27.08.1984

„Der Investitionsschub ist ausgeblieben“

SPIEGEL-Interview mit dem Hamburger Landesbank-Chef Hans Fahning über die Schwäche der Konjunktur *
SPIEGEL: Herr Fahning, ist der Aufschwung schon vorüber?
FAHNING: Das ist zu befürchten. Alle aktuellen Daten zeigten bereits vor der Streikperiode eine sich abschwächende Tendenz. Einzig der Export ist noch erstaunlich gut gelaufen. Aber auch dort mußten wir im Juni einen Einbruch registrieren.
SPIEGEL: Daß die Konjunktur so schlaff bleibt, verwundert viele Experten. Schließlich schrumpfte das Sozialprodukt zwei Jahre hintereinander, 1981 und 1982. Nach diesem tiefen Einbruch und nach dem Wechsel in Bonn hatten alle Experten auf einen schönen Boom gesetzt.
FAHNING: Nicht alle, aber wohl die meisten. Sie haben erwartet, daß der Aufschwung stärker sein und daß es 1984 höhere Zuwachsraten geben würde. Zur Zeit müssen wir aber froh sein, wenn wir auf das gesamte Jahr gerechnet ein Wachstum von zweieinhalb Prozent bekommen. Dies ist für eine frühe Aufschwungsphase ein relativ bescheidenes Wachstum.
SPIEGEL: Woran liegt es denn? War die Wende nicht vollkommen genug?
FAHNING: Im Gegenteil, die wesentliche Ursache für die Entwicklung liegt darin, daß der Konsum nur relativ wenig zugenommen hat. Wenn die Konsumausweitung schwach bleibt, dann kann auch das Bruttosozialprodukt nicht stark wachsen. Wir dürfen nicht vergessen, daß der private Verbrauch über 50 Prozent des Bruttosozialprodukts ausmacht.
SPIEGEL: Waren es nicht die Verbraucher, die mit ihren Käufen die Wirtschaft in Schwung brachten?
FAHNING: Das ist richtig. Zunächst hatten wir einen atypischen Konjunkturaufschwung in der Bundesrepublik, der nicht von den Investitionen oder dem Export, sondern der vom Konsum ausging. Aber der Anstoß war einfach zu schwach, um einen selbsttragenden Aufschwung herbeizuführen.
SPIEGEL: Warum kaufen die Bürger nicht mehr?
FAHNING: Wir haben relativ geringe Einkommenzuwächse, weil die Lohnerhöhungen sehr moderat ausgefallen sind. Wir haben zudem eine verhältnismäßig große Arbeitslosigkeit; dies bedeutet natürlich, daß die Betroffenen sich weniger leisten können. Und schließlich haben die Spar-Beschlüsse der Regierung auch für Rentner und Sozialhilfeempfänger geringere Einkommenzuwächse gebracht. Das muß man alles zusammen werten. Eine schwache oder eine unsichere Einkommensentwicklung schafft nun einmal eine ökonomische Basis, bei der die Verbraucher sich zurückhalten.
SPIEGEL: Was ist eigentlich aus dem großen Investitionsschub geworden, den die regierenden Politiker dem Volk versprochen hatten?
FAHNING: Dieser Investitionsschub ist ausgeblieben. Die Unternehmen haben im wesentlichen Rationalisierungsinvestitionen getätigt. Diese haben nicht die Breite und Nachhaltigkeit, die in früheren Aufschwungsphasen üblich waren.
SPIEGEL: Also keine Ausweitung der Kapazitäten?
FAHNING: Dies ist genau der Punkt. Die Kapazitätsauslastung ist für eine Aufschwungsphase relativ niedrig. Wir liegen immer noch im Bereich von etwa 80 Prozent Auslastung. Da sehen die Unternehmen keinen Anlaß, ihre Produktionsanlagen auszuweiten.
SPIEGEL: Haben die Firmen noch nicht genug verdient, um zusätzliche Maschinen bestellen zu können?
FAHNING: Ich glaube nicht, daß es an der Finanzierung liegt. Wir haben viele Indizien dafür, daß die Ertragslage der meisten Unternehmen besser geworden ist. Dies sieht man ja auch zum Teil an der übergroßen Liquidität und der Geldanlage. Ich führe die Zurückhaltung der Investoren darauf zurück, daß die Konsumnachfrage relativ schwach ist und insofern die Absatzmöglichkeiten begrenzt sind. Wer wird schon investieren, wenn der Markt selbst nicht expandiert? Der Export allein bringt für die Gesamtheit der Unternehmen keinen Ausgleich.
SPIEGEL: Was ist zu tun?
FAHNING: Ich plädiere dafür, jetzt einen Eventualhaushalt aufzustellen. Wenn das Wachstum sich weiter abschwächt, kann ein Eventualprogramm schnell in die Tat umgesetzt werden. Es sollte also ein Vorratsbeschluß gefaßt werden, das wäre mein Vorschlag.
SPIEGEL: In welchem Bereich sollten denn Ihrer Ansicht nach diese öffentlichen
Konjunktur-Gelder ausgegeben werden?
FAHNING: Wir haben sicher einiges im Umweltschutz nachzuholen. Das geht von der Reinigung der Flüsse bis zur Reinhaltung der Luft, das geht vom Lärmschutz bis zur Erhaltung der natürlichen Ressourcen. Ich glaube, es ist fünf Minuten vor zwölf, will man weitere große Umweltschäden vermeiden.
SPIEGEL: Wenn der Staat mit öffentlichen Mitteln die Konjunktur antreibt, besteht die Gefahr, daß die öffentliche Verschuldung wieder steigt. Das hieße, Finanzminister Stoltenbergs Haushaltskonsolidierung aufzugeben.
FAHNING: Da auch diejenigen, die die Finanzpolitik verantworten, mit höheren Wachstumsraten gerechnet haben, muß man wohl den Konsolidierungskurs überdenken. Ich bin ja nicht der einzige, der das sagt. Ein so renommiertes Institut wie das Ifo-Institut in München hat auch Bedenken, den Konsolidierungskurs im bisherigen Tempo fortzuführen.
SPIEGEL: Es gäbe ja auch noch die Möglichkeit, daß der Staat zwecks Konjunkturbelebung den Bürgern mehr Geld beläßt. Empfehlen Sie, die für 1986 und 1988 geplanten Steuersenkungen vorzuziehen?
FAHNING: Man sollte die Steuersenkung in einem Zug verwirklichen. Nur soll man sich davon keine Wunderdinge für die Konjunktur versprechen. Die jetzt konzipierte Steuerreform hat andere Funktionen als eine Konjunkturstabilisierung. Sie hat in erster Linie das Ziel, die Auswirkungen der Lohnsteuer-Progression zu mildern. Insofern wird sie eine gewisse Alimentierung der Konjunktur mit sich bringen. Aber sie kann die Konjunktur nicht stabilisieren.
[Grafiktext]
WIRTSCHAFT OHNE SCHWUNG Verwendung des Bruttosozialprodukts zu Preisen von 1976 in Milliarden Mark (Vierteljahresdaten auf Jahresbasis hochgerechnet) Quelle: DIW Privater Verbrauch Ausfuhr Investitionen Öffentlicher Verbrauch
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 35/1984
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