09.04.1984

RAUMFAHRTGroßer Schritt

Die Amerikaner gehen sammeln - für Entwicklung und Bau einer bemannten Raumstation. *
Der Name Kennedy, sinnierte Ronald Reagan vor Angehörigen seines Beraterstabes, werde wohl für alle Zeiten mit der ersten Mondlandung verbunden werden. "Aber an uns", grübelte der Präsident, "in was für einem Zusammenhang wird man sich an uns erinnern?"
Womöglich im Zusammenhang mit dem größten Haushaltsdefizit, das je ein amerikanischer Präsident verantwortet hat?
Die Reagan-Crew rechnet schon weiter: Würden auf das Haushaltsminus von etwa 200 Milliarden Dollar nur noch winzige acht Milliarden Dollar draufgelegt, dann könnte auch der Name des jetzigen Präsidenten im Glanz einer Weltraum-Pioniertat erstrahlen.
Soviel nämlich kostet - ein kleiner Schritt für Ronald Reagan, ein großer Schritt zu seinem Nachruhm - die Verwirklichung des Planes, bis zum Beginn der 90er Jahre eine bemannte Raumstation in einer erdnahen Umlaufbahn zu errichten, eine Station, wie sie, wenn auch im bescheidenen Maßstab, die Russen in Saljut 7 besitzen.
Mit Sojus T-11 starteten am Dienstag letzter Woche drei Kosmonauten, darunter der Inder Rakesh Sharma, zur bislang jüngsten Saljut-Mission: Live-Sendungen vom Start und tägliche Fernsehübertragungen aus dem Raumschiff künden vom gewachsenen Selbstbewußtsein der sowjetischen Raumfahrttechniker und von der reibungslosen Zusammenarbeit der neuen Crew mit jenen Kosmonauten, die seit dem 9. Februar an Bord der Station arbeiten.
Vergleichbares öffentliches Interesse erhoffen sich die Planer der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa auch für ihren elften Shuttle-Flug. Letzte Woche wurde die Raumfähre "Challenger" zum bislang anspruchsvollsten Shuttle-Unternehmen aufgetankt: Die Crew um Kommandant Robert Crippen soll in die Shuttle-Rekordhöhe von 490 Kilometer steigen, dort einen Satelliten einfangen und ihn reparieren.
Gelingt der ungewöhnliche Eingriff im All, so hat die Nasa womöglich noch mehr als den Satelliten gerettet. Denn nicht zuletzt mit der Fähigkeit, an Bord einer Raumstation gleichsam einen Satelliten-Reparaturbetrieb unterhalten zu können, wirbt die Nasa auch in Europa und Japan um Steuergelder für das Reagan-Projekt einer Raumstation.
Bis 1992, so der Plan der US-Raumfahrtbehörde, soll in einer Erdumlaufbahn von etwa 320 Kilometer Höhe ein Gebilde aus insgesamt vier Wohn- und Arbeitszylindern, zwei Forschungsplattformen und einer Dockeinrichtung für die Raumfähren errichtet werden. Die Energie für die Raumstation sollen 2000 Quadratmeter große, mit Solarzellen bestückte Sonnenpaddel liefern.
Jeweils sechs bis acht Astronauten könnten im Halbjahresturnus an Bord der Station arbeiten. Hochreine Medikamente, neue Metallegierungen und Computerbausteine - so die Vorstellung der Nasa - könnten in der Schwerelosigkeit
des Alls nutzbringend produziert werden. Satelliten-Reparaturen und astrophysikalische Versuche auf den beiden Instrumentenplattformen könnten den Astronauten-Alltag abrunden.
Die Station im Raum, schwärmte Nasa-Chef James Beggs vor europäischen und japanischen Fachministern, sei gleichsam "eine Lokomotive privater Industrieforschung". Beggs' Werbereise durch die Regierungsstädte London, Paris, Rom, Bonn und Tokio, so erklärte der Amerikaner nach seiner Rückkehr im März, sei "extrem gut" gelaufen. Zwar habe "niemand Beifall geklatscht", als Beggs den Fahrpreis für Mitreisende auf der Forschungs-Lokomotive nannte, doch sei auch keiner der Gesprächspartner "zusammengezuckt, als er den Preis hörte".
Von Europa erhoffen sich die Amerikaner einen Zuschuß von 1,6 bis 2 Milliarden Dollar (50 Prozent davon sollen die Deutschen spenden), weitere 1,3 Milliarden Dollar werden aus Japan erwartet. Zusammen mit den Nasa-eigenen 8 Milliarden ergäbe das etwa 11 Milliarden Dollar, genug, um aus der kargen Raumstation der Nasa ein kommodes Allheim machen zu können.
Die Europäer, die mit der Entwicklung zentraler Stations-Bausteine betraut werden sollen, stehen dem Projekt freilich reserviert gegenüber. Obwohl Forschungsminister Heinz Riesenhuber gerne das beim Bau des - von den Deutschen teuer bezahlten - Raumlabors "Spacelab" gewonnene Know-how verwerten würde, zögert Bonn bei der neuen Sammelaktion der Amerikaner. Eine Entscheidung "unter Zeitdruck", wie sie Bonn-Besucher Beggs mit seinem Termin "Herbst 1984" wünsche, komme nicht in Frage, erklärt Christian Lenzer, der forschungspolitische Sprecher der CSU.
In London zeigte sich der Minister für Informationstechnologie, Kenneth Baker, ebenfalls wenig beeindruckt vom "nutzbringenden Effekt für alle Forschungs- und Entwicklungsbereiche", wie die Amerikaner ihn versprechen. Das britische Raumfahrtbudget von etwa 300 Millionen Mark erlaubt keine politischen Freundesdienste. Vor ähnlichen Problemen stehen die Japaner.
Vielen Wissenschaftlern in den USA gilt Beggs' "nächster logischer Schritt in den Weltraum" als zuwenig bedacht. Selbst das Verteidigungsministerium - Nutznießer jeder technologischen Neuerung der Nasa - reibt sich noch an den Nasa-Plänen.
Nach Beggs' Angaben soll die Raumstation auf eine Erdumlaufbahn getragen werden, die nicht für die Ausspähung der UdSSR geeignet ist - mithin bringt die Sache für das Pentagon wenig Nutzen. Auch fürchten Experten im US-Verteidigungsministerium, der Aufwand für die Raumstation könne womöglich den Militär-Etat schmälern. Überdies halten Raumfahrtplaner des Pentagon unbemannte Plattformen und Satelliten für kostengünstiger und effektiver.
Zivile Wissenschaftler, wie etwa der Astrophysiker James Van Allen, der Astronom Thomas Gold von der Cornell University und sein Kollege Russel von Eshleman vom Zentrum für Radar-Astronomie im kalifornischen Stanford, teilen diese Kritik.
"Der Weltraum", so Eshleman, verlange nicht nach den Menschen, die sich darin tummeln, sondern "nach hochwertiger Technologie": Roboter, Telekommunikations-Einrichtungen, Computer und ferngesteuerte Sensoren seien der bemannten Raumfahrt überlegen. Auch was den Aufwand anlangt: Hauptkostenfaktor jeder Raumstation sind all jene Systeme, die menschliches Leben im All ermöglichen, vom Weltraum-WC bis zu den Sauerstofftanks zum Atmen.
Die Sorge, eine Kostenexplosion wie bei der Entwicklung der Space Shuttle könnte sich wiederholen, bewirkt bei den Politikern in den Bewilligungsausschüssen des Kongresses zusätzlichen Gegenwind: Aus der ursprünglichen Nasa-Schätzung von 1,5 Milliarden Dollar für die Shuttle waren schließlich 11 Milliarden Dollar geworden.
Auch die jetzt genannten Kostenschätzungen der Nasa für die bemannte Raumstation dürften erheblich übertroffen werden: Die Station soll Stück um Stück von der Shuttle ins All gehievt werden. Vor wenigen Jahren lagen die Startkosten für jeden Raumfähren-Flug bei 10,5 Millionen Dollar. Derzeit aber kostet ein Shuttle-Flug schon 60 Millionen, und für 1986 werden Kosten von 100 Millionen pro Start veranschlagt.

DER SPIEGEL 15/1984
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