09.04.1984

Münchner Kulturzentrum: Das viereckige Ei

Der erste Abschnitt des neuen Münchner Kulturzentrums „Am Gasteig“ wird demnächst eröffnet, aber der nun schon 15 Jahre währende Ärger um den häßlichen Kulturbunker ist damit noch nicht zu Ende. Das städtische Kulturamt und die Betreiber des Zentrums streiten sich über die Nutzung des Gebäude-Kombinats. *
Letzten Monat wurde der Münchner Bevölkerung ein Kulturprogramm angedroht, für dessen Durchführung der Veranstaltungsort kaum glücklicher gewählt sein dürfte. Thema: "Medienübergreifende Ausdeutung abendländischer Apokalyptik"; Tagungsort: "Kulturzentrum Am Gasteig".
Das paßt zusammen.
Für die Bewohner der umliegenden Quartiere ist das neuerbaute "Kulturzentrum" noch vor der Eröffnung zum Inbegriff architektonischen Schreckens geworden: Der Bau wirkt unmäßig und disharmonisch, ein gewaltiger Fremdkörper im Haidhausener Wohnbezirk. Seine Masse (445 000 Kubikmeter), verteilt auf einer Fläche von drei Fußballfeldern (23 000 Quadratmeter), überragt die Nachbarn um das Doppelte (Traufhöhe: 38,5 Meter). Über Fassaden aus Glas und Aluminium sowie Säulen aus verklinkertem Beton lasten Ziegelmassen wie ein polygonaler Wasserkopf.
Das Gebäude-Kombinat beherbergt die Philharmoniker mit drei Konzertsälen, dazu ein Konservatorium, die Stadtbibliothek, die Volkshochschule und ein Experimentiertheater - und weckt Erinnerungen an Flaktürme und Reichskanzlei. Der "Gasteig", wie "Münchens Kulturschaufenster" nach dem Willen des Stadtrats (und nach der Straße, an der er liegt) künftig heißen soll, hat etwa die Strahlkraft einer Anstalt - einer Anstalt zur Pflege von Kultur und Bildung.
Ein "negatives Phantombild", meint der Münchner Kulturreferent Jürgen
Kolbe, habe von dem Gebäude schon existiert, bevor es Gestalt annahm. Das Projekt machte nichts als Ärger und negative Schlagzeilen: über die wahnsinnigen Baukosten, die unglückliche Standortwahl und die mißratene Architektur. Schon das Modell wurde von einem "Münchner Bürgerrat" empört als "Donnerschlag-Dominante" im "pervertierten Nazistil" charakterisiert.
Nun gibt es neue Raufereien um die Immobilie - über die Frage, wer dort was veranstalten soll, wer Geld ausgeben darf und wer Geld anschaffen muß.
Abschnittweise soll der gigantische Gemischtwarenladen eröffnet werden, als erstes im nächsten Monat die Stadtbibliothek mit 800 000 Bänden, als letztes im Herbst 1985 Jahres die Philharmonie mit einem Konzert unter Sergiu Celibidache.
Dann wird sich herausstellen, ob wenigstens die Akustik des großen Konzertsaals den immensen Aufwand rechtfertigt - oder ob die "größte kulturpolitische Maßnahme, die München jemals in Angriff genommen hat" (Kolbe), auch der größte Flop in der Geschichte der bayrischen Landeshauptstadt ist. Derzeitiger Ausgabenstand: rund 360 Millionen Mark Baukosten, dazu jährlich etwa 24 Millionen Mark an Folgekosten.
Die 15jährige Bauchronik begann in einer Phase des Baufiebers, 1969, mit einer nebulösen Idee, einer konfusen Raumplanung und einem vagen Kostenvoranschlag ("zirka 100 Millionen"). München war seit einigen Jahren Millionenstadt, expandierende Freizeitmetropole, Deutschlands "heimliche Haupt"- und dazu noch Olympiastadt.
Am Münchner Gasteig zeichnete die Architektengemeinschaft Raue, Rollenhagen, Lindemann und Grossmann, "die sich den Dauerauftrag durch einen ersten Platz in einem Wettbewerb gesichert hatte", beständig um. Dabei wurden immerhin einige exzessive Vorstellungen verworfen - so die von einem 1000-Betten-Hotel, das dem Stadtrat "unabdingbar" schien.
Irreparablen Schaden richtete die vorübergehende Schnapsidee an, die Größe der Philharmonie flexibel zu gestalten, ein so sensibles Volumen wie den Hör-Saal mit entsprechenden Raumteilern zu versehen: Der dazugehörige Betonkeil war bereits Bestandteil der Statik geworden; er ragt nun wie ein gewaltiger Schiffsbug in den Konzertsaal.
So konfus wie die Konstruktion des Hauses, so chaotisch geriet auch die Verteilung der Zuständigkeiten für seinen Betrieb. Den Verkauf der jährlich rund eine Million Eintrittskarten sollen sich zwei Institutionen unter denkbar ungleichen Bedingungen teilen: *___das hochsubventionierte städtische Kulturamt unter ____seinem Referenten Jürgen Kolbe, *___eine marktwirtschaftlich orientierte ____Betriebsgesellschaft mit dem Geschäftsführer Eckard ____Heintz.
Zwischen den beiden parteilosen Preußen fliegen, verbal, die Fetzen. Heintz nennt das absurde Konzept "das viereckige Ei", und auch Kolbe hält den Konflikt für unlösbar. Die Wurzeln des Übels liegen in der heillosen Finanzierung des Objekts.
Nachdem die Baukosten sich mehr als verdreifacht hatten und der Gasteig der Kommune über den Kopf zu wachsen schien, stieß die Stadt den Moloch, Ende 1981, an ein von fünf Banken getragenes Leasing-Unternehmen ab. Gleichzeitig gründete die Stadt München als Generalmieter und Hauptveranstalter eine Betriebsgesellschaft. Diese "Gasteig Betriebsgesellschaft mbH" vermietet die Räumlichkeiten und hat "für optimale Auslastung nach wirtschaftlichen und kulturellen Gesichtspunkten Sorge zu tragen". Der Jurist und Bankkaufmann Eckard Heintz, Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft, hat einen Vertrag bis 1987. Kulturreferent Kolbe ist bis 1988 im Amt. Für anhaltende Zwietracht ist also gesorgt.
Dabei verfügt Kolbe über einen stattlichen Kulturetat von 180 Millionen Mark und genießt laut ausdrücklicher Weisung die Priorität bei der Nutzung des Gasteig; allerdings muß er die Räume jeweils von Heintz anmieten.
Heintz hingegen sieht sich den rauhen Realitäten der freien Marktwirtschaft ausgesetzt. Er soll die "Freiräume" füllen, die Kolbe ihm vergleichsweise kurzfristig überläßt, erhält keine Zuschüsse, muß also ausschließlich gewinnbringende, mindestens aber "kostendeckende" Veranstaltungen durchziehen - und das sowohl im großen Saal für 2400 Besucher als auch in den unwirtschaftlichen Räumlichkeiten mit 100 bis 600 Sitzplätzen. Außerdem soll er für die Kolbe-Kultur die Werbetrommel rühren.
Kolbe macht ihm das nicht leicht. Mit der Selbstgefälligkeit des Kulturfunktionärs streut Kolbe Abfälliges über den "ehrgeizigen Dilettanten" Heintz und möchte ihm E-Kunst am liebsten verbieten ("Kultur können wir selber"). Heintz sollte sein Heil vielmehr im "Unterhaltungs- und Kongreßwesen" suchen, meint Kolbe - obgleich auch ihm bekannt ist, daß der Gasteig für Kongreßveranstaltungen ungeeignet ist.
Mittlerweile haben die Konkurrenten ihre Startprogramme verkündet; erster Eindruck: Kraut und Rüben. Kolbe plant ein Sommerfest mit Beflaggung und "Standl mit Kunsthandwerk", dazu Münchner Lokalgrößen, "Pilotprogramme von John Cage bis zum Jazz" sowie Mittagskonzerte im Freien - "und das geht natürlich nicht ohne Subventionen".
Auch Heintz will - Anspielung auf den ungefügen Bau - "aus der festen Burg eine Burg der Feste machen": mit Ballveranstaltungen, Workshops, Stammtischgesprächen, Jazz und Lesungen sowie Zirzensischem auf Vorplatz und in Foyers - und hofft auf Sponsoren.
Das "Herzstück" der Anlage, den großen Saal, wollen beide abwechselnd mit schwerem Geschütz beschicken: Kolbe mit den Philharmonikern und Heintz mit Rundfunkorchestern.
Die Musiker werden in einem gigantischen Trichtergrammophon sitzen: Der amphitheatralische Saal öffnet sich von der 18-Meter-Bühne auf eine Breite von 80 Metern an der Rückwand, bei einer Tiefe von 55 und einer Höhe von 20 Metern. Zahlreiche Reflektoren - riesige Muscheln, Schalen, Segel - werden wie Wäsche in den Raum gehängt.
Leicht möglich, daß diese Philharmonie ihren unverwechselbaren "Gasteig-Sound" bekommt, denn der S-Bahn-Anschluß des Kulturzentrums ist optimal plaziert: Der Tunnel liegt haarscharf unter dem Konzertsaal.

DER SPIEGEL 15/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 15/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Münchner Kulturzentrum: Das viereckige Ei

  • Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Stillgelegtes Kraftwerk: Vier Kühltürme gleichzeitig gesprengt
  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch