16.07.1984

LUFTWAFFEGrenze erreicht

Innerhalb von fünf Tagen stürzten drei Kampfflugzeuge der Bundeswehr ab - unvermeidliche Opfer „realistischer Übungsbedingungen“? *
Unglücke, besagt eine Fliegerregel, kommen immer in Dreier-Serien. Das Gesetz scheint zu stimmen. *___Am Freitag, dem 6. Juli, stürzte bei Unterlaindern, ____unweit der Autobahn München-Salzburg, ein "Tornado" des ____Bundeswehr-Jagdgeschwaders 31 ab; die Maschine bohrte ____sich fast senkrecht in den Boden. *___Vier Tage später, am Dienstag letzter Woche gegen 13 ____Uhr, setzte bei einem tieffliegenden "Starfighter" das ____Triebwerk aus, die Maschine krachte in ein Bauernhaus ____in Groß Sterneberg bei Stade. *___Noch am selben Tag stürzte, kurz nach dem Start vom ____Marine-Fliegerhorst Tarp-Eggebek bei Schleswig, ein ____zweiter "Starfighter" ab, ganz in der Nähe des ____Flugplatzes.
Bei beiden "Starfighter"-Abstürzen konnten sich die Piloten mit dem Schleudersitz retten. Zu Tode kam die Bewohnerin des in Groß Sterneberg bei dem Absturz zerstörten Hauses; schwer verletzt wurde der Mann, der mit ihr gelebt hatte. Ohne Chance war auch die zweiköpfige Besatzung des in Bayern abgestürzten "Tornado" - den Männern blieb offenbar keine Möglichkeit, den Schleudersitz zu betätigen, beide wurden mit der Maschine buchstäblich zerfetzt.
Als "schlimme Unfälle" stufte der Kommandierende General der Luftflotte, Generalleutnant Hans-Jörg Kuebart, die Abstürze ein, die mehrere Todesopfer gefordert hatten. Aber er fügte hinzu, es sei letztlich dagegen "nichts auszurichten". Und für die Angehörigen der Opfer mußte wie Hohn klingen, daß Ex"Starfighter"-Pilot Kuebart den Typ "F104 G", von dem die Bundeswehr schon mehr als 250 Stück verloren hat, als eines "der sichersten Flugzeuge" bezeichnete. Der "Tornado", modernstes Kampfflugzeug der Bundeswehr, gilt dem Generalleutnant sogar als "absolut sichere Maschine".
Technisch, so erklärte die Luftwaffe, sei an dem "Tornado" nichts zu bemängeln. Die Schwachstelle des Waffensystems sei vielmehr der Mensch.
Doch gerade das, meinen Fachleute, könnte in den nächsten Jahren - ähnlich wie zu Beginn der "Starfighter"-Ära - wiederum zu einer Häufung tödlicher Unfälle führen: Je realistischer die Einsatzbedingungen, unter denen der "Tornado" geflogen wird, desto geringer die Chance für den Piloten, Gefahrensituationen zu meistern. Wenn die Maschine nahezu mit Schallgeschwindigkeit, allein
gesteuert vom automatischen Bodenfolge-Radar, über Baumwipfel, Hügel und Dörfer hinweghuscht, kann schon der winzigste System- oder Pilotenfehler zum Absturz führen.
Die amerikanische Luftwaffe hat, wie das Fachblatt "Aviation Week" im letzten Monat berichtete, schon entsprechende Erfahrungen gemacht. Seit Mitte der sechziger Jahre stieg die Zahl der tödlich endenden Schleudersitz-Ausstiege um jährlich ein Prozent. Die Chance einer Besatzung, sich mit dem Schleudersitz noch zu retten, ist mit den erhöhten Geschwindigkeiten und den immer geringeren Flughöhen dramatisch gesunken. Die Abstürze mit dem "Tornado" sind dafür besonders typisch.
Seit dem "Tornado"-Absturz in Bayern Ende vorletzter Woche herrscht im Führungsstab der Luftwaffe, so ein Mitglied des Verteidigungsausschusses, "unwahrscheinliche Aufregung". SPD-Verteidigungsexperte Erwin Horn forderte Luftwaffen-Inspekteur Eberhard Eimler auf, ein vorläufiges Flugverbot für den aufwendigen Super-Vogel (Gesamtpreis pro Flugzeug: rund 100 Millionen Mark) zu erlassen, der schon öfter vom Himmel gefallen ist.
Insgesamt haben sowohl die britische Royal Air Force als auch die Bundeswehr bislang je drei "Tornados" verloren. "Kritische und unprogrammgemäße elektrische Störungen" waren die Ursache eines "Tornado"-Absturzes bei der RAF Ende September letzten Jahres. Nach dem Unglücksfall, bei dem der Pilot starb, wurden alle "Tornados", auch die der Bundeswehr, vorübergehend mit Flugverbot belegt.
Zwei "Tornado"-Abstürze der Bundesluftwaffe vom Januar dieses Jahres bestätigen die in "Aviation Week" vorgetragenen Bedenken: *___Am 9. Januar zerschellte ein "Tornado" in der Ostsee. ____Der Pilot war "plötzlich in eine Wolkenbank" geraten ____und hatte keine Zeit gefunden, die "Lage zu ____analysieren". Da die Maschine "zwischen 300 und 1200 ____Meter hoch" flog, konnte die Besatzung sich ____hinauskatapultieren und überlebte den Ausstieg. *___Vier Tage zuvor schlug ein "Tornado" nahe der ____holländischen Insel Vlieland ins Wattenmeer. Beim ____simulierten Bombenabwurf über der Nordsee, so die ____Luftwaffe, wurde ein "falscher Neigungswinkel" ____geflogen. Die Maschine, so Augenzeugen, sei "blitzartig ____abgestürzt" - dem Piloten und dem Waffensystem-Offizier ____blieb keine Zeit mehr, sich zu retten.
"Die Statistik über Tote und Schwerverletzte bei Abstürzen macht deutlich", so resümierte "Aviation Week", "daß die derzeitigen Schleudersitze unter den heute üblich gewordenen Trainingsbedingungen keineswegs mehr sicheren Ausstieg gewährleisten."
Um im Ernstfall der Entdeckung durch das gegnerische Radar und dem Beschuß mit Flugabwehr-Waffen zu entgehen, fliegt auch die US-Luftwaffe einen immer größeren Prozentsatz ihrer Übungsflüge in niedrigen Höhen. Auch der deutsche Pilot des jetzt in Bayern abgestürzten "Tornado" war die Strecke von der Basis Nörvenich bei Köln bis nach Bayern im Tiefflug dahingejagt.
Bei solchen Flugbedingungen aber geraten Piloten an die Grenzen menschlichen Vermögens. Alle 3,4 Sekunden, so stellten Fliegerärzte fest, hat der Pilot im Cockpit des superschnellen Schwenkflüglers eine "Action" zu bewältigen - da bleibt ihm kaum eine Chance, auf plötzlich auftretende technische Mängel, auf jäh eintretende Sichtbehinderung oder auf Vogelschlag gegen die Cockpit-Haube besonnen zu reagieren.
Schon bei rund 750 km/h Fluggeschwindigkeit, so ermittelte "Aviation Week", beträgt die Wahrscheinlichkeit, daß der Pilot den Ausstieg mit dem Schleudersitz nicht überlebt, 25 Prozent. Bei Flughöhen von 150 Meter und weniger - unter "realistischen" Einsatzbedingungen - starben sogar 59 Prozent der Piloten beim Versuch, sich in Sicherheit zu katapultieren.
Bei dem für Schleudersitze angegebenen Grenzwert von 1100 km/h - jenseits davon hat Aussteigen sowieso keinen Sinn - überlebte nicht einmal jeder vierte Unglückspilot.

DER SPIEGEL 29/1984
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