09.04.1984

NACHRUFKARL RAHNER †

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Der, der ich bin, grüßt trauernd den, der ich sein soll." So ironisch-melancholisch hat sich Karl Rahner vor fünf Jahren für die Laudationes zu seinem 75. Geburtstag bedankt. Als "öffentlich anerkannter Kirchenvater" wurde er gefeiert, als Schöpfer eines "in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Werkes", als eine "wahrhaft epochale Gestalt katholischer Theologie".
Karl Rahner hat das unbewegt, wie immer bei solchen Anlässen, zur Kenntnis genommen, mit dem ihm eigentümlichen, etwas mürrischen Gesichtsausdruck. Kirchenvater und epochale Gestalt, das war bereits der Nachruf, den er gar nicht hören wollte. Viel lieber hätte er gehört, er sei schlicht das, wodurch sich nach einer Definition des Thomas von Aquin ein Gelehrter, ein "doctor" charakterisieren lasse: "utilis", nützlich für seine Mitmenschen.
Denn das wollte er sein, der Doktor der Theologie Rahner, irgendwie nützlich für seine Mitmenschen. Doch woran läßt sich das am Ende messen? An den zahlreichen Ehrendoktorhüten, an den vielen Preisen und Medaillen, am Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern, am Orden Pour le merite, an den hohen Auflagen der Bücher?
Mehr als 4000 Veröffentlichungen zählt die Bibliographie Rahners auf: Zeichen eines ungeheuren Fleißes, aber vor allem Ausdruck eines zur Leidenschaft gewordenen Bemühens, das Unbegreifbare, den "agnostos Gott" als "letzte Erfahrung und den eigentlich brennenden Schmerz unserer Existenz" zu vermitteln, dabei wissend, daß jede theologische Aussage nur eine "gestammelte" sein kann.
Für diese Rolle des Vermittlers bekam er nicht nur Beifall - auch von Marxisten und Atheisten -, er wurde dafür auch als Modernist verdächtigt und vom Lehramt gerügt. Denn Rahner hat nie geschwiegen, wenn ihm in seiner Kirche die Wahrheit, die Gerechtigkeit und die Nächstenliebe verletzt schienen. Er wollte nicht, daß die Schwierigkeiten, die ihm Rom machte, in der Öffentlichkeit hochgespielt würden. "Für jeden Jesuiten ist das keine aufregende Sache, wenn ein Buch in der Zensur hängenbleibt."
Rahner war mit 18 Jahren in den Jesuitenorden eingetreten. 1932 zum Priester geweiht, studierte er anschließend in Freiburg Philosophie, wo er auch Schüler Martin Heideggers war.
Nach Lehraufträgen in Wien und an der Jesuiten-Hochschule in Pullach wurde Rahner als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte an die Universität Innsbruck berufen. 1964 wurde er Nachfolger Romano Guardinis auf dem Münchner Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie. 1967 nahm Rahner einen Ruf an die Universität Münster an, die ihn 1971 emeritierte.
Weder als Konzilstheologe noch als Mitglied der "Internationalen katholischen Theologenkommission" war Rahner ein päpstlicher Hoftheologe, aber er war "auch nie der selbsternannte Reformator oder der arrogante, besserwisserische und wichtigtuerische Schiedsrichter über die Kirche", urteilte der Tübinger Dogmatik-Professor Walter Kasper.
Rahner hat zu seiner Kirche gehalten. Das ist ihm im Laufe der Jahre immer schwerer gefallen. Als er zu Beginn dieses Jahrzehnts nach der Zukunft für die Kirche gefragt wurde, antwortete er: "Wenn nicht äußere gesellschaftliche Ereignisse fundamentaler Art in der geschichtlichen Situation der Kirche große Veränderungen erzwingen, fürchte ich, daß die Kirche in Europa nicht mehr fertigbringt, als schlecht und recht weiterzumachen, ohne viel schöpferische Phantasie und Mut des Wagnisses."
Er könne sich diesen "resignierten Pessimismus" leisten, fügte er hinzu, denn "was kann das im allerletzten - ich sage: im allerletzten - bedeuten, wenn ich wirklich glaube und lebe, was das 'Eigentliche' der Kirche ausmacht".
Karl Rahner starb am 30. März 80jährig an Herzversagen.

DER SPIEGEL 15/1984
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NACHRUF:
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