16.04.1984

Querdenker gegen Stadtsheriff

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über die Heidelberger OB-Wahlen *
Knallend verhallt der Satz, wie ein Peitschenhieb. "Heidelberg braucht den Befreiungsschlag", ruft da einer in den Saal. Albrecht Müller heißt der Mann am Mikrophon, der dem machtbewußten Stadtoberhaupt Reinhold Zundel am 6. Mai das Amt streitig machen will.
Im "Zieglerbräu", wo sich die Rivalen in qualvoller Enge zu einem Dialog gegenübersitzen, scheint die Luft zu zittern, und die Geister scheiden sich. Tohuwabohu, frenetischer Beifall, Füßetrampeln - aber auch Schreie blanken Entsetzens über soviel angebliche Unvernunft, die die Stadt in ein "neues Chaos" hineinzutreiben beabsichtige.
Ein Professor stöhnt auf: "Wie damals, ganz so wie damals", als in der Uni die Apo ihn schikaniert habe. Befreiungsschlag? "Da hört man's", brüllt Zundel zurück, was ihn in dieser Stadt notwendig mache. "Damit die alten Sitten nicht wieder einreißen!"
Wahlkampf in Heidelberg: seit spätestens Mittwochabend vergangener Woche knochenhart und von wachsender Polarisierung gekennzeichnet.
In Heidelberg verteidigten "die Mächtigen ihre Macht mit Zähnen und Klauen", geißelt der Kandidat Müller und ortet den seit achtzehn Jahren im Amt befindlichen Oberbürgermeister an der Spitze eines auf "Angst und Abhängigkeiten" aufgebauten "zementierten Herrschaftsgefüges". Strukturen erkennt er, die er so schlimm findet, daß sie ihn gar an Chicago erinnern.
In Heidelberg, entrüstet sich der zunehmend nervöser werdende OB Zundel hinter seinem Schreibtisch, gebe es seit Jahr und Tag "eine Clique", die die Stadt umkrempeln wolle. Mit deren völlig falschem Meinungsbild werde sein Widersacher versehen - als deren Protagonist sei er nun angetreten.
Konfliktverschärfend darüber hinaus: Um den Sieg streiten zwei Männer, die sich auf dieselben Ursprünge berufen. Zum einen der Sozialdemokrat Albrecht Müller, 45, in Heidelberg geboren, Diplomvolkswirt und in Bonn seit 1973 bis zum Ende der sozialliberalen Ära unter Willy Brandt und Helmut Schmidt Chef der Planungsabteilung im Kanzleramt.
Zum anderen der Schwabe Reinhold Zundel, 54, Verwaltungsjurist und, wie er kühn behauptet, obschon er der SPD 1981 den Rücken kehrte, "noch immer in der Kontinuität der Sozialdemokratie stehend", während sich die Partei halt leider geändert habe.
Zundel gegen Müller - ein von allerlei taktischen Finessen durchsetztes Duell, das verwirrt und vor allem die jeweiligen Gefolgschaften nur schwer bestimmbar macht.
Klar ist, daß die SPD nun wieder einen hat, zu dem sie aufschauen kann, der sich reinkniet und der seiner Partei nach deren Leidensweg unter dem schäumend egozentrisch sich gebärdenden Ex-Genossen ein neues Identitätsgefühl gibt.
Die Mandats- und Funktionsträger erlebt man also sichtlich befreit. Aber gilt
das auch für das sozialdemokratische Fußvolk, die Masse jener, die dem Stadtoberhaupt bei dessen letzter Wahl 1976 (und schon damals von der SPD nur mehr zähneknirschend toleriert) mit 79,6 Prozent einen nachhaltigen Vertrauensbeweis entgegenbrachten?
De facto, auch wenn er das gerne verbrämt, steht Reinhold Zundel jetzt für die CDU. Die Christenunion, in Heidelberg numerisch die stärkste Kraft, hat zu seiner Bestätigung aufgerufen.
Doch auch an deren Basis rumort es. Irritiert ist man da von einem Akt vorgeblicher Klugheit, den man wohl eher als schlappe Selbstbescheidung empfindet. Verübelt wird der Parteiführung, daß sie keinen eigenen Kandidaten anbieten mochte. Wahlenthaltungen werden angekündigt.
Dabei hätten gerade die Konservativen alle Veranlassung, mit ihrem Oberbürgermeister mehr als zufrieden zu sein. Was immer nach dem Bonner Machtwechsel bundesweit im Schwange ist, die Summe der Wende-Tugenden von der Wirtschafts- und Finanzpolitik bis hin zu Moral, Anstand, Sitte - der Mann in Heidelberg hat das alles seit Jahren vorgelebt.
Unter Zundels rigider Führung ist die 134 000 Einwohner zählende Stadt am Neckar aus der Sicht der Alteingesessenen wieder zum Kleinod geworden. In Vollzug ihrer historischen Verpflichtung als ehemalige Hochburg deutscher Romantik gründlich gereinigt, in Teilen mehr rasiert als saniert, eine Attraktion allenfalls noch für Touristen aus den USA und Japan, die sich ihr germanisches Schatzkästlein so oder so ähnlich von jeher vorgestellt haben mögen.
Überwunden die Zeiten, in denen die Schreckensmeldungen grassierten. Heidelberg anno '68 und folgende Jahre: ein Zentrum der Apo, des KBW, des ausgeflippten Sozialistischen Patientenkollektivs, aus dem sich die RAF zum Teil rekrutierte, der Stadtguerilla und Straßenschlachten. Heidelberg '84: eine Kommune, die sich im Frühling schläfrig räkelt und in der darüber hinaus nur noch wenig geschieht.
Sauber ist diese Stadt nun tatsächlich, aber zugleich auch geistig verödet. Die Universität, nach Prag und Wien die älteste im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, spielt da nur noch eine untergeordnete Rolle. Nichts strahlt mehr hinter den vielfach strahlenden Fassaden. Sein Geburtsort, klagt der OB-Bewerber Albrecht Müller, sei "muffig, verdorben", werde von einem "Vorurteilsklima" beherrscht.
Natürlich zielt diese Attacke auf Zundel, der es unbestritten clever verstanden hat, die bei dem Gros der Bürgerschaft zumal in den wilden Jahren aufgebrochenen Ängste in Anhänglichkeit umzusetzen.
Der bei seinem Amtsantritt selbst von linken Studenten hoffnungsvoll begrüßte liberale Ordnungspolitiker hatte sich in jener Phase zu einer Art von Stadtsheriff gewandelt. Zu einem Kraftprotz, der sich selbst als "eckig" beschreibt, in den Kampfzeiten den Revoluzzern auch schon mal Prügel anbot und der bis auf den heutigen Tag fast automatisch die Faust ballt, sooft er den Rechtsstaat gefährdet glaubt.
Knackig springt Zundel aber nicht allein mit "den Typen" um. Auch die Stadträte, die Abgeordneten aller Fraktionen werden bisweilen rüde abgekanzelt. Die Grundlage bietet dafür die baden-württembergische Gemeindeordnung, nach der er sowohl Verwaltungschef als auch Vorsitzender des Parlaments ist, auf Sitzungen die jeweilige Tagesordnung bestimmt, sich oder anderen das Wort erteilt oder die Diskussionspartner abblockt, wann immer er das für geboten hält.
Er schöpft diese Rechte aus, sagt er, weil er sich sonst "der Verantwortung entzöge". Was soll's, sein Vorgänger, so erinnert sich der derbe Zuchtmeister, sei "ein Herr" gewesen und habe den Gemeinderat "moderiert", aber "die Stadt ist darüber stehengeblieben".
Alles läuft über Zundel. Alle Informationen aus allen Ämtern des Rathauses, nachdem er selbst den Dezernenten eine entsprechende Auflage erteilt hat. Keiner hat die Stadt wie dieser OB im Griff, verfügt über ein ähnliches Vertrauensleute-Netz in den annähernd 700 Vereinen am Ort. Keiner auch darf sich einer derart ungebrochenen Hofberichterstattung erfreuen, wie sie ihm die Heidelberger "Rhein-Neckar-Zeitung", ein Monopolblatt, täglich auf den Frühstückstisch legt.
Gegen solche "Machtkonzentration auf eine Person", überhaupt gegen "den Geist der fünfziger Jahre", der da unverhohlen im Rathaus wehe, hat Müller nun Front gemacht. Schluß müsse endlich damit sein, daß sich gestandene Menschen, etwa städtische Bedienstete, aber auch x-beliebige Geschäftsleute "zu Recht davor fürchten, mit mir gesehen zu werden".
Zundel hält das für "Blabla"; er weiß, wie ihn sein Gegner einschätzt - als eine "Figur, zum Beispiel, reiner technokratischer Unkultur und als großen Zampano". Er nehme solche Anwürfe "sportlich", sagt er leichthin, doch er wolle bei seinem Regierungsstil bleiben. Denn dieser Obermeister hat sich geschworen, daß "die verdeckte Gewalt" in Heidelberg nicht wieder entflammen darf.
Der ehemalige Brandt-Berater möchte statt dessen mehr Demokratie, mehr Menschlichkeit wagen. Ein Wort, das er nur deshalb nicht so in den Mund nimmt, weil es nach der rasch heruntergekommenen Hochstimmung der frühen Bonner sozialliberalen Ära inzwischen tausendfach diffamiert worden ist.
Sachpolitisch versucht er sich von großen Visionen freizuhalten und führt bewußt gegen die einstmals oder noch immer von Zundel geplanten Prunkprojekte wie "Technologie-Park", "Transurban" oder "Japan-Center" vergleichsweise Bescheidenes ins Feld.
Wird er gewählt, will Müller Jugendzentren schaffen ("auch selbstverwaltete"), sich dem Verkabelungszwang widersetzen und den Cityverkehr beruhigen. Heidelberg, fordert der Kandidat so heftig, als sei er dabei, eine bahnbrechende gesellschaftspolitische Entscheidung
vorzubereiten, "braucht nun endlich ein Radwegenetz".
"Theoretisch ein schönes Programm", loben ihn die Grünen, die erst kürzlich, bei den baden-württembergischen Landtagswahlen, in der Universitätsstadt mit 13,6 Prozent einen gewaltigen Sprung getan haben.
Könnte der SPD-Reformer ihr Favorit sein? Nicht ausgeschlossen. Zunächst mal gibt es da zwar noch einen eigenen, einen namens Männe Metzner, der sich freilich selbst ernannt hat und auf uneingeschränkte Unterstützung deshalb kaum hoffen darf. Am Ende dann also doch "Grüne für Müller"? Die Chance winkt, wenn sich eine Stichwahl ergeben sollte.
Denn "den Albrecht" mögen sie schon, nur, sie mißtrauen der SPD. Die Heidelberger Alternativen und Ökologen, allesamt keine "Fundamentalos", möchten sich nicht mit dem Hinweis abspeisen lassen, daß bei dieser Entscheidung keine Parteien zur Wahl stehen. Urwahl hin, Urwahl her: Der Sozi müsse mit seinem "Verein" leben, und der habe den örtlichen Filz doch auf dem Gewissen.
Und Müller weiß selbst, daß er hier Ballast mitschleppt. Ohne sich bei den Grünen anzubiedern, ist er im Grunde froh, daß ihm dieser "Personen-Wettbewerb die gute Möglichkeit einräumt, auch über die SPD hinaus eine eigene Offenheit darzustellen".
Schon in Bonn, sagt der zu seiner Unterstützung an den Neckar herübergekommene Parteivorsitzende Willy Brandt, sei der junge Genosse "ein prima Querdenker" gewesen.
In Heidelberg liefert der auf solche Art gelobte den Beweis, indem er ohne Schwierigkeiten von SPD-Leuten spricht, die in der Stadt "ganz klar den Weg des Zubetonierens gegangen sind". Müller unerschrocken: "Das war Börnersche Politik in der alten Form." Er habe die Parteifreunde vor Ort "schon ein Stück weit umdrehen können".
Manches spricht dafür, daß "der Neue" (so der Plakattext) in Heidelberg Fronten klärt. Einerseits er, große Teile der SPD und der Grünen, auch die von der FDP abgespaltenen Liberalen Demokraten und "wer immer ansonsten da noch hinzustoßen mag". Andererseits Zundel, große Teile der CDU, der Freien Wähler, der Rest-FDP und, schmerzlich, Genossen, die nicht mehr umdenken mögen.
Seit bei den baden-württembergischen Landtagswahlen die SPD und die Grünen in Heidelberg auf über 50 Prozent der Stimmen kamen, scheint auch der amtierende Oberbürgermeister seines Sieges nicht mehr ganz so gewiß zu sein.
Also hat er beschlossen, an den noch verbleibenden Wochenenden "durch die Stadt zu gehen", einfach "so durchzulaufen", sich "zu zeigen" und auf seine Wirkung zu setzen.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 16/1984
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