09.04.1984

SATELLITENFERNSEHENDrauf und dran

Beim Satellitenfernsehen zeichnet sich ein Wettkampf der Sendesysteme ab. Machen neuartige TV-Satelliten die teuren Kabelnetze der Post überflüssig? *
Das erste deutsche Satellitenfernsehen ist gestartet. Ein kommerzielles TV-Programm des Ludwigshafener Kabel-Pilotprojekts wurde am 1. April von Postminister Christian Schwarz-Schilling über den Europasatelliten ECS 1 nach München durchgeschaltet.
Dort ist das gleiche Programm nun im zweiten Pilotprojekt für neue Medien zu sehen. Weitere ECS-Einspeisungen in andere Kabelnetze sind möglich, sobald die notwendigen Landesmediengesetze vorliegen und die Post geeignete Empfangsanlagen gebaut hat.
Zum nächsten Jahreswechsel wird der Kreis der Programmacher erweitert. Die erste Programmlizenz ist vergeben, an ein Konsortium mit Pressekonzernen wie Springer, Burda, Bauer und 165 Zeitungsverlagen.
Nur eins ist nun noch offen: ob die Satelliten-Sendegruppe wirklich auf ein zukunftsträchtiges System gesetzt hat oder ob das ECS-Konsortium drauf und dran ist, in eine technische Sackgasse zu tappen.
Denn bei der Satellitentechnik hat ein Wettkampf der technischen Systeme eingesetzt. Der Mitte letzten Jahres gestartete Europasatellit ECS 1 bietet zwar den ersten brauchbaren Sendekanal für ein deutsches Satellitenfernsehen. Doch ist keineswegs sicher, ob er nicht schon bald überholt sein wird: *___Die europäischen Kommunikationssatelliten ECS zählen ____noch zur Generation der Fernmelde-Trabanten. Für den ____Fernsehempfang sind bei ihnen Drei- bis ____Acht-Meter-Antennen am Boden sowie Kabelnetze zur ____TV-Verteilung in die Haushalte nötig. *___Die deutsch-französischen Fernsehsatelliten ____(Typenbezeichnung deutsch: TV-SAT, französisch: TDF) ____werden Ende kommenden, Anfang übernächsten Jahres ____einsatzbereit sein. Ihre - gegenüber den ECS - rund ____zehnfach stärkere Sendeleistung ermöglicht den ____Haushalten den Direktempfang mit Haus- und ____Gemeinschaftsantennen.
Ein kardinaler Unterschied für kommerzielle Fernsehveranstalter liegt damit auf der Hand. Für ihre Ludwigshafener ECS-Kundschaft muß die Bundespost erst noch, für mindestens 25 Milliarden Mark, die Bundesrepublik verkabeln oder auf private Groß-Gemeinschaftsantennen zurückgreifen.
Für den TV-SAT aber ist ein weit größerer potentieller Massenmarkt schon vorhanden: Knapp die Hälfte der 22 Millionen westdeutschen Fernsehhaushalte ist insgesamt an Gemeinschaftsantennen angeschlossen - ganz abgesehen von der Einspeisung auch in Einzelhäuser. Eine kleinere Zusatzantenne von 60 bis 90 Zentimetern genügt zum Programmempfang.
In den USA, wo derzeit ebenfalls solche sogenannten Direktsatelliten entwickelt werden, erwarten Fachleute denn auch beträchtliche Erfolge für diese Systeme.
Sie ermöglichen den Direktkontakt zwischen Fernsehteilnehmern und TV-Satelliten ohne Zwischenschaltung aufwendiger und gebührenfressender Breitband-Kabelnetze. Immer mehr amerikanische Fachleute meinen daher, wie ein Experte von der Programmzeitschrift "TV Guide" sagt, daß der Kabelausbau "völlig überflüssig geworden wäre, wenn der direktstrahlende Satellit vor dem Kabel dagewesen wäre".
Erst recht müßte das für die Bundesrepublik gelten. Anders als in den USA, steckt der Kabelausbau hier erst in den Anfängen und wird noch längst nicht genügend vorangekommen sein, wenn für kommerzielle Fernsehzwecke bereits der TV-SAT zur Verfügung steht. Im September nächsten Jahres soll der erste deutsche, im November 1985 der französische Direktsatellit TDF 1 mit jeweils drei TV-Kanälen starten. Im ganzen sind beiden Ländern Frequenzen für je fünf Fernsehprogramme von Direktsatelliten in einem internationalen Sendevertrag reserviert.
Zwar kommen die Satellitenproduktion und mithin die Kanalmieten für Programmacher teurer als beim ECS. Doch die Verbraucher müssen in absehbarer Zeit weniger bezahlen: Die Direktsatelliten-Antenne, Preis zunächst zwischen 1000 und 2000 Mark, wird mit wachsender Verbreitung billiger; die Kosten können auf die einzelnen Anschlüsse einer Gemeinschaftsantenne umgelegt werden.
Ein Breitbandkabelanschluß hingegen kostet derzeit um die 900 Mark pro Wohnung und wird voraussichtlich immer teurer, weil die Post bislang jeweils weit über tausend Mark zuschießt. Hinzu kommen ebenfalls wachsende Monatsgebühren, derzeit mindestens 16,25 Mark zusätzlich, die beim Direktsatelliten entfallen.
Die bundesdeutsche Verkabelung mit Breitband-Kupfernetzen, die einzig zur Verbreitung von mehr Fernsehprogrammen (also nicht für die Daten- und Geschäftskommunikation) taugen, wäre sicherlich unterblieben, wenn sich die CDU/CSU nicht vor der Bonner Wende aus medienpolitischen Gründen lauthals darauf festgelegt hätte. Den Ausschlag gaben vor allem die Verärgerung über vermeintlichen "Rotfunk" des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und der Wunsch nach umgehender Programmvermehrung.
Doch auch jetzt können dem Bundespostminister die - vom Bonner Forschungsministerium vorfinanzierten - Direktsatelliten bei seiner Kupferkabel-Strategie (Jahreskosten: eine Milliarde Mark) noch gefährlich werden.
Spätestens bei den Kabelpilotprojekten in Ludwigshafen und München zeigte sich nämlich, daß die Verbraucher nur zögernd zum Kabelanschluß bereit sind - in München beispielsweise nur gut 700 von bislang 12 000 anschlußfähigen Haushalten (SPIEGEL 14/1984). Einer Postkalkulation zufolge aber werden die Kabelnetze erst bei einer Anschlußdichte _(Postminister Schwarz-Schilling (am ) _(Telephon) am 1. April in Ludwigshafen ) _(beim Startsignal an die ) _(Satelliten-Funkstelle Usingen; links: ) _(Claus Detjen, Geschäftsführer der ) _(Ludwigshafener Anstalt für ) _(Kabel-Kommunikation. )
von 75 Prozent binnen acht Jahren rentabel.
Schwarz-Schillings ohnehin hohes Geschäftsrisiko wird demnach noch einmal vergrößert, wenn die Aussicht auf die Direktsatelliten zusätzlich Fernsehinteressenten zum Verzicht auf den Kabelanschluß bewegt. Helmut Kohls Bundesregierung würde deshalb am liebsten, jüngste medienpolitische Pointe, zur früheren Position von Helmut Schmidts Kabinett zurückkehren: den Bau von Direktsatelliten als internationale Exportartikel zu betreiben, nicht aber als Träger neuer einheimischer Programme.
Die SPD hingegen verfährt genau umgekehrt, nachdem sie kürzlich "private Organisationsformen" bei neuen Programmen akzeptiert hat. In ihrem "Medienpolitischen Aktionsprogramm 1984" fordert sie die "zeitgerechte Weiterentwicklung" der Direktsatelliten-Systeme, die "eine flächendeckende Breitbandverkabelung unnötig" machten.
Postminister Schwarz-Schilling (am Telephon) am 1. April in Ludwigshafen beim Startsignal an die Satelliten-Funkstelle Usingen; links: Claus Detjen, Geschäftsführer der Ludwigshafener Anstalt für Kabel-Kommunikation.

DER SPIEGEL 15/1984
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