27.08.1984

PREISEHäßliche Kehrseite

Das Preisniveau sinkt weiter, viele Produkte sind billiger zu haben als vor einem Jahr. *
Im Juli, so meldete das Statistische Bundesamt, seien die Preise gegenüber dem Vormonat gesunken, die Rate der Geldentwertung läge jetzt bei nur 2,8 Prozent. Sehr erfreulich, fand Wirtschaftsminister Martin Bangemann - nur als eigenen Erfolg konnte er die gute Kunde kaum verkaufen.
Das taten dann andere. Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl pries erst seine Politik des knappen Geldes und dann Finanzminister Gerhard Stoltenberg. Der wiederum lobte Pöhl und seine eigene Politik zur Gesundung der Staatsfinanzen.
Nur einer, ließ der "Bayernkurier" erahnen, hätte das alles noch viel besser gekonnt, aber der war gerade auf dem Weg nach Albanien. Mit der jetzigen Teuerungsrate von 2,2 Prozent, erinnerte das CSU-Parteiblatt, sei "die 1,9-Prozent-Marke von 1969 noch nicht ganz erreicht". Damals war Franz Josef Strauß Finanzminister.
Doch das wird ja alles, so hoffen die Bonner, noch viel besser. Schon im Herbst soll bei der Rate für den Geldwertschwund eine Eins vor dem Komma stehen.
Der Optimismus hat gute Gründe. Schon seit 1981 ging die Inflationsrate stetig zurück, erst langsam von 6,3 auf 5,3 Prozent im Jahresschnitt, dann immer schneller, bis sie schließlich im vergangenen Jahr bei 3,3 Prozent lag (SPIEGEL 14/1983).
Fast alle Zahlenreihen, die von den Ökonomen argwöhnisch beobachtet werden, zeigen Besserung an. Erzeugerpreise in Industrie und Landwirtschaft klettern nur noch langsam, ebenso auch die Preise im Groß- und Einzelhandel sowie die Wohnungsmieten. Sogar der Anstieg der Einfuhrpreise hat sich trotz hoher Dollarkurse verlangsamt.
So wie in der Bundesrepublik haben sich inzwischen in den meisten Industriestaaten die Preise auf ein niedriges Niveau eingependelt. Franzosen und Dänen, Schweden und Kanadier, Briten und Amerikaner schafften es sogar, von zweistelligen Inflationsraten herunterzukommen. Zusammen mit dem Schweizer Franken - im Juni 2,8 Prozent Teuerung - und dem japanischen Yen (1,9 Prozent) zählt die Deutsche Mark inzwischen wieder zu den stärksten Währungen der Welt.
Warum die Inflation weltweit gebremst wird, ist für die Experten rasch geklärt: Trotz vieler Preismanipulationen - etwa auf dem EG-Agrarmarkt oder im Kartell der erdölproduzierenden Staaten - "siegt letztlich doch der Wettbewerb", meint Jörg Beyfuß vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, so lautet das schlichte volkswirtschaftliche Gesetz, dann sinken eben die Preise.
Das Opec-Kartell platzte, als die Nachfrage schrumpfte. Der Richtpreis für ein Faß Öl wurde im März vergangenen Jahres von 34 auf 29 Dollar gesenkt und wird inzwischen sogar unterboten. Jetzt überflutet eine Benzin-Schwemme die Märkte.
Die EG-Überproduktion wurde gebremst, als der Butterberg nicht mehr zu finanzieren war. Nun stehen 400 000 Kühe zuviel in deutschen Ställen. So wird wohl bald eine Rindfleisch-Schwemme folgen.
Die deutschen Verbraucher können heute viele Produkte zum gleichen Preis wie im Vorjahr kaufen, manche sogar günstiger. Lebensmittel, Reisen, Videorecorder kosten heute oft weniger als vor einem Jahr.
Doch die vergoldete "Medaille", mit der "Die Zeit" nun den Stabilitätshüter Pöhl schmücken möchte, hat auch eine häßliche Kehrseite: Vielen Deutschen geht inzwischen ganz einfach das Geld aus. Fast vier Jahre lang sanken die Realeinkommen der Arbeitnehmer, auch Rentner und Arbeitslose haben weniger zur Verfügung.
Andere, die gut verdienen, lassen bei anhaltend hohen Zinsen lieber das Geld für sich arbeiten. Denn der Real-Zins - die Differenz zwischen Zins und Inflationsrate - war selten so attraktiv wie derzeit. So fehlt es an kräftiger Nachfrage, der Umsatz im Einzelhandel etwa stagniert. Der Mengenabsatz der Händler liegt heute noch unter dem Niveau von 1978.
Preiserhöhungen sind deshalb vielfach kaum durchsetzbar. Das gelingt allenfalls einer Firma wie Daimler-Benz, die ihre Preise vom September an (um 2,9 Prozent) zum zweiten Mal in diesem Jahr erhöht.
Doch bei einer weniger kaufkräftigen Kundschaft tun sich die Firmen schwer. So mußten die Kaffee-Röster ihre 400-Gramm-Packung, die eine Preiserhöhung verschleiern sollte, wieder vom Markt nehmen.
Die Henninger-Brauerei hat Schwierigkeiten, einen Bierkasten mit 16 statt 20 Pils-Flaschen an den Mann zu bringen, auch wenn die Kiste viel "leichter zu tragen" ist.
Vor allem Lebensmittel-Händler klagen über einen mörderischen Wettbewerb. Viele füllen die Briefkästen der Kunden mit bunten Prospekten, in denen sie immer wieder drastisch verbilligte Produkte anbieten.
Der Druck auf die Preise ist so stark, daß manche Propheten schon eine Deflation voraussagen, eine Verknappung von Geld bei einem reichlichen Angebot. Aber so schlimm, meint etwa die BHF-Bank in einem ihrer Konjunkturbriefe, sei die Lage nun auch wieder nicht. Eine sinkende Teuerungsrate habe mit Deflation so wenig zu tun, "wie zurückgehendes Hochwasser mit einer Dürrekatastrophe gleichgesetzt werden kann".
So sehen die Konjunkturexperten zumindest in dieser Hinsicht voll Zuversicht ins nächste Jahr. Die Zahl der Arbeitslosen wird zwar nicht kleiner, und das Wachstum bleibt weiterhin mäßig. Aber die Preise, prophezeit das Münchner Ifo-Institut, werden auch 1985 allenfalls um 2,5 Prozent im Jahresschnitt steigen.

DER SPIEGEL 35/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PREISE:
Häßliche Kehrseite