09.04.1984

SPANIENBessere Gedanken

Die sozialistische Regierung versteht es, mit Francos Armee auszukommen, sie dennoch zu bändigen und endlich zu reformieren. *
Der Sturz der jungen Demokratie schien sorgfältig geplant zu sein. Auf 600 Seiten hatte Putschoberst Jesus Crespo Cuspinera festgehalten, wie die spanische Hauptstadt militärisch zu besetzen sei: Panzer ins Stadtzentrum, Fallschirmjäger vor den Regierungssitz Moncloa, schweres Artillerie-Feuer gegen den Königspalast Zarzuela.
Allein in Madrid sollten über 100 Offiziere an dem Putsch mitwirken und kleine bewegliche Kommandos befehligen. Zivile Greiftrupps der rechtsradikalen Falange sollten dann die Schmutzarbeit unter den linken Zivilisten erledigen.
Doch die "Operacion Marte" und "Operacion Halcon", wie Spaniens militärische Ultras ihre Putschpläne für den Herbst 1982 getauft hatten, flogen auf. Die Chefplaner wurden verhaftet.
Knapp einen Monat später trat dann ein, was die Obristen mit Gewalt hatten verhindern wollen: Bei den Parlamentswahlen gewann mit überwältigender Mehrheit die Sozialistische Arbeiterpartei Spaniens (PSOE). Ihr Chef, Felipe Gonzalez, wurde erster sozialistischer Ministerpräsident Spaniens nach fast 40jähriger Franco-Diktatur.
Die Angst vor einem neuen Militärcoup aber verließ die Spanier nicht. Denn nur vier der angeblich über 100 in den Putschversuch verwickelten Offiziere konnten damals verhaftet werden.
"In den Kasernen wird schon für den nächsten Schlag konspiriert", wußte die Madrider Tageszeitung "Diario 16" zu berichten: Nach drei Putschversuchen gegen die vorhergegangenen Regierungen der demokratischen Rechten werde nun der große Schlag gegen die sozialistische Regierung geplant.
Nichts davon ist bislang, nach 16 Monaten sozialistischer Regierung, eingetroffen, und nichts deutet auf einen neuen Eingriff der spanischen Militärs in die Politik hin. Denn nicht den vorausgegangenen Rechtsregierungen, sondern ausgerechnet den Sozialisten ist es in kurzer Zeit gelungen, die demokratiefeindlichen Streitkräfte Spaniens weitgehend zu zähmen.
Ohne die gewohnte Unruhe in der Armee, ohne die bekannten Drohgebärden in den Generalstäben, beginnt diesen Dienstag der Kriegsgerichtsprozeß gegen die vier Putschobristen; Aktennummer 200/1982, geforderte Strafe: 15 beziehungsweise 12 Jahre Haft.
Anders als beim Prozeß gegen die gescheiterten Putschisten, die eineinhalb Jahre zuvor, am 23. Februar 1981, schon die gesamte Regierung und das Parlament gefangengenommen hatten und in Valencia die Panzer rollen ließen, können die Angeklagten bei diesem Kriegsgerichtsprozeß in der Madrider Militärkommandantur auf keine Freundschaftsbeweise ähnlich denkender Offizierskollegen rechnen.
Denn die regierenden Sozis haben sich mit viel Geduld und feinem Gespür für soldatische Eigenheiten den Militärs angenähert.
Die waren, nach drei gescheiterten Putschen, der erneuten Wahlniederlage der Franquisten - Putschobrist Tejero hatte nur 33 000 Stimmen in ganz Spanien erhalten - und dem überwältigenden Sieg der Sozialisten wohl zu der schmerzlichen Einsicht gelangt, daß das Rad der Geschichte nicht mehr zurückzudrehen ist.
Ausgerechnet ein Mann erwarb sich als ziviler Verteidigungsminister weitgehend Vertrauen und Achtung innerhalb der Streitmacht, auf den so gut wie alle Vorurteile der Franquisten zutrafen: Der Genosse ist vollbärtig, trägt langes Haupthaar, hatte nie gedient und ist zudem noch ein Katalane mit dem unspanischen Namen Narcis Serra. Als er bei seiner Amtsübernahme zum ersten Mal die vor ihm angetretene Truppe abschritt, lästerten viele Offiziere über seine "unmilitärische Haltung mit leicht tänzelndem Schritt".
Später aber, beim Umtrunk im Kasino, kam die erste Überraschung: Als die Offiziere ihre alten Kampflieder anstimmten, schmetterte der sozialistische Minister lauthals Stimme mit. Vorsorglich hatte er die Hymnen zu Hause am Flügel einstudiert und kannte die Texte besser als die alten Krieger.
Mit Fleiß, kühler Intelligenz und geschickter Taktik verschaffte sich der Minister, zuvor beliebter Bürgermeister von Barcelona, bald Respekt in den Kasernen - selbst bei den Konservativen.
Ministerpräsident Felipe Gonzalez ging sogar noch weiter und holte sich als technische Berater drei Offiziere in sein Amt, die von den eigenen Kameraden "etwas mehr als konservativ" genannt werden. Enttäuscht verließen einige der demokratisch gesinnten Militärs, die sich unter den Sozialisten jetzt eine gute Karriere erhofft hatten, die Armee.
Unbeirrt und in aller Stille arbeitete Minister Serra derweil ein Reformprogramm aus, an das sich die vorausgegangenen rechten Regierungen aus Furcht vor der Reaktion der Militärs nicht gewagt hatten: Francos Truppe, die den Feind immer nur im eigenen Volk sah und die der Diktator aus gutem Grund schlecht ausgebildet und bewaffnet hatte, soll von Grund auf modernisiert und in eine zahlenmäßig kleine, dafür aber kampfkräftigere Armee mit Nato-Qualität umgewandelt werden.
Mit einem Schlag wurde die gesamte militärische Führungsspitze ausgewechselt, per Gesetzesdekret außerdem die bislang nur vom König kommandierten Streitkräfte der zivilen Gewalt unterstellt - für die meisten europäischen Länder eine Selbstverständlichkeit, für Spanien aber eine kleine Revolution.
"Caudillo Gonzalez", notierte verbissen das Sprachrohr der Ultras, "El Alcazar", die Neuigkeit, daß nun erstmals der Ministerpräsident die Befehlsgewalt über die Streitmacht innehat - in trauriger Erinnerung an ihren "Caudillo von Gottes Gnaden", Francisco Franco.
In der zweiten Phase sollen knapp die Hälfte aller Generäle, Altersdurchschnitt _(Bei Militärmanövern in Nordspanien. )
64 Jahre, und ein Drittel aller ebenfalls überalterten Obersten entlassen oder vorzeitig in den Ruhestand geschickt werden. Insgesamt 6112 Offiziere sind von dem Plan in den nächsten sechs Jahren betroffen.
Zwar hat Minister Serra versprochen, daß nach rein professionellen und nicht nach ideologischen Gesichtspunkten gesiebt werde. Doch viele Ultras fürchten, daß dann ihre Stunde geschlagen habe.
Ziel der Schrumpfung ist es, das auf über 40 000 Mann aufgeblähte Offiziers- und Generalscorps auf ein operationsfähiges Maß zu reduzieren: Spanien hat fast 5500 Generäle.
Unter Diktator Franco stiegen Offiziere nicht etwa aufgrund von Intelligenz oder Leistung zum General auf, sondern automatisch, wenn sie nur lange genug gedient hatten. Keiner der 19 Generalobersten und 41 Divisionsgeneräle beispielsweise hat ein Sprachdiplom. Auch nur wenige der Obersten sprechen Englisch, Französisch oder gar Deutsch, drei allerdings Russisch.
Erstmals müssen diejenigen, die bisher automatisch zum Oberst aufgerückt wären, neben fachlichen Kenntnissen auch physische Kondition mitbringen - für viele der dickbäuchigen Offiziere eine schwierige Hürde.
Die Nation muß sich die Reform einiges kosten lassen. Der Verteidigungsetat hat in diesem Jahr die Rekordsumme von 550 Milliarden Peseten (rund 9,6 Milliarden Mark) erreicht. Erstmals, und unter sozialistischer Regierung, gibt Spanien jetzt mehr für Kanonen als für Schulbücher aus.
Ein Regierungsmitglied: "Wehe uns, wenn das nicht hilft, die Obristen auf bessere Gedanken zu bringen."
Bei Militärmanövern in Nordspanien.

DER SPIEGEL 15/1984
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