18.06.1984

NACHRUFENRICO BERLINGUER

Politik als Spektakel, in seinem Land oft so ruchlos rhetorisch betrieben, liebte der aristokratische Kommunist nicht. Das Ideal und der Kampf für die Sache beflügelten Enrico Berlinguers langen Marsch durch die Institutionen.
Höflich, bescheiden, schüchtern zuweilen, lebte der Chef der größten kommunistischen Partei der westlichen Welt seinen überschwenglichen Landsleuten die Askese der Macht vor.
Engere Parteifreunde nannten ihn gelegentlich, wenn sie seine Vorsicht beschreiben wollten, die "sardische Uhr". Sie tickte leise, stetig, tüchtig.
Sie rückte pünktlich auf einen triumphalen Wahlerfolg zu, mit dem die KPI 1976 unter Berlinguers strenger Führung auf 34,4 Prozent anwuchs. Der Sieg schien einen Sommer lang im "historischen Kompromiß" zwischen Kommunisten, Christdemokraten und Sozialisten seine Krönung zu finden. Aber der Plan, die abgewirtschaftete Democrazia Cristiana mit der ihr so bedenklich nahe gerückten linken Opposition einen Pakt für eine gemeinsame Reformpolitik und eine durchgreifende Wandlung der italienischen Gesellschaft schließen zu lassen - mit Hoffnung auf eine linke Mehrheit -, war doch wohl zu phantastisch. Die Vision hielt der politischen Realität nicht stand.
Trotz spektakulärer Erfolge bei den Wahlen der Jahre 1975/1976, als die KPI in den wichtigsten Städten, Provinz- und Regionalregierungen an die Macht kam, manövrierte die angeschlagene DC die Partei Berlinguers aus - kein Kommunist wurde Staatssekretär oder Minister.
Für den Parteichef war der ausbleibende Sieg die schwerste Niederlage seiner frühen und steilen Karriere. Palmiro Togliatti hatte den Sohn eines sozialistischen Anwalts und antifaschistischen Kämpfers entdeckt, der Führer des sardischen Brotaufstands im faschistischen Italien gewesen war und dafür hundert Tage Gefängnis absitzen mußte.
Der Knick in seiner glücklosen Politik, so ehrlich sie auch sein mochte, zeigte sich Ende der 70er Jahre, noch bevor Berlinguer durch den Tod des Christdemokraten Aldo Moro seinen verläßlichsten Gesprächspartner in der DC verlor. Kommunistische Stammwähler und enttäuschte Zuläufer aus den bürgerlichen Mittelschichten zeigten sich über "die verschleppte nationale Solidarität" enttäuscht.
Mit Verspätung wollte das "sardische Uhrwerk" den Kurs korrigieren - 1980 rückte Berlinguer von der Allianz mit den Christdemokraten ab, um nun für eine "demokratische Alternative" bereit zu sein. Doch da war es für eine gemeinsame Linke schon zu spät, hatte sich im sozialistischen Lager unter Craxis aggressiver und ehrgeiziger Führung schon Mißtrauen gegen das Bündnis mit der KPI geltend gemacht. Die Sozialisten fürchteten, daß die neue Allianz auf ihrem schmalen Rücken ausgetragen werden sollte.
Die KPI schrumpfte 1979 und noch mal 1983 auf 29,9 Prozent. Dennoch steht die 1,6-Millionen-Mann-Partei bei Berlinguers Tod immer noch robuster da als vor zwölf Jahren, bevor er an die Parteispitze vorstieß.
Das schwierige Erbe, das der damals 49jährige Parteichef antrat, hat er trotz des verfehlten "historischen Kompromisses" gut verwaltet. Einen Koloß wie die KPI aus ihren ideologischen Fesseln weitgehend zu lösen, zu modernisieren und auf eine vergleichsweise demokratische Grundlage zu stellen, war auch im Italien des Eurokommunismus kein leichtes Werk.
Berlinguers eurokommunistische Version, die kommunistischen Parteien für einen ideologischen Pluralismus in Richtung auf die nordeuropäischen Sozialdemokraten zu öffnen, wurde in Moskau, nach Tito und Mao, als "dritte Häresie" des internationalen Kommunismus empfunden. Berlinguer vertrat die Irrlehre korrekt und höflich, aber entschlossen, von seinem "eigenständigen nationalen Weg zum Sozialismus" nicht abzugehen.
1976, als er in Moskau sein Konzept mit offenem Visier vor der Kreml-Führung verfocht, traten die französischen Kommunisten und die noch im Untergrund lebenden Spanier an seine Seite. Aber nochmals überschätzte der kleine Sarde die Ansteckungskraft seiner Idee.
Er hatte sie mit Tito abgesprochen - aber das war als Rückendeckung zu wenig. Die ungarischen, polnischen und tschechoslowakischen Kommunisten empfahlen ihm zwar insgeheim durchzuhalten, griffen ihn aber von der Tribüne herab an: Der Kreml unterschätzte die Gefahren nicht, die der Eurokommunismus als politische Alternative im osteuropäischen Glacis auslösen konnte.
Seit Ende der 70er Jahre versuchten die gereizten Herren in Moskau mit allen Mitteln, Berlinguer auf eine orthodoxe Linie zurückzuzwingen. Trotzig aber beschloß der KPI-Vorstand im Dezember 1981 nach dem Militärputsch in Polen und dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan, daß der mit der Oktoberrevolution in der UdSSR eingeschlagene Weg zum Sozialismus "seine erneuernde und revolutionäre Antriebskraft verloren" habe - Schlimmeres konnte Lenins Erben kein Kommunist antun.
Und so eindeutige Sätze wurden in der byzantinischen Politlandschaft Italiens selten gesprochen. Berlinguers "Riß" (strappo) war auch daheim ein waghalsiges Unterfangen, denn wer in der KPI-Spitze konnte garantieren, daß die oft stalinistische Parteibasis den "strappo" mitmachte?
Daß ein aufrechter Mann das Ideal einer großen Partei weitgehend frei vom üblichen politischen Münzwert voranträgt, ist in der italienischen Republik sehr selten geworden.
Vielleicht war das der Grund dafür, daß Berlinguer, seinem etwas grauen Image zum Trotz, mit soviel spontaner Trauer zu Grabe getragen wurde. In italienischen Kirchen beteten die Gläubigen für den Kommunisten, der laut Vatikan nach "christlichen Idealen lebte".
Und Italiens hartgesottene Partei-Politiker waren vielleicht sogar ehrlich betroffen, daß die leise "sardische Uhr", 62, aufgehört hatte zu ticken.

DER SPIEGEL 25/1984
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