09.04.1984

MUSICALSTriumph der Kohle

Ein ungewöhnliches Musical ist in London erfolgreich: In Andrew Lloyd Webbers „Starlight Express“ sind Eisenbahnen die handelnden Figuren. *
Die alte Dampflok "Rusty" hat schon reichlich Kalk im Kessel, dennoch läßt sie, beim Rennen um die schnellste Eisenbahn der Welt, die modernen Champions hinter sich: "Greaseball", den Protz-Diesel, und "Electra", den schnittigen Computer-Flitzer.
Solche Eisenrösser sind Helden eines Musicals, das seit vorletzter Woche das Londoner Apollo-Victoria-Theater in eine Lustbude verwandelt: "Starlight Express", so der Titel, ist der Schlager der Saison.
Was da rollt und flitzt und pfeift, ist nicht aus Stahl: Schauspieler auf Rollschuhen, gewandet wie Rocker, alte Rittersleut' oder Samurais, donnern halsbrecherisch über Achterbahnen, quer durchs Theater, hoch hinauf in den Rang - jede Lokomotive ein Phallus-Symbol.
Dem männlichen Lok-Ruf nämlich folgen die weiblichen Anhänger, Waggons in Form von Roller-Girls, die sich einklinken in die wilden Gesellen, oft genug aber auf dem Nebengleis landen, während die dynamischen Kraftkerle gern auch mal zweigleisig fahren.
Von den Katzen ist der britische Komponist Andrew Lloyd Webber, 36, damit auf den Zug, aber längst nicht auf den Hund gekommen. Denn der "Starlight Express" hat sich angekoppelt an seine Musical-Welthits "Jesus Christ Superstar", "Evita" und "Cats".
Mehr als zwei Millionen Pfund wurden lockergemacht, um das Londoner Eisenbahn-Spektakel ins Rollen zu bringen. Knapp drei Viertel der Produktionskosten verschlang allein der Umbau des plüschigen Apollo-Victoria-Theaters: Die Szenerie präsentiert sich nun als ein irrealer Glitzertempel, als Mischung aus Rollschuh-Achterbahn, Super-Disco und Planetarium im Star-Wars-Stil.
Um den Akteuren auf Rädern die Bahn frei zu machen, wurde die Sitzplatz-Zahl von 2700 auf 1450 gebracht. Bis sich die gigantische Investition auszuzahlen beginnt, muß das Lloyd-Webber-Musical 43 Wochen lang in ausverkauftem Haus rotieren.
Wenn die Rollschuh-Loks auf drei Ebenen, über Brücken und Tunnel, manchmal mit 60 Sachen durchs Theater fegen, werden im Rang Schutzwände ausgefahren. Den Zuschauern ist immer mal wieder die Sicht versperrt, aber Video ist nun auch für Musicals eine
segenbringende Erfindung: Riesenleinwände bieten eine Direktübertragung des Rennens, wenn es im Tunnel oder hinterm Rücken vorbeihetzt - tote Winkel gibt es nicht in dem Gesamtrollkunstwerk.
Schon vor Beginn der Vorstellung wird das Publikum aufs Thema eingestimmt: Im Rang rattert eine Modell-Eisenbahn über einen Mini-Parcours. Schmalspurig wie dieses Spielzeug ist dann auch die Handlung des Musicals.
Denn "Rusty", die angerostete Dampflok, muß sich, als Underlok, in Ausscheidungsrennen und im Finale gegen die technisch weit überlegenen Lokomotiven "Greaseball" und "Electra" behaupten. "Rusty" wird gehänselt und verspottet, gewinnt aber nach einer märchenhaften Begegnung mit dem "Starlight Express", einem gottähnlichen Über-Zug, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten zurück und damit auch das Rennen. Das Dampflok-Biedermeier triumphiert in Thatcher-Land.
Dabei ist die Humanisierung toter Materie so weit auf die Spitze getrieben, daß die Verbindung der schlichten Reim-Kunst des Librettisten Richard Stilgoe mit Lloyd Webbers Musik und der Regie Trevor Nunns sozusagen die Psychogramme von Lokomotiven entfaltet.
Die Musik ist ein Klang-Panorama aus angloamerikanischem Pop von Rock 'n' Roll, Country & Western, Boogie Woogie, Heavy Metal, Rhythm & Blues und Jazz. Die handlungstragenden Loks und Waggons bekommen jeweils ihren eigenen Stil zugeordnet. So präsentiert sich der schmierige Diesel "Greaseball" in Rocker-Lederkluft mit Penis- und Knieschutz zum Lok 'n' Roll der Elvis-Ära.
Und "Electra", eine bisexuelle Zugmaschine, trällert in der Manier von David Bowie: "Gleichstrom oder Wechselstrom, mir ist beides recht." Jede Lok ein Phallus-Symbol, jedes Wägelchen ein Mädelchen - nach diesem Muster vollziehen sich die Ankopplungsmanöver der schmachtenden Waggons, die von der Lokomotive mit dem starken Pfiff träumen. "Mehr als nur ein bißchen sexistisch", kam denn auch dem US-Magazin "Newsweek", trotz großem Spaß an temporeichen Schauwerten, das "High-Speed-Musical" vor.
Zu seinem menschenleeren Musical ließ sich Lloyd Webber von den bunten Kinderbüchern des Reverend Wilbert Awdry inspirieren. Da jauchzen die Lokomotiven, wenn sie den Berg hinunterrasen, oder fangen an zu maulen, wenn sie sich auf einem Verschiebebahnhof beim Rangierdienst plagen, etwa in "James, die rote Lokomotive".
Trotz aller Einfalt bleibt die monumentale Theaterproduktion beeindruckend durch die Choreographie von Arlene Philipps, die ihre Loks auch mal im Breakdance lospoppen läßt, und durch die furiose Synthese von Tempo und Musik.
Ohrwürmer freilich wie "Evita" ("Don't Cry For Me, Argentina") oder
"Cats" ("Erinnerungen") hat das fulminante Eisenbahn-Spektakel nicht zu bieten. Aber die Montage von Country- & Western-Melodien, von Blues- und Gospel-Inbrunst und Boogie-Attacken a la Meade Lux Lewis funktioniert.
Im Rausch der Science-fiction-Symphonie betörender Beleuchtungs-Effekte, phantastischer Kostüme, artistischer Rollschuh-Exzesse und kühner Dekorationen gehen altbackene Weisheiten unter wie jene, die "Rusty" vom "Starlight Express" auf die Schiene mitbekommt: "Diesel ist für Ungläubige, Strom ist von Übel, nur Dampf ist die Kraft, die alles schafft!"
Dieser nostalgische, verklärende Blick zurück im Dampf ist um so paradoxer, als er nur durch den Einsatz raffiniertester technischer Mittel geöffnet wird: Vom computergesteuerten Synthesizer bis zur fulminanten Light-Show und einem funkelnden Sternenhimmel ist alles eingesetzt, was moderne Technologie zu bieten hat.
Der enorme Aufwand scheint sich zu lohnen. Bis in den Juni ist das Musical ausverkauft. Die Feier der Dampflok ist so auch ein Triumph der Kohle.

DER SPIEGEL 15/1984
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