09.04.1984

Voll drauf

Klaus Schlappner vom SV Waldhof Mannheim ist der einzige Bundesligatrainer, dem die Fans aller 18 Klubs zujubeln. Schlappner: „Ich kämpfe gegen die Null-Bock-Typen.“ *
Udo Lattek von Bayern München sitzt beim Bundesligaspiel immer kerzengerade auf der Trainerbank und nagt mit den Zähnen an der Unterlippe. Ernst Happel vom Hamburger SV beschäftigt sich vorwiegend mit Zigaretten. Dettmar Cramer von Bayer Leverkusen sitzt lässig herum, als ginge ihn alles nichts an.
"Der Happel, der Lattek, da knistert nichts", erklärt Klaus Schlappner, 43, vom SV Waldhof Mannheim. "Von denen kommt keine Freude rüber, die funktionieren nur." Bei Waldhof Mannheim und Schlappner ist immer was los, sogar in der Halbzeitpause. Dann schreibt "Schlappi", wie ihn die Fußballfans von Freund und Feind nennen, Autogramme.
Zwischendurch schäkert der Pausenclown mit den Anhängern des Gegners. "Na, wollt ihr Tore sehen? Aber nur vom HSV, was? Unsere sind doch auch ganz schön." Nach dem 3:2-Sieg beim Deutschen Meister HSV schmiß der Sieger mit Schnauzer und Cabriolet-Frisur seinen Pepitahut auf die Ränge.
Elektromeister Schlappner aus dem Atomkraft-Örtchen Biblis, der lieber singt und lacht wie ein Komparse vom Blauen Bock, trägt manchmal auch Ernstes vor: "Wir Trainer sind heute die größten Sozialhelfer in den Städten." Oder: "Mir tut einer leid, der viel in seiner Birne hat, aber aus Bequemlichkeit nichts draus macht."
Waldhofs Schweinchen Schlau macht so ziemlich aus allem was. Sein Installationsbetrieb führt alle Elektroarbeiten für das neue Waldhof-Stadion in Mannheim aus. Regelmäßig widmet er sich der "Hege und Pflege des Wildes". Zuletzt brachte er ein Wildschwein zur Strecke. "Dann war der HSV dran."
Der Sieg kam zur rechten Zeit. Schlappners erst im letzten Sommer zur Bundesliga aufgestiegener SV Waldhof kann nun alle Abstiegssorgen vergessen. "Die hatte ich sowieso nicht", schildert der Trainer. "Die Mannschaft ist noch entwicklungsfähig, deshalb bleibe ich noch ein Jahr."
Und wohl auch der beste Bodenturner der Bundesliga bleibt er. Was Schlappi am Spielfeldrand vollführt, läßt manchen Parterreakrobaten erblassen. Der Waldhof-Kommandant schlägt auf der Laufbahn Rad, er hangelt an den Schutzgittern empor, wagt Luftsprünge mit solch beachtlichen Beingrätschen, daß "ich manchmal schöne Grüße von der Bandscheibe erhalte".
Seine Rufe an die Spieler sind allemal Verbalinjurien, die zur Beleidigungsklage ausreichen. "Du Dackel, schieß" oder "Du Schnecke, lauf", oder "Du, Ochse, wach auf". Doch alle Spieler hören das gern, weil "Schlappi ein Mensch ist", behauptet Mannschaftskapitän Sebert. "Solche Zurufe helfen uns sehr", versichert Spielmacher Alfred Schön. "Wenn ich noch eine Saison bei Waldhof bleiben sollte, dann nur wegen Schlappi."
Als Klaus Schlappner (Trainerdiplom mit Sehr gut) den SV Waldhof Mannheim 1980 übernahm, stand der Klub "fast vor der Auflösung", erinnert sich der Fußball-Lehrer. Schlappner tat damals das, was er heute noch in der Bundesliga tut: Er ließ Jugendspieler und Senioren gemeinsam trainieren. Schlappner: "Der beste Spielertransfer ist immer noch der aus der eigenen Jugend."
Über die Sparwelle anderer Bundesligaklubs kann der kurpfälzische Fußball-Schwejk nur lachen: "Wenn die jetzt 10 oder 20 Prozent weniger Gehälter an die Spieler zahlen, dann zahlen sie immer noch 180 Prozent zuviel."
Jeder Waldhof-Spieler kassiert jährlich 150 000 Mark, das und noch mehr verdienen bei anderen Klubs die Kicker, die fast immer auf der Ersatzbank sitzen bleiben.
Abgesehen vom Kleingeld in Waldhof gestattet Schlappner seinen Spielern andere Freiheiten mehr als andere Kollegen. "Wer nicht Bier trinkt, kann auch nicht Fußball spielen", meint der Mannheimer Trainer. Und während Fußball-Deutschland ins Brüten verfallen ist, ob nun die Raumdeckung besser sei als die Manndeckung, begehrt Schlappner auf: "Das Wort Raumdeckung will ich nicht mehr hören, wir sind doch keine Eberstation." Schlappner predigt seinen Spielern den "Raumangriff".
Beim Urteil der Schieds- und Linienrichter wählt der listige Coach das Mittel der Ironie. Nach einer Niederlage, die nicht zuletzt deshalb zustande gekommen war, weil ein Mannheimer Tor durch den Linienrichter wegen Abseits
vereitelt worden war, erzählte Schlappner mit ungewohnt leiser Stimme: "Für uns war mit dem Tor ja alles klar, und für die Leit aach, aber dann stand da draußen ein Männlein ..." Der Rest ging im Gelächter der Zuhörer unter.
"Ich kann's Maul nicht halten", gibt Schlappner ("Ich kämpfe gegen die Null-Bock-Typen") treuherzig zu. "Ich muß auch immer brüllen, wenn einer meiner Spieler kunstvoll die Eichhörnchen-Nester auf der Torlatte runterschießt, der soll lieber voll draufhalten, dann schlägt's auch mal ein."
Nach einem weiteren Jahr bei Waldhof Mannheim will der Mundart-Trainer auch bei einem Klub trainieren, "wo hochdeutsch gebabbelt wird". Denn neidische Kollegen vermuten, daß einer wie Schlappi nur in Mannheim und Umgebung tragbar sei. "Spätestens nächste Saison steigen die doch ab", prophezeit Bayerns Lattek. "Dann ist doch die Biertisch-Masche vom Schlappi abgelaufen."

DER SPIEGEL 15/1984
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