16.07.1984

ÖSTERREICHVendetta in Rot

Eine unerwartete Neuauflage des Falles Androsch erschüttert die SPÖ. Hat der ehemalige Finanzminister beim Kauf einer 1,7-Millionen-Villa Steuern hinterzogen? *
Täglich fast beschwört Kanzler Sinowatz die Genossen, "der Öffentlichkeit nicht länger das Bild einer zerstrittenen Partei zu bieten".
Doch die Appelle fruchten wenig. Statt in Freundschaft geeint die Nach-Kreisky-Ära zu meistern, streiten die SPÖ-Funktionäre vor allem gegeneinander. "Es ist ja schon verrückt, was die in Wien aufführen", stöhnte der Kärntner Landeshauptmann Leopold Wagner.
Die in Wien nämlich sind weit davon entfernt, brauchbare Regierungsarbeit zu leisten. Als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun, spielen sie derzeit voll Inbrunst den vierten oder fünften Akt des Dramas Androsch, ein Mittelding zwischen griechischer Tragödie und Denver-Clan.
Der jetzt 46jährige Androsch beschäftigt die Austro-Sozialisten bereits seit seiner Ernennung zum jüngsten österreichischen Finanzminister im Jahr 1970. Sie kommen, so scheint's, nicht los von ihm.
Anfangs war Hannes Androsch Kreiskys vielbewunderter Politsohn, der sich schon 1976 als Stellvertreter und Kronprinz des Alten etablieren konnte - Beweis für das endlich gelöste Nachwuchsproblem der österreichischen Arbeiterbewegung, die ihre Führergestalten zuvor nahezu ausnahmslos aus dem Großbürgertum bezogen hatte.
Wenn der "echte Bua aus dem Wiener Arbeiterbezirk Floridsdorf" (so ein Parteifreund über Androsch) auf seine einwandfrei proletarischen Ahnen verwies, nickte das Parteivolk gerührt. Bald freilich kam Unbehagen auf. Den profitfeindlichen Genossen mißfiel Androschs aufsteigerischer Hang zum Genuß. Sie kritisierten der Reihe nach seine großen Autos, seinen großen Lebensstil und vor allem seine große Steuerberatungskanzlei Consultatio, die der Finanzminister nebenberuflich betrieb und zum Branchenriesen machte.
Ab 1977 setzte sich Kreisky selbst ("Ich bin tief enttäuscht") an die Spitze der Kritiker. Der Kanzler riskierte einen regelrechten Machtkampf zwischen Androsch-Fans und Androsch-Feinden innerhalb der Partei und schaffte es tatsächlich, seinen ehemaligen Günstling aus der Politik ins Business abzudrängen.
Ende 1980 mußte der Jungstar seine Regierungsämter ablegen und in die Chefetage der Staatsbank Creditanstalt ausweichen. 1983 verlor er noch obendrein seinen Sitz im Parteivorstand. "Nun ist der Fall ausgestanden", hoffte die Parteigarde - und irrte.
Denn inzwischen wurde der Bankier Androsch von den Schatten des Politikers Androsch eingeholt. Gezielte Indiskretionen aus dem Finanzministerium nähren den Verdacht, daß er 1975 beim Kauf einer 1,7-Millionen-Mark-Villa im Wiener Nobelviertel Neustift nicht gerade peinlich gesetzestreu vorging. Michael Graff, Generalsekretär der oppositionellen ÖVP: "Er hat sich der Steuerhinterziehung schuldig gemacht."
Eine angeblich routinemäßige, in Wahrheit jedoch vom neuen Finanzminister Herbert Salcher speziell angeordnete Überprüfung der Steuerakte Androsch brachte in der Tat Ungewöhnliches zutage. Besagte Villa, so stellte sich heraus, wurde keineswegs von Androsch selbst gekauft. Der ganze Clan samt einem Wahlonkel wirkte dabei kostensparend mit.
Als Käufer trat Schwiegervater Paul Schärf, ein Bruder des seinerzeitigen Bundespräsidenten Adolf Schärf, auf, wobei er freilich keinen Groschen zu investieren brauchte.
Die Gelder stammten aus zwei zinsbegünstigten Krediten der Wiener Zentralsparkasse, für deren Absicherung nebst dem Villengrundstück selbst eine Bürgschaft durch Androsch - nicht durch Schärf - und sechs Konten dienten.
Von diesen lauteten drei auf die Losungsworte Hannes, Brigitte (Androschs Frau) sowie Lia (Androschs Mutter) und sind in den entsprechenden Steuererklärungen korrekt aufgeführt. Die restlichen drei hingegen im Gesamtwert von über 355 000 Mark waren anonym und in keinem Vermögensbekenntnis zu finden - Schwarzgeld.
Noch seltsamer mutet an, was während der Überprüfung der Androsch-Akte geschah. Plötzlich meldete sich ein 82jähriger pensionierter Arzt namens
Gustav Steiner, deklarierte sich als "Wahlonkel meines lieben Hannes" und erstattete Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung. Er sei nicht nur der Besitzer der drei anonymen Sparbücher, sondern auch der drei anderen.
Bei dieser Sachlage drängte sich den untersuchenden Finanzbeamten nahezu automatisch die Vermutung auf, daß der Villenkauf sehr wohl durch Androsch persönlich getätigt wurde. Ihre These: Schwiegervater Schärf war lediglich vorgeschobener Treuhänder, "Wahlonkel" Steiner, unterdessen verstorben, opferte seinen guten Namen.
Androsch und sein Nachfolger Salcher verkehren nur noch über Anwälte miteinander. Die Androsch-Anhänger befürchten, daß es weit weniger um die Erledigung eines Steuerfalles als um die Erledigung eines Widersachers geht - eine späte Rache des Altkanzlers Kreisky, der über den mißratenen Ziehsohn nicht hinwegkommen kann.
Während der Hauptbetroffene bislang vergeblich auf die Abschlußbesprechung mit den Prüfern seiner Steuerakte wartet, steht schon eines fest: Unabhängig vom Ausgang des Falles wird es letztlich nur Verlierer geben.
Androsch hat im Schuldfall eine "Kerkerstrafe" zu gewärtigen, im Unschuldsfall aber keine Ehrenerklärung zu erwarten, da es sich "um ein ganz normales Steuerprüfungsverfahren handelt" (Salcher).
Nicht einmal die oppositionelle ÖVP empfindet Freude über die "Vendetta in Rot" ("Wochenpresse").
"Der Ruf unserer Politiker ist doch eh schon am Hund", stöhnt ÖVP-Vizevorsitzender Erhard Busek. "Wie tief wird er denn noch sinken?"

DER SPIEGEL 29/1984
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