12.03.1984

„Das wilde Tier muß erwürgt werden“

Eine halbe Million persischer Soldaten droht den Irak zu überfluten. In immer neuen Wellen stürmen Chomeinis Truppen in die Feuerlinien der Verteidiger. Kinder kämpfen mit Knüppeln gegen Panzer. Bagdad wehrt sich offensichtlich mit Giftgas-Granaten in den Sümpfen Mesopotamiens. Irakische Piloten greifen westliche Schiffe im Persischen Golf an. Die amerikanische Kriegsflotte vor der Straße von Hormus ist alarmiert. *
Die Sumerbank-Textilfabrik im türkischen Izmir ist der Kriegsgewinnler dieser Tage. Denn sie hat ein konjunkturgerechtes Sortiment. Im vergangenen Jahr exportierte Sumerbank eine Million laufende Meter Leichentücher aus Grobleinen in den Iran. Für 1984 liegt eine Order für vier Millionen Meter vor - mit einer Option auf mindestens eine weitere Million. Und ein Ende des makabren Booms ist nicht abzusehen.
Der Golfkrieg zwischen Ajatollah Chomeinis Iran und Saddam Husseins Irak, der in dreieinhalb Jahren nach westlichen Schätzungen fast eine halbe Million Menschenleben gekostet hat, wird immer blutiger. Kriegsherr Chomeini hat es letzte Woche noch einmal bekräftigt: Verhandelt wird nicht. "Das wilde Tier Saddam Hussein muß erwürgt werden." Ein Friede mit dem Irak wäre "unvereinbar mit der Würde des Islam". Auf hunderttausend Tote scheint es den persischen Mullahs nicht mehr anzukommen (siehe Seite 182).
Ardeschir Sanati, leitender Sanitätsoffizier der 81. Motorisierten Division, der nach 22 Dienstjahren fahnenflüchtig wurde, weil er das Gemetzel nicht mehr mit ansehen konnte, schätzt, daß allein an seinem Frontabschnitt bei Kermanschah 80 000 Iraner gefallen sind. Die meisten waren "Bassidsch", Mitglieder einer Volksmiliz, die ihren Nachwuchs vorwiegend in Schulen rekrutiert.
Sanati hat aus der Distanz den Sturmangriff einer Bassidsch-Einheit auf einem von den Irakern gehaltenen Hügel bei Kermanschah erlebt. "Die Kinder stürmten unter schwerem Bombardement einfach den Hügel hinauf", sagt er. "Hunderte wurden getötet, und zum Schluß liefen die Überlebenden nur noch über Leichen."
Das taktische Konzept der persischen Offiziere ist auf mörderische Weise einfach: Die halbwüchsigen Sturmabteilungen rennen in immer neuen Wellen gegen die Befestigungen der Iraker an, bis dem Gegner die Munition ausgeht. Manche kämpfen mit Messern und Knüppeln gegen feindliche Panzertruppen. Dann stürmen die älteren "Revolutionswächter" vor. Doch auch sie sind meist schlecht ausgerüstet.
Anfang letzter Woche wurde eine iranische Armada von mehreren hundert Schiffen - eine bunte Sammlung von Kähnen und Aluminium-Booten - beim Sturm auf die Madschuun-Inseln in dem Sumpfgebiet Haur el-Hawisah nördlich von Basra aufgerieben, unter dem rund sieben Millionen Barrel Erdöl liegen.
Die Irakis fuhren den Mullahs mit Schwärmen von sowjetischen Kampfhubschraubern und Pulks von Amphibienpanzern in die Parade. Von den Angreifern blieb kaum einer am Leben.
"Morgenröte 6" - so der Codename der jüngsten Offensive - blieb ebenso stecken wie Morgenröte eins bis fünf. Den nachrückenden Revolutionswächtern gelang es zwar, einen isolierten Brückenkopf in den Sümpfen zu errichten. Doch der Frontverlauf hat sich durch das Kriegsgeschehen der vergangenen zwei Wochen nur unwesentlich verändert. Vor knapp zwei Jahren hatten _(Im Vordergrund gefallene Iraner, am ) _(Bunker irakische Soldaten. )
Chomeinis Truppen die irakischen Besatzer aus der iranischen Stadt Chorramschar hinausgedrängt. Seitdem ist der Krieg, den Bagdad während der revolutionären Wirren im Herbst 1980 gegen Persien vom Zaun brach, kaum von der Stelle gekommen.
"In diesem Krieg ist beinahe alles wie im Ersten Weltkrieg", sagt Zeev Schiff, Kenner der regionalen Militärszene und Strategie-Experte der israelischen Tageszeitung "Haaretz". Beiden Seiten fehle es an der "Fähigkeit zur großangelegten Bewegungsschlacht" - wie im Jahre 1916 den Deutschen und Franzosen in Verdun. "Dieser Krieg", meint Schiff, "hat sich schon in den ersten 48 Stunden festgefahren."
Die Iraner haben zwar anderthalbmal so viele Truppen ins Gefecht geschickt wie die Iraker. Doch nach klassischer Faustregel braucht ein Angreifer mindestens eine dreifache Überlegenheit, um einen gleich oder ähnlich gerüsteten Gegner zu überrennen. Und der Iran ist bei weitem nicht so gut gerüstet wie der Irak.
Militärseminaristen im westlichen Ausland, die das Kriegstheater am Golf beobachten, sind davon überzeugt, daß die blindwütige Opferbereitschaft des Angreifers strategisch unsinnig ist, weil die Geländegewinne nicht durch mechanisierte Einheiten gesichert werden können.
"Den Iranern gelingen immer wieder Durchbrüche in unwegsamem Gelände", sagt Anthony Cordesman vom amerikanischen "Armed Forces Journal", "aber für großräumige Operationen in offenem Gelände fehlt ihnen die Puste." Der religiös inspirierte Todesmut, meint Cordesman, verleite die Fußtruppen des Ajatollah dazu, "mehr abzubeißen, als sie verdauen können". Statt eine eroberte feindliche Position zu sichern, ehe sie sich zum Sturm auf die nächste fertigmachen, rollen sie ohne Rücksicht auf Verluste Stellung um Stellung auf, bis sie vom gegnerischen MG-Feuer gestoppt werden.
Sicher ist: Gegen eine professionell geführte und gut ausgerüstete moderne Streitmacht hätten die Märtyrer-Bataillone unter dem Kommando des 36jährigen Chomeini-Vertrauten Oberst Schirasi nicht die geringste Chance. Daß sie bislang trotzdem nicht geschlagen wurden, liegt auch am handwerklichen Unvermögen des Gegners.
Die irakischen Generäle sind in der Handhabung des "integrativen Waffenverbundes", wie es in der Terminologie der Nato-Strategen heißt, ungeübt. Ihre eigene hochtechnisierte Kriegsmaschinerie scheint sie auch dreieinhalb Jahre nach Kriegsbeginn noch zu überfordern. Ihre Geschütze schießen oft ziellos ins Blaue, weil die Artilleristen nicht mit den Feuerleitsystemen umgehen können. Irakische Jagdbomber, so ein amerikanischer Experte in Washington, "irren wie blinde Hühner über dem Schatt el-Arab umher und werfen ihre Bomben irgendwo in den Sand, bevor ihnen der Treibstoff ausgeht".
Theoretisch verfügen Bagdads Generale über eine erdrückende Luftüberlegenheit. Ihre Luftwaffe besitzt etwa 500 Flugzeuge - fast achtmal so viele wie die iranische -, dazu 300 Kampfhubschrauber. Die "Phantoms" und F-16-Bomber dagegen, die der Schah einst in Amerika einkaufte, sind bis auf einen kümmerlichen Rest von zwei, drei Dutzend Maschinen ausgeschlachtet - "kannibalisiert", wie es im Air-Force-Jargon heißt.
Trotzdem spielt die irakische Luftwaffe - die Hubschrauber-Flottille ausgenommen - nur eine Statistenrolle im blutigen Drama am Schatt el-Arab. Der Grund: Saddam Husseins Piloten verstehen ähnlich wie seine Artillerieoffiziere die technische Überlegenheit ihres Geräts nicht zu nutzen. Die fünf Super-Etendard-Jagdbomber, die Frankreich im Oktober letzten Jahres lieferte, sind zwar alle mit dem hochmodernen INS-Navigationssystem ausgestattet, das auch in der Zivilluftfahrt verwendet wird. Doch die Iraker fliegen lieber nach Sicht, weil sie mit dem komplizierten elektronischen Apparat nichts anzufangen wissen.
Von den französischen Exocet-Raketen, die im Falkland-Krieg der britischen Kriegsflotte hart zusetzten, hatte sich Saddam Hussein einen entscheidenden Durchbruch in der Luftkriegsführung erhofft. Doch die Wunderwaffe zündete nicht. Deshalb sind auch die Öl-Terminals von Chark-Island im Persischen Golf, die Chomeinis Kriegskasse füllen, nach wie vor fast unversehrt.
Was vorher niemand bedacht hatte: Die Exocet ist eine Luft-See-Rakete mit einem konventionellen Sprengkopf, die nach dem Abschuß nicht mehr gesteuert werden kann, weil sie sich selbsttätig das nächstgelegene metallische Ziel sucht. Ihre verheerende Wirkung kann sich in einem Schiffsrumpf entfalten, nicht aber in einem locker über mehrere Quadratkilometer verzweigten Netzwerk von Rohrsystemen.
Um Chark an einer empfindlichen Stelle zu treffen, müßten schon Jagdbomber im Tiefflug angreifen. Aber gegen Bombenangriffe haben die Iraner rings um den Öl-Terminal ganze Batterien von Hawk-Raketen aus Schah-Zeiten
postiert. Die Hawks sind veraltet, doch immer noch modern genug, um die bedingt flugtüchtigen irakischen Mirage- und Super-Etendard-Piloten auf Distanz zu halten.
Die Sowjet-Union hat den Irakern Scud- und Frog-Raketen mit einer Reichweite bis zu 280 Kilometern geliefert, außerdem Mittelstreckenraketen vom Typ SS-12, mit denen sie von irakischem Gebiet aus Teheran beschießen könnten. Doch die Sowjet-Projektile tragen nur herkömmliche Sprengköpfe mit einer Detonationskraft gewöhnlicher Fliegerbomben. Die Mullahs, die ihre Gläubigen bedenkenlos zu Zigtausenden verheizen, lassen sich von solchen Waffen nicht irritieren.
Logistisch wiederum ist Bagdad im Vorteil. Während sich die Iraner auf grauen Märkten zweitklassiges Kriegsmaterial zusammenkaufen müssen, können die Iraker aus dem Vollen schöpfen. Sowjets und Franzosen liefern Flugzeuge und Raketen, Amerikaner Helikopter, die arabischen Bruderländer die für die Waffenkäufe nötigen Devisen.
Trotzdem ist der Irak verwundbarer als der Iran. Wenn die Selbstmordkommandos des Ajatollah Chomeini nur an einer Stelle zum - teilweise nur fünf Kilometer von der Front entfernten - Bagdad-Basra-Highway durchbrechen, auf dem fast der gesamte Nachschub für die Truppen im irakischen Südabschnitt heranrollt, dann muß Saddam Hussein mit dem Schlimmsten rechnen: Wenn Basra fällt, dann ist auch Bagdad nicht mehr lange zu halten. Und das weiß auch Ajatollah Chomeini.
Die Iraner können den Verschleißkrieg trotz ihrer minderwertigen Waffen noch jahrelang durchhalten. Obwohl ein beträchtlicher Teil des Sozialprodukts in den "Heiligen Krieg" fließt, steht die iranische Wirtschaft nicht mal schlecht da. Die Ölförderung ist von 800 000 zu Beginn des Krieges auf 2,5 Millionen Tagesbarrel gestiegen. Trotz Kriegskosten von einer Milliarde Dollar im Monat verfügt der islamische Gottesstaat der Zeit über Devisenreserven von rund zwölf Milliarden.
In Bagdad sieht''s weit düsterer aus. Die Kriegswirtschaft hat den Irak an den Rand des Staatsbankrotts getrieben: 30 Milliarden Dollar Schulden bei den arabischen Brüdern, 13 Milliarden bei den Franzosen. Und die Ölindustrie exportiert nur noch 700 000 Barrel am Tag statt 2,3 Millionen wie früher, weil die mit Teheran sympathisierenden Syrer die Pipeline von Kirkuk ans Mittelmeer geschlossen haben.
An Ersatz-Pipelines über Jordanien und Saudi-Arabien wird zwar mit Hochdruck gearbeitet. Aber ein Jahr wird es mindestens noch dauern, ehe die Ventile aufgedreht werden können.
Seit Mitte vorletzter Woche hat der Golfkrieg eine neue Qualität. Die irakische Luftwaffe fliegt gezielt Angriffe gegen Schiffe in iranischen Hoheitsgewässern. Am 29. Februar wurde ein indisches Schiff versenkt und ein türkisches stark beschädigt, am Donnerstag darauf geriet ein Brite im Golf unter schweres Feuer. Fliegerisches Können ist hier nicht gefragt - die Frachter können nicht zurückschießen.
Saddam Husseins Kalkül: Vermag er die Raffinerien schon nicht zu zerstören, so kann er doch den Ladebetrieb auf Chark blockieren und den Mullahs dadurch die Devisenquellen zuschütten. Die mutmaßliche Reaktion der Iraner hat er in sein Konzept mit einbezogen. Wenn kein persisches Öl mehr fließt, so die Regierung in Teheran, dann werde am Golf überhaupt kein Öl mehr fließen. Dann werden die iranischen Streitkräfte "die Straße von Hormus in einen tödlichen Morast für die imperialen Interessen des Westens" verwandeln. Und dann, so hofft Saddam Hussein, muß der Westen Chomeini zur Räson bringen.
Die Iraner haben zwar nicht die Mittel, die Meerenge am Ausgang des Golfs zu sperren, die an ihrer engsten Stelle noch breiter ist als der Ärmelkanal zwischen Dover und Calais. Aber "um die Flasche zu zerschmettern", meint William Ollsen vom "National War College" _(Beim Angriff auf die mesopotamischen ) _(Madschuun-Inseln vorige Woche. )
in Washington, "braucht man nicht einmal den Flaschenhals zu zerbrechen". Eine Rakete gegen einen Supertanker in Kuweit oder Bahrein würde genügen, um den Schiffsverkehr im ganzen Golf zum Erliegen zu bringen und - zumindest vorübergehend - ein Sechstel des Ölnachschubs der westlichen Welt lahmzulegen: Versicherungen würden die Deckung der Tanker nicht mehr übernehmen, Mannschaften sich weigern, in Raketen-Reichweite der Iraner zu fahren.
Die Folgen der Totalblockade wären freilich für den Westen nicht mehr so katastrophal wie zu Beginn des Golfkrieges. Die westlichen Industriestaaten sitzen auf mächtigen Ölreserven, mit denen sie monatelang überleben können. Und die Saudis haben zusätzlich in gecharterten Tankern, die außerhalb der Kriegszone im Arabischen Meer ankern, noch einmal 50 Millionen Barrel eingelagert.
Trotzdem kreuzt eine stattliche amerikanische Armada im Golf von Oman, um einzugreifen, wenn der Krieg auf "amerikanisches Interessengebiet" übergreifen sollte.
Nach dem Rückzug der US-Marines aus Beirut, so meint Kriegstheoretiker Anthony Cordesman in Washington, dürften sich die Vereinigten Staaten keine weitere Niederlage im Nahen Osten mehr leisten, wenn sie nicht vor ihren Verbündeten als Papiertiger dastehen wollten. Cordesman: "Wenn die Saudis und die Golfstaaten merken, daß wir hier zögern, dann verlieren wir unseren Einfluß in der ganzen Region. Wir wissen das, sie wissen das, und ich hoffe bei Gott, daß auch die Iraner es wissen."
[Grafiktext]
IRAK 200 Kilometer Hauptstoßrichtungen der iranischen Offensive Chanakin Baakuba Gilan Mandali Mehran Bagdao Badra Tigris Wassit Fernstraße Euphrat Ziele irakischer Luftangriffe Ziele iranischer Luftangriffe umkämpftes Gebiet Dehloran IRAN Desful Misan Schatt el-Arab Basra KU-WEIT Chorramschahr Abadan Bandar-i-Chomeini PERSISCHER GOLF Chark
[GrafiktextEnde]
Im Vordergrund gefallene Iraner, am Bunker irakische Soldaten. Beim Angriff auf die mesopotamischen Madschuun-Inseln vorige Woche.

DER SPIEGEL 11/1984
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