09.04.1984

ÖSTERREICHVöllig diskret

Schweizer Bevölkerung, deutsche Währung, österreichisches Staatsgebiet: Das Kleinwalsertal in den Allgäuer Alpen ist ein europäisches Kuriosum. *
Bürgermeister Walter Fritz, Chef der österreichischen Außenstelle Kleines Walsertal in Bayern, bejubelt einen stillen Sieg: "Ich habe nicht intrigiert und nicht sabotiert. Ich habe mich einfach totgestellt."
Fritz durchkreuzte damit die Absicht der Vorarlberger Landesregierung, ihre 5000 Kleinwalsertaler während der nächsten sieben Jahre mit Hilfe eines Tunnels heimzuholen.
Das 97 Quadratkilometer kleine Hochtal wird somit auch künftighin verbleiben, wo es bisher war - am Ostrand des Allgäus, rechtlich seit 1453 mit nur kurzen Unterbrechungen eindeutig zu Österreich gehörend, aber durch 2500 Meter hohe Barrieren des Bregenzer Waldes und der Allgäuer Alpen von Österreich getrennt. Die einzige Zufahrt eröffnet sich vom nahen deutschen Oberstdorf aus, während zum österreichischen Bundesland Vorarlberg lediglich Saumpfade führen.
Solch zwitterhafter Verhältnisse wegen schloß der österreichische Kaiser Franz Joseph I. 1891 mit dem Deutschen Reich einen rundum praktikablen Zollvertrag: Die Kleinwalsertaler Ortschaften Mittelberg, Riezlern und Hirschegg, deren Einwohner einst aus dem schweizerischen Wallis zugewandert waren, wurden "unbeschadet der landesherrlichen Hoheitsrechte Seiner Kaiserlichen und Königlichen Apostolischen Majestät" dem Zollsystem des Deutschen Reiches angegliedert, und zwar für 100 Jahre.
Der Vertrag erwies sich als dauerhaft. Er überlebte 1918 den Zusammenbruch der k. u. k. Monarchie und 1945 den Zusammenbruch Hitler-Deutschlands. Sogar die Besatzungsmächte ließen ihn unangetastet.
Trotzdem sollte er nach dem Willen der Vorarlberger Landesregierung nicht verlängert werden, "da der jetzige Zustand auf Dauer unbefriedigend" sei. Schon Ende der sechziger Jahre reifte in Bregenz der Entschluß, das Völkchen hinter den sieben Bergen durch eine Direktverbindung fester in den Griff zu nehmen und vor der schleichenden Germanisierung zu retten. Zur Debatte standen mehrere Tunnelvarianten von 1,7 bis 6,5 Kilometer Länge.
Landeshauptmann Herbert Keßler lobte, daß die Kleinwalsertaler stets "heimatbewußte und traditionsbewußte Vorarlberger" gewesen seien. Der Mittelberger Bürgermeister Fritz, der alle 5000 Talbewohner repräsentiert, sieht sich zwar selbst auch als "begeisterten Patrioten", fand die "Heim aus dem Reich"-Parole aber ganz und gar nicht beglückend. Denn: "Wir sind doch mit den Deutschen bestens gefahren."
Das stimmt. Die ursprünglich bitterarme Bauerngegend, die lediglich Käse herstellte, hat sich in der 93jährigen Zollehe mit Deutschland in eine Wohlstandsoase verwandelt, bewohnt von lauter reichen Verwandten der übrigen Vorarlberger.
Die kleine Gemeinde Mittelberg samt den Anhängseln Riezlern und Hirschegg ist längst eine touristische Großmacht
geworden. Mit 1,7 Millionen Übernachtungen im Jahr hält sie Platz drei unter den österreichischen Fremdenverkehrsorten - gleich hinter Wien und dem Skiparadies Saalbach, noch vor der Mozartstadt Salzburg. 70 Prozent der Mittelberger leben direkt oder indirekt von deutschen Urlaubern. Sie sind nicht mehr Bauern, sondern Hoteliers, Pensionsinhaber, Gastwirte, Cafetiers, Barbesitzer.
"Über die Staatsgrenze zu fahren, ohne das heimische Wirtschaftsgebiet zu verlassen, ist eben nur im Allgäu möglich", so erklärte Fritz die Attraktivität seiner Miniregion. "Wo sonst kann man eine innerdeutsche Auslandsreise oder eine ausländische Deutschlandreise machen?"
Zum Andrang auf die 11 500 Fremdenbetten dürften die Kuriosa dieses Vorarlberger Ferienwinkels mit schweizstämmiger Bevölkerung und deutscher Währung beitragen:
Es gibt im Kleinwalsertal vier deutsche Zöllner und zehn österreichische Gendarmen in Uniform; die Postbusse sind deutsch, die Briefmarken österreichisch ("Fritz: "Das hebt die Schreiblust enorm"); jede Ortschaft hat deutsche wie auch österreichische Postleitzahlen; Telephonieren kann man nach beiden Seiten zum Inlandtarif; bezahlt wird grundsätzlich mit Mark - das gilt sogar für die nach Wien abzuführende Steuer -, doch einen etwaigen Roulette-Gewinn im feschen Casino erhält man auch in Schillingen ausgezahlt.
Wenn ein Einheimischer mit dem Gesetz in Konflikt gerät, fliegt ihn die Gendarmerie unter Umgehung des deutschen Hoheitsgebietes mit einem Hubschrauber ins Bregenzer Gefängnis.
Wenn ein Kleinwalsertaler Soldat des österreichischen Bundesheeres per Auto in seine Vorarlberger Kaserne fährt, muß er auf deutschem Territorium die Uniform ablegen, so streng sind die Bräuche.
Für Bürgermeister Fritz schlägt sich das nationale Doppelglück in einer Fülle eigentlich unvereinbarer Ämter nieder. Er ist unter anderem Abgeordneter des Vorarlberger Landtags und Präsident des Vorarlberger Fremdenverkehrsverbandes, aber auch einer der Vize-Vorsitzenden des Fremdenverkehrsverbandes Allgäu-Bayerisch Schwaben.
Auch die übrigen Mittelberger - rund 3500 Österreicher, 1100 deutsche und 400 sonstige Ausländer - profitieren ausnahmslos von ihrer absurden Lage: Sie zahlen keine Gemeindesteuern (Fritz: "Das Casino bringt uns genug ein"); sie werden landwirtschaftlich zweifach gefördert - Bonn subventioniert die Landmaschinen, Wien die Butter; sie können ihre früher fast wertlosen Wiesen teuer verkaufen, weil es immer mehr Bundesbürger ins neutrale Österreich zieht; die Gehälter fließen in deutscher Qualität und österreichischer Quantität, das heißt 14mal im Jahr. Und auf den Kleinwalsertaler Dorfbanken lagerten Ende 1983 über 200 Millionen Mark.
Einerseits verdienen die Mittelberger Banker an deutschen Steuerflüchtlingen, die dort auf einem ausländischen Nummernkonto anonym Geld anlegen können. Andererseits leben die Tal-Banker von den innerösterreichischen Steuerflüchtlingen, vor allem jenen, die der neuen Zinsertragsteuer entgehen möchten.
Spezialplakate in den Mittelberger Geldinstituten propagieren Nummernkonten in deutscher Währung, "namenlos und völlig diskret, ohne Zinsertragsteuer". "Wir sind somit auf dem besten Wege, ein Klein-Zürich zu werden", witzelte ein Angestellter der Raiffeisenbank-Filiale Mittelberg.
Im ganzen kann sich also Bürgermeister Fritz zur verhinderten Heimkehr seines Minireichs ins Mutterland gratulieren. "Das mangelnde Tunnelinteresse der Mittelberger" (so die Bregenzer Landesregierung) macht eine Verlängerung des Zollvertrags von 1891 unvermeidlich.
Der Bürgermeister wünscht seiner Talschaft noch "möglichst viele weitere Jahre als Zwischenglied von Vorarlberg und Bayern".
[Grafiktext]
Allgäuer Alpen Oberstdorf BUNDES-REPUBLIK Riezlern Hirschegg Mittelberg KLEIN-WALSER-TAL Bregenzer Wald Deutsches Zollanschlußgebiet VORARL-BERG Baad ÖSTERREICH 0 Kilometer 10 Regensburg Ulm Freiburg Donan München Bregenz Kartenausschnitt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 15/1984
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