25.06.1984

SCHULENNur Papierform

Mit gefälschten Schülerzahlen wollten Lehrer und Eltern die Existenz Hamburger Gesamtschulen sichern. *
Hamburgs Schulsenator Joist Grolle (SPD) war "empört" und fand es "tief bedrückend, daß so etwas möglich ist". Der SPD-Fraktionsvorsitzende in der Hamburger Bürgerschaft, Henning Voscherau, ergrimmte sich über eine "Täuschung von Verfassungsorganen" und grollte: "Gott schütze uns vor unseren Freunden."
Voscheraus Freunde, zwei Hamburger Schulleiter und ein Stellvertreter, die ihm politisch nahestehen, hatten etwas getan, was sonst allenfalls Schülern nachgesehen wird. Sie hatten gemogelt.
Um das Überleben ihrer Schule zu sichern, operierte das Trio mit Schülerzahlen, die nur Papierform hatten. Karl-Heinz Grötzner, Direktor der Gesamtschule Farmsen-Berne, addierte in seinem Rapport an die Schulbehörde zu den 56 Neumeldungen für die Eingangsstufe (Klasse 5) zwölf Schüler mit Namen und Anschrift hinzu, die es gar nicht gab. Und sein Kollege Karl Fisher, der die ebenfalls gefährdete Gesamtschule Meerweinstraße leitet, erfand gar 19 Geister-Schüler und rundete die Zahl seiner Anmeldungen auf glatte 70.
Doch der Schwindel flog auf. Und das kam der Hamburger CDU, der seit langem nicht geheuer ist, was an Gesamtschulen vorgeht, gerade recht. Fridtjof Kelber, Rektor einer katholischen Volks- und Realschule, nebenbei bildungspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, forderte den Rücktritt des Senators. Denn Grolle, so Kelbers Begründung, habe ein "schulpolitisches Klima erzeugt, in dem vielen das erforderliche Unrechtsbewußtsein abhanden gekommen" sei.
Das wirkt sich in Hamburg offenbar bis ins Elternhaus aus. Denn ohne die Mithilfe von Vätern und Müttern hätte die wundersame Vermehrung gar nicht geklappt. Sieben Eltern gaben "mit eigener Unterschrift" Kinder an, "die es gar nicht gibt" (Grolle). Und weitere fünf der Phantomschüler, aus Hamburg längst Verzogene, waren "vielleicht von ehemaligen Nachbarn" gemeldet.
Die Zahlenspielereien, juristisch Urkundenfälschung und Betrug, sind eine neue, bizarre Variante des Kampfes, mit dem sich Schulen um Schüler bemühen. Während an den Hochschulen inzwischen die geburtenstarken Jahrgänge die Hörsäle füllen, bleiben an der Bildungsbasis, in den Grund- und Sekundarschulen, die Bänke leer.
Mitte der siebziger Jahre wurden noch sechs Millionen Zehn- bis Sechzehnjährige gezählt. 1990 werden es nur noch 3,5 Millionen sein, die weiterführende Schulen besuchen. Da droht bei zu kleinen Klassen, zumal unter dem Diktat der leeren Kassen, immer mehr Schulen die Schließung.
Diesem Schicksal trachteten bisher Schulleiter, Lehrer und auch Eltern durch Schülerklau per Werbegags und Überredungskünste zu entgehen. Sie lockten mit Buchprämien, Werbefilmchen und Einladungen zu Kaffee und Kuchen.
Doch erstmals scheint nun der Überlebenskampf der Schulen um die knapper werdenden Kinder vom Komischen ins Kriminelle abzugleiten. Seit Dienstag letzter Woche jedenfalls ist in Hamburg der Staatsanwalt den Zahlen- und Namensfälschern auf der Spur. Grolle suspendierte die Übeltäter vom Dienst. Die Anmeldungslisten von 25 weiteren Schulen wurden überprüft.
Die Situation im Stadtstaat Hamburg ist besonders anfällig für solche "Mafia-Methoden" (Kelber). Seit Jahren schon müssen die Lehrer um Kinder für die fünften Klassen feilschen, denn für das Überleben einer Schule sind Mindestzahlen von Anmeldungen vorgeschrieben.
So führt das jahrelang hochgehaltene Credo der Kultusminister, wonach nur große Schulen auch leistungsfähige Schulen sind, zwangsläufig zu Mogeleien. Zwar will die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den "kriminellen Fehlgriff" (SPD-Voscherau) ihrer drei Mitglieder "in keiner Weise billigen". Doch 28 der 34 Lehrer von der Gesamtschule Meerweinstraße erklärten sich solidarisch mit ihrem Chef: Das "couragierte Verhalten des Schulleiters" findet "unsere Hochachtung"; und sie beantragten Disziplinarverfahren gegen sich selber: "Jeder von uns hätte in der gleichen Situation genauso gehandelt."

DER SPIEGEL 26/1984
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