23.01.1984

RUDOLF AUGSTEINDer schwule General

_____“ Im Zweifel gegen den Verdächtigen. Friedrich Nowottny „ _____“ in den ARD-Tagesthemen „
Die Verantwortlichen der Hardthöhe möchte man zu einer Kommandeurstagung nach Hamburg schicken, samt Dienstwagen. Dort könnten sie im Theater die "Großherzogin von Gerolstein" besuchen, eine Operette von Jacques Offenbach. Duodez-Militärs treiben dort ihr Wichtigtuer-Unwesen, werte Schwule eingeschlossen. Nur muß man fürchten, daß Manfred Wörner und sein Generalinspekteur und sein Personalchef gar keinen Spaß an der Freud' hätten. Das Stück, das diese alle mit ihren Stellvertretern und dem Chef des MAD in Bonn aufführen, übertrifft alle Musical-Phantasien von Jacques Offenbach. "Selbst bei größter Anstrengung", meinte der Kießling-Vorgänger General Schmückle in einer fulminanten Fernsehsendung, "hätte Kießling nicht den Schaden anrichten können, der durch die Behandlung des Falles durch das Ministerium des Ministers Wörner tatsächlich geschehen ist."
Ja, das ist die Wahrheit. Gleichgültig, was nun aus Wörner wird, der Minister hat sich selbst verbrannt. Er ist auf Dauer nirgendwo mehr zu halten. Aus seinem Munde plappern nur noch die Silben "Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland" - als ob diese durch einen in seiner Persönlichkeit vernichteten Nato-General nicht dringlicher gefährdet würde als durch einen in Ehren entlassenen Günter Kießling (wenn man denn Kießling überhaupt zutraut, er wisse etwas, das zu verraten sich lohnt, und er sei des Verrats, Grund hin, Grund her, auch nur fähig).
Manfred Wörner kann, man weiß es, ein Auto fahren und ein Flugzeug fliegen. Nie hat er in seinen Erwachsenen-Jahren sonstwie eine Sache selbständig geführt.
Es fehlt ihm an Weisheit, dafür kann er nichts. Schließlich ist er Schwabe und erst 49 Jahre alt.
Es fehlt ihm jegliches Fingerspitzengefühl. Sonst hätte er, nachdem er Kießling gefeuert hatte, nicht frohgemut bei weihnachtlichem Verzehr vor der Presse renommiert, es sei ihm gelungen, sein Ministerium aus den Schlagzeilen herauszuhalten.
Und es fehlt ihm an Intelligenz. Es genügt eben nicht, daß man froh ist, Minister, Kanzler etc. pp. zu sein. Da lobt man sich denn doch den Helmut Schmidt, der als Verteidigungsminister wie als Kanzler wie auch sonst immer über die Bürde des Amtes gestöhnt hat. Auch das angelsächsische System, wo jeder jedes Ministerium leiten kann, sagt ja nicht, daß ein Minister von Verwaltungserfahrung unbeleckt sein muß.
Die beiden Zeitungen, die unseren Staat tragen, die "Welt" und die "FAZ", haben dem Minister beide den Kernpunkt vorgehalten. Die "Welt" meint, Wörner hätte "besser daran getan, das letzte entscheidende Gespräch mit seinem General der höchsten Rangstufe auf jeden Fall persönlich zu führen". Und die "FAZ": "Schwer verständlich", daß er "schließlich wegen eines Vierteljahres den Eklat riskierte".
Ja. Es gibt Fehler, die man nur einmal macht, und jeder Obergefreite weiß das, zumindest jeder Kriegsteilnehmer. Wenn Kießling an ein Komplott glaubte, könnte man das verstehen. Dieses Wort aus dem Munde des MAD-Dienstherrn Wörner (Strauß-Stichwort 1962: "Amtshilfe") bleibt unentschuldbar.
Es kam und kommt nicht darauf an, ob der General Kießling schwul ist oder nicht. Er bestreitet, schwul zu sein. Es kommt vielmehr darauf an, daß der Minister die Schwulen und damit uns alle zivilisatorisch um viele Jahre zurückgeworfen hat.
Er hätte sehr wohl wissen müssen, daß die Armee eine Auseinandersetzung dieser Art nicht verträgt. Man kann nicht Leute mit Arrest bestrafen, die ihrer Natur folgen und die zum Wehrdienst gezwungen sind.
In katholischen Ländern passiert so etwas gar nicht, weil jedermann sich bewußt ist, daß die Geistlichen sich zu helfen wissen. Wir hingegen, halbwegs Protestanten, tun etwas, was ein einzelner nicht leisten kann.
Es kam und kommt darauf an, ob der Oberbefehlshaber im Frieden, ob Manfred Wörner mit einer Affäre mittleren Kalibers fertig werden kann. Es kam und kommt darauf an, ob er noch handlungsfähig ist.
Wer ihn letzte Woche sah, fühlte sich an den Verteidigungsminister Strauß vor dessen Rücktritt im Jahre 1962 erinnert.
Antwort also: Nein.
Im Zweifel gegen den Verdächtigen. Friedrich Nowottny in den
ARD-Tagesthemen
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 4/1984
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