18.06.1984

FILMMünchner Schnupferl

Der Münchner Regisseur und Kritiker Eckhart Schmidt gilt als Enfant terrible der Branche, seine Rezensionen brachten ihm Ohrfeigen ein. Nun rechnet er mit der Massenpresse ab. *
Die wilde Jagd geht vom Bubi-Treff "Cafe Reitschule" am Englischen Garten zum Loden-Bistro "Extrablatt" des "Bild"-Kolumnisten Michael Graeter. Der hat früher die Klatschtante bei der Münchner "AZ" gemacht. Die kommt auch vor, heißt aber "MZ".
Mit Namen wiederum kommt der Biergarten "Emeramsmühle" vor, nicht jedoch die Diskothek "P 1". Wenn aber ein koksender Bierbrauersproß zwischen Papis Sudkessel einen irren Todestanz steppt, dann leuchtet hell ein Markenzeichen: "Spaten".
Mehr Münchner Inventar gefällig?
Showmaster Dietmar Schönherr spielt einen Showmaster. Der Münchner Maler und Schauspieler Jürgen Draeger spielt einen Münchner Regisseur, wie der beim Dreh in einem Wohnwagen hockt wie einst Fassbinder. Und der Schauspieler-Darsteller Burkhard Driest stellt einen Schauspieler dar - Szenen aus dem jüngsten
Film "Die Story" des Münchner Regisseurs Eckhart Schmidt, 45. Der ist wohl der einzige deutsche Filmemacher, der sich am Massenpublikum orientieren will und das auch propagiert. Die Kollegen lassen ihn das büßen, und wie.
1982 etwa, als Schmidt das propere ZDF-Teenie Desiree Nosbusch für seinen Film "Der Fan" eine Sechzehnjährige spielen hieß, die einen geliebten Popsänger mit der Elektrosäge unter Tränen zerteilt und bei Kerzenlicht verspeist: Die Kritik verriß den symboltrunkenen Film derart unbarmherzig ("hohl", "manieriert", "täppisch"), daß der Regisseur ein blutdürstig-surrealistisches Folgewerk "Das Gold der Liebe" zum gleichen Thema der Meute gar nicht erst vorstellte.
"Der Fan" brachte es, wider Willen hart mit der Zombie- und Horrorwelle in den Jugendmarkt schwimmend, auf rund 300 000 Zuschauer und ansehnliche Video-Umsätze: mehr als die meisten deutschen Jungfilmer-Filme. Der deutsche Jungfilmer aber, wenn es ihn denn als Typus gibt - für Eckhart Schmidt ist er der altböse Feind.
Schmidt ist Mitglied des achtköpfigen Gremiums in der Bayrischen Filmförderung, das alljährlich über Fördergelder von rund zehn Millionen Mark zu befinden hat. Als Berater von Joachim Fuchsberger kann Schmidt mitreden, wer "Heut'' abend" werbewirksam mit dem Einschaltpinsel reden darf.
Als "Außenseiter" und Rebellen sieht Schmidt sich dennoch. "Moralinsaure Spießer" beherrschten die Branche, "Geistes-Greise, die ihre Knochenfinger in den deutschen Film stecken".
Statt verstaubte Literatur zu verfilmen, so Schmidts Rezept zur Sanierung der maroden (Bonner) Filmförderung, müßte "in Form und Inhalt auf das jugendliche Kino-Publikum" reagiert, müßten dessen "Sehnsüchte und Alpträume" in Bilder gefaßt werden.
Einem breiteren Publikum zum Begriff aber wurde er 1981: Schmidt machte sich auf einen Spazierweg durchs heimatliche Schwabing. Dort stellte ihn der Regisseur Reinhard Hauff, dessen "Endstation _(Sibylle Rauch, Ulrich Tukur. )
Freiheit" vor Wochen angelaufen war. In einer Rezension hatte Schmidt den linken Regisseur Hauff, "einen unserer erfolglosesten Filmemacher", sowie Kollegen indirekt der Unterschlagung öffentlicher Gelder aus der Filmförderung bezichtigt. Hauff schlug zu, die "AZ" hatte ihre Story: "Münchner Regisseur watscht Kritiker".
Von Null auf Seite Eins in wenigen Stunden - Schmidts Film "Die Story", der diese Woche anläuft, erzählt grandios trivial und grandios schief die Geschichte eines Täters und Opfers der Massenmedien. Die Story: Der junge Zeitungsreporter Raoul enthüllt in einer Serie, wie sich Münchens Reiche, Schöne und Mächtige naseweise den Koks reinziehen. Weil Namen angedeutet werden, weil die "MZ" die Geschichte fast so hübsch aufmacht, wie die echte "AZ" das getan hätte - deshalb wird der naseweise Raoul reingezogen in den Sumpf.
Erst (Druck der Kokainmafia) werden ihm Eltern und Freundin umgebracht, dann (Druck der Anzeigenkunden) verliert er seinen Job. Zynische Ex-Kollegen hieven ihn als potentiell Tatverdächtigen in die Schlagzeile.
Der Reporter läuft Amok und zwingt einen Showmaster, live und vor laufender Kamera die lange Namensliste der Münchner Schnupferl vorzulesen.
Der Regisseur Schmidt macht Tempo nach Kräften. Weder die Apotheose mit dem unseligen Showmaster Schönherr aber, noch Georg Marischka als klischeehaft zynisch-müder Chefredakteur oder der irre Ulrich Tukur können ihn aus dem Dilemma des deutschen Trivialfilmers befreien: Weil die Nebenrollen (auch aus Geldmangel) weit unter Mittelmaß besetzt sind, geraten vertraute Chargen (zynische Schreiber und dumme Blondchen, einsame Wölfe und irre Kokser) nicht zum liebgewordenen Kino-Klischee, sondern provozieren Lacher. So erscheint es geradehin als geschickte Regie-Idee, daß Schmidt seinen rasenden Reporter (Tomi Davis, er hat vorher bei Münchens Punk-Band "Marionettes" den Sänger gemacht) gleich zu Anfang der "Story" verstummen läßt.
Schmidts Kino will aktuelle Trends "auslösen, aufgreifen oder verarbeiten": Das ist die Schickeria-Droge Kokain zweifellos, seit dem Koksskandal in München erst recht. Mit der gewollten Trendsetterei aber begibt Schmidt sich ungewollt in die Nachbarschaft seiner Gegner. Denn, egal und willkürlich ausgewählt: Ob kürzlich Norbert Kückelmann mit "Morgen in Alabama" (Neonazis), Adolf Winkelmann mit "Super" (Endzeit), oder 1980 Rudolf Thomes "Berlin Chamissoplatz" (Hausbesetzer) - sie sind, wie Eckhart Schmidt, Hasen.
Erfahrenen Rammlern im Frühjahrsgras gleich erheben sie sich witternd auf die Hinterläufe und schnuppern im Wind. Und wenn sie ihn spüren, ihren Trend, dann wippen sie erwartungsvoll mit der Blume.
Sibylle Rauch, Ulrich Tukur.

DER SPIEGEL 25/1984
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