09.04.1984

ALTERNATIVSZENEÜber den Tisch

In Berlin platzte ein ehrgeiziges Alternativmesse-Projekt. Die Szene fühlt sich betrogen. *
Es klang alles ganz großartig, für die Müsli-Szene sogar zu großartig: "Auf 36 000 Quadratmetern", so verhieß Anfang Februar eine bundesweit verteilte Flugschrift, sollte im Mai rund um den Berliner Funkturm die größte Schau der Alternativszene "auf dem europäischen Kontinent" stattfinden.
"Von der Solarzelle über Psychotank bis hin zur biologischen Mohrrübe", so die Veranstalter, sollte die "Alternativa 84" fünf Tage lang alles präsentieren, was das Aussteigerherz höher schlagen läßt. Vorbild der Veranstaltung: eine Messe in London, die im Juni 1982 "mehr als 700 000 Besucher" angelockt hatte.
Die Botschaft schlug in der Berliner Alternativszene wie ein Blitz ein. Kaum eine Organisation, kaum eine Initiative im Mekka der Alternativen war zuvor gefragt worden, alles schien die Idee schnöder Geschäftemacher zu sein. Das gab zu denken. "Wir sind von Gangstern umgeben", mutmaßte Juppi, Chefdenker der "Ufa-Fabrik", dem größten Alternativprojekt auf deutschem Boden.
Die linke "Tageszeitung" ("taz") startete Ermittlungen über die Veranstalter der Show, angeblich eine "Gesellschaft für alternative Lebensformen" mit Sitz in Detmold und Berlin. Allerdings: Im Vereinsregister existierte sie nicht. Als großer Macher entpuppte sich Udo Lohrmann, 31, in der Rockszene als Pleitegeier verrufen, von linken Druckereien mit Zahlungsforderungen verfolgt, kurzum: einer, der kaum über bürgerliche Zahlungsmoral verfügte, geschweige denn über Reputation in der Szene.
Die "taz" besorgte sogar Photokopien einer eidesstattlichen Versicherung (früher: Offenbarungseid), die Lohrmann im letzten Herbst nach zwei Haftbefehlen vor einem Detmolder Gericht geleistet hatte, und warnte die Leserschaft vor "vielen Merkwürdigkeiten". Lohrmann wehrte sich prompt mit dem Vorwurf der "Geschäftsschädigung".
Ein Geschäft hätte es zweifellos werden können. Nur 22 500 Mark netto hätte Lohrmann an die Berliner Messegesellschaft AMK als Geländemiete zahlen müssen, und mit weiteren 100 000 Mark wäre der Ort, wie geplant, in eine schmucke "Zeltstadt" zu verwandeln gewesen. An Standmieten und Eintrittsgeldern
hätten dagegen gut 350 000 Mark hereinfließen können - ein vernünftiges Management vorausgesetzt.
Damit konnten die Macher jedoch von Anfang an nicht glänzen. Lohrmann sah sich veranlaßt, nach seiner persönlichen Bankrotterklärung einen angehenden Arzt als Buchhalter und Messekonto-Inhaber zu engagieren, Name Matthias Schulcz. Der jedoch ließ auf Briefbögen und Vertragsunterlagen schon mal seinen Namen falsch drucken, nämlich "Schulz" bzw. "Schultz" - was gerichtliche Vorladungen erschweren könnte.
Zu allem Überfluß riskierte der agile Geschäftemacher neben einer großen Lippe noch ideologischen Krach: Den "taz"-Journalisten erzählte er, selbst Daimler-Benz und VW wollten ihre Umweltforschung auf der Messe vorstellen - doch auch diese Behauptung erwies sich als Schall und Rauch. Er bestritt sie in einer Gegendarstellung.
Da Lohrmann und sein Kompagnon auch weiterhin versuchten, Journalisten von RIAS, SFB und Szene-Zeitungen mit großen Sprüchen in die Irre zu führen, war der Ruf der "Alternativa" in der Berliner Öffentlichkeit binnen eines Monats ruiniert. "Die Spannung wächst", schrieb das Stadtmagazin "Zitty". Kaum einer glaubte mehr an die tatsächliche Durchführung der Messe, statt dessen munkelten Insider über Betrugsabsichten. Lohrmann fühlte sich nun schon als "Opfer einer Kampagne" und begann die Flucht nach vorn. Er drohte Journalisten mit Schadensersatzprozessen und beraumte für den 2. April eine Pressekonferenz in der Alternativkneipe "Lebensbaum" an: An diesem Tag war die Zahlung der Geländemiete an die AMK fällig.
Tatsächlich präsentierte der Messe-Gernegroß dort die Empfangsbestätigung für die Übergabe eines Schecks, quittiert von der AMK. Doch just dieser "Beweis dafür, daß die Messe hundertprozentig stattfinden wird" (Lohrmann), erwies sich schon nach 16 Stunden als verspäteter Aprilscherz: Als die AMK am nächsten Vormittag den von Schulcz unterschriebenen Barscheck einlösen wollte, platzte er - auf dem Messekonto war keine Deckung. Reaktion der AMK: "Die Alternativa 84 findet auf unserem Gelände nicht statt."
Pech für die etwa 70 Aussteller aus dem Bundesgebiet, die nach Lohrmanns Angaben bereits 2000 Quadratmeter Messegelände (Gesamtpreis: zirka 200 000 Mark) gemietet hatten - gegen Vorkasse, versteht sich. Ob sie ihre Gelder je wiedersehen, ist fraglich.
Schon wundert sich die Berliner Szene, wo die hübsche Summe hingeflossen ist: Schließlich war Lohrmann bis zum 3. April Mitarbeiterhonorare, Telephon- und Druckereirechnungen schuldig geblieben. Auch seine häufigen Schampus-Gelage in der Berliner Bhagwan-Disco "Far Out" können keine Zigtausende gekostet haben. Sicher ist nur: Lohrmann beglich vom Messekonto alte Schulden seiner Freundin.
Die Pfuscherei der "Alternativa"-Macher ist für einzelne Szene-Projekte finanziell bitter, viele krebsen eh am Rande des Existenzminimums und hatten sich von einer Investition in eine große Messe steigenden Absatz versprochen. Aber auch für die Szene insgesamt ist Lohrmann peinlich. Das "Netzwerk Selbsthilfe" erwägt bereits, den Schlamassel mit einer eigenen Messe im Sommer wiedergutzumachen: "Schlimm wäre", so der Vorstand des Projekte-Fonds, "wenn Lohrmanns Kapriolen auf die Alternativszene insgesamt abfärben." Ein Aussteller sieht es nüchterner: "Wir haben uns wohl über den Tisch ziehen lassen."

DER SPIEGEL 15/1984
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