18.06.1984

„Auffallend, diese Parallele mit Seveso“

Dioxin (II): von der chemischen Waffe zum Symbol für Umweltzerstörung *
In Fort Detrick im Bundesstaat Maryland an der Ostküste der Vereinigten Staaten forschten Chemiker Tag und Nacht nach einem neuen Stoff. Im Auftrag des amerikanischen Kriegsministers Henry Lewis Stimson analysierten, mischten und destillierten Hunderte von Wissenschaftlern fast tausend giftige Substanzen, unter Zeitdruck und hermetisch von der Außenwelt abgeschirmt.
Die Arbeit der Gift-Experten im Chemischen Corps der US-Armee konzentrierte sich auf Stoffe, mit denen Büsche und Bäume entlaubt und wichtige Nahrungsmittel, etwa Kartoffeln, Weizen, Hafer und Reis, vernichtet werden konnten. Ziel der Forscher: Entwicklung einer "kriegsentscheidenden Waffe".
Kurz von Ende des Zweiten Weltkrieges, 1944, waren die Wissenschaftler in Uniform soweit. Sie hatten zwei C-Waffen gefunden, deren Wirkung ihr Chef, General Jacquard H. Rothschild, in dem Buch "Die Waffen von morgen" so beschrieb: "Sie sind in ziemlich kleinen Mengen wirksam ... können einfach hergestellt und gelagert werden, wirken sehr schnell auf die Pflanze und sind in ihrer Wirksamkeit nicht sehr vom Wetter abhängig." Die Decknamen der Stoffe lauteten "LN 8" und "LN 14".
Sofort und auf Hochtouren begann die Kriegsindustrie, die beiden Chemikalien tonnenweise herzustellen. Im Sommer 1945, die Deutschen hatten schon kapituliert, lief ein Frachter von der Pazifik-Inselgruppe der Marianen aus - Kurs Japan. An Bord war genug LN 8 und LN 14, um, wie das Chemische Corps errechnet hatte, 30 Prozent der japanischen Reisernte zu vernichten.
Der Tod im Reisfeld aber fand so nicht statt, die chemische Waffe kam erst rund siebzehn Jahre später unter dem Namen "Agent Orange" in Vietnam zum Einsatz. 1945 waren US-Forscher einer anderen naturwissenschaftlichen Fachrichtung den Chemikern von Fort Detrick zuvorgekommen.
In Los Alamos, 3000 Kilometer südwestlich vom C-Waffen-Camp, hatten Kernphysiker um Robert Oppenheimer und Edward Teller die Atombombe entwickelt. Als zwei dieser Bomben im August 1945 über Hiroschima und Nagasaki zündeten, war der Krieg beendet; der Frachter mit LN 8 und LN 14 drehte kurz vor Japan ab.
General Rothschild enthüllte später, was sich hinter den geheimnisvollen Kürzeln LN 8 und LN 14 verborgen hatte: zwei eng miteinander verwandte Halogenierte Kohlenwasserstoffe, _(Kohlenwasserstoffe sind chemische ) _(Verbindungen von Kohlen- und ) _(Wasserstoff, die sich mit ) _(Strukturformeln exakt beschreiben ) _(lassen. Werden sie angereichert durch ) _(Fluor, Chlor, Brom oder Jod (sogenannte ) _(Halogene), sprechen Chemiker von ) _(Halogenierten Kohlenwasserstoffen (HKW). ) _(Zu den Chlorkohlenwasserstoffen zählen ) _(die Polychlorierten Dibenzodioxine ) _((PCDD) und die nahe verwandten ) _(Polychlorierten Dibenzofurane (PCDF), ) _(von denen es insgesamt 210 Formationen ) _(gibt. Nach der jeweiligen Anordnung der ) _(Chloratome in der Molekülstruktur ) _(erhalten die Dioxine und Furane ihre ) _(spezielle Bezeichnung: etwa ) _(2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin - das ) _(Seveso-Dioxin. )
die in der Chemikersprache 2,4-Dichlorphenoxyessigsäure (2,4-D) und 2,4,5-Trichlorphenoxyessigsäure (2,4,5-T) heißen. In beiden Stoffen wirken vor allem Angehörige eines chemischen Killer-Clans: Polychlorierte Dibenzodioxine (PCDD) und Dibenzofurane (PCDF) - Substanzen, die seit Seveso weltweit in Verruf sind und die zuletzt in Hamburg, wo sich Mißbildungen bei Babys häuften, für Schlagzeilen sorgten.
Wie die Kernphysiker nach dem Krieg auf die friedliche Nutzung der Atomenergie umschalteten, so verfuhren auch die Chemiker. Der US-Sonderbeauftragte für biologische Kriegführung, George W. Merck, empfahl, die Ergebnisse der Gift-Forschung "für die öffentliche Gesundheit, Landwirtschaft, Industrie und
Naturwissenschaften" auszuschlachten. Merck sprach von einem "großen und bleibenden Wert für das menschliche Wohlergehen". "Schwerter zu Pflugscharen schlagen" nannte das später der Chef einer New Yorker Chemiefirma.
Den Managern der Chemieindustrie kam die Offerte gelegen. Die US-Konzerne Monsanto, DuPont und Dow Chemical begannen mit der zivilen Produktion von 2,4,5-T und deren Verwandten aus der Chemiesippe der Halogenierten Kohlenwasserstoffe (HKW). In der Bundesrepublik trug die Stoffgruppe nach dem Krieg zum Aufstieg der Firmen Bayer, Hoechst und BASF in die Weltspitze der Branche bei.
Jahrzehntelang galten HKW-Erzeugung und -Verarbeitung als eine Art Indikator für Fortschritt und Wohlstand in der westlichen Welt. Die Produktion des für die Kunststoff-Chemie wichtigen Halogens Chlor, so befand der langjährige BASF-Vorstandsvorsitzende Carl Wurster, habe die "Eigenschaft eines Barometers für die Höhe des Lebensstandards".
Ohne chlorierte Kohlenwasserstoffe, von denen es rund 5000 verschiedene Verbindungen gibt, wäre das Leben in Industriestaaten weniger komfortabel. Fernseher und Auto, Plastiktüten und Raketen - kaum ein technisches Gerät, in dem kein Kunststoff auf HKW-Basis verarbeitet wäre. Angehörige dieser Chemikalien-Familie machen Lebensmittel haltbarer und konservieren Textilien. Als Wirkstoff in Pflanzen- und Insektenvernichtungsmitteln tragen die Stoffe dazu bei, den Hunger in der Welt zu lindern und Seuchen zu verhindern.
Verbindungen dieser Art stecken in Intimsprays und Babypuder, Farben und Holzschutzmitteln, sie sorgen in Kühlschränken für Kälte und in Isoliermaterial für Wärme. In fast allen Lebensbereichen errangen Halogenierte Kohlenwasserstoffe jene schier allumfassende
Bedeutung, die BASF-Wurster der gesamten Chemie beimaß: die Verwirklichung des "alten alchimistischen Traums vom Lebenselixier".
Am 10. Juli 1976, um 12 Uhr 40, kam das Erwachen. In Seveso, nördlich von Mailand, explodierte bei der Herstellung von 2,4,5-T ein Reaktor der Firma Icmesa, einer Tochtergesellschaft des Schweizer Pharma-Konzerns Hoffmann-LaRoche. 75 000 Tiere verendeten, Hunderte verletzte Italiener mußten evakuiert werden. Bilder von entstellten Kindergesichtern gingen um die Erde. Millionen Laien hörten erstmals von der Existenz eines Stoffes namens Dioxin.
Seither vergeht kaum eine Woche, in der dieses Wort nicht für Meldungen sorgt und die Kehrseiten des chemischen Fortschritts erhellt. "Seveso ist zum Schlagwort für die Risiken der chemischen Industrie geworden", sagt der Chemiker, Fachbuchautor ("Seveso ist überall") und hessische Umweltbeamte Fritz Vahrenholt, "Risiken, die man lange vernachlässigt, bagatellisiert oder ganz einfach unter den Teppich gekehrt hat."
Dioxin, das wahrscheinlich giftigste aller jemals synthetisierten Gifte, setzt, mehr als jede andere Chemikalie, die Menschheit vier - grundverschiedenen - Gefahren aus: *___Durch militärische Anwendung wie in Vietnam: Das ____eingesetzte Entlaubungsmittel Agent Orange enthielt ____hohe Konzentrationen Dioxin, das nach Studien ____vietnamesischer Mediziner Tausende von Fehlgeburten und ____Mißbildungen ausgelöst hat. *___Durch zivile Produktion etwa von Pflanzen- und ____Insektenvernichtungsmitteln, die Spuren von Dioxin ____enthalten: Bei der Herstellung oder bei Werksbränden - ____beispielsweise 1953 bei BASF in Ludwigshafen, 1954 bei ____Boehringer in Hamburg, 1976 in Seveso und schließlich ____1979 wieder bei BASF - ist es zu Unfällen mit Hunderten ____von Verletzten gekommen. *___Durch kriminellen oder fahrlässigen Umgang mit ____dioxinhaltigen Produktionsabfällen, durch Lagerung auf ____Werksgelände, Hausmülldeponien und wilden Kippen oder ____durch Verwendung als Baumaterial: Auf diese Weise sind ____- etwa 1983 im amerikanischen Times Beach oder jüngst ____im Hamburger Stadtteil Moorfleet - Menschen in Gefahr ____gebracht und möglicherweise Mißbildungen bei Babys ____ausgelöst worden. *___Durch Hausmüllbeseitigung: Als Bestandteil einer ____unüberschaubaren Vielzahl von Produkten geraten Dioxine ____wie Dioxinverwandte spätestens bei der Müllverbrennung ____in die Umwelt. Dort bauen sie sich, weil extrem ____langlebig, kaum ab, sondern reichern sich, so das ____Umweltbundesamt (UBA), in den Nahrungsketten an und ____wirken gleichsam als chemische Zeitbombe. Als (bislang ____nur unzureichend erforschte) Langzeiteffekte werden ____unter anderem Krebs, Mißbildungen und ____Erbgutveränderungen vermutet.
Mit Unbehagen verfolgen Chemiemanager die - nicht selten von Hysterie geprägte - öffentliche Erörterung der Risiken etwa von 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin (TCDD), wie Chemiker die wahrscheinlich giftigste Form der insgesamt 210 Dioxin- und Furan-Verbindungen nennen, oder anderer Halogenierter Kohlenwasserstoffe. "Auf dem Spiel steht", so Karl Schmitt-Korte von der Deutschen Shell Chemie, "die Glaubwürdigkeit der gesamten Chemieindustrie."
Mit Dioxin befassen sich längst die Parlamente von Bund und Ländern. In Untersuchungsausschüssen bemühen sich Politiker, die verwickelten Zusammenhänge der Kohlenwasserstoff-Chemie zu begreifen und grübeln, ob und wie Dioxine aus der Welt zu schaffen sind.
Umweltschützer von Robin Wood und Greenpeace blockieren die Tore von Chemiefirmen wie Boehringer in Hamburg oder Hoffmann-LaRoche in Basel und propagieren einen Boykott der Produkte solcher Chemiemultis. Schwangere demonstrieren gegen schleichende Vergiftung und klagen in einem Schreiben Kanzler Helmut Kohl an, einer "Entwicklung zur Selbstmordgesellschaft" Vorschub zu leisten. Wissenschaftler streiten darüber, so im Mai in Wien, Mailand und Berlin oder letzte Woche in Hamburg, wie das Gift in die Umwelt gelangt, was es bewirkt und ob es eine "Gefahr für jedermann" ist.
Noch ist nicht ermittelt, wo genau die gesundheits- oder lebensgefährdende Dosis der "unheimlichen Substanz X", wie Boehringer den Stoff 1957 in einem Schreiben an die US-Firma Dow Chemical nannte, für Menschen liegt. Daß sie aber so winzig ist wie bei kaum einem anderen Stoff, scheint gewiß: Dioxine und Furane wirken offenbar schon in unvorstellbar geringen Mengen, die nur in Millionstel (mathematisch: 10-6), Milliardstel (10-9), Billionstel (10-12) oder Billiardstel (10-15) Bruchteilen eines Gramms angegeben werden können.
In höchstem Maße giftig, soviel steht spätestens seit dem Berliner Symposium fest, ist keineswegs allein das 2,3,7,8-Dioxin, dessen Wirkung nach dem Seveso-Unfall am gründlichsten untersucht worden ist. Wohl gibt es unter den 210 Dioxin- und Furantypen Varianten, die relativ harmlos sind. Doch andere stehen dem Seveso-Gift in der Gefährlichkeit kaum nach.
Die unheimliche Stoffgruppe hat, über Atemluft und Nahrung, die Menschen vielerorts schon erreicht. Das Umweltbundesamt zieht zwar eine allgemeine, akute Gefährdung noch "nicht in Betracht",
warnt aber schon vor den "in der Umwelt und in der Nahrungskette ubiquitär vorkommenden TCDD-Konzentrationen" - Dioxine, so heißt das auf deutsch, sind überall.
Dioxine und Furane entstehen vor allem als unerwünschte Nebenprodukte bei der Herstellung von Holzschutz-, Pflanzenvernichtungs- und Insektenvertilgungsmitteln. Im badischen Rheinfelden etwa, wo Dynamit-Nobel jährlich einige tausend Tonnen der Holzschutzmittel "Witophen P" und "Witophen N" produziert, fallen pro Jahr mehrere Tonnen sowohl als Verunreinigung in den Dynamit-Waren als auch im Nobel-Abfall an (SPIEGEL 22/1984).
Schon führt die "Interessen-Gemeinschaft der Holzschutzmittel-Geschädigten" mehrere Todesfälle auf Vergiftungen durch das Holzschutzmittel Pentachlorphenol (PCP) zurück. Verwandte von Opfern, die in holzverkleideten Räumen lebten, klagen gegen die Herstellungsfirmen, seit Wissenschaftler bei Autopsien Verstorbener Dioxine fanden. Der schwedische Forscher Christoffer Rappe wies in den Organen eines verstorbenen Mädchens (Diagnose: "Plötzlicher Kindstod") aus Nienberge bei Münster drei Dioxin-Typen und neun Furan-Varianten nach.
Auch in der Fachliteratur sind zahlreiche Fälle von PCP-Vergiftungen beschrieben. Die Holzschutzmittel-Industrie bestreitet zwar bis heute einen Zusammenhang zwischen PCP, das etwa so giftig ist wie Arsen, und Gesundheitsschäden, verbannte den Wirkstoff aber aus etlichen Produkten. Durch Pestizide, die häufig Chlorkohlenwasserstoffe enthalten, kommen, vor allem in Entwicklungsländern, nach Ermittlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jährlich wenigstens 5000 Menschen um, rund 500 000 erkranken. Mit importiertem Gemüse und Obst kehren in die Dritte Welt exportierte Gifte wie ein ökologischer Bumerang zu den Verbrauchern in den Industriestaaten zurück.
Mit Stäuben und Gasen, die stetig aus Müllverbrennungsanlagen und Kohlekraftwerken entweichen, nehmen die Bundesbürger täglich Mini-Mengen an Dioxinen über die Atemluft auf. Mitte Mai mußte erstmals eine Anlage in Darmstadt schließen, weil die Betreiber ihre dioxinhaltige Filterasche nicht mehr loswurden. Aus dioxinverseuchten Deponien dringt der Stoff, wie in Hamburg-Georgswerder oder Malsch bei Heidelberg, in die Umwelt.
Dioxine und Furane, das vermuten Chemiker, entstehen bei nahezu allen Verbrennungsvorgängen, an denen Chlor, Kohlen- und Sauerstoff beteiligt sind. Der Ulmer Chemie-Professor Karlheinz Ballschmiter möchte "darauf wetten, daß das Zeug auch aus jedem Auto-Auspuff kommt".
Der Horror-Stoff steckt, wie amerikanische Analytiker ermittelten, längst im Straßenstaub von Städten. Nach einer Zusammenstellung der US-Umweltschutzbehörde EPA findet er sich in Fischen, ganz gleich, ob sie aus dem Baltischen Meer oder amerikanischen Binnenseen stammen, in Sojabohnen wie im Hafer. Professor Christoffer Rappe von der Universität im schwedischen Umea, der im Frühjahr dieses Jahres erstmals Dioxin in der Muttermilch westdeutscher und schwedischer Frauen nachwies, geht davon aus, daß sich mittlerweile in allen Menschen in Industrienationen Dioxin-Depots gebildet haben.
In den USA und den Niederlanden werden schon gelegentlich verseuchte Wohnhäuser abgerissen. Die Bewohner ganzer Ortschaften mußten umziehen, weil ihre Siedlungen, so im amerikanischen Love Canal, auf dioxinverseuchtem Untergrund stehen.
In den USA und in Australien, in Seveso wie in Ludwigshafen, klagen Dioxin-Opfer gegen Staat und Chemiefirmen. Rund 15 000 Veteranen des Vietnam-Krieges leiteten einen Entschädigungsprozeß gegen US-Chemiefirmen ein und sollen nun mit 180 Millionen Dollar entschädigt werden. In Karlsruhe prüfen Verfassungsrichter die von einem schleswig-holsteinischen Bürger eingereichte Frage, ob die Bundesregierung "durch Unterlassen eines absoluten Verbots" von dioxinhaltigen Chemikalien "das Grundrecht eines jeden Bundesbürgers auf Leben und körperliche Unversehrtheit" verletzt habe.
Zunehmend wird die Erde mit einem Stoff verseucht, von dem nach Schätzungen der US-Umweltbehörde EPA schon ein Milliardstel Gramm genügen könnte, bei Menschen Krebs auszulösen. Überdies stehen die meisten der 75 Dioxine und viele der 135 mit ihnen verwandten Furane im Verdacht, das Erbgut in Samen- und Eizellen zu schädigen.
Toxikologen streiten allerdings darüber, ob die erbgutschädigende Wirkung von Dioxinen nur schwach oder, im Gegenteil, rund eine Million mal höher
ist als die des Schlafmittels Contergan, das Anfang der sechziger Jahre weltweit bei 10 000 Neugeborenen zu Verkrüppelungen führte. Unabschätzbar ist die Bedrohung durch Halogenierte Kohlenwasserstoffe, zu denen Dioxine und Furane zählen, auch deshalb, weil viele von ihnen recht lange in der Umwelt verweilen.
Glaubten Wissenschaftler noch vor einigen Jahren, die Halbwertzeit - der Zeitraum, in dem die Hälfte einer bestimmten Stoffmenge zerfällt - des Seveso-Giftes betrage nur Monate, so gehen
sie heute von zehn Jahren aus. "Und vielleicht", so Dioxin-Experte Rappe beim Berliner PCDD-Treffen, "dauert es noch länger."
Haben die Gifte erst einmal die Umwelt verpestet, ist es nahezu unmöglich, diese Verbindungen wieder zu beseitigen. "Nach heutigem Wissensstand", sagt der Präsident des Umweltbundesamtes, Heinrich Freiherr von Lersner, beispielsweise über die furanhaltigen Polychlorierten Biphenyle (PCB), "scheidet eine technische Eliminierung aus der Umwelt im nachhinein praktisch aus."
Langlebigkeit und Fettlöslichkeit "prädestinieren diese Verbindungen", warnt der Schweizer Dioxin-Experte Hans-Rudolf Buser, "zur Anreicherung in Nahrungsketten". So kann die dauerhafte Zufuhr selbst geringster Mengen von Dioxinen und Furanen zur schleichenden Vergiftung von Organen wie Leber, Nieren und Bauchspeicheldrüse führen oder Hautkrankheiten auslösen. Medikamente oder Therapien, die bei einer Dioxin-Vergiftung helfen, gibt es bislang nicht.
Möglich ist auch, daß gefährliche Chlorkohlenwasserstoffe zur Unfruchtbarkeit von Menschen beitragen. Nachdem Biologen schon vor Jahren nachgewiesen hatten, daß HKW zu "Reproduktionsstörungen" von Fischen, Vögeln und Säugetieren beitragen, fanden Wissenschaftler des Hamburger "Instituts für Hormon- und Fortpflanzungsstörungen" jetzt einen ersten Hinweis darauf, daß dies auch bei Menschen so sein könnte.
Das Team um den Mediziner Heinz G. Bohnet untersuchte die Eizellenflüssigkeit von 47 unfruchtbaren Frauen aus Westdeutschland und Österreich. Die Forscher fanden "signifikante Werte" von HCH, DDT, PCB, Dieldrin, Hexachlorbenzol und Heptachlorepoxid. "Dies ist ein Indiz dafür", sagt Bohnet, "daß chlorierte Kohlenwasserstoffe ein Faktor sein könnten, der zur Unfruchtbarkeit von Frauen beiträgt."
Das alles hat Dioxine und ihre Verwandten zum Symbol gemacht für die Schattenseiten der Chemiegesellschaft: Dioxin steht "für das Versagen der Umweltpolitik" (Lersner) wie für die Bedrohung der Gattung Mensch durch Tausende künstlich geschaffener Substanzen.
Bürger westlicher Industrienationen nehmen, errechneten amerikanische Wissenschaftler der Food and Drug Administration, rund fünf Pfund Chemikalien pro Jahr mit der Nahrung auf. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation werden 60 bis 90 Prozent aller Krebserkrankungen durch chemische Substanzen ausgelöst. Schon ist Krebs in der Bundesrepublik, dem Land mit der weltweit zweithöchsten Chemiedichte (Verhältnis von Jahresproduktion zur Bevölkerungsdichte), zur dritthäufigsten Todesursache bei Kleinkindern aufgerückt. Als zweithäufigste Todesursache (nach Unfällen) nennt das Statistische Bundesamt erbbedingte Anomalien.
Welchen Anteil die Chemie allgemein, Dioxine oder andere Faktoren an dieser Entwicklung haben, ist unbekannt. Gleichwohl hat Dioxin, stärker noch als der Saure Regen, Schwermetalle im Boden und Nitrate im Grundwasser, die
chemische Belastung von Mensch und Umwelt ins öffentliche Bewußtsein gerückt. Und Dioxin könnte auch jener Stoff sein, der Bonns Politiker zum Umdenken zwingt.
Nachdem sie jahrzehntelang, im Vertrauen auf die vermeintlich grenzenlose Belastbarkeit von Mensch und Natur, die Manager von Chemiefirmen nahezu unkontrolliert hatten schalten und walten lassen, dämmert manch einem nun, daß die Kosten solcher Politik der Gesellschaft über den Kopf wachsen könnten.
Für Hunderte Millionen Mark müssen, wie in Hamburg, dioxinverseuchte Mülldeponien gesichert oder ausgegraben werden. Reihenuntersuchungen von Bewohnern verseuchter Regionen verschlingen ebenso Etatmittel wie die Umrüstung von Müllverbrennungsanlagen. Und Jahr für Jahr müssen die Steuerbürger Milliardenbeträge aufbringen, um jene Gesundheitsschäden zu bekämpfen, die womöglich Chemikalien ihnen zugefügt haben.
Gleichwohl führen Behörden durch Nachlässigkeit noch immer Umweltgesetze ad absurdum. In Frankfurt etwa leitete die Stadt tonnenweise giftigen Klärschlamm in den Main, obwohl das nach dem Wasserhaushaltsgesetz nicht zulässig ist (SPIEGEL 11/1984). In Hamburg ließ der Senat dioxindurchsetzte Flugasche auf Hausmülldeponien transportieren, obgleich TCDD-Lagerung dort verboten und eine für den Transport nötige Sondergenehmigung nicht beantragt worden war (SPIEGEL 4/1984).
Mangelndes Umwelt- und Unrechtsbewußtsein von Staatsmanagern und Aufsichtsbeamten hat auch die Kontrolle der Chemieindustrie weitgehend zur Farce geraten lassen. Politiker und Behörden ließen und lassen allenthalben die Belastung der Bevölkerung mit Halogenierten Kohlenwasserstoffen zu: *___Lebensmittel, vom Joghurt bis zur Margarine, wurden ____jahrelang mit Kunststoffen verpackt, die bedenklich ____viel Vinylchlorid (VC) enthielten, das unter anderem ____Krebs und Gehirntumore auslösen sowie Haut- und ____Knochenveränderungen bewirken kann. Zwar wurde der ____VC-Anteil seit 1978 in zahlreichen Produkten erheblich ____reduziert. Doch "prinzipiell" müsse man davon ausgehen, ____wie der Toxikologe und VC-Experte Professor Dietrich ____Henschler schon 1977 warnte, "daß auch die geringste ____Exposition mit Vinylchlorid eine potentielle Gefahr ____darstellt". *___Holzschutzmittel, die den Naturstoff vor Wurm- und ____Pilzbefall bewahren sollen, dürfen nach wie vor ____Pentachlorphenol (PCP) enthalten, einen Stoff, der mit ____Dioxinen und Furanen verunreinigt ist und laut ____Innenministerium "nicht zu behebende Gesundheitsschäden ____wie Leberzirrhose, Knochenmarkschwund und ____Nervenschädigungen hervorrufen" kann. *___Zur Herstellung von Hydraulikölen und Kühlmitteln ____dürfen die extrem langlebigen Polychlorierten Biphenyle ____(PCB) verwendet werden; allein die Bergbau-Maschinen an ____Ruhr und Saar enthalten Tausende Tonnen des ____dioxinhaltigen Weichmachers, den Säuglinge schon mit ____der Muttermilch in stärkeren Konzentrationen aufnehmen, ____als sie in der Kuhmilch erlaubt sind. Noch in diesem ____Frühjahr lehnte der Bundesrat einen Antrag Hessens ab, ____sämtliche PCB-Bestände bis 1988 vernichten zu lassen. *___Auf Wiesen, Äckern und in Wäldern dürfen noch immer ____Unkraut- und Ungeziefervernichtungsmittel angewandt ____werden, die das Fraß-, Kontakt- und Atmungsgift ____Hexachlorcyclohexan (HCH) enthalten, einen Schadstoff, ____der sich mittlerweile in nahezu allen ____landwirtschaftlichen Produkten und, wie PCB, in hohen ____Konzentrationen auch in der Muttermilch westdeutscher ____Frauen findet. *___Kosmetika, etwa Aknemittel, Seifen, Deodorants und ____Hautcremes, weisen Spuren des Bakterien-Killers ____Hexachlorophen (HCP) auf, obgleich der ____Desinfektionswirkstoff Nervenleiden auslösen und zu ____Fehlgeburten führen kann; in Frankreich starben 1972 36 ____Kleinkinder, die mit einem HCP-haltigen Babypuder ____gepflegt worden waren.
Alle diese HKW-Verbindungen sind mit Spuren von Dioxinen, Furanen oder ihren chemischen Verwandten, Prädioxinen, durchsetzt.
Auch 2,4,5-T, das dioxinhaltige Kriegsgift aus Fort Detrick, das nach einer Übersicht der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft in mehr als 80 Pflanzenvernichtungsmitteln enthalten ist, darf in der Bundesrepublik - anders als in Schweden, den Niederlanden und etlichen US-Staaten - noch immer produziert und versprüht werden.
Als die Verwendung des Stoffes 1981 in Hamburg, Hessen und Nordrhein-Westfalen auf landeseigenen Flächen untersagt wurde, zog das für die Entscheidung zuständige Bundesgesundheitsamt zwar, unter dem Eindruck der Katastrophe von Seveso, zunächst mit und verhängte ein Anwendungsverbot. Nachdem die damaligen 2,4,5-T-Hersteller und -Händler juristisch gegen die Order angegangen waren, nahmen die amtlichen Gesundheitsschützer eine "Neubewertung" vor und verlängerten die Erlaubnis bis 1985. "Gesundheitliche Risiken", hieß es nun, "bestehen nicht."
Mit Verboten tun sich westdeutsche Politiker und Behörden schwer. Die Chemielobby verweist regelmäßig auf die Arbeitsplätze, die möglicherweise durch staatliche Reglementierungen bedroht wären, und auf die Gefährdung ihrer Konkurrenzfähigkeit am Weltmarkt. Überdies müssen Umweltbeamte, die ökologische Notwendigkeiten ebenso hoch bewerten wie ökonomische Belange und deshalb auch Gift-Verbote befürworten, mit Schadensersatzklagen betroffener Unternehmen rechnen.
"Wenn wir uns überlegen, einen Betrieb dichtzumachen", sagt ein hoher westdeutscher Umweltbeamter, "müssen wir immer daran denken, daß der
Unternehmer bestimmt mit einer Regreßforderung kommt. Die großen Firmen haben immer die besten Wissenschaftler, die jede gefährliche Chemikalie als harmlosen Stoff darstellen können. Und sie haben die besseren Juristen, die Lücken im Umweltrecht so auslegen, daß wir schnell mit dem Rücken an der Wand stehen."
Wohl aus solchen Gründen zeichnet sich westdeutsche Umweltpolitik vor allem durch eines aus: unterlassen. Auf eine Dioxin-Anfrage der Grünen erklärte das Kohl-Kabinett in diesem Februar, Umweltschutz sei am besten in den Händen jener aufgehoben, die den Dreck verursachten: "Die Bundesregierung ist ... der Auffassung, daß Selbstbeschränkung der Industrie auf freiwilliger Basis" noch am ehesten die Natur vor TCDD bewahre.
Daß Politiker, wenn sie sich in Umweltschutz-Fragen auf Chemiefirmen verlassen, manchmal verlassen sind, erfuhr gerade die Hamburger Landesregierung. Jahrelang durfte Boehringer Chloranisol, einen Rückstand aus der 2,4,5-T-Produktion, auf Hamburger Müllkippen ablagern. Daß Chloranisol Dioxine enthält, entging der Umweltbehörde.
Vorletzte Woche kam es noch dicker: Von Hamburgs Umweltsenator Curilla beauftragte unabhängige Chemiker untersuchten erstmals Produktionsanlagen des Unternehmens und entdeckten, daß bei Boehringer "mehr Dioxine anfallen", so ein Curilla-Mitarbeiter, "als wir es uns in unseren schlimmsten Träumen ausgemalt haben". Im Zersetzer, einem Reaktionsgefäß der HCH-Herstellung, wurden insgesamt 46,5 Gramm Dioxine pro Kilogramm gemessen. Das macht, bei 200 Tonnen Jahres-Abfall, 9,3 Tonnen Dioxine.
Jahrzehntelang hatte Boehringer den Giftmüll als dioxinfreie "Zersetzerrückstände" deklariert und damit Genehmigungen für Ablagerung und Transport erwirkt. Unter den Augen des Senats wanderte das Zeug auf den Müllberg von Georgswerder und eine Kippe an der Müggenburger Straße. Kein Beamter kam auf die Idee, nachzufragen, was denn eigentlich in den Zersetzerrückständen aus der HCH-Produktion stecken könnte.
Nun muß Boehringer, dessen Management das Ergebnis der Curilla-Messungen bezweifelt, bis zum Montag dieser Woche nachweisen, daß die Firma ihren dioxinhaltigen Müll schadlos beseitigen kann, mit der Abluft nicht mehr als ein Billionstel Gramm Dioxine pro Kubikmeter in die Hamburger Luft und höchstens ein Milliardstel Gramm pro Kilogramm ins Abwasser gelangen. "Andernfalls", kündigte Curilla an, "machen wir das Werk dicht."
Daß Boehringer so lange von harten Auflagen und Kontrollen verschont blieb, ist typisch für die westdeutsche Umweltpolitik. So fehlt es beispielsweise in der Bundesrepublik am Vollzug des Chemikaliengesetzes von 1982. "Keine einzige der 50 000 auf dem Markt befindlichen Substanzen", sagt Chemiker Vahrenholt, "wurde bislang auf den Index gesetzt." Kaum ein Stoff aus der Gruppe der sogenannten harten Chemikalien, zu denen neben Schwermetallen vor allem die HKW zählen, wird daraufhin untersucht, welche Schäden er allein oder zusammen mit anderen Stoffen langfristig in Öko-Systemen und Menschen bewirkt.
Nicht einmal für die Spitzenreiter der Gift-Hitliste, Dioxine, Furane und Phenole, sind MAK- oder ADI-Grenzwerte festgelegt. _(MAK: Maximale ) _(Arbeitsplatz-Konzentration; ADI: ) _(Acceptable Daily Intake (zumutbare ) _(Tagesdosis). )
Soweit Höchstmengen fixiert sind, basieren sie auf Untersuchungen an gesunden Erwachsenen; wo Gefahren für Schwangere und Kleinkinder, Kranke und Alte beginnen, ist kaum bekannt.
Die Schwächen von Toleranzwerten faßten das Umweltbundesamt und das Bundesgesundheitsamt am Beispiel von PCB zusammen. Ein Grenzwert könne nur vorläufig sein, "da Risiken durch *___additive und potenzierende Effekte bei der ____unvermeidlichen Aufnahme anderer ____Organochlorverbindungen (HCH, Dieldrin, DDT etc.), *___ein mögliches carcinogenes Potential von PCB ____(Schwellendosen bei der alleinigen Wirkung als ____Promotor?), *___Langzeiteinflüsse auf das Immunsystem und deren Folgen, *___Langzeiteinflüsse auf das Nervensystem, *___die möglicherweise höhere Empfindlichkeit der ____Leibesfrucht und des Säuglings
zur Zeit noch nicht abgeschätzt werden können und deshalb bei der Wahl des Sicherheitsfaktors nicht berücksichtigt wurden".
Mehr noch: Bis heute wissen die Verbraucher nicht einmal, welche Schadstoffe überhaupt in den meisten Konsumgütern versteckt sind. Keine Vorschrift zwingt beispielsweise Wurstfabrikanten oder Molkereien dazu, mitzuteilen, ob und in welchen Konzentrationen etwa HCH oder PCB in Lebensmitteln oder in der Verpackung mitgekauft werden.
Daß alle langlebigen Giftstoffe - ganz gleich, ob sie auf Äcker gesprüht, auf Holz gestrichen, bei Produktionsprozessen oder der Müllverbrennung freigesetzt werden - irgendwann auf den Menschen zurückschlagen, steht außer Zweifel. Den Wanderweg einer Substanz vom Hersteller bis zum Geschädigten jedoch exakt auszumachen ist kaum möglich. Denn: *___Gerade bei Ultragiften, die in verschwindend geringen ____Mengen wirken, ist der Nachweis technisch überaus ____kompliziert. "Wir hinken", sagt NRW-Umweltminister ____Klaus Matthiesen, "mit der Analyse hoffnungslos hinter ____den Neuentwicklungen der Industrie her." *___Von den rund 50 000 Chemikalien in der Umwelt sind ____gerade erst gut 3000 - und die auch nur auf eine ____einzige Folge, das Auslösen von Krebs - untersucht ____worden; die Kosten der Krebs-Überprüfung einer ____Chemikalie liegen, wie das "National Cancer Institute" ____der USA ermittelte, bei 150 000 Dollar. *___Völlig unbekannt sind die Folgen des Zusammenwirkens ____mehrerer Umwelt-Schadstoffe zusammen - nicht einmal die ____synergistische Wirkung der Halogenierten ____Kohlenwasserstoffe ist bislang hinreichend untersucht ____worden.
Kaum je kann die Quelle eines Stoffes, der Menschen krank macht, nachgewiesen werden. Ungewiß ist deshalb zum Beispiel, wie, genau, Dioxine und HCH in die Muttermilch gelangen, ob diese Stoffe tatsächlich Unfruchtbarkeit und Mißbildungen (SPIEGEL 24/1984) auslösen können. Selbst nach vermeintlich eindeutigen Vergiftungen durch Halogenierte Kohlenwasserstoffe haben es die Betroffenen schwer, die Verursacher ihrer Leiden zu überführen und zu belangen. Denn vor deutschen Gerichten gilt noch immer das Kausalitäts- und nicht das Plausibilitätsprinzip.
So prozessierten die Eltern der 204 Babys, die 1972 in Frankreich an einem HCP-haltigen Puder erkrankt oder gestorben waren, jahrelang vergebens gegen den Lieferanten Givaudan, der zum _(Am Dienstag vergangener Woche. )
Schweizer Chemie-Multi Hoffmann-La-Roche gehört. Erst nachdem bei der Givaudan-Tochterfirma Icmesa in Seveso ein Reaktor explodiert war, in dem der HCP-Ausgangsstoff 2,4,5-T gemischt wurde, zahlte das Unternehmen 7,5 Millionen Mark Entschädigung.
In der Bundesrepublik warten Dioxin-Opfer schon viel länger darauf, daß Chemiefirmen als Verursacher ihrer schweren Krankheiten zur Rechenschaft gezogen und zu Zahlungen verpflichtet werden. Zu diesen Unternehmen gehört die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen, wo schon 1953 ein ähnlicher Unfall wie in Seveso geschah.
Damals geriet die Herstellung des Pflanzenschutzmittels 2,4,5-T außer Kontrolle, ein Prozeß, der unter Druck und bei rund 180 Grad Celsius ablief. "Explosionsartig gingen", wie BASF-Werksarzt Paul J. Goldmann den Hergang des Unfalls später beschrieb, "Temperatur und Druck im Autoklaven in die Höhe", bis die Sicherheitsventile des Reaktionsgefäßes in Aktion traten.
Eine heiße Mischung von Methanol-Natronlauge, Tetrachlorbenzol und Trichlorphenol zischte aus dem Chemikalien-Mixer. In Sekunden waren das mehrstöckige Gebäude und alle Menschen, die darin arbeiteten, in einen giftigen Nebel gehüllt, der sich nach Minuten als weißliche Substanz "an Apparaturen, Wänden, Fenstern, Türen und überall" (Goldmann) niederschlug.
Was das helle Pulver bei den mindestens 55 Menschen bewirkte, die damals damit in Berührung gekommen waren, schilderte der Arzt am Fall eines Schlossers, der nach dem Unfall drei Tage lang versucht hatte, den Reaktor zu reparieren.
"Die Nasenflügel", so Goldmann, "waren zerklüftet und sahen wie ausgebrannt aus. Der behaarte Kopf war schmutzig verfärbt und lederartig infiltriert, die Haare fielen vermehrt aus ... Ständige Eiterungen waren durch Antibiotika und Autovakzine nur unvollkommen beeinflußbar." Diagnose: Chlorakne, eine in Chemiefabriken seit der Jahrhundertwende bekannte Hauterkrankung.
Andere Unfallopfer litten unter hühnereigroßen Abszessen am ganzen Körper, an Tumoren im Oberbauch, "blitzartigen Schmerzen", Lungen- und Leberschäden sowie "Funktionsstörungen an Hör-, Riech- und Geschmacksorganen". Nach jahrelanger Krankheit starben drei der Giftopfer - einer an Lungenembolie, ein anderer an einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse, der dritte wurde schizophren und nahm sich das Leben.
Welche Substanz das "polymorphe Krankheitsbild" mit "multiplem Organbefall" (Goldmann) verursacht hatte, blieb damals im dunkeln. So außergewöhnlich und unterschiedlich waren die Symptome, daß Kranke in Seminaren Medizinstudenten vorgestellt wurden. Gutachter äußerten sich, beim Streit um Entschädigungen und Renten, mal so, mal so. BASF-Betriebsmediziner Goldmann führte die Befunde auf "hochtoxische ''Chlorkohlenwasserstoffe''" zurück, war sich aber nicht sicher. Eines der Opfer von damals ist der Schlosser Wilhelm Werz, heute 64, der seit Jahrzehnten an den Folgen des Unfalls krankt. Werz leidet noch immer unter Chlorakne, Anämie, schweren Nervenentzündungen und Knochenmarkschädigungen (siehe Kasten Seite 68).
Ein Rentenbescheid aus dem Jahre 1964 nennt als Ursache seiner Teilinvalidität "Halogenkohlenwasserstoff-Vergiftung". Dafür bekam er von BASF (Gewinn 1983: 1,68 Milliarden Mark) neben einer einmaligen Zahlung von 700 Mark für Fahrtkosten und verschmutzte Kleidung eine milde monatliche Zuwendung.
"In Übereinstimmung mit dem Betriebsrat", schrieb die BASF, "erklären wir uns ... entgegenkommenderweise bereit, Ihnen in Anlehnung an ähnlich gelagerte Fälle einen Ausgleichsbetrag in Höhe von 247 Mark zu gewähren."
Erst als die Seveso-Katastrophe den dioxinhaltigen Stoff 2,4,5-T in die Schlagzeilen trug und Werz Bilder der durch Chlorakne entstellten Kindergesichter aus Italien sah, schwante ihm, was ihn seit dreißig Jahren krank macht.
Jetzt fordert Rentner Werz von der BASF eine Millionen-Entschädigung.
Im nächsten Heft
Die Entdeckung eines Krankheitserregers - Das Zusammenspiel von Politik und Industrie - Chance für sanfte Chemikalien
Kohlenwasserstoffe sind chemische Verbindungen von Kohlen- und Wasserstoff, die sich mit Strukturformeln exakt beschreiben lassen. Werden sie angereichert durch Fluor, Chlor, Brom oder Jod (sogenannte Halogene), sprechen Chemiker von Halogenierten Kohlenwasserstoffen (HKW). Zu den Chlorkohlenwasserstoffen zählen die Polychlorierten Dibenzodioxine (PCDD) und die nahe verwandten Polychlorierten Dibenzofurane (PCDF), von denen es insgesamt 210 Formationen gibt. Nach der jeweiligen Anordnung der Chloratome in der Molekülstruktur erhalten die Dioxine und Furane ihre spezielle Bezeichnung: etwa 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin - das Seveso-Dioxin. MAK: Maximale Arbeitsplatz-Konzentration; ADI: Acceptable Daily Intake (zumutbare Tagesdosis). Am Dienstag vergangener Woche.

DER SPIEGEL 25/1984
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