09.04.1984

MINERALWASSERBaby blau

Aufgrund hoher Nitratwerte darf Babynahrung vielerorts nicht mehr mit Leitungswasser zubereitet werden. Empfohlen wird den Müttern Mineralwasser - das gleichfalls hoch belastet sein kann. *
Die Ärzte im unterfränkischen Marktbreit fertigten eine ungewöhnliche Rezeptur: Sie forderten die Mütter auf, zum Anrühren von Babynahrung nur noch Sprudel zu verwenden - das Trinkwasser der Kommune hatte, so ein Mediziner, einen "dramatisch hohen Nitratanteil" und war nicht mehr genießbar.
Im schwäbischen Bad Schussenried beschloß der Gemeinderat im Februar, für alle Säuglinge im Kurort kostenlos Tafelwasser in Flaschen auszugeben - rund 100 Milligramm Nitrat enthielt jeder Liter aus Haushalts-Leitungen.
Im hessischen Lollar forderte Bürgermeister Gerd Bocks letzten Monat "alle Eltern mit Kleinkindern" auf, statt des nitratverseuchten Leitungswassers (52 Milligramm pro Liter) lieber Sprudel zu benutzen - das Trinkwasser sei "für Babys bloß noch zum Waschen" geeignet.
In weiten Teilen der Bundesrepublik hat die - vor allem durch Stickstoff-Düngung verursachte - Belastung des Grund- und Trinkwassers längst den von der EG empfohlenen, nach Möglichkeit anzustrebenden Richtwert von 25 Milligramm pro Liter überschritten, oberhalb dessen Nitrat bei Säuglingen das Risiko der sogenannten Blausucht erhöht: Die Haut verfärbt sich bläulich, die Kinder können ersticken (SPIEGEL 25/1982).
Rund sechs Millionen Bundesbürger müssen Wasser trinken, dessen Nitratgehalt auch den von der EG vorgeschlagenen Höchstwert von 50 Milligramm übersteigt. Und rund eine halbe Million Menschen wird sogar mit Leitungswasser versorgt, das nicht einmal der zur Zeit noch geltenden bundesdeutschen Trinkwasser-Verordnung genügt: 90 Milligramm pro Liter (siehe Schaubild).
Solche Überschreitungen glaubten Politiker bislang tolerieren zu können, weil Mütter von Säuglingen, so die amtliche Begründung, schließlich auf Mineralwasser ausweichen können - eine Hoffnung, die offenbar trügt.
Am Donnerstag letzter Woche jedenfalls wurde publik, daß, einer Untersuchung
Gießener Umweltforscher zufolge, sechs verschiedene Mineralwässer, die in Mittelhessen gefördert und überall im Land verkauft werden, Nitrat in bedenklich hohen Konzentrationen enthalten: bis zu 60 Milligramm pro Liter. Die Proben waren willkürlich den Regalen hessischer Supermärkte entnommen.
Nicht auszuschließen, daß eine Vielzahl anderer Tafelwässer - Jahresverbrauch 1983: mehr als 51 Liter pro Einwohner - ähnlich hoch nitratbelastet ist. Bislang mangelt es allerdings an Untersuchungen, und über den Nitratgehalt in Flaschenwasser gibt es keinerlei gesetzliche Bestimmungen.
Das Umwelt-Übel ist durch jahrzehntelange ökologische Unachtsamkeit entstanden. Überall, wo nach der Bauernregel "Viel hilft viel" gedüngt wird, in Obst- und Weinbaugebieten wie auf Getreideflächen, ist der Nitratspiegel drastisch erhöht. Deutschlands Landwirte, deren Stickstoffverbrauch sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat, kippen tonnenweise nitrathaltigen Chemiedünger oder Jauche und Gülle aus der Massentierhaltung in die Landschaft.
Die Geruchsbelästigung (ARD-Kommentar: "Und ewig stinken die Felder") ist noch die harmloseste Folge: Die leicht wasserlöslichen Nitrate wandeln sich im Körperstoffwechsel in Nitrit, ein sehr starkes und akut wirkendes Blutgift. Zwei mysteriöse Fälle von Babysterben im nordrhein-westfälischen Amminghausen-Leteln, über die am Mittwoch letzter Woche TV-Reporter berichteten, sind möglicherweise auf hochbelastetes Trinkwasser zurückzuführen; das örtliche Wasserwerk, das Naß mit überhöhter Nitratkonzentration gefördert hatte, wurde vorübergehend geschlossen. Im westfälischen Lemgo, wo ein Brunnen immitten überdüngter Äcker nitratverseucht war, erlitt ein zwölf Monate altes Mädchen unlängst infolge von Blausucht Hirnschäden, die zu spastischen Lähmungen führten.
Bislang vergebens haben Politiker wie der nordrhein-westfälische Agrarminister Klaus Matthiesen (SPD) die Landwirte aufgefordert, beim Düngen "schnell umzudenken". Per Verordnung will Matthiesen nun das Versprühen von Jauche und Gülle im Herbst und Winter ganz untersagen. In Wasserschutzgebieten sollen Jauchewagen künftig nur noch zweimal im Jahr entleert werden.
Weil die Bauern derlei Pläne ablehnen, weil sie vorerst nicht wissen, wohin mit dem Mist, plant Wasserschützer Matthiesen eine "Düngerabgabe", etwa einen Aufschlag auf den Wasserpreis. Mit dem gesammelten Geld sollen Landwirte Zuschüsse erhalten, wenn sie hohe Jauche-Behälter bauen, in denen Gülle gesammelt werden kann.
Wo das Zeug schließlich endgelagert werden soll, ist noch offen. Einen amtsinternen Namen für Matthiesens Düngerabgabe indes gibt es schon: "Scheißpfennig".
[Grafiktext]
GRUNDWASSER IN NOT Überhöhter Nitratgehalt des Grundwassers in der Bundesrepublik; Angaben in Milligramm pro Liter (mg/l) Landkreise, in denen der Mittelwert über dem EG-Richtwert liegt (= über 25 mg/l) Hamburg Bremen Osnabrück Braunschweig Einzelmessungen mit Werten über dem Grenzwert der z. Zt. gültigen Trinkwasserverordnung (= über 90 mg/l) Münster Essen Düsseldorf Köln Gießen Koblenz Frankfurt Mainz Trier Würzburg Mannheim Nürnberg Stuttgart Freiburg München Konstanz
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 15/1984
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