09.04.1984

FILMSone Typen

„Baby“. Spielfilm von Uwe Frießner. Deutschland 1984; 114 Minuten; Farbe. *
Plötzlich, auf dem Berliner Flughafen Tegel, kommt es einem in den Sinn: Hier haben sie doch neulich den armen Gauner abgefangen, der sich nach Teneriffa abseilen wollte. Unfug, korrigiert man sich, das war ja ein Kino-Bandit! Die Schlußszene eines Films zeigt seine Kumpels, wie sie in der Telefonzelle hören: "Den Rene ham se emd jeschnappt, ja, Tegel, wollte jrade wech."
Dabei sieht man die Festnahme, ohne daß sie gezeigt wird. So war es also, eine Story. Aber ihre Helden so real und nah, daß es auch deren Abenteuer gegeben zu haben scheint.
Das jedoch hat Uwe Frießner, 42, Regisseur, aus Versatzstücken der wirklichen Wirklichkeit im leicht kriminellen Berliner Milieu zusammengesucht. "Baby" ist der zweite große Spielfilm des ehemaligen Studenten, Dachdeckers und Hochseefischers, der schon 1979 in "Das Ende des Regenbogens" hart und traurig und genau eine Halbwelt-Geschichte aus Berlin geschildert hat.
Hoffnungsvoller und vielleicht beziehungsfähiger als der ortlose Strichjunge Jimmi im "Regenbogen" sind Frießners neue Protagonisten. Daß sie so irritierend vertraut wirken, macht: Sie sind, wie im vorigen Film, alle Amateure. Ihre festgelegten Dialoge haben nichts gestottert Dokumentarisches, die Handlung spiegelt keine Improvisation vor. Die Darsteller geben schlicht sich, ihre Sehnsüchte, ihr Sich-groß-fühlen-Wollen und Sich-gering-Fühlen ganz her.
Baby, gespielt von Udo Seidler, lebt allein zwischen Zimmerpalme, Hanteln und geometrischen Tapetenmustern im Märkischen Viertel in Berlin. Schwitzend und ehrgeizig sieht man ihn im Karateanzug vor der Kulisse des Wohnmolochs trainieren. Baby raucht und trinkt nicht, träumt von einem eigenen Fitneßcenter. Vorerst jobt er als Rausschmeißer in einer Disco auf dem Ku'damm, denn ihm fehlt es an Startkapital. Seine Fäuste machen ihn nicht reich, doch andere Tore tun sich auf.
Zwei Freunde, Pjotr, der väterliche Typ des schnauzbärtigen Luden, und dessen Haberer Rene, ein Fuchs, der sich für schlauer hält, als er ist, verwickeln den unerfahrenen Jüngeren in mindere Deals mit schnellem Geld.
An der Professionalität des Trios hapert es etwas - so plagen sie sich minutenlang unter Flüchen damit ab, eine Geldbombe mit dem Schraubenzieher zu knacken -, aber sie schließen Freundschaft. Schüchtern passieren sie dabei mitunter die üblichen Sperren zwischen Mann und Mann, Frießner deutet zärtliche Zwischenfälle an. Gemeinsam mimen sie auch "Große Welt", stellen das Sektglas auf der Zapfsäule ab, während sie den "Benz" volltanken, bringen Frauen mit auf die Bude.
Als eines Nachts ein frech lächelndes Mädchen im Overall mit durchgehendem Reißverschluß auf Renes Sofa sitzt, fordern sie sie auf, doch mal 'n bißchen zu strippen für die Runde. "Wie isn det mit euch", fragt sie forsch zurück, "zeicht doch iha ma watter könnt!"
Jetzt sehen die Jungs erbärmlich aus. Doch nie macht sich der Film über sie lustig, nie schlittert er in Chauvi-Klischees hinein. Das liegt mit am aufsässigen
Charme der Darsteller, ihrer Kodderschnauze, Kameraderie - aber auch Selbstsucht, an der Frießner schließlich den Traum der drei zerspellen läßt.
Beim großen Raub der Supermarktkasse hat Baby die Nerven verloren und einen Geldboten erschossen. Zusammengekrümmt, gequält von Angst und Schuld, verkriecht er sich im Bett. Rene verduftet fürs erste, Pjotr stellt Baby wieder auf die Beine. Mächtig groß - so groß wie Babys Sehnsucht ist und seine Aufbruchstimmung - sieht man nun Babys Schatten auf einer nächtlichen Häuserwand: Baby sitzt, einen Malerpinsel schwenkend, im Fenster einer leeren Fabrik, wo Pjotr und er Räume renovieren, aus denen Babys Sportstudio werden soll.
Einmal erscheint Rene als halbseidener, schnieke gekleideter Dandy im Zementstaub der Baustelle zur Stippvisite. Er will sich von den Kumpels verabschieden. In den Süden will er fliegen, wie um das Versprechen der Palmen auf seiner Phototapete einlösen zu gehen.
Als sich so die Wege der Freunde trennen, kommt ihnen die Kripo auf die Spur. Ohne spektakuläre Tatort-Hetzjagd geraten Tempo und Herzklopfen in das Ende vom Lied. Nach einem Gekraxel über die Dächer alter Mietskasernen landen Baby und Pjotr in der fatalen Telephonzelle, wie in einer selbstgewählten Falle. Ihr Traum ist aus.
"Wer in son Film jeht? Na, emd sone Typen, wie Se dadrin jesehn ham", erklärt der Mann an einer Kinokasse in Berlin. Dort zieht "Baby" auch junge Arbeiter in die Off-Kinos. Und für sie hat Frießner seinen Film gedreht.
Caroline Fetscher
Von Caroline Fetscher

DER SPIEGEL 15/1984
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