27.08.1984

RUDOLF AUGSTEINVon Helle, Hase und Schrecki

_____“ Wo uns wie mit Fäusten packt gleich ihr angebor'ner „ _____“ Takt. „ _____“ Wilhelm Busch über das Buch „Graf Bismarck und seine „ _____“ Leute während des Krieges mit Frankreich“ von Moritz „ _____“ Busch „ *
Die Abbilder der Regierung Kohl, die längst laufen gelernt haben, sind um ein holographisches Stück bereichert worden. Abgelichtet wird der höchste Beamte des Bonner Regierungsapparats, der Staatssekretär des Bundeskanzleramts Waldemar Schreckenberger. Auch er ist an Auschwitz nicht schuld. Er ging mit Kanzler Kohl auf eine Schule und war 1945 eben auch nur 15 Jahre alt. Was an diesem "Schrecki", der mit Kohl so manchen Bubenstreich im Keller hat, gerühmt wird, und zwar einzig gerühmt wird, ist sein Liebreiz, nicht seine Bescheidenheit; denn bescheiden ist er ganz und gar nicht.
Chef des BND (Bundesnachrichtendienst) zu werden "reize" ihn nicht, hat er gesagt, und es muß an der Unauffälligkeit dieses Mannes liegen, daß in der Journalistenzunft kein Kichern und kein Gelächter vernehmbar wurde. Das wäre ungefähr so, als würde unsereiner der Presse mitteilen, man gedenke nicht, in Seoul 1988 am Stabhochsprung teilzunehmen. Und der Fall ist nicht ausgestanden. Kohls Seinen gibt es der Herr im Schlafe.
Wie der im allgemeinen und im besonderen zuverlässige Mainhardt Graf Nayhauß in "Bild" (zuverlässig, was die Tatsachen anlangt) mitteilt, wolle Schrecki, "selbst wenn er zum 1. August 1985 BND-Chef wird", "dort nicht als Versager antreten". Schließlich hat Schrecki, wie Nayhauß klarsichtig urteilt, "nicht klipp und klar dementiert!", daß er BND-Chef würde.
Einem breiteren Publikum machte sich Kohls Jugendfreund bekannt, als er, der oberste Koordinator der Geheimdienste, dem Kießling-Verleumder Ziegler seine Aufwartung machte, ganz Fachmann, ganz Unschuld vom (Pfälzer) Lande. Noch bekannter wurde er, als er vor dem an Luschen gewöhnten Kießling-Ausschuß des Bundestags die lächerlichste, wenn auch liebenswerteste Charge hinlegte; Goldoni hätte sich vor Prusten selbst nicht mehr eingekriegt.
Wie wird man, wenn man in einem Amt durchweg und vollauf versagt hat, ein "Nicht-Versager"? Ziemlich einfach.
Wie dem Gerede begegnen, man sei krank? Einfach. Man beobachtet vom Hubschrauber aus die Sonderspur für beschleunigte Pkw-Abfertigung am deutsch-österreichischen Grenzübergang. Aber von unten kann doch niemand erkennen, wer im Hubschrauber sitzt? Wieder ganz einfach. Man erzählt es den Journalisten.
Wie dem Vorwurf begegnen, man habe eine Unzahl Pannen, Stichworte Amnestie und Buschhaus, nicht verhindert? Schwieriger, aber immer noch einfach: "Mit mir hat kein Mensch geredet." Auch "Helle", der Chef, hat ihm nichts gesagt. Wenn das nicht werbewirksam ist! Helle und Hase, die werden's schon richten.
Die Abteilungsleiter im Kanzleramt Fischer (Recht und Verwaltung) und Jung (Nachrichtendienste) gelten beide nicht als Löwen mit Flügeln. Das betrifft nun Schrecki gar nicht. Hat Helle ihn vor deren Ernennung etwa nicht gefragt? Genau, genau. Warum sollte er auch.
Unverdrossen hält dieser schreckliche, aber harmlose Jurist sich für den geeignetsten Mann/Menschen, der dem Helmut Kohl als Chef des Bundeskanzleramtes dienen könnte. Und da dürfte er sogar recht haben. Denn von allen Schulkameraden Kohls dürfte er die größte Begabung und die reichhaltigste Verwaltungspraxis mitbringen. Er ist von jenem Holz, aus dem Kanzlerknechte geschnitzt werden, solange Kohl noch regiert.
Auch dieser Artikel, wie die Meinungsäußerungen in anderen Organen zuvor, wird Schreckis ungebremste Wirksamkeit ihrem Ende nicht näherbringen. Treu, wie Helle nun mal ist, verlängert jedes abschätzige Urteil über Schrecki Schreckis Amtszeit, durchschnittlich um etwa anderthalb Wochen. Der BND muß noch warten. Die Lebensfreude währet immerdar.
Zumal Professor Waldemar Schreckenberger nun doch einen Entschluß gefaßt hat: Er will sich künftig nichts mehr gefallen lassen. Ab Montag früh, wenn der Kanzler vom Wolfgangsee zurück ist, wird zurückgeschossen.
Wo uns wie mit Fäusten packt gleich ihr angebor'ner Takt. Wilhelm
Busch über das Buch "Graf Bismarck und seine Leute während des
Krieges mit Frankreich" von Moritz Busch
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 35/1984
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