13.08.1984

GESTORBENRudolf Hagelstange

*
Rudolf Hagelstange, 72. Das Jahr 1944 - fast überall in Europa Krieg, Trümmer und Tod. Doch wie im Auge des Orkans, schrieb im unzerstörten Venedig ein deutscher Fahnenjunker-Feldwebel der Wehrmacht, abgestellt zur Mitarbeit an einer Soldatenzeitung aus Goebbels' Propagandaministerium, außerdienstlich Sonette. Der Soldat Hagelstange, in Nordhausen am Harz geboren, Jahrgang 1912, aus katholischem, nazifeindlichem Elternhaus, fühlte sich von einem "wahren Furor poeticus gepackt". In wenigen Wochen brachte der gelernte Feuilleton-Redakteur zu Papier, was viele junge Soldaten empfanden, die Hitler um ihre Jugend betrog: die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Seine Sonette wurden unter dem Titel "Venezianisches Credo" gleich nach Kriegsende veröffentlicht - und berühmt. Mit lyrischem Hochdruck dichtete sich Hagelstange ins Seelenzentrum einer ganzen Generation. Später traf Hagelstange so klar den Zeitgeist nicht mehr. Dafür griff der in seiner Jugend olympiareife Stabhochspringer nun weniger pathetisch populäre Themen auf: Die Sowjet-Union im Reisebericht "Die Puppen in der Puppe", Ilias und Odyssee in den Persiflagen "Spielball der Götter" und "Der große Filou". Hagelstange starb am vergangenen Sonntag in Hanau.

DER SPIEGEL 33/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 33/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GESTORBEN:
Rudolf Hagelstange