diese Handlungsweise kann man nicht anders als eine offene Provokation gegen die Teilnehmer der Olympiade bezeichnen."
Der Washingtoner "Prawda"-Korrespondent Wassiljew meldete vorigen Dienstag, was er als Training für die "Abwehr zu erwartender terroristischer Anschläge" im US-Fernsehen gesehen hatte: "Irgendwelche Leute mit Scharfschützengewehren springen von Haus zu Haus, verstecken sich hinter Sträuchern und Autos. Andere mit schwarzen Gesichtsmasken foltern einen Menschen im Sportdreß und fesseln ihn an eine Sessellehne."
Berichterstatter Wassiljew fand das "alarmierend und einschüchternd". "Tass" hatte in Kalifornien auch "eine Atmosphäre des Spionagewahns" wahrgenommen. Unter den zum fröhlichen Spiel angemeldeten acht Sowjethundertschaften vermutete die US-Bundeskripo eine Kompanie Agenten des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes KGB, die Amerikas Forschungsstätten nicht nur im nördlicher gelegenen Silicon Valley hätten auskundschaften sollen. Zwischen den olympischen Kampfstätten in Los Angeles liegt die strategische Rüstungsindustrie der Vereinigten Staaten: Hughes Missiles Inc., die moderne Anti-Satelliten-Raketen baut, die Firma Rockwell, die den B1-B-Bomber fertigt, die Flugzeugfabrik Northrop, die den radarunsichtbaren Fernbomber der 90er Jahre entwickelt.
So war das Sicherheitsinteresse der Amerikaner nicht völlig unbegründet - sie glaubten, sogar im NOK der UdSSR drei ältliche Spione erkannt zu haben:
> einen angeblichen Ex-KGB-Vizechef mit dem Sammelnamen Wladimir Popow, der schon vor mindestens drei Jahrzehnten von Stalin ausgezeichnet worden sei (ein Sowjetmensch gleichen Namens, 77, erhielt 1948 den Stalinpreis für seinen Roman "Stahl und Schlacke");
> den Ex-Diplomaten Alexander Gresko, der vor 13 Jahren unter Spionageverdacht mit 104 Kollegen aus England ausgewiesen wurde, und
> einen unter dem Sammelnamen "Sergej Nikitin", der sich schon vor 40 Jahren in London als Führungsoffizier des britischen Agentenquartetts Philby, Maclean, Burgess & Blunt verdient machte.
Diplomatischen Krach gab es dann um Oleg Jermyschkin, den sowjetischen "Olympia-Attache" - ein Amt, das in der Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) nicht vorgesehen ist: "Er gilt für das Gastland als eine Privatperson", meinte der Generalsekretär des deutschen NOK und Sportdirektor des IOC, Walther Tröger. Weil die Amerikaner Jermyschkin für einen Top-Agenten halten, verweigerten sie ihm schließlich das Einreise-Visum.
Aber sie wollten auch die ganze "Olympische Familie" - worunter das IOC Athleten, Trainer und Funktionäre
einer Mannschaft versteht - nur mit Visum einreisen lassen, obwohl laut olympischen Regeln eine olympische Identitätskarte genügt. Obligatorische Formularfrage der US-Visaabteilungen: "Waren Sie je Mitglied einer kommunistischen Vereinigung?"
Die USA hatten in einer Note an das sowjetische Außenministerium eine Liste aller Mannschaftsmitglieder angefordert, das Wörtchen "Visum", hieß es nach Sowjet-Protest, sei irrtümlich hineingeraten - die Karte genüge, die Liste müsse sein: Moskau hatte 1980 eine solche Liste verlangt. Sie bekamen sie.
Schon einmal hatten die US-Behörden 15 Funktionäre und Journalisten aus der DDR nicht ins Land gelassen, zu den Winterspielen in Squaw Valley 1960, sie hielten aber die Aktiven nicht ab; Helga Haase, deren Trainer und Ehemann zu den Abgewiesenen gehörte, siegte im Eisschnellauf.
Die Spionage-Angst der USA erwies sich als Vorwand für die Sowjets, Kalifornien zu meiden. Darüber hinaus entdeckten sie angesichts des "Feiertags der Jugend, der Kraft und der Geschicklichkeit" (Tass) im Urstaat des amerikanischen Kapitalismus weitere weltanschauliche Hindernisse. So störte sie auch das Geschäft, zu dem die privatwirtschaftlich arrangierten Los-Angeles-Spiele von Anfang an gerieten.
Weil nicht der Steuerzahler, sondern freiwillige Spender mit Gewinnabsichten, weil Fernsehanstalten und Bierfirmen, Maskottchen- und T-Shirt-Produzenten, Souvenirverkäufer und Hoteliers die Spiele finanzieren, mußten die Kosten für alle Gäste wachsen: frei nach dem olympischen Motto "Schneller, höher und stärker".
Die üblichen Geschenke wie unentgeltliche Unterkunft und auch die schmeichelhafte Polizeieskorte für inspizierende Olympia-Funktionäre aus dem Ausland entfielen. Die Installation eines Telephons koste "das Hundertfache des Preises, der in Moskau zu entrichten war", klagte das Moskauer NOK.
Doch fristgerecht überwies es 86 000 Dollar aus dem sowjetischen Staatshaushalt als Kaufpreis für die Eintrittskarten, pünktlich zahlte es die unumgänglichen Hotelzimmer an - sowie die Hälfte der drei Millionen Dollar für die Fernsehübertragungsrechte. Es war ein Freundschaftspreis:
Der US-Konzern ABC zahlt für gleiche Rechte 225 Millionen Dollar an die amerikanischen Veranstalter. ABC kann die Summe beim Fortbleiben wichtiger Sportnationen um bis zu 90 Millionen kürzen - was den IOC-Anteil nahezu halbiert, mit dem die Anreise zahlungsschwacher Mannschaften aus Entwicklungsländern finanziert werden sollte. Eurovision entrichtet zwölf Millionen Dollar, viermal mehr als die UdSSR.
Nicht so rasch ausräumen ließen sich andere Anstände der Sowjets - wie die hohe Kriminalitätsrate in Los Angeles, der "Killerstadt" (so die KGB-Presseagentur Nowosti), die an Orwells "1984" erinnere (so "Sowjetskij sport", ein in der UdSSR verbotenes Buch zitierend). Nicht ganz so ungewohnt für die Moskauer ist der Smog über der Fünf- bis Zehn-Millionen-Stadt (je nach Zählweise), und dann herrscht auch noch "Hitze in Verbindung mit hoher Feuchtigkeit", unter der laut einem Mitglied des Sowjet-NOK die Leistungssportler leiden würden.
Doch all das warf die Körperkulturschaffenden der UdSSR lange Zeit nicht um. Am 7. Dezember hatte Inspekteur Gramow die Olympia-Stadt besichtigt und bekundet: "Für eine Nichtteilnahme unseres Landes liegen keine Gründe vor." Nach einer IOC-Besprechung der Sowjetprobleme in Lausanne mit Präsident Samaranch erklärte er noch am 24. April: "Wir sind einen großen Schritt weitergekommen", die restlichen Schwierigkeiten seien ausgebügelt worden.
Partei- und Staatschef Konstantin Tschernenko versicherte am selben Tag dem italienischen Außenminister Andreotti in Moskau, Rußland wolle an den Spielen teilnehmen. Sportfunktionäre kündigten West-Korrespondenten an, die UdSSR werde 30 Goldmedaillen mehr gewinnen als Amerika.
Da erschienen in der Sowjetpresse (Überschrift: "Unruhe bei Vätern und Müttern") plötzlich ein paar Leserbriefe: "Unser Volk liebt Sport, liebt es sehr, Gäste zu empfangen", schrieb Kriegsveteran Jelowenko, "aber unser Volk hat das Recht zu überlegen, ob es an Sportereignissen auf dem Territorium eines Landes teilnimmt, dessen Herrscher den Gästen, die zu den Spielen kommen, förmliche Garantien verweigert und dazu noch in der ganzen Welt eine militärische Psychose schürt."
Was für Garantien? Der Leningrader Briefschreiber Komarow brachte den US-Präsidenten Reagan mit dem Massenmord in palästinensischen Flüchtlingslagern 1982 in Verbindung. Leser Denissenko war gegen eine Olympiade, "auf der es keine Ruhe und Friedensliebe gibt".
Dem Propagandabild von der feindseligen, kriegslüsternen Außenwelt hätten wohl Fernsehbilder aus dem dynamischen, lebenslustigen Kalifornien widersprochen, und auch der vorgesehene Auftritt Reagans, der die Spiele am 28. Juli eröffnen soll.
So ließ KGB-Journalist Victor Louis - ein "Schurke" ("Die Zeit") - Revanche für die Amputation des Moskauer Jahrhundert-Ereignisses 1980 durchblicken: Wenn die Amerikaner "eklig sein wollen, warum können wir nicht auch eklig sein?" US-Olympia-Organisator Peter Ueberoth, enttäuscht: "Mir ist seit langem klar, wie tief der stupide Carter-Boykott 1980 die Gefühle der Sowjets verletzt hat. Es scheint, als würden wir jetzt dafür bestraft."
Carters ehemaliger Sicherheitsberater Brzezinski, der die erste Boykottentscheidung gefördert hatte, sah seine alte Rechnung aufgehen: "Die Sowjets haben nach politischer Revanche buchstäblich gedürstet."
Dabei hatten die Amerikaner tätige Reue geübt, indem sie die Sowjets nicht aus Los Angeles ausschlossen, obwohl der Boykott-Grund von 1980, der Afghanistan-Krieg, weiterhin besteht.
Zu den Winterspielen 1984 in Sarajevo wagten sich die US-Boys wieder mit den Sowjets aufs selbe Eis; Rußlands Eishockey-Spieler feierten einen schönen Sieg über die USA. Diese Triumphe scheinen nun ausgeschlossen - die Sowjets, ob beleidigt oder siegesgewiß (siehe Seite 125), gaben die billigste und beste Bühne ihrer Eigenwerbung auf.
Die amerikanischen Zuschauer nahmen es hin: Ihr Herz schlägt sowieso viel stärker für so patriotische Übungen wie Baseball, Football und Bowling - alles keine Olympia-Disziplinen. Mochten die Sowjets bleiben, wo sie herkamen, in der sportlichen Isolation.
Anfangs auf landeseigene Spartakiaden und Sportparaden eingeengt, bei denen fröhliche Mädchen posierten und Arbeitshelden in Schwimmbassins hüpften, die auf Lastkraftwagen montiert waren, hatte Stalin als Konkurrenz-Olympiade 1947 die "Weltjugendfestspiele" eingeführt. Sie blieben ohne Resonanz im Westen - worauf die Sowjet-Sportler erstmals 1952 bei den Helsinki-Spielen auftreten durften und sich sogleich als erfolgreichste Sportnation präsentierten.
Wichtigster Grund der Selbstbescheidung für das Jahr 1984 nach drei Jahrzehnten sozialistischer Überlegenheit: Das Sowjet-NOK sah "die Sicherheit aller Sportler, ihre Rechte und Menschenwürde" gefährdet. Die ungewöhnlichen Sowjet-Vokabeln erklärte dann am vorigen Donnerstag die nachgezogene Absage des NOK der DDR: "Schutz vor politischen und kriminellen Attacken durch extremistische Gruppen in der Olympia-Stadt".
Gemeint war nicht die Gefahr, einige Sportwettkämpfe, sondern vielmehr Wettkämpfer selbst zu verlieren. Bei der letzten West-Olympiade, 1976 in Montreal, hatte der sowjetische Turmspringer Sergej Nemzanow einer ausländischen Dame wegen sein Kollektiv verlassen (er wurde laut Chef Gramow "unter Drogen gesetzt").
Die amerikanischen Antikommunisten vom "Bund zum Ausschluß der Sowjets" von den Olympischen Spielen wollten mit dem bescheidenen Etat von 57 000 Dollar eine halbe Million Flugblätter - vor allem in nichtrussischen Sowjetsprachen - verteilen und (für 10 000 Dollar) ein Flugzeug mit einem Spruchband über das Stadion fliegen lassen: "Faschistische, imperialistische Sowjets, raus aus Afghanistan" - nicht eben geeignet für eine TV-Übertragung in die UdSSR.
An den Wettkampfplätzen sollten Wandtafeln und Stellwände in kyrillischer Schrift mit einer Ziffernreihe locken: "Dies ist eine Telephonnummer, die du wählen kannst, wenn du hierbleiben willst." Für alle Fälle hatten die Abwerber Wohnungen als erstes Asyl für Überläufer angemietet; Betreuer und Betreuerinnen, die sich um potentielle Wechsler in ihrer Muttersprache hätten kümmern können, standen bereit.
Chefabwerber Balsiger rechnete damit, daß sich an die 200 Ostblocksportler seiner Offerte bedienen würden - und auch die Sowjets hatten so etwas erwartet: Vor den "politischen Hochstaplern, die von pathologischem Haß gegen den Sozialismus durchdrungen sind" ("Prawda"), hat die mächtige Sowjet-Union kapituliert. "Bestimmt sind wir verantwortlich", triumphierte Balsiger, "wie David, der den Goliat erledigt hat", befand sein Vize.
Der Kreml erinnerte sich offensichtlich an den Schock des Weltjugendfestivals 1962 in Helsinki. Damals hatten westliche Organisationen - darunter die Juso-Internationale "Iusy" - eine Gegenpropagadakampagne gestartet. Allein die Jungsozialisten buchten Studienreisen für 270 Festival-Delegierte nach Westdeutschland und Skandinavien; da die finnische Regierung kein politisches Asyl gewährt, wurden Dutzende DDR-Delegierte aus dem Land geschmuggelt.
Die Moskauer "Komsomolskaja prawda" empörte sich damals über finnische, anti-sowjetische Demonstranten: "Durch Frühgeburt in die Welt gesetzte Trottel mit dem stumpfsinnigen Blick geborener Kretins ... Hohlköpfe, Söldner, die nach fremder Stimme und für fremde Gelder singen."
Zehn Jahre später zeigte die im Kalten Krieg erfahrene DDR mehr Selbstbewußtsein. Zu den Münchner Spielen unterstellte eine Argumentationshilfe des ZK der SED, Bonn beabsichtige per Olympia die DDR "politisch und ideologisch aufzuweichen" und "aggressive Ziele zu verschleiern". Die Spielestadt München sei bekannt als "ausgesprochenes Zentrum der reaktionärsten Kräfte und Revanchisten" und Kiel, der Ort der Segelwettbewerbe, sei "ein Kriegshafen der Imperialisten". Die DDR-Sportler durften dennoch hinreisen und siegen.
In Los Angeles Sicherheit im Sowjetmaßstab herzustellen hätte geheißen, für die Dauer der Spiele die amerikanischen Bürgerrechte, Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit aufzuheben und Überläufer an die UdSSR auszuliefern. Das IOC hatte in zehnstündigen Konferenzen in Lausanne den Sportsfreund Gramow darauf hingewiesen, daß Olympia 1984 an ein demokratisches, pluralistisches Land vergeben worden sei: "In den Vereinigten Staaten hat jede Gruppe das Recht zu demonstrieren", erläuterte Olympia-Organisator Ueberroth.
Tschernenkos West-Experte Georgij Arbatow deutete in Moskau eine Chance dafür an, daß sein Land sich vielleicht doch noch der Weltjugend in Los Angeles stellen könnte: wenn seine Landsleute vor den Sirenentönen der Antikommunisten bewahrt würden.
Amerikas NOK-Chef William Simon mag die "Hoffnung nicht aufgeben, daß Moskau die Entscheidung revidiert". Anatolij Dobrynin, Sowjetbotschafter in Washington, traf Ende voriger Woche den schwarzen Präsidentschaftskandidaten Jesse Jackson. Der ehemalige Hochleistungssportler hoffte, daß Dobrynins Dienstherren im Kreml über ihren eigenen Schatten springen würden. Doch in dieser nicht-olympischen Disziplin sind die Sowjets traditionelle Verlierer.
Links: Mit den Enkeln der US-Olympiasieger Jim Thorpe und Jesse Owens. Plakataufschrift rechts: "Wir unterstützen sowjetische Überläufer".

DER SPIEGEL 20/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Boykott: Die Angst der Russen vor dem Westen

  • 23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Ein Jahr Greta Thunberg: Ikone und Hassfigur
  • Herren-Weltrekord: 280 km/h auf einem Fahrrad
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen