20.08.1984

OSTBLOCKSehr müde

Mit Schmäh gegen die USA und internen Sportspielen versucht der Ostblock, seine Völker für den Olympia-Boykott zu entschädigen - nur Teilnehmer Rumänien schwelgt in nationalem Stolz. *
Zwei Tage nachdem die Amerikanerin Evelyn Ashford in Los Angeles die Goldmedaille im Hundert-Meter-Lauf gewonnen hatte, ging ihre stärkste Rivalin an den Start: Marlies Göhr lief im Sommerlager der DDR-Kinderorganisation "Junge Pioniere" zusammen mit Halbwüchsigen in einer Pendelstaffel.
Unter den 180 Spitzenathleten der DDR, die im Internationalen Pionierlager "Wilhelm Pieck" Staat machen sollten, war auch der Leipziger Uwe Hohn. Der erste - und nach kürzlich beschlossener Regeländerung vorerst auch einzige - Athlet der Welt, der den Speer über hundert Meter weit warf (Hohns Weltrekord: 104,80 Meter), startete am Werbelinsee im Tauziehen.
Hohn lobte am Ende des Wettbewerbs "Wer schlägt die Asse?" die Sportbegeisterung der Lagerknirpse. Marlies Göhr: "Tolle Stimmung."
Für die Asse ein schwacher Trost. Durch den im Mai von Moskau verfügten Olympia-Boykott, dem sich der Ostblock anschließen mußte, wurden mehr als 2000 gemeldete Sportler um ihre Teilnahme in Los Angeles gebracht, darunter über hundert Medaillenanwärter.
Trotz viermaliger Intervention durch den sowjetischen Botschafter in Bukarest zog allein Rumänien seine Meldung für Los Angeles nicht zurück. Dieser außenpolitische Coup von Staats- und Parteichef Ceausescu hat sich für ihn und seine Politik bereits jetzt ausgezahlt.
Denn durch das Fernbleiben der sportstarken Block-Brüder rückte Rumänien in der Nationenwertung gleich nach den USA auf den zweiten Platz vor; rumänische Sportler brachten mit 20 Goldmedaillen mehr als doppelt soviel nach Hause wie bei allen bisherigen Olympiastarts.
Der sportliche Erfolg trug dem Balkanland weltweite Sympathien ein und machte die triste Wirtschaftslage wie die stalinistische Innenpolitik für den Augenblick vergessen. Ein Rumäne in Los Angeles: "Niemand wollte glauben, daß wir souverän und unabhängig sind. Nun weiß es die ganze Welt."
Der vorgeschobene Grund für die Absage der anderen Block-Brüder, daß in den USA "Sicherheit, Ehre und Würde" der Ost-Sportler nicht gewährleistet seien, wurde durch den ungestörten Spielablauf und die begeisterte Reaktion des Publikums auf die Teilnahme der Rumänen und Chinesen widerlegt.
Auch die Zuschauer im Moskauer Machtbereich mußten auf Olympia verzichten. Die für die tägliche Fernsehübertragung in der Sowjet-Union reservierte Abendstunde wurde kurzfristig mit einer Krimiserie gefüllt, in der das KGB gegen westliche Spione focht (siehe Seite 101).
Bilder von den Wettkämpfen bekamen die Sowjetbürger weder im Fernsehen noch in den Zeitungen zu sehen. Die Medien begnügten sich damit, die Ergebnisse der Sieger zu veröffentlichen, und fügten, wenn es paßte, früher erzielte Bestleistungen von Ostblock-Sportlern hinzu.
Die übrige Berichterstattung schilderte den Ort der Spiele in den düstersten Farben: "Zu den schon in Los Angeles vorhandenen 400 Gangsterbanden stoßen zur Olympiade mindestens weitere 165 Banden hinzu."
Auch westliche Kommentare fanden in den Sowjet-Medien Raum: Kritik am amerikanischen Chauvinismus, an der Vermarktung der Spiele durch das amerikanische Fernsehen oder an der Parteilichkeit der Kampfrichter. Daß auch 261 Kampfrichter aus der Sowjet-Union und den anderen Boykott-Ländern dabei waren, blieb den Sowjetbürgern vorenthalten.
Polnische Journalisten - wenn es nichts kostet, immer um Originalität bemüht - erweiterten das Sündenregister von Los Angeles um eine Variante: Sodom und Gomorrha in den USA. Originalton Radio Warschau: _____" Was die Sittenpolizei von Los Angeles überrascht, " _____" sind brutale Versuche angereister Zuhälter, die Töchter " _____" der Nacht für sich zu verpflichten. Zur Bekämpfung von " _____" Diebstählen, Raubüberfällen und der Unzucht sind " _____" zusätzlich 140 Polizeifunktionäre zugeteilt. Wird das " _____" aber helfen? Können denn die Aktivitäten der Halbwelt den " _____" Olympia-Glanz retten, wenn er in den Stadien ausbleibt? " _____" Auf dumme Fragen soll man nicht antworten. "
Laut Sportzeitung "Przeglad sportowy" hatten nach einer "stürmisch verlaufenen" Sitzung des Polnischen Olympischen Komitees immerhin "zwei Spitzenathleten" gegen den Boykott gestimmt. Noch stärker war der Widerstand des ungarischen Olympia-Komitees, das seine Aktiven noch am Tag vor der Eröffnungsfeier aufforderte, sich für den Abflug bereitzuhalten.
Als "aus politischen Gründen" in Budapest nichts mehr zu ändern war, bedauerte die Parteizeitung "Nepszabadsag" den Boykott-Beschluß und trotzte: "Ungarn steht zu den olympischen Idealen und gestattet niemandem, diese Verbundenheit mit ihnen in Abrede zu stellen."
Aufgebrachten Fans war das nicht genug. Auf Plakatwänden und an Lichtmasten _(Auf dem Siegerpodest 1: Kalter Krieg, 2: ) _(Business, 3: Terrorismus. )
tauchten während der Spiele handgefertigte Aufkleber auf, die einen Mund mit herausgestreckter Zunge zeigten, umrahmt von Ährenkranz (dem Wappensymbol vieler osteuropäischer Staaten) und olympischen Ringen.
Korrespondent Laszlo Sandor gab in seiner Olympia-Bilanz auch zu, daß er die erzwungene Abstinenz für Blödsinn hält. Auf die selbstgestellte Frage, ob sich der Boykott wenigstens "ausgezahlt" habe, antwortete er mit "Nein".
Für Rumänien aber hat sich der Alleingang rentiert. Sogar die ungeliebte Partei konnte zu Hause vom Taumel der Begeisterung profitieren. Clevere Funktionäre hatten in den Parteibüros Farbfernseh-Geräte aufgestellt; die Büros waren noch nie so überfüllt wie während der Spiele.
Das Internationale Olympische Komitee und das Organisationskomitee von Los Angeles hatten mit 120 000 Dollar den größten Teil der rumänischen Reisekosten übernommen. Der weltweiten Kritik an der Fernseh-Berichterstattung der ABC schlossen sich die Rumänen nicht an - sie hatten die Rechte für täglich acht Stunden Olympia großzügig geschenkt bekommen.
Kurz vor den Spielen diktierte Staatschef Ceausescu dem US-Journalisten John Paul Wallach weitergehende Wünsche in den Interviewblock: eine auf Dauer geregelte Meistbegünstigungsklausel für die Einfuhr rumänischer Waren in die USA, die Verdoppelung des gegenseitigen Warenaustausches auf zwei Milliarden Dollar und eine Begünstigung Rumäniens bei der Vergabe amerikanischer Lizenzen.
Andererseits waren die rumänischen Medien stets streng darauf bedacht, kein abfälliges Wort über die Genossen in Moskau fallenzulassen. Die nationale Siegesfeier für die inzwischen heimgekehrten Olympioniken wurde auf den kommenden Donnerstag verschoben; dann feiert Rumänien unter der Leitung von Ceausescu den "40. Jahrestag der rumänischen Revolution", der Befreiung vom faschistischen Regime.
Als auf den Bukarester Siegerlisten auch die neue "Turnkönigin von Los Angeles", Ecaterina Szabo aus Rumänien, erschien, befand der ungarische Rundfunk böse, eine solche Sportlerin gebe es gar nicht. "Das Mädchen heißt in Wahrheit Szabo Katalin und ist von ihrer Abstammung her eine Ungarin."
Die Chinesen aber rügten Moskau. Nach den Turnentscheidungen, bei denen ihr Li Ning dreimal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze gewann, schrieb die sowjetische Nachrichtenagentur Tass, die in Los Angeles vergebenen Medaillen gehörten eigentlich abwesenden Ostblock-Sportlern - da konterte die Pekinger "Volkszeitung": "Tass hat den Verstand verloren. Wie kann einer gewinnen, wenn er gar nicht dabei ist?"
Dabeisein werden, aber wohl nur unter sich, die Asse der Boykott-Länder bei einer Serie von 28 Wettkämpfen in allen olympischen Disziplinen, die unter dem Titel "Druschba-84" am vorigen Donnerstag in Prag und am vorigen Freitag in Moskau begannen. Die Sieger von Los Angeles sind dazu eingeladen.
Selbst Block-Bruder Rumänien hat seinen Sportlern freigestellt, an dieser kleinen Gegen-Olympiade teilzunehmen. Die rumänische Sportführung hat vorsorglich hinzugefügt, daß "die meisten Aktiven nach dem Start in Los Angeles sehr müde sein werden".
Auch eine Reihe von Einladungs-Sportfesten im Westen hat nur wenig Chance, die Revanche nach Olympia zu erleben. Die Sieger von Los Angeles, nur zu gern bereit, ihren frischen Ruhm auch kapitalkräftig umzumünzen, werden nur in Ausnahmefällen auf Favoriten aus den Boykott-Ländern treffen.
Ein polnischer Olympia-Kandidat, der "aus Sicherheitsgründen" nicht mit Namen genannt sein will: "Die Sache ist Krampf, die Luft ist raus. Nach Los Angeles fragt kein Hund mehr nach dir, nicht einmal mit einem neuen Weltrekord."
Da bekannte auch der sowjetische Cheftrainer Igor Ter-Owanesjan, er sei "nicht sehr glücklich" über das Fernbleiben von Los Angeles: "Ich hoffe, die Lage wird sich zum Besseren wenden und wir treffen uns auf der nächsten Olympiade" - 1988 im antikommunistischen Südkorea.
Auf dem Siegerpodest 1: Kalter Krieg, 2: Business, 3: Terrorismus.

DER SPIEGEL 34/1984
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