09.04.1984

Glitzerfassaden steinharter Bürgerlichkeit

SPIEGEL-Redakteur Michael Haller über Moral und Selbstverständnis der Zwingli-Stadt Zürich *
In Zürich ist nun alles wieder so, wie es früher schon war.
Zum Beispiel das "Sechseläuten", ein Fest zum Frühlingserwachen nach Zürcher Art: Am Montag dieser Woche ziehen die Bankiers und Direktoren, Stadtregenten und Professoren Schulter an Schulter mit Handwerkern und Kaufleuten im kostümierten Herren-Zug der Zünfte durch die Stadt.
Freundlich lächelnde Polizisten flanieren dann diskret am Straßenrand, in ihren behandschuhten Händen hellgelbe Nelkensträußchen. Hinter den Absperrungen winken Zürichs Damen ihren vorbeiziehenden Männern zu.
Unten am See, vor der Kulisse der Alpenkette, auf der großen Wiese direkt neben dem neobarocken Opernhaus, drängeln sich dann am Nachmittag viele tausend Stadtbewohner und starren wie gebannt auf einen mächtigen Scheiterhaufen, so hoch wie ein dreistöckiges Haus. Obendrauf thront eine riesige Puppe mit Besen und Hut.
Und wie jedes Jahr wird abends um Punkt sechs Uhr dieser Holzberg in Brand gesetzt, züngeln die Flammen um den Rumpf, bis der mit Sprengsätzen gespickte Körper unter lautem Getöse auseinanderbirst. Die Hinrichtung der Riesenpuppe, Höhepunkt des Stadtfestes, quittieren die Zuschauer mit lautem Schreien und Applaus.
Doch bei allem Geschrei ist das "Sechseläuten", Zürichs einziger Festtag, im Grunde ein lustloses, mit militärischer Präzision abgespultes Ritual der Zunftherren. Ihr Defilee quer durch die Stadt zum Richtplatz der Puppe ähnelt insofern mehr der Oktoberparade auf dem Roten Platz in Moskau als etwa der Verbrüderungsfete aller Franzosen an ihrem Nationalfeiertag, dem 14. Juli.
Eigentlich sollte auch das Zürcher Fest an revolutionäre Zeiten erinnern. Denn die Hinrichtung der Puppe meint nicht nur das Ende der Winterzeit, sie symbolisiert vor allem die Abschaffung der Obergewalt im Jahre 1336. Wie damals, als die Zünftler mit Feuer und Schwert die Feudalherren vertrieben, so demonstrieren auch die heutigen Bürger, daß sie die wahren Eigentümer ihrer Stadt sind.
Für die Zürcher ist dies kein Grund zur Verbrüderung. Auf ihren Straßen wird nicht getanzt, nicht gesungen oder gelacht. Gleichwohl lieben sie ihr Frühlings-Ritual, weil es die Besitznahme von damals alljährlich neu in Szene setzt - und wehe denen, die den Herren ihre Herrschaft streitig machen wollen.
Das letzte Mal in der langen Geschichte dieser Ur-Bürgerstadt bekamen die Folgen jene paar tausend Jugendliche zu spüren, die vor vier Jahren gegen die Vormacht ihrer Väter rebellierten.
Als die randalierenden Söhne und Töchter mit Spraydosen, Pflastersteinen und Knallkörpern das Geschäftsleben ihrer Väter beeinträchtigten, wurde durchgegriffen. Auf Befehl der Stadtväter rückten schwerbewaffnete Polizeitruppen an. Im Verlauf von zwei Jahren gingen 180 000 Gummischrotgeschosse, viele tausend Gasgranaten sowie ungezählte Knüppelschläge auf die Köpfe der jungen Zürcher nieder - da kehrte allmählich wieder die alte Ruhe ein.
Den deutschen Wendezeit-Politikern gilt Zürich seither als Vorbild, Kampfbewaffnung
und Einsatz der Zürcher Polizei werden als leuchtendes Beispiel genannt.
Sicher, da geistern noch zwanzig, dreißig angebliche Chaoten in der Stadt herum und machen hin und wieder Radau, so vorletzte Woche, als die Stadtväter ein für 19 Millionen Mark piekfein hergerichtetes und ordentlich geführtes Freizeithaus dem braven Teil ihrer Jugend übergaben: Sechs Stunden nach der Eröffnung ging die Inneneinrichtung in Trümmer - "ein Mahnmal kapitalistischer Dekadenz", befanden die Jugendlichen.
Aber solche Vorfälle sind Ausnahmen, vier Jahre nach Beginn der Krawalle haben die Oberen ihre Stadt wieder fest im Griff, die Bürger ihr Selbstbewußtsein - und die Geschäftsleute in der City ihr gut verkäufliches Image: Für die Einheimischen ist es das nun wieder blitzblank geputzte "Kaleidoskop der Kleinstadt und zugleich das Schaufenster der Welt" (so das "Züri Magazin"). Und für die Deutschen, über die Beständigkeit alles Schweizerischen ohnehin verzückt, ist es der sagenhafte Finanzplatz auf goldenem Boden, wo man "der einfachsten Genußsucht des Kapitalismus, dem Aktientermingeschäft", frönen darf (so der Börsenjournalist PaulC. Martin).
Ist das Klischee "Zürich" wieder das durch unzählige Nummernkonti-Legenden mystifizierte Dienstleistungszentrum der Kapitalisten in West und Ost, wo die sogenannten "Gnome" Anlagen im Wert von rund einer Billion Mark hüten?
Oder doch ein liebliches "Weltdorf" ("Time") und schlaraffiges "Schokoladen-Paradies" (Moskaus "Neue Zeit"), die herzige "Weltstadt, made in Switzerland" (Zürcher Verkehrsverein) - und deshalb wohl auch die Hauptstadt des selbstgerechten, weil schier unbeschränkt besitzhabenden Bürgertums?
Mehr als nur das. Zürich erweist sich als ein Monument des aus dem Handwerkerstand hervorgegangenen, im Laufe der Jahrhunderte groß gewordenen Kleinstadtbürgertums - mit allen seinen grandiosen und beklemmenden Seiten.
Es ist darum so etwas wie ein Stück Erinnerung an die Zukunft Europas: Wie in Zürich würde es wohl heute auch in anderen Städten Europas zugehen, wenn dort alles ebenso geradlinig verlaufen wäre und die Wunschbilder der Bürgerwelt so ungebrochen hätten Wirklichkeit werden können.
Die Zürcher sind überzeugt, sie hätten die Idee der bürgerlichen Epoche, die vor 500 Jahren mit ihrem radikalen Reformator Huldrych Zwingli begann, in ihren Mauern modellhaft verwirklicht: Ihre Gesellschaft soll ohne Gegensätze und Konflikte sein, geeint im Glauben an den inneren Ausgleich zwischen Leistung und Konkurrenz. Dem Anschein nach ist alles in Zürich ausgewogen und nivelliert, ist an irgendwelche Gegebenheiten angepaßt, von denen nur die Einheimischen Kenntnis haben.
Zürichs Stadtzentrum, eine der Geburtsstätten des Kapitalismus, ist enggassig und verwinkelt, nichts von der Großzügigkeit europäischer Metropolen wie London und Paris. Die Gebäudefluchten erstrahlen nicht im Glanz städtebaulich gestalteter Machtfülle italienischer Renaissance-Städte, sondern wirken geduckt und zusammengedrängt: Macht und Reichtum werden seit je versteckt, als habe man beides gestohlen.
Und auch die moderne City hat nichts Großartiges, kein protzig-neureiches Dallas mit gläsernen Wolkenkratzer-Palästen, sondern gestandene Solidität, die bis ans Kleinliche reicht.
Nicht mal die Bahnhofstraße, Fetisch der Überflußgesellschaft und Stolz der Zürcher Bürger, hat den Zuschnitt eines Boulevards: Man sieht es ihr an, daß die Herren der Stadt mit jedem der 60 000 Mark teuren Quadratmeter geizen. Großzügigkeit würde da schon als dumme Verschwendung gelten.
Diese vollendet mittelmäßige, mit fast zwanghafter Pingeligkeit tagtäglich auf Hochglanz polierte Stadt, von deren Straßen James Joyce "eine ausgeschüttete Minestra ohne Löffel wieder aufzuessen" für möglich hielt - sie ist zweifellos der Traum für Bürgersleute der harten Sorte.
Und wirklich: Die Fundamente des modernen Bürgertums - Freiheit durch Besitz, Gleichheit im Recht, Brüderlichkeit als Christenmoral - wurden nirgends so kultiviert, aber auch bis ins Widersinnige übersteigert, wie in Zürich.
In Zürich wird den Unternehmern noch offen applaudiert, wenn sie ihre Profite steigern wie der Versicherungskonzern "Zürich", der den Reingewinn auf weit über 100 Millionen Mark schraubte, oder die Schweizerische Bankgesellschaft, die mehr als eine halbe Milliarde Franken Reingewinn erwirtschaftet und vergangene Woche 22 Prozent Dividende an ihre Aktionäre weitergab. Hier darf noch als Verdienst der
Wirtschaftsherren besungen werden, daß die Quote der registrierten Arbeitslosen weniger als ein Prozent ausmacht, die Inflation mäßig bleibt und die Arbeitnehmer zu den bestbezahlten in Europa gehören. Durchschnittslohn eines Angestellten: 5800 Mark pro Monat. Auch sind die Gewerkschafter die bravsten Europas. Ihre Hauptforderung zum 1. Mai: Verkürzung der Arbeitszeit - auf 40 Wochenstunden.
In diesem Wohlstandsparadies kann man von üppig beladenen Tischen nehmen, was über Jahrhunderte angehäuft wurde. Da mag man mittags im "Sprüngli" am Paradeplatz über die für Zürcher Broker meist ertragreichen Wechselfälle der Börsenkurse in der "Neuen Zürcher Zeitung" lesen, bei "Teuscher" die unerreichten "Champagne Truffes" kosten - oder in der im Stil der Jahrhundertwende gehaltenen "Konditorei Schober" in Zürichs Niederdorf an den Buttergipfeli knabbern: Das Besondere, ein Zürcher zu sein, erleben die Zürcher im Konsum.
Ihre liebste Beschäftigung, ergab eine Umfrage, sehen die Zürcher im Essengehen. Manchmal auch für 200 Franken pro Menü, etwa bei Agnes Amberg vis-a-vis vom Schauspielhaus, im "Riesbächli" oder, noch aufwendiger, im "Chez Max" in Zollikon: Restaurants, deren alltägliche "grandes bouffes" von Frankreichs Guide Michelin zu den köstlichsten Europas gezählt werden.
Nicht Pomp, sondern gediegener Luxus gilt den Zürchern als angemessener Ausdruck ihres Wunsches nach Zeitlosigkeit. Die mit Steuergeldern aufwendig inszenierte Kultur - 1983 vergab die Stadt immerhin 600 000 Franken an alternative, aber 74 Millionen an etablierte Kulturträger - dient vornehmlich zur Selbstdarstellung der Stadt-Society.
Folgerichtig können die etablierten Zürcher zeitkritisches Theater nicht leiden, selbst wenn es so gut gemacht ist wie unter dem Direktor Gerd Heinz am Schauspielhaus. Gehobene Qualität wissen sie zu schätzen, wenn sie so perfekt zur Geltung kommt wie etwa in Nikolaus Harnoncourts weltberühmtem Monteverdi-Zyklus am Zürcher Opernhaus. Denn der bringt das Zeitlos-Beständige zur Darstellung und tröstet über das Vorläufige des Daseins hinweg. Auch das Zürcher Kunsthaus ist am Musealen und so an der Aufhebung des Vergänglichen orientiert. Es zeigt vor allem Retrospektiven, gibt Übersichten aufs Ganze wie im vergangenen Jahr die an Richard Wagner anknüpfende, geistreich gemachte Schau "Der Hang zum Gesamtkunstwerk".
59 schwere Granitquader, hochglanzpoliert, vom Schweizer Modernisten Max Bill zu einer monumentalen Pavillon-Skulptur getürmt, stehen seit sechs Monaten neben der Schweizerischen Bankgesellschaft an der Zürcher Bahnhofstraße und spiegeln den Geschäftsalltag im schönen Glanz des harten Steins - ein Denkmal.
Das in seinem Hang zum Perfektionismus zeitlos scheinende Bürgertum nach Zürcher Art: Ansichten eines insgesamt gelungenen Gesamtkunstwerks?
Nein. Denn Zürich eröffnet auch die beängstigende Aussicht auf die Endzeit dieser bürgerlichen Epoche, wenn die Freiheit im Egoismus erstickt, Rechtsgleichheit zur Rechthaberei verkommt und aus der Brüderlichkeit ein Vorrecht der Besitzhabenden wird.
Max Bills "Granit-Mausoleum" (Zürcher "Tages-Anzeiger") ist auch für diese Kehrseite das Denkmal, weil es die vom Fassadenglanz überdeckte Hartherzigkeit der Stadt als Versteinerung zum Ausdruck bringt.
Nimmt man seelische Störungen als einen Gradmesser für den gesellschaftlichen Zustand, dann sieht es um die Stadt Zürich nicht sehr rosig aus.
Obwohl es ihren Bewohnern besser geht als allen anderen Städtern im europäischen Ausland, klagen Ärzte und Psychotherapeuten über die stetige Zunahme an depressiven Erkrankungen seit der Zeit, als die jugendlichen Krawallmacher niedergeknüppelt wurden.
Die Politiker sind sprachlos angesichts der rasanten Zunahme von Gewalttätigkeit, vor allem gegen Frauen. Alle paar Tage kommt es in der mit 366 000 Einwohnern vergleichsweise kleinen Stadt zu Vergewaltigung, Raub und Totschlag. Schon verlangen Stadtquartier-Vereine Polizeipatrouillen rund um die Uhr.
Auch selbstzerstörerische Aggressionen wie Selbstmorde nahmen in den vergangenen Jahren stetig zu, vor allem unter jungen Männern. Im Einzugsbereich der Stadt Zürich (Agglomeration) - mit rund 700 000 Einwohnern nur wenig größer als Stuttgart - wurden innerhalb eines Jahres 220 Selbsttötungen registriert, in Stuttgart hingegen 147.
Schlimmer noch ist es mit der Sucht nach Heroin, dem Suizid auf Raten. Längst haben professionelle Dealer die Geldhändlerstadt mit ihren labilen Jugendlichen in einen Drogenmarkt verwandelt. Bereits 1982 gehörten "60 Prozent der männlichen Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren zum Umfeld des illegalen Drogenkonsums", bei den 19- und 20jährigen seien es sogar 63 Prozent, stellte eine Studie Zürcher Sozialwissenschaftler im vergangenen Jahr fest. _(P. Hornung, G. Schmidtchen, M. ) _(Scholl-Schaaf: "Drogen in Zürich - ) _(Verbreitung und Hintergründe des ) _(Drogenkonsums Jugendlicher". Verlag Hans ) _(Huber, Bern, Stuttgart, Wien 1983; 192 ) _(Seiten; 32 Mark. )
Im Jahr 1980, zu Beginn der Unruhen, starben in der Agglomeration Zürich zwölf Menschen am Rauschgift, 1983 waren es 44. In Stuttgart kamen acht am Heroin zu Tode.
Von der Polizei gejagt wie Sittenstrolche, von den Passanten liegengelassen wie Pestkranke, starben sie in Rufweite des Rathauses auf den Trottoirs am Limmatquai, vor glitzernden Kaufhaus-Fassaden in der City, auf dem Rasen an der Seepromenade, in den Toiletten gediegener Cafes. "Unlösbares Drogenproblem", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung" in ihrem Fixer-Bericht: "Unangenehm ist der Gebrauch, den die Drogensüchtigen von den Toiletten der Restaurants machen."
Kaltschnäuzigkeit, oftmals blanker Zynismus prägt den Umgangston in dieser Stadtgesellschaft gegenüber sozial Schwachen oder Außenseitern. Für die Betroffenen kann dieser Umgang lebenszerstörend sein.
Da war zum Beispiel die 24jährige Silvia. An einem Freitag kurz vor Weihnachten 1980 übergoß sie sich im Zentrum der Stadt mit Benzin und zündete sich selbst an - Selbsttötung aus Verzweiflung über das Unverständnis der Erwachsenenwelt gegenüber den Jugendlichen.
Die Blumen und Kerzen, die Silvias Freunde am Ort des Geschehens aufstellten, wurden Stunden später unter den Augen der Polizei von Rowdys kaputtgetreten, dann von städtischen Putzkommandos weggeschafft. Die Szene wiederholte sich Abend für Abend, dann gaben die Jugendlichen auf: Der Sauberkeitswahn der Stadt hatte gesiegt.
Oder da zerrte eines Nachts ein 14 Mann starker Polizeitrupp einen als querulantisch verschrienen Pressephotographen aus dem Auto und prügelte ihn krankenhausreif, als läge Zürich irgendwo in Chile - und bis heute tut die Stadtöffentlichkeit so, als sei nichts gewesen: Der Mann war wohl selber schuld.
Während vieler Jahre ließ es der Zürcher Polizeidirektor, Stadtrat Hans Frick, zu, daß die Polizisten ihre Erkennungsdaten etwa über Ladendiebe ungeniert weitergaben, auch an private Telephonanrufer, die nach der Solvenz eines Kunden fragten. Datenschutz? Nie gehört.
Die Zürcher Polizei verfügt rechtswidrig sogar über eine Geheimdatei, in der Bußgeld-Zahler für Bagatellübertretungen seit Jahrzehnten vermerkt und an Amtsstellen, etwa das Polizeigericht, gemeldet werden: Orwell hatte sich dies ungefähr so vorgestellt. Ein eigenbrötlerischer Klinikdirektor mußte wegen obrigkeitsfeindlichem Verhalten seinen Schreibtisch räumen; unbequeme Journalisten wurden während ihrer Berufsarbeit von der Straße weg festgenommen und unschuldig über mehrere Tage hinter Gitter gesperrt; ein junger Mann, der ein Protestplakat gegen den Abbruch von Wohnhäusern aufgehängt hatte, erhielt wegen "öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen und zu Gewalttätigkeit" sechs Monate Gefängnis - ohne Bewährung, versteht sich.
Die von der Obrigkeit getragene Fassade des Bürger-Paradieses muß offenbar um jeden Preis erhalten bleiben - da es doch allen gut geht, man es besser nirgendwo sonst haben kann, Kritik also unangebracht, vielleicht auch von Moskau ferngesteuert ist, wer weiß. "Es ist dieses Unglücksverbot, eine muntere, aber unfröhliche Form von Selbstgerechtigkeit, ein entschlossener Mangel an Phantasie und Einfühlung", umschreibt der Zürcher Literat Adolf Muschg den Seelenzustand der Stadt.
Solche Lebensart findet bei den übrigen Schweizern, auch wenn in vielem so zürcherisch wie die Zürcher schweizerisch, kaum Gegenliebe. Die Zürcher Mundart etwa klingt in den Ohren der Basler schnoddrig, die Zürcher Geschäftstüchtigkeit ist den Bernern zu marktschreierisch, das Gehabe insgesamt zu "deutsch".
"Die schnellen und gescheiten Zürcher haben die Tendenz, herablassend auf die übrige Schweiz zu schauen", schrieb der Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel vor drei Jahren im SPIEGEL, und: "Die Zürcher sind die Preußen der Schweiz."
Bichsel meint damit vor allem den knarrigen Oberlehrerton der Zürcher Obrigkeit, deren Zwang zur Belehrung. In diesem Ton äußert sich auch Zürichs Hauptmeinungsmacher, die "Neue Zürcher Zeitung", wenn sie über jugendliche Protestierer schreibt, es handele sich um eine "nihilistisch-destruktive Eruption", die "im Keim erstickt" werden müsse, weil sonst "der Zerfall der Autorität der Behörden" folge.
Der belehrende Umgang hat in Zürich eine nun 500jährige Tradition: Ausdruck der zwinglianischen Lebensphilosophie, die in der Sittenkontrolle die Aussicht auf Gnade, im strengen Fleiß den Weg der Erlösung sieht.
Als 1519 die Zürcher Zunftherren den 35jährigen Geistlichen Huldrych Zwingli in ihre Stadt ans "Großmünster" holten, herrschte in der Stadt schimmer Sittenzerfall: Diebstahl und Raufhändel, Zinswucher und Hurerei. Seine neue Theologie, versprach Zwingli, werde auch zu einer neuen Ordnung führen.
Obwohl nur Pfarrer, wurde Zwingli zum populistischen Stadtdiktator. Er sanierte die bankrotte Stadtkasse, verbot das Söldnerwesen und verordnete den Städtern strenge "Sittenmandate": Benimmregeln, Kleidervorschriften, Erziehungsgebote. Ein Spitzelsystem wurde eingerichtet, das Denunziantentum mit Prämien gefördert.
Erst dann verkündete er den Zürchern, daß von nun an jeder einzelne, ohne Kirche als Vermittler, direkt mit dem Herrgott verkehren und sich ihm gegenüber als "bußfertig und fleißig" zu erweisen habe, damit er Gnade erlange. Hilfreich sei dabei die Predigt, die auch
wie das Polizeiwesen der "öffentlichen Ordnung" diene. _(Ulrich Gäbler: "Huldrych Zwingli. Eine ) _(Einführung in sein Leben und sein Werk". ) _(Beck''sche Verlagsbuchhandlung München ) _(1983; 164 Seiten; 22 Mark. )
Zwinglis totalitäre Theokratie war weit radikaler, aber auch engstirniger als die Lehre Luthers, vor allem: Sie war wegen ihrer Sittenmoral im Grund erheblich materialistischer. Diese vom Genfer Protestanten Calvin weitergeführte Verquickung von Frustration und Eigennutz erkannte 400 Jahre später der deutsche Soziologe Max Weber ("Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus") als Grundordnung der bürgerlichen Gesellschaft: der "asketische Protestantismus" mit seiner "pathetischen Unmenschlichkeit" handle nach dem Grundsatz, daß Reichtum als Folge von Fleiß ein moralischer Wert sei, Armut eine selbstverschuldete Strafe.
So erblühte und wucherte der Geist des Kapitalismus in Zürich rund hundert Jahre früher als im kriegsgeschwächten Europa nördlich der Limmat: Profit durch Ausbeutung war die Maxime.
Wer gegen die Knechtung der Landbevölkerung rings um Zürich auftrat, wurde öffentlich als "Söldling des Auslands" gebrandmarkt und von den Herrenkindern mit Steinen beworfen - etwa der Erzieher Johann Heinrich Pestalozzi, ein Nachfahre italienischer Zuwanderer. Er sagte von den zwinglianischen Stadtherren, sie müßten "aus Sittenreinheit auf dem Geld sitzen wie eine Kröte auf dem Dünkel".
Den wiederholt via Zürich südwärts reisenden Goethe, Freund des Zürcher Gelehrten Lavater, irritierte "ein gewisser stierer Blick vor allem der Zürcher", und er fragte sich im übrigen: "Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? ... Was man den Menschen nicht alles weismachen kann!"
Die große Idee der Freiheit kam im 19. Jahrhundert dann doch noch über Zürich - freilich nicht als politisches Grundrecht, sondern als Credo des Wirtschaftsliberalismus: Auch hierin waren die Zürcher den im Ständedenken der Restauration zurückgefallenen Deutschen voraus.
Eine neue Generation tüchtiger Unternehmer unter der Wortführung der damals progressiven "Neuen Zürcher Zeitung" schwärmte vom "freien Bürger" und verlangte die Handels- und Gewerbefreiheit, den freien Zugang zu den Bildungsstätten und das Versammlungsrecht.
Als der preußische Polizeistaat seinen Apparat perfektionierte, übernahmen in Zürich 1830 die als "Freisinnige" organisierten Unternehmer die Macht. Ihr Programm - freier Markt, Vorrang der Industrialisierung - wurde in einer Volksabstimmung gegen den verbissenen Widerstand der Zwinglianer angenommen.
Bis dahin war Zürich im Grunde ein Provinznest geblieben, reich zwar, doch ohne kulturelle Tradition. Dies sollte nun anders werden: Zürcher Unternehmerfamilien gaben 1833 Geld für eine "Actiengesellschaft" zum Bau des Theaters.
Im gleichen Jahr wurde das erste Kaufhaus der Schweiz, "Jelmoli", gegründet - und die Universität, zu der sogar Frauen zugelassen waren. Die Vorlesungen hielten vornehmlich progressiv eingestellte deutsche Emigranten: Georg Büchner etwa war Dozent für Anatomie, der badische Naturphilosoph Loren Oken amtierte als Gründungsrektor.
Als die munteren Stadtherren auch noch den radikalen Theologen und Bilderstürmer David Friedrich Strauß ("Das Leben Jesu") aus Deutschland holen wollten, um der versteinerten
Zwingli-Dogmatik neue Impulse zu geben, zettelte die konservativ gebliebene Landbevölkerung einen Bürgerkrieg an. Ergebnis: acht Tote, Rücktritt der Regierung, Machtübernahme der Konservativen.
Trotzdem setzte sich der Trend zur liberalen Bürgerstadt durch. Der deutsche Schriftsteller und Sozialrevoluzzer Julius Fröbel etwa durfte ein "Litterarisches Comptoir" aufziehen. Die von den Stadtoberen tolerierten deutschen Arbeitervereine, allesamt revolutionäre Bünde, zählten 1863 über 540 aktive Mitglieder.
Der lange in Zürich lebende deutsche Industrielle Wesendonk, Mitinhaber eines Seidenkonzerns und tonangebender Kulturmäzen, beherbergte den in Deutschland nach der 48er Revolution steckbrieflich gesuchten Richard Wagner. Vom liberalen Geist der Stadt und den Geldmitteln ihrer Herrn beflügelt, wollte der Komponist die Zürcher mit einem gigantischen "Kunstwerk der Zukunft" beglücken. Doch Wagners Hang zum Monumentalen sprengte die am Pekuniären geschulte Vorstellungskraft des Zürcher Freisinns. Das Projekt scheiterte, Wagner reiste nach Italien weiter.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als Zürcher Wirtschaftskapitäne im Gefolge des Banken- und Eisenbahngründers Alfred Escher ins internationale Geschäft einstiegen, erhielt die Stadt das Gepräge des "Weltdorfes": zutiefst provinziell und doch aufgeschlossen, engstirnig und doch am Weltgeschehen beteiligt. Es schien nun, als habe sich da die Bürgerlichkeit als solche inkarniert.
So wurde Zürich eine Generation später auch zum Anschauungsobjekt und Tummelplatz der dem Bürgertum gegenüber kritisch eingestellten Dichter, Denker und Revolutionäre. Die Dada-Erfinder Hugo Ball, Hans Arp und Marcel Janco narrten die Einheimischen mit ihrem "Cabaret Voltaire". Der russische Emigrant Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, durfte Konferenzen zum Sturz der Bourgeoisie abhalten.
Thomas Mann liebte seine "gute Stadt Zürich", Ricarda Huch fühlte sich dort "mehr zu Hause als zu Hause". Wahl-Zürcher James Joyce, Dauergast im Literaten-Cafe "Odeon", arbeitete an seinem Roman "Ulysses".
Und hin und wieder trafen die einen die andern im Boheme-Restaurant "Kronenhalle", dem wohl geselligsten Ort der Kulturszene von Zürich. Noch heute lebt dort jene geistreiche, antisnobistische Atmosphäre früherer Zeiten im Abglanz fort.
Die anderen Künstlercafes und Kneipen, etwa das "Odeon", machten Bankhäusern oder Schickeria-Boutiquen Platz. Der kulturtragende Kern der Stadt wurde von einer neuen Generation profitsüchtiger Finanzunternehmer zerstört.
Inzwischen haben von den sechs größten Schweizer Banken vier ihren Hauptsitz rund um den Zürcher Paradeplatz, von den hundert größten Unternehmen der Schweiz wird ein Drittel von Zürich aus gemanagt, knapp 40 Prozent aller Arbeitsplätze in der Schweiz sind von Zürcher Zentralen abhängig.
Das von der mächtigen "City-Vereinigung" kontrollierte Stadtzentrum wandelte sich zu einem Souvenir-Großladen, der alle Habseligkeiten der bürgerlichen Endzeit bietet. Seine 57 000 Bediensteten sorgen für einen Umsatz von jährlich mehr als 12 Milliarden Mark.
Die Zürcher Sozialdemokratie (SP) paßte sich dem Konservativismus der Besitzständler an. Radikal blieb ein elitärer Zirkel an der Parteispitze, der jedoch kaum noch Kontakt zur Basis hat. Prompt verlor die Partei von Wahl zu Wahl an Stimmen, bis aus der einst regierenden SP eine Minderheiten-Vertretung wurde.
Dafür gewann die bodenständige Schweizerische Volkspartei (SVP) an Einfluß, ein Hort der aus dem Kleinbürgermilieu Aufgestiegenen mit ihrer Besitzstands-Ideologie: mehr Konsum, mehr Straßen, weniger Steuern.
Parallel zum Konsumboom wuchs die politische Apathie der Bürger. In den 50er Jahren waren noch 70 Prozent bei Abstimmungen zu den Urnen gegangen, nun bleiben 70 Prozent lieber zu Hause.
Warum sollten sie auch gehen? Da diese Stadt keine Entwicklung, sondern immer nur Restaurierung wünscht, sind politische Programme entbehrlich. Ihr scheint die Verwaltung des Besitzstandes zu genügen. Auch Stadtpräsident Thomas Wagner, seit zwei Jahren im Amt, betreibt Politik als eine Art Status-quo-Management. Seine bislang größte Leistung: Er ließ die Stadtverwaltung von Unternehmensberater Nicolas Hayek nach privatwirtschaftlichen Leitlinien
durchleuchten. Die Zürcher waren begeistert.
Ein halbes Jahrhundert lang hatte der Gegensatz zwischen Sozialdemokraten und Freisinnigen die Politiszene Zürichs belebt. Jetzt bestimmt eine selbstgefällige Aufsteigerschicht das vom sensibleren Teil der Jugend als "Grönland" empfundene Klima.
Jahre vor dem Ausbruch der Jugendunruhen malte der Zürcher Künstler Giuseppe Reichmuth ein Gemälde von Zürich: Blick von der Seepromenade Richtung Rathaus. Doch die Promenade ist zugefroren, von der Bahnhofstraße her schiebt sich ein Gletscher ins Bild, einige Pinguine marschieren übers Eis. Im Hintergrund, auf der Höhe des Zwingli-Denkmals, ankert ein Eisbrecher.
Vorzeichen der Unruhe setzte auch der als "Sprayer von Zürich" bekanntgewordene Psychologe Harald Nägeli. Nächtens überzog er Fassaden öffentlicher Bauten mit Strichfiguren, ein Hauch von Dada-Ironie legte sich auf die bitterernste Stadt. "Aufstand des unterdrückten Unbewußten", nannte er sein Tun.
Für seinen Aufstand wurde Nägeli von den Zürcher Oberrichtern zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Das Urteil sei rechtlich korrekt, befand ein Ausschuß des deutschen Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe vorletzte Woche: Der nach Westdeutschland geflüchtete Schweizer soll den Zürchern ausgeliefert werden.
Auch der Aufstand der Jugendlichen war nicht nur Revolte, sondern zunächst auch lustvolle Verweigerung - und mobilisierte bei der Obrigkeit jene alte zwinglianische Tradition strafender Belehrung, deren Strenge an Sadismus grenzt. Ein Fall für viele andere: Durch das Gummigeschoß einer wild drauflos feuernden Polizeitruppe wurde einer unbeteiligten Passantin ein Auge ausgeschossen. Keiner der Polizisten mochte sich später erinnern, einer antwortete schriftlich zum Vorfall: "Interessiert mich nicht." Das Verfahren wurde eingestellt.
Zürcher Polizisten mögen keineswegs schlimmer sein als ihre Kollegen in Paris, London, Frankfurt oder Berlin. Doch in anderen Städten der westlichen Welt wachen Bürger, Volksvertreter und Massenmedien über den Machtgebrauch ihrer Ordnungshüter. In Zürich hingegen wurden diese sogar für brutale Einsätze mit schwerer Körperverletzung öffentlich und offiziell belobigt.
"Ich finde es einfach schäbig, wie zur Zeit regelrecht Jagd auf unsere Polizei gemacht wird", beschwerten sich Leserbriefschreiber beim Zürcher "Tages-Anzeiger". Zahlreiche Anrufer drohten gleichlautend: "Wenn Sie die Polizei nicht in Ruhe lassen, werden Sie auch mal einen Kopfschuß abkriegen."
Die Zeitung hatte es gewagt, im Anschluß an eine mysteriöse Polizisten-Schießerei mehrere Zeugen zu zitieren, die den Angaben der Polizei widersprachen. Aufklärung? Nein danke.
Wichtiger ist es den Herren der Stadt, mit allem aufzuräumen, was die Ästhetik bürgerlicher Zeitlosigkeit stört: Nach den Randalierern und Fixern sind jetzt, termingerecht zum Zwingli-Jahr, die Sex-Läden, Massagesalons und Dirnen dran. Und diesmal hat die Polizei neben dem gesunden Volksempfinden sogar die Zustimmung von Marxisten und Feministinnen.
Tatsächlich verfügt das hochehrbare Zürich heute über ein breites Angebot an dem für Großstädte üblichen Sex-Service: Straßenstrich, derzeit 22 Sex-Shops, sieben Pornokinos - 312 "bordellartige" Betriebe, vor allem Massagesalons. Unter den derzeit 2353 registrierten Dirnen Zürichs - die Dunkelziffer wird auf rund tausend geschätzt - entwickelte die 22jährige Bettkünstlerin Mireille Fabian-Rüegg besondere Talente:
In einer Villa am Fuß des Nobelquartiers Zürichberg verabreichte sie unter Assistenz ihrer "Zofen" als stramme "Domina" den ebenso zahlungskräftigen wie verklemmten Zwinglianern den von ihr kreierten "Zahnarzt-Sex" mit allerlei
Wasserspielen und Spülungen. Die Sado-Komponente entsprach offenbar den Bedürfnissen der Zürcher Schickeria: Das Geschäft florierte, Mireille wurde reich.
Nun machte die geltungssüchtige Dame einen bei Zürchern unverzeihlichen Fehler: Sie zeigte sich auf Jet-set-Partys und in der Öffentlichkeit als das, was sie ist: eine Luxus-Nutte. Jetzt waren ihre Kunden entsetzt und machten einen Bogen um ihr Etablissement. Bald tauchten Beamte der Sittenpolizei auf. Der Laden wurde dichtgemacht, die Chefin vor acht Wochen wegen "gewerbsmäßiger Kuppelei" zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt.
"Heute wie im Barock: Die Fassade hat zentralen Wert", erkannte die Zürcher "Weltwoche" im Herbst vorigen Jahres, als die Strafverfolger verschiedene "Auswüchse im Sex-Gewerbe" entdeckten und diese "zurückstutzen" (Sittenpolizei) wollten. Dazu stellte das Blatt eine Photomontage: Das Zwingli-Denkmal als Wächter vor einem Pornokino-Eingang.
Zunächst wurde Zürichs einzige Peep-Show (auf Schweizerdeutsch: "Stützli-Sex") wegen "ideeller Immissionen", einer Bestimmung aus der kommunalen Bauordnung, verboten. Dann griff die Stadtpolizei arglose Nacktbader an Zürichs Seeufer auf und schleppte sie wegen "öffentlicher unzüchtiger Handlungen" aufs Polizeirevier, wo sie wie für die Verbrecherkartei abgelichtet wurden und Fingerabdrücke hergeben mußten.
Zwei Monate später wurde den sieben Zürcher Sex-Kinos die Vorführung von Pornofilmen untersagt. Schon das "Zurschaustellen von erigierten männlichen Gliedern", erfuhren die Zürcher von ihrem Obergericht, sei unzüchtig und dürfe ihnen nicht gezeigt werden.
Edi A. Stöckli, einer der Porno-Lichtspiel-Betreiber, hatte pro Monat bis zu 10 000 Franken aus seinen Einnahmen etlichen Alternativkünstlern aus der Jugendbewegung gespendet - eine für Zürichs Obrigkeit sehr verdächtige Art von Geldvergabe. Seit dem Porno-Verbot ist sein Umsatz "um fast ein Drittel" geschrumpft, die Lust am Mäzenatentum dahin.
Nach den Kinos kamen die "Sex-Shops" dran. Deren Angebot entspricht der überall in Westeuropa erhältlichen miesen Ware. Gleichwohl wurden 5800 Pornoheftchen, 180 Bücher, 518 Filme und 562 Videokassetten für das Zürcher Empfinden als "unsittlich" eingestuft und sichergestellt.
100 Masseusen, die mit Namen und Telephonnummer im Zürcher Boulevardblatt "Blick" inseriert hatten, müssen jetzt je 800 Franken Strafe zahlen, die Zeitung soll wegen "Mittäterschaft bei der Veröffentlichung von Gelegenheiten zur Unzucht" mit 3000 Franken büßen.
Die polizeiliche Pressezensur treibt Masseusen und Callgirls für den Kundenfang wieder auf den Strich, macht sie verstärkt von Zuhältern und Kriminellen abhängig. Schon stellen sich "mafiaähnliche Zustände" ein, erkannte eine parlamentarische Kommission. Doch wichtiger ist offenbar, daß die Sittenpolizei die Strichmädchen unter Kontrolle hat.
Verdrängen und zudecken, gegebenenfalls aggressiv zuschlagen: So verhält sich eine zwar selbstgerechte, im Grunde aber zutiefst verunsicherte Gesellschaft, die rechthaberisch daherredet, um Rückfragen nach eigenem Fehlverhalten zu übertönen.
Offenbar war die historische Ära des Zürcher Liberalismus zu kurz, um jene kulturelle Tradition der Toleranz und des Respekts für die Probleme unserer Zeit zu erneuern.
Was Wunder, daß sich Zürichs Eiszeit-Bürgerliche mit der auf Macht und Besitz gerichteten Lebensart der alten Zünfte identifizieren und im Zwingli-Jubiläumsjahr 1984 den Ursprung ihres Bürgertums erleben wollen.
Der Zunftgeist - alles wird hinter verschlossenen Türen in der Männerrunde abgekartet wie unter Freimaurern - ist so wieder das Band, das in der Zwingli-Stadt Wirtschaft, Politik und Kultur geistig zusammenhält.
"Unsere Zünfte erleben einen neuen Aufschwung", frohlockte Alt-Stadtpräsident und Zünftler Sigmund Widmer, Verfasser einer eher geschichtsklittrigen Zwingli-Huldigung, "die barocke Freude am historischen Prunk, am echten oder theatralischen Glanz, das alles entspricht in hohem Maße dem Zeitgeist."
Und das bedeutet: In Zürich ist nun alles wieder so, wie es früher schon war.
P. Hornung, G. Schmidtchen, M. Scholl-Schaaf: "Drogen in Zürich - Verbreitung und Hintergründe des Drogenkonsums Jugendlicher". Verlag Hans Huber, Bern, Stuttgart, Wien 1983; 192 Seiten; 32 Mark. Ulrich Gäbler: "Huldrych Zwingli. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk". Beck''sche Verlagsbuchhandlung München 1983; 164 Seiten; 22 Mark.
Von Michael Haller

DER SPIEGEL 15/1984
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