09.04.1984

HONGKONGFette Ratte

Das Handelshaus Jardine Matheson, Gründer der Kronkolonie, will sich ins Ausland absetzen. *
Der "Hongkong Standard" sah sein Weltbild erschüttert: Dies sei, "als höre man, die Königin von England wolle nach Australien emigrieren".
Das Ungeheuerliche: Ein Hongkonger Handelshaus hatte am Mittwoch vorletzter Woche angekündigt, es werde seinen Firmensitz aus der britischen Kronkolonie auf die Bermudas verlegen. Schon wenige Stunden nach dieser Verlautbarung standen Hunderte von Kleinanlegern
vor Maklerbüros Schlange, um ihre Aktien abzustoßen, ehe es zu spät sei. Die Kurse der Hongkonger Börse taten einen so tiefen Sturz wie seit vielen Monaten nicht.
Es ist in der Tat auch mehr als nur ein gewöhnliches Handelsunternehmen, das mit seinem überraschenden Ausreiseplan Panik stiftete und in Hongkong die Angst vor der Zukunft allenthalben neu aufleben ließ.
Denn Jardine Matheson & Co. ist nicht nur Hongkongs ältestes und heute mit Abstand größtes Handelshaus, Vorbild für das "Noble House Hongkong" des Bestseller-Romanciers James Clavell. Jardine Matheson ist ein Synonym für die britische Kronkolonie schlechthin - die beiden Firmengründer gelten als die Begründer des Handelsplatzes Hongkong. Auch das hat Clavell als Fiction nachgezeichnet; sein "Tai-Pan" war niemand anders als William Jardine.
Wenn rund 150 Jahre nach der Gründung des Unternehmens der neue Tai-Pan, der gerade ein Jahr amtierende Simon Keswick, 42, ein Verwandter des Gründers, Hongkong verläßt, kommt das einer Flucht Hongkongs vor sich selbst gleich.
Die abenteuerliche Geschichte Hongkongs begann mit zwei schottischen Händlern, Schmugglern, William Jardine, ein ehemaliger Wundarzt aus Glasgow, und James Matheson, ein Rauhbein aus den Highlands, hatten sich, unabhängig voneinander noch, zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in Kanton niedergelassen, um den Chinesen glückliche Träume und sich selbst fette Beute zu bescheren: Sie kauften in Indien Opium und handelten damit begehrte chinesische Güter ein, vor allem Gold und Tee, im Kantoner Umfeld. 1832 taten sich die beiden zu der Firma zusammen, die noch heute ihre Namen trägt.
Der Opium-Handel war illegal, aber einträglich. Zu schwach war die chinesische Regierung im fernen Peking, als daß sie die ausländischen Gift-Händler aus Kanton oder gar ganz China hätte vertreiben können.
Gleichwohl erkannten Jardine und Matheson, wie ungleich sicherer ihr Geschäft wäre, wenn sie von einer Basis aus operieren könnten, die zwar in China oder direkt vor China lag, chinesischer Kontrolle aber entzogen war. Ihr Schlupfwinkel hieß Hongkong.
1840 wurden die beiden am Hof in London vorstellig, Großbritannien müsse, wenn nötig mit Waffengewalt, das unterentwickelte China zwingen, sich dem freien internationalen Handel (auch als Markt für Opium) zu öffnen. Jardine und Matheson erwirkten Großbritanniens Beteiligung am ersten Opium-Krieg, durch den die damalige Weltmacht den freien Opium-Import nach China durchsetzen wollte.
Peking verlor; London nahm sich als Kriegsbeute das winzige, aber handelsstrategisch günstig gelegene Eiland Hongkong. Die ersten Käufer von Grundstücken in der neuen Kolonie hießen Jardine und Matheson. Anfangs beschäftigten sie 20 Mitarbeiter.
Diese noble Firma, auf Opium gegründet, residiert heute im berühmtesten Hochhaus Hongkongs, dem Connaught Center, beschäftigt mehr als 40 000 Angestellte und operiert in über 20 Ländern.
Seit über hundert Jahren wird, wie man in Hongkong sagt, die Macht dort vom Jockey-Club, Jardine Matheson, der Hongkong and Shanghai Bank und dem britischen Gouverneur ausgeübt - in dieser Reihenfolge.
Die Firma beschert der Kolonie seit ihrer Gründung jeden Tag High Noon: Ein Böllerschuß der Hauskanone pünktlich um 12 Uhr mittags ist Maßstab der Hongkonger Zeit.
Hongkong ist Jardine Matheson und vice versa: Das erste Krankenhaus erhielt die Kolonie vom Noble House, das Rathaus, den ersten Telegraphen. Ein Kraftwerk gehört Jardine Matheson oder seinen Tochtergesellschaften, Hotels, Schiffahrtslinien, Versicherungen, Ladenketten. Der größte Importeur der Kolonie ist die Firma; selbst die Milch, die die Hongkonger trinken, liefert jeden Tag eine von "JM" kontrollierte Gesellschaft. Das kaum überschaubare JM-Imperium macht mehr als ein Viertel des gesamten Kapitals an der Hongkonger Börse aus.
Da mußte es dieses Unternehmen naturgemäß härter als andere treffen, als Peking in den vergangenen Monaten immer unmißverständlicher deutlich machte, daß es nicht bereit ist, den Pachtvertrag für Hongkongs New Territories (ohne die das eigentliche Hongkong, "auf ewig" an England abgetreten, nicht lebensfähig wäre) über 1997 hinaus zu verlängern. Peking will die Souveränität über die gesamte Kolonie.
Jardine Matheson & Co. werden auch über den drohenden Wechsel in chinesische Hände hinaus in Hongkong präsent bleiben, werden weiterhin mit und in China Geschäfte machen - aber dann nur noch als unselbständige Tochter einer allumfassenden Holding auf den britischen Bermudas. Jardine-Chef Keswick: "Wenn wir international über langfristige Verträge verhandeln, ist es zweifellos ein Nachteil, sich mit Fragen nach der langfristigen Zukunft Hongkongs herumschlagen zu müssen." Für Rechtsstreitigkeiten etwa wäre künftig nicht mehr als letzte Instanz der Privy Council in London zuständig, sondern Peking.
Daß die Exodus-Order ausgerechnet zwei Wochen vor dem Besuch des britischen Außenministers Howe in Peking und Hongkong ausgegeben wurde, bei dem weiter über Modalitäten der chinesischen Übernahme verhandelt werden soll, führte zu Spekulationen, der Knall sei womöglich mit London abgestimmt:
Zweck wäre dann, der chinesischen Führung zu bedeuten, daß China rechtliche Konzessionen für die Zukunft Hongkongs machen müsse, wenn es die wirtschaftlichen Vorteile des kapitalistischen Einsprengsels im roten Reich weiterhin genießen will.
Andere sehen die Entscheidung des Noble House pragmatischer: Jardine Matheson & Co. habe nur mit Aplomb vollzogen, was etliche andere Hongkong-Unternehmen in aller Stille vorhaben oder schon vorbereiten.
"Hongkong ist ein sinkendes Schiff", meint ein Anwalt in Hongkong, "Jardine ist die erste fette Ratte, die über Bord springt. Aber wenn die Chinesen weiterhin das Hongkonger System mit seinen kapitalistischen Freiheiten nicht verstehen und akzeptieren, werden weitere Ratten springen."

DER SPIEGEL 15/1984
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