16.01.1984

KONZERNEDraußen vor der Tür

Nach einem erbitterten Machtkampf im Hause Getty schluckte der Ölgigant Texaco für fast zehn Milliarden Dollar den Getty-Konzern. *
Zunächst streiten sich nur ein musikbegeisterter Milliarden-Erbe und die Manager einer großen amerikanischen Ölgesellschaft. Dann schaltet sich auch der Leiter eines Kunstmuseums ein, und bald darauf mischt noch ein schrulliger, schwerreicher Büchersammler mit. Am Ende, nach vielen Firmen- und Familien-Intrigen, fällt die Gesellschaft an einen der größten Öl-Konzerne im Land.
Das amerikanische Öl-Melodrama scheint das Produkt eines allzu phantasiebegabten Drehbuch-Autors zu sein, der die TV-Serien "Dallas" und "Denver" noch übertreffen möchte. Doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten liefert die Wirklichkeit die tollsten Stories. Das vermeintliche Schmieren-Stück hat sich tatsächlich zugetragen.
Es ging um die Herrschaft über die in Los Angeles beheimatete Firma Getty Oil, die vierzehntgrößte amerikanische Ölgesellschaft. Am vorletzten Sonntag war der Kampf entschieden: Der Sieger Texaco, viertgrößter Ölkonzern der Welt, schnappte sich die heißumkämpfte Beute zu einem Preis von 9,9 Milliarden Dollar. Das ist der weitaus teuerste Firmenkauf in der mit Superlativen gespickten Geschichte von Übernahme-Kämpfen amerikanischer Ölgesellschaften.
Das Ende der Gettys im Getty-Konzern war seit Jahren erwartet worden. Der 1976 verstorbene Firmengründer Jean Paul Getty, der einst als reichster Mann der Welt gehandelt worden war, hatte seiner Sippe zwar mehrere Milliarden Dollar vererbt - aber nicht den Geschäftssinn, mit dem er dieses Riesenvermögen zusammengerafft hatte.
Zwei der drei Söhne, die den alten Getty überlebten, waren vom Patriarchen per Testament ausgebootet worden
Am schlimmsten erging es Sohn Ronald, der aus der Ehe mit der deutschen Industriellentochter Adolphine Helmle stammte. Ihn berücksichtigte der Milliardär überhaupt nicht in seinem Testament. Angeblich hatte Getty sich allzusehr über Adolphine und den deutschen Schwiegervater geärgert.
Der heute 54jährige Ronald, der sich erfolglos im Filmgeschäft und in der Gastronomie versuchte, erhält nur 3000 Dollar jährlich von den Gesamteinnahmen des Getty-Clans. Vor Gericht versucht er seit Jahren, den mickrigen Anteil zu erhöhen.
Besser kam da schon Ronalds drei Jahre jüngerer Halbbruder J. Paul jr. davon. Er wurde einer der Haupt-Nutznießer der Sarah-Getty-Stiftung, auf die der Alte den größten Teil seines Vermögens übertragen hatte.
Aber der Senior ließ J. Paul II. für einstige Hippie-Eskapaden büßen. Im Testament schloß er ihn von allen Herrschafts-Positionen im Getty-Imperium aus.
Allein Gordon, ein Jahr jünger als J. Paul jr., erbte Milliarden und Macht zugleich. Neben einem altbewährten Berater des verstorbenen Vaters wurde er Treuhänder der Sarah-Getty-Stiftung. Die Stiftung hält, neben anderen Vermögenswerten, als wertvollsten Besitz 40,2 Prozent der Aktien von Getty Oil.
Die ersten Jahre nach dem Tod des Vaters kümmerte sich Gordon allerdings kaum um die Getty-Geschäfte. Der Erbe, den das Wirtschaftsmagazin "Forbes" kürzlich als reichsten Amerikaner einstufte (geschätztes Vermögen: 2,2 Milliarden Dollar), betätigte sich lieber als Kunst-Mäzen oder aktiver Künstler.
So komponierte der am Konservatorium von San Francisco geschulte Gordon einen Lieder-Zyklus nach Gedichten der amerikanischen Lyrikerin Emily Dickinson. Gelegentlich übernahm er auch Bariton-Partien in Aufführungen
einer kalifornischen Operngesellschaft, etwa in der Leoncavallo-Oper "Zaza".
Erst Mitte 1982 entwickelte Gordon plötzlich Manager-Ambitionen. Sein Mit-Treuhänder bei der Sarah-Getty-Stiftung, der bis dahin die Geschäfte geführt hatte, war verstorben, und Gordon fühlte sich wohl gefordert.
Der Allein-Treuhänder begann, am Top-Management von Getty Oil herumzumäkeln. Die Firma, schimpfte er, werde schlecht geführt, an der Börse sei das Unternehmen daher kraß unterbewertet.
Da war sogar etwas dran. Die Gewinne der Firma sackten in den vergangenen beiden Jahren stark ab. Der Börsenkurs der im freien Handel befindlichen Getty-Papiere (48 Prozent aller Aktien) betrug nur ein Bruchteil dessen, was allein die Öl- und Gas-Reserven des Unternehmens je Anteilschein wert waren.
Der Getty-Erbe drängte die Manager, zwei vor wenigen Jahren gekaufte Unternehmen - eine Versicherungs- und eine Kabelfernseh-Gesellschaft - zu verkaufen. Zudem verlangte er, Getty Oil solle Aktien des eigenen Unternehmens, die in Streubesitz waren, über die Börse aufkaufen.
Für Gordon hätte dieses Börsen-Manöver - das in Deutschland nur in Ausnahmefällen erlaubt ist - mehr Macht und mehr Vermögen zugleich gebracht. Zum einen hätte die zusätzliche Nachfrage nach Getty-Aktien den Kurs an der Börse hochgezogen. Zum anderen wäre die Zahl der freien Aktien geschrumpft, der Anteil der von Gordon kontrollierten Familien-Stiftung an Getty Oil daher auf über 50 Prozent gestiegen.
Das wäre natürlich das Schlimmste gewesen, was den Managern von Getty Oil hätte passieren können. Unter allen Umständen wollten sie verhindern, daß der ewig nörgelnde Gordon die absolute Mehrheit der Getty-Aktien erhielt und ihnen ins Handwerk pfuschte.
Die Öl-Manager sperrten sich gegen alle Pläne ihres größten Aktionärs. Dann setzten sie noch eins drauf: Anfang Oktober vorigen Jahres beschlossen sie, neue Aktien auszugeben, wenn Gordon weiter Schwierigkeiten machen würde. Und das hätte geheißen: Gordons Einfluß wäre nicht gestiegen, sondern gesunken.
Wütend versuchte der Erbe nun, Getty-Oil-Chef Sidney Petersen und die übrige Führungsmannschaft der Firma davonzujagen. Weil ihm dazu allerdings die Aktien-Majorität fehlte, sah er sich nach einem Verbündeten um.
Der passende Mann schien Harold Williams zu sein, der Leiter des Paul-Getty-Museums in Malibu. Die vom alten Getty gestiftete Galerie hielt einen 11,8-Prozent-Anteil an Getty Oil. Zusammen mit Williams hätte Gordon mithin die unbotmäßige Manager-Riege feuern können.
Doch auch bei Williams blitzte Gordon ab. Der Börsenfachmann lehnte einen Pakt mit dem Getty-Sohn ab.
Der Museums-Verwalter mühte sich hingegen, die Streithähne zu versöhnen - und er schien dabei Erfolg zu haben. Für zunächst einmal ein Jahr, so gelobten alle, sollte Ruhe bei Getty Oil herrschen.
Die Einigung von Mitte Oktober hielt jedoch "nicht länger als eine Feuerpause im Libanon", wie das US-Magazin "Time" schrieb. Während einer November-Sitzung des Board of Directors (einer Mischung aus Vorstand und Aufsichtsrat) von Getty Oil komplimentierten die übrigen Direktoren den Getty-Erben für eine Weile vor die Tür. In Gordons Abwesenheit beschlossen sie dann einen erneuten Angriff auf den mißliebigen Gordon.
Die Gelegenheit dazu bot eine Klage, die Paul Getty jr. gegen den Bruder vorbringen wollte. Paul - jener, der zwar Geld, aber keine Macht geerbt hatte - wollte per Gerichtsurteil dafür sorgen, daß neben Gordon wieder ein zweiter unabhängiger Treuhänder für die Sarah-Getty-Stiftung eingesetzt wird.
Das Ziel der Klage, die schließlich formal im Namen von Pauls 15jährigem Sohn Tara Gabriel Galaxy Gramaphone erhoben wurde, war klar: Die Alleinherrschaft von Gordon über die Familien-Stiftung sollte gebrochen werden. Das, genau, paßte den Managern von Getty Oil hervorragend ins Konzept. Während Gordon vor der Tür wartete, beschlossen sie, die Attacke Pauls gegen seinen Bruder zu unterstützen.
Daß Paul gerichtlich gegen ihn vorging, kam für Gordon überraschend. Nach dem Drogen-Tod seiner zweiten Frau hatte sich der frühere Salon-Hippie Paul nämlich in einer Londoner Stadt-Villa eingeigelt und nur noch Sammler-Interesse für alte Bücher gezeigt. Gordon nahm daher an, daß Petersen seinen Bruder zu der Klage angestachelt habe. Er hielt den Waffenstillstand für gebrochen, der Machtkampf entflammte neu.
Ende Dezember tauchte eine neue Figur auf. J. Hugh Liedtke, Chef des
mittelgroßen texanischen Ölproduzenten Pennzoil, sah den Augenblick für gekommen, den Familien- und Firmen-Zwist im Haus Getty für sich zu nutzen.
Der Pennzoil-Chef bot sich Gordon als Verbündeter an. Er schlug dem Getty-Treuhänder vor, gemeinsam alle noch nicht von Gordon kontrollierten Aktien aufzukaufen und sich dann die Macht im Hause Getty zu teilen.
Ein trefflicher Plan: Gordon hätte endlich das verhaßte Getty-Oil-Management ausbooten können. Liedtke wäre an die großen Öl- und Gasfelder von Getty Oil herangekommen. Der Getty-Erbe schlug ein.
Das Getöse im Hause Getty hatte derweil allerdings den schlafenden Riesen Texaco geweckt. Der Ölgigant, den ein Beamter des Washingtoner Energieministeriums einst mit einem Rhinozeros verglichen hatte ("ein großes, mächtiges Tier mit kleinem Hirn"), wurde wie Pennzoil durch Gettys Rohstoff-Reserven angelockt.
Texaco hatte in den siebziger Jahren versäumt, bald nach Ersatz für ausgebeutete Ölfelder zu suchen. Die weltweiten Ölreserven des Multis waren daher Ende 1982 nur noch so groß wie die des weit kleineren Getty-Konzerns.
Da kam der Getty-Brocken für den ölknappen Riesen gerade recht. Texaco-Chef John K. McKinley konnte sich ausrechnen, daß eine Verdoppelung der Ölreserven durch Exploration in der Arktis oder im Atlantik weit mehr kosten würde als ein Aufkauf von Getty.
Unmittelbar nachdem Liedtke und Gordon Getty ihren Pakt verabredet hatten, meldete sich McKinley. Er bot allen Aktionären 12,50 Dollar mehr je Getty-Oil-Aktie als die Pennzoil.
Sofort kippte Gordon um. Er sah die Chance, zu einem guten Preis Kasse zu machen. Vergessen war der Pakt mit Pennzoil, Gordon Getty überließ der Texaco Ende vorletzter Woche alle Anteile an der väterlichen Firma.
Durch den Verkauf an Texaco, der ihm persönlich insgesamt rund 1,3 Milliarden Dollar bringt, wird Gordon Getty 800 Millionen Dollar mehr kassieren, als er vor einem Jahr für seinen Anteil an Getty-Aktien erhalten hätte.
Seinen Spitzenplatz als reichster Amerikaner hat er damit wohl noch eine Weile sicher.

DER SPIEGEL 3/1984
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