09.04.1984

FILMGefahr von rechts

„Morgen in Alabama“. Spielfilm von Norbert Kückelmann. Deutschland 1984; 123 Minuten; Farbe. *
Er ist Rechtsanwalt, nicht mehr jung genug, um sich noch etwas wie eine Karriere zuzutrauen, vereinsamt, scheu und verschlissen vom täglichen Kleinkram. Er ist zu bedächtig. Er neigt dazu, sich hartnäckig-rechthaberisch in Fälle zu verbeißen, bei denen nichts zu gewinnen ist: erst sein Einsatz für eine griechische Gastarbeiterin, die wegen Totschlags vor Gericht steht, und jetzt sein Kampf für einen verstörten Jungen, den die Justiz mit Terroristen in Verbindung bringt. Der Anwalt Landau neigt zu jener Art von Menschenliebe, die meist Undank erntet. Nicht einmal seiner halbwüchsigen Tochter ist damit zu helfen.
Der Lehrling Werner Kranz soll bei einer Wahlkundgebung auf einen Politiker geschossen haben; die Staatsanwaltschaft ordnet ihn erst rasch der linken Terrorszene zu, sucht ihm dann Beziehungen zum rechten Untergrund nachzuweisen: Es sieht aus, als käme dieser verstockt schweigende Einzelgänger der Justiz ganz gelegen, um mit einem Exempel gegen das Vorurteil anzutreten, daß sie "auf dem rechten Auge blind" sei - und dieses Zweckmäßigkeitsdenken macht den Anwalt Landau plötzlich ganz wach und kämpferisch.
Natürlich hatte sich Landau erst einmal gegen den trüben Fall gewehrt, für den er als Pflichtverteidiger bestellt wurde, und auch sein Mandant hatte ihn stumm abgelehnt - aber nun geht er eigensinnig auf Spurensuche und läßt _(Lena Stolze, Maximilian Schell. )
nicht ab, bis er verblüffendes Photo-Beweismaterial herbeigeschafft hat: Der Junge in der Menschenmenge hat gar nicht auf den Politiker geschossen, sondern einfach in die Luft.
Das sieht nach Sieg aus: Die Attentats-Anklage entfällt, und Werner Kranz wird aus der U-Haft entlassen. Nur Landau ist mulmig dabei, denn bei seiner Recherche im "Umfeld" des angeblichen Einzeltäters ist er auf zu viele Indizien gestoßen, die eben doch zu rechtsradikalen Klüngeln und Wehrsport-Bündlern führen.
Als Werner Kranz plötzlich verschwunden ist, reimt sich Landau eine Hypothese zusammen, die die sinnlosen Luftschüsse überraschend erklärt: Mit dieser "Mutprobe" könnte der Junge sich in seiner Gruppe für einen künftigen wirklichen Terror-Einsatz qualifiziert haben ... Nun ist Landau nicht länger hinter Be- oder Entlastungsmaterial her, sondern hinter der bodenlosen Sache, die man "die Wahrheit" nennt.
Norbert Kückelmann, 53, ist Rechtsanwalt in München und macht Filme - nur alle paar Jahre einen: sorgsam recherchierte, sorgsam vorbereitete Filme, die von seiner Berufserfahrung geprägt sind und von der mühsamen Arbeit der Wahrheitsfindung erzählen. "Morgen in Alabama" ist Kückelmanns entschiedenster, zupackendster Film - und eben das bringt ihn auch in ein Dilemma, das er nicht lösen kann: Die Liebe zum Kino und das moralische Engagement des Anwalts gehen nicht ineinander auf.
Prozeßfilme sind ein besonders künstliches, abgekartetes, wirkungsgieriges Genre: Da muß mit Kalkül aufgetrumpft werden. Einiges davon möchte Kückelmann schon haben - einen Plot, der auf Überraschungen hin konstruiert ist, und eine thrillerhafte Musik, die immer ein bißchen mehr Spannung behauptet, als die Situation einlösen kann -, aber er möchte das ohne die volle kinohafte Verlogenheit.
So treibt er Landaus Spurensuche nicht im nervösen Krimi-Rhythmus voran, sondern breitet sie mit Detailgeduld aus: eine Folge von Irrtümern, kleinen und halben Erfolgen, die sich zu keinem "Gesamtbild", zu keinem "Urteil" zusammenfügen. Kückelmanns Ehrlichkeit siegt über seine Kinolust: Keine knallige Nazi-Konspiration wird da enthüllt, der Film begibt sich immer tiefer in Zweifel hinein und endet mit beunruhigend offenen Fragen.
Maximilian Schell spielt den Landau. Sein Porträt dieses Einzelgängers - Scheu, die sich mit einer großen Brille bewaffnet, ratlose Menschenliebe, Entschlußkraft aus Unsicherheit - füllt und trägt den Film auf erstaunliche Weise. Während er stur jede Spur zu Ende geht, wird langsam die innere Wahrheit dieser Person sichtbar, das Bild eines kaputten und nicht kaputt zu kriegenden Wahrheitssuchers. Urs Jenny
Lena Stolze, Maximilian Schell.
Von Urs Jenny

DER SPIEGEL 15/1984
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