16.07.1984

KRIEGSGEFANGENEUnerträgliche Leiden

Fast vierzig Jahre nach Kriegsende wollen ehemalige amerikanische Kriegsgefangene Entschädigungen für Zwangsarbeit in Japan einklagen. *
Es habe damals, 1942, einfach nicht genug Lebensmittel gegeben, für die eigene Truppe nicht, schon gar nicht für viele tausend amerikanische und philippinische Kriegsgefangene, erklärte der japanische Ex-Generalleutnant Susumu Morioka, Divisionskommandeur der Besatzungstruppen auf den Philippinen. Deshalb sei es notwendig gewesen, möglichst schnell an einen anderen Ort zu ziehen, "wo die Verpflegung leichter sichergestellt werden konnte".
Fahrzeuge standen dem General kaum zur Verfügung, sagte er, daher "beschlossen wir, die Gefangenen Tag und Nacht marschieren zu lassen. Gewaltmärsche sind in der japanischen Armee üblich. Deshalb waren wir überrascht, daß sie dies ein Verbrechen nannten".
Nicht nur das. Die von dem General noch viele Jahre nach Kriegsende so lakonisch beschriebene Gefangenenverlegung wurde geschichtsnotorisch als "Todesmarsch von Bataan" beschrieben - eines der düstersten Kapitel in Nippons "Großostasiatischem Krieg", dem Zweiten Weltkrieg im Pazifik.
Das Ereignis setzt bei einsichtigen Japanern noch heute größere Schuldgefühle frei, als die zu späterem Filmruhm gelangten Quälereien alliierter Kriegsgefangener durch japanische Soldaten beim Bau der Bahnstrecke Bangkok - Burma ("Die Brücke am Kwai"). Am liebsten aber würden die Japaner gar nicht mehr an die Barbarei des Krieges erinnert werden; sie der Vergessenheit anheimzugeben ist bequemer.
Doch die Vergangenheit holt sie immer wieder ein: Überlebende des Todesmarsches fordern jetzt Entschädigung; gut vier Jahrzehnte später wollen US-Kriegsveteranen japanisches Geld für das Leid ihrer frühen Jahre.
Zweiter Weltkrieg: Japan hatte fast ganz Ost- und Südostasien erobert. 1942 fielen unter dem Ansturm der kaiserlichjapanischen Armeen die amerikanischen Bastionen auf den Philippinen, damals eine amerikanische Kolonie. Am 9. April ergaben sich die US-Verteidiger von Bataan, einer Halbinsel gegenüber der Hauptstadt Manila. Knapp einen Monat später kapitulierte die nahe gelegene Insel Corregidor.
Mehr als 60 000 amerikanische und philippinische Soldaten gerieten in Gefangenschaft. Sie wurden unter unsäglichen Bedingungen in provisorischen Lagern zusammengepfercht, die meisten ohne angemessene Kleidung, unterernährt, viele krank. Die Japaner teilten als Verpflegung pro Mann und Tag höchstens 100 Gramm Reis aus.
Und ständig waren die Amerikaner den Malträtierungen durch ihre Bewacher ausgesetzt. "Strafen auszuteilen", meint der Ex-GI Leo Padilla über seine früheren Aufpasser, "war ihre liebste Beschäftigung." Wer nicht spurte, auch und gerade weil er krank war und nicht konnte, wurde mit Gewehrkolben, auch Bajonetten traktiert.
Nach einiger Zeit sollten die Gefangenen in neue, größere Lager im Norden der Philippinen: Der Todesmarsch begann. Bei tropischer Hitze wurden die Gefangenen 113 Kilometer weit durch den Dschungel getrieben. Sie durften keine Rast einlegen; sie erhielten kaum Essen, fast nichts zu trinken.
Zu versuchen, während des Marsches etwa aus matschigen Pfützen etwas brackige Flüssigkeit zu schöpfen, war ein todeswürdiges Vergehen. Wer von Hunger oder Krankheit entkräftet oder von den Schlägen und Bajonettstichen der Wachsoldaten zerschunden nicht weiter konnte, blieb seinem Schicksal überlassen. Mehrere tausend Kriegsgefangene starben allein während dieses Marsches.
"Nichts hat Japan stärker in den Ruf eines Volkes von unzivilisierten Barbaren gebracht", empörte sich General Morioka zehn Jahre nach dem Fall von Bataan, "als der sogenannte Todesmarsch."
Und doch meinte er, wurde Japan damit Unrecht getan. Denn der Todesmarsch sei ein "Sieg der amerikanischen Propaganda, hatte aber mit der Wahrheit nichts zu tun". Diese Auffassung etablierte sich in Japan als historische Wahrheit.
Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der unrühmlichen Vergangenheit nämlich hat in Japan bestenfalls in Ansätzen stattgefunden. Japan sieht sich vielmehr gern als Opfer: Hiroschima muß dafür als Symbol herhalten. Mit
dem Todesmarsch von Bataan waren die Leiden der amerikanischen und philippischen Gefangenen nicht vorüber. Sie kamen als Zwangsarbeiter in neue Lager, teils auf den Philippinen, teils wurden sie nach Japan direkt verschifft. Leo Padilla erinnert sich: Sein Lager sei eine "wahre Hölle" gewesen, "Tag und Nacht gab es Beerdigungen". Innerhalb von zwei Monaten starben allein in diesem Lager mehr als 6000 Kriegsgefangene.
Padillas Leidensgefährte Agapito Silva, drei Jahre lang als Zwangsarbeiter in ein japanisches Kohlebergwerk verbannt, schildert: Viele seiner Kameraden hätten sich, um der unerträglichen Fron zu entrinnen, gegenseitig Glieder gebrochen. Doch als die japanischen Bewacher "merkten, was lief, schickten sie die Männer wieder, mit nur notdürftig geschienten Armen, in die Mine".
Rund 3000 Überlebende des Todesmarsches von Bataan wohnen noch in den Vereinigten Staaten. Sie wollen jetzt gemeinsam ein Gesetz erzwingen, das es ihnen ermöglicht, vor amerikanischen Gerichten Entschädigung von japanischen Firmen für ihre "unvorstellbaren Leiden" (Silva) einzuklagen.
Mitte Juni begannen vor dem Kongreß in Washington die Hearings zu dieser Gesetzesvorlage, eingebracht von dem republikanischen Abgeordneten Manuel Lujan.
Dabei waren die ehemaligen Kriegsgefangenen schon einmal entschädigt worden. Bereits 1951 hatten die USA und ihre Allierten einen Vertrag mit Japan unterzeichnet, der Individualklagen von Ex-Kriegsgefangenen gegen die Regierungen ausschloß. Die Opfer von Bataan wurden aus japanischen Reparationsleistungen pauschal abgefunden: Jeder erhielt einen Dollar für jeden Tag Gefangenschaft und anderthalb Dollar für jeden Tag Zwangsarbeit.
Nun wollen die Veteranen mehr - da sie an die Regierung in Tokio nicht herankommen, direkt von den japanischen Unternehmen, für die sie während des Krieges schufteten. Aber das dürfte, räumt auch der Abgeordnete Lujan ein, in vielen Fällen schwerfallen: Etliche Großbeschäftiger von Zwangsarbeitern, besonders in der Rüstung, existieren nicht mehr; andere japanische Konzerne sind heute nur noch dem Namen nach mit ihren Kriegsvorgängern identisch.

DER SPIEGEL 29/1984
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