27.08.1984

„Warten, warten und bald verzweifeln“

Kriegsausbruch 1939 - aus den Tagebüchern von Stefan Zweig _(1984 Alle Rechte bei S. Fischer Verlag, ) _(Frankfurt. Der ungekürzte Text der ) _("Tagebücher“ erscheint Anfang Oktober. ) *
1. September 1939 Wir sind zu einem Anwalt gegangen, die Heiratsmöglichkeiten zu besprechen, und von dort aus auf das Standesamt. Alles erscheint reibungslos, der Beamte ist denkbar freundlich und verspricht die Zeremonie für Montag - da kommt plötzlich ein Gehilfe hastig vorbei und sagt, daß Deutschland heute morgen den Krieg mit Polen eröffnet hat.
Und jetzt haben wir eine einzigartige Gelegenheit, die Nerven der Engländer zu bewundern. Der Beamte fährt fort, uns zu erklären, was er in unserer Angelegenheit tun wird, als ob nichts geschehen wäre, und während in Österreich alle umhergerannt wären oder geschrien hätten, bleibt hier jeder selbstbeherrscht und sicher. Die ganze Stadt ist in keiner Weise verändert. Niemand eilt oder scheint aufgeregt zu sein, alles verläuft glatt und ruhig.
Nach dem Lunch die ersten Nachrichten im Radio - von den Deutschen bombardierte Städte, Auszüge aus einer Hitler-Rede, die einen Hoffnungsschimmer enthält, als ob Italien sich nicht (oder nicht sofort) an den Kämpfen beteiligen würde.
Nachmittags in der Stadt. Nichts zu sehen. Keiner würde auch nur im Traum daran denken, daß dies der Tag ist, an dem die größte Katastrophe für die Menschheit begonnen hat!
Was für ein Unterschied zu den Tagen in Österreich - wie man, trunken vor Begeisterung und Bier, laut herumgrölte. Doch war das ja eine Generation, die den Krieg nicht kannte, die romantische Vorstellungen von ihm hatte und (wie mein eigener Vater) glaubte, daß ein Krieg eine Angelegenheit von ein paar Wochen wäre und alles unverändert weiterginge danach.
Mit Blumen zogen sie aus, wie die gedankenlosen Opfer in den antiken Tempeln - hier aber absolutes Schweigen, Entschlossenheit. Es ist (wer weiß) ein moralisches Training, sich niemals in einem Augenblick der Erregung oder mangelnder Einbildungskraft beobachten zu lassen - jedenfalls ist es erstaunlich, und ich fühle, wie meine übliche Nervosität durch dieses Vorbild ganz unterdrückt wird.
Um sechs Uhr wieder Nachrichten, eine Ansprache des Premierministers. Was ich hörte, trocken und nicht ganz auf der Höhe des Anlasses. Er hat den Krieg noch nicht erklärt, sondern den Deutschen eine Chance gelassen, die Feindseligkeiten einzustellen - ich glaube, das hätte man mit mehr Effektivität und auf dramatischere Weise machen können. Abends voller Erwartung, wartend und müde. Nichts. Vielleicht auf lange Zeit die letzte Nacht in England ohne Bombardierung.
2. September
Der unheilvolle Sedanstag. In den Zeitungen nur Einzelheiten von Scharmützeln, um zwei Uhr House of Commons und House of Lords, die schicksalhafte Stunde. Solange der Krieg noch nicht erklärt ist, bin ich ein freier Mann und kann in meinem Zimmer sitzen.
Der ganze Nachmittag vergeht mit Warten. Im House of Commons um zwei Uhr keine Kriegserklärung. Vertagt auf sechs Uhr. Auch bei dieser Sitzung keine Kriegserklärung. Das Parlament muß morgen, Sonntag, wieder zusammenkommen. Hofft (Premierminister) _(In Klammern kursiv gesetzte ) _(Erläuterungen: Anmerkungen der ) _(Redaktion. )
Chamberlain denn, daß diesem Verrückten noch eine letzte Chance gegeben wird? Ich glaube es nicht, und niemand glaubt es.
Vielleicht wollen England und Frankreich vor der Welt bekunden, daß sie ihr Äußerstes getan und ihm eine Chance gelassen haben, sogar nachdem er angegriffen hat - was die ganze Welt beeindrucken und die Verantwortung eindeutig auf ihn häufen würde. Vielleicht wollen sie auch noch einen weiteren Tag für die Evakuierung, von der man einmal sprechen wird als von einem der großen Merkmale dieses Krieges - drei Millionen Kinder in drei Tagen!
Der ganze Apparat arbeitet glänzend, und die nächste Generation in England ist gesichert. Man sollte das eines Tages als eine der "Sternstunden" beschreiben, vielleicht werde ich es tun. - In Bath (seit Juli 1939 Wohnsitz Zweigs und seiner Gefährtin Lotte Altmann) ein plötzlicher Strom von Leben, die schläfrige Stadt erwacht, überall Leute, die einkaufen und die Läden füllen - die Straße voller Kinder.
Die Bevölkerung wunderbar; die Freundlichkeit der Engländer hatte selten eine so vortreffliche Gelegenheit, ihre tiefwurzelnde Stärke zu zeigen. - Am Abend keine Regierungserklärung. Nacht, und wir spüren es alle: die letzte Friedensnacht für lange Zeit.
3. September
Die Morgenzeitungen veröffentlichen überraschende Neuigkeiten. Italien hat Vorschläge für eine Konferenz gemacht, und England hat angenommen unter der Bedingung, daß Deutschland zuerst das polnische Territorium verläßt. Ein Schimmer Hoffnung - wenn auch ein kleiner, denn ich glaube, daß die finanzielle Lage in Deutschland so schlimm ist durch die Verluste und Ausgaben dieser Tage, daß es keine andere Möglichkeit hat, als sich bankrott zu erklären.
Warten, warten, warten, bis zehn Uhr. Dann die verhängnisvolle Ankündigung - der Botschafter habe bereits am 1. September erklärt, England werde in den Krieg eintreten, falls die deutsche Regierung nicht alle Kampfaktivitäten einstelle und sich aus dem polnischen Gebiet zurückziehe.
Bekanntgabe, daß der Botschafter ein Ultimatum ausgehandelt hat: Wenn bis 11 Uhr keine Stellungnahme von Deutschland erfolge, sei die Zeit abgelaufen. Sofort wissen wir, daß alle Hoffnung dahin ist. Deutschland hat nicht geantwortet. Um 11.15 Uhr gibt Chamberlain eine Erklärung - würdevoll, ruhig und eindrucksvoll. Niemand kann wirklich mehr den geringsten Zweifel über diesen Verbrecher haben.
Jetzt beginnt ein anderes Leben für mich, ich bin nicht länger frei und unabhängig. Ich bedaure nur, keine Möglichkeit zum Schreiben zu haben, da ich des Englischen nicht genügend mächtig bin und niemanden hier habe, der meine Fehler richtigstellen und dem, was ich sagen möchte, mehr Farbe verleihen könnte; das bedrückt mich am meisten, daß ich so gefangen bin in einer Sprache, die ich nicht recht anwenden kann - wie anders war das seinerzeit in Österreich und der Schweiz, wo ich in meiner eigenen Sprache sprechen und sogar andere ermutigen konnte.
Die Stadt zeigt nicht das leiseste Anzeichen einer Veränderung, alles genau wie sonst - nur nachts beginnt die Angst, denn alles muß verdunkelt werden und man fühlt sich eingeschlossen. Alles in allem wird es tausendmal schlimmer werden als 1914, wir konnten umherreisen, in die Theater gehen, und das Leben war vollkommen unverändert, außer für diejenigen in den Schützengräben, an die zu Hause keiner mehr dachte. Und wir haben auch keine Vorstellung davon, welche neuen Schrecken von Vergiftung und aufgepeitschten Emotionen dieser Krieg mit sich bringen wird; ich bin bei diesen Kriminellen auf alles gefaßt. Was für ein Zusammenbruch der Zivilisation. Wie human war, verglichen mit heute, der Krieg vor hundert Jahren; und nach 1919 hatte man zwanzig Jahre lang Zeit, Verträge zu machen, zu verändern und zu verbessern zwecks weiterer Übereinkünfte zwischen den Völkern, und nichts ist geschehen, gar nichts. Jetzt wird die Bevölkerung auf Jahre hin zusammengepfercht sitzen und mit Angriffen rechnen müssen, noch in ihren Träumen. Heute wird die erste Nacht sein, und morgen werden wir vielleicht schon den ersten Angriff hören.
4. September
Die Nacht vollkommen still. Die Zeitungen am Morgen würdevoll, ohne ein Wort des Hasses, sogar ohne Attacken auf Hitler. Am Vormittag, als wir zum Polizeibüro gehen, um uns zu melden, hören wir, daß ein amerikanisches Schiff (in Wirklichkeit: der britische Überseedampfer "Athenia") auf dem Weg in die USA torpediert worden sein soll.
Auf der Polizei dieselbe Warterei wie immer und überall im Krieg, es ist mir alles wieder gegenwärtig, und diesmal wird es
noch viel schlimmer werden. Die Registrierung selbst geht rasch vonstatten, nur sehe ich mit Bedauern, daß man uns als - "Alien Enemies" (feindliche Ausländer) einträgt, was bedeutet, daß die britische Regierung die Annexion Österreichs stillschweigend anerkennt und uns als Deutsche behandelt.
Wir werden zwar nicht in ein Lager geschickt, müssen uns aber in einer Reichweite von fünf Meilen aufhalten, jeden Wechsel der hiesigen Polizei melden und das gleiche wieder an dem Ort, an den wir umziehen. Ich denke jedoch, daß uns in der Zwischenzeit die Naturalisierung gewährt wird; es gibt gewisse Anzeichen dafür.
Bis jetzt scheint nicht viel Interesse an den militärischen Nachrichten zu bestehen; es ist nicht wie mit Belgien (zu Beginn des Ersten Weltkrieges) - Polen liegt weit weg, und zwischen den Völkern gibt es keinen inneren Zusammenhalt. Was bedeutet ihnen schon Polen?
Nichts ist bis jetzt eindeutig hinsichtlich der Stellung Italiens, andererseits hat (US-Präsident) Roosevelt plötzlich eine verblüffende Kehrtwendung gemacht. Nachdem er Jahre hindurch Deutschland und die Diktatur angegriffen hat, erklärt er nun, daß Amerika neutral bleiben wolle und nicht einen einzigen Mann hinüberschicken werde.
Alles scheint darauf hinzudeuten, daß dieser Krieg ein sehr langer wird - die einzige Hoffnung ist, daß sie in Deutschland die Löhne herabgesetzt und enorme Steuern auferlegt haben, so daß das Land nicht denselben Enthusiasmus zeigen wird wie zu Beginn des letzten Krieges, und die Tschechen werden nicht so leicht nachgeben.
Aber im Augenblick ist alles völlig ungewiß - das Unsinnige dieses Krieges wird vielleicht auch etwas Gutes hervorbringen: das Ende des Kapitalismus in seiner jetzigen Form; ein neuer Zustand der Welt wird eintreten, ob ein besserer, das werden wir später sehen.
5. September
Ein wunderbarer Tag, der vielleicht angenehmste, den ich in Bath erlebt habe, nicht der leiseste Gedanke könnte aufsteigen, daß zurzeit Krieg in der Welt herrscht. In all den Tagen haben wir nichts von der Kriegsatmosphäre gespürt. Wo sind all die Betrunkenen und Schreihälse von 1914?
Außer daß die Stadt ein wenig mehr belebt ist durch die drei- oder viertausend Flüchtlinge aus London, gibt es überhaupt keine Veränderung. Lunch im Spa - was für ein herrlicher Ausblick, und am Nachmittag unternehmen wir einen Spaziergang von Clareston auf die Höhe - wie die großartige Natur doch die Dummheit der Menschheit vergessen machen kann. Ich bin froh, daß ich diese paar Ruhetage noch gehabt habe, ehe all die traurigen Tage im Winter beginnen.
Die Abende sind jetzt schrecklich deprimierend. Die Straßen dunkel und leer, man muß auch noch die geringste Lichtöffnung in einem Fenster vermeiden. Und wir haben noch Anfang September, wo es erst um 8 Uhr dunkel wird. Wie soll das weitergehen, wenn es schon um fünf Uhr, um vier Uhr dunkel wird!
Und kein Theater, kein Kino, nichts, nichts, nichts. Wenn man an das Wien von 1914 denkt, sogar von 1918, mit der Oper, mit Bällen und Vergnügungen, mit der Sicherheit, leben und schlafen zu können! Andererseits macht dies und gerade dies mich zuversichtlich, daß der Krieg nicht sehr lange hinausgezogen werden kann. Diesmal wird das Hinterland zuviel leiden. Das Leben ohne Freude, ohne Abwechslung wird zu entsetzlich werden, als daß man es durchhalten könnte.
Und wie die Städte vor Plünderungen, Einbrüchen, Überfällen verschonen, wenn alles Monate und Monate hinweg dunkel bleibt - ich kann mir eine solche Feuerprobe nicht vorstellen, und es ist zu hoffen, daß Deutschland zuerst zusammenbricht, sicher nicht England (wenn nicht Italien mitmacht, was mir gänzlich absurd erscheint). Italien sollte wissen, daß es nach Polen und Ungarn selbst an die Reihe kommt.
6. September
Entscheidender Tag. Morgens, während ich die Zeitungen lese, die telephonische Nachricht von Dr. Ingram, daß wir heute nachmittag um 4 Uhr heiraten können. (Die Ehe zwischen Stefan Zweig und seiner ersten Frau Friderike war im Dezember 1938 geschieden worden.) Lotte und ihre Schwägerin ganz überrascht, wie ich selbst.
Und zur gleichen Zeit ein Brief von Mr. Huntley, daß er bereit ist, das Haus ("Rosemount" in Bath) zu verkaufen. Wir machen uns auf, es zu besichtigen. Es sieht schöner aus denn je. Einzige Schwierigkeit, daß nun 20 Kinder von den Londoner Außenbezirken da sind, in der Schule von Miss Huntley, und daß es bis Weihnachten dauern wird, ehe sie weggehen, vielleicht sogar etwas länger. Aber wie dem auch sei, es ist gut, in diesen Zeiten ein Haus zu haben, selbst wenn wir nur zwei oder drei Räume darin benutzen sollten, bis alles arrangiert werden kann.
Kurzes Lunch und Rasieren, danach die Trauung ohne große Formalitäten, nur die Urkunde mit der Erklärung, daß man L. A. (Lotte Altmann) zur rechtmäßig angetrauten Ehefrau nimmt. Genug für einen Tag! Und wieder ein Schritt vorwärts zur Ordnung in einer Welt ewiger Unordnung.
7. September
Die Nachrichten sind unbegreiflich. Krakau eingenommen, Warschau wird sehr bald folgen, in einer Woche werden die Deutschen das ganze Land überrannt haben, wie 1915. Aber seltsam, kein Angriff auf England, an der Westfront alles ruhig, Frankreich, England und Deutschland haben den Krieg noch nicht wirklich begonnen, und die Stille in Frankreich ist überraschend.
Ich habe nicht den Mut daran zu glauben, aber es wären noch Friedensverhandlungen möglich vor der eigentlichen Schlacht - wenn Polens Niederlage vollständig erreicht ist und die Deutschen alles direkt von ihren Nachbarn und neuen Freunden, den Russen, erhalten könnten. Wie Deutschland
zu besiegen wäre, kann ich mir nicht vorstellen, aber andererseits auch nicht, wie man England oder gar Frankreich zu Fall bringen könnte; sicherlich wäre es ein Triumph für Hitler, wenn er seinen Teil von Polen erhielte, nachdem er es für Jahre und Jahre zerstört hat, aber wird Frankreich wirklich einen Krieg von drei oder vier Jahren beginnen, um es wieder frei zu bekommen, mit einem so gefährlichen Nachbarn wie Italien im Rücken?
8. September
Es sieht so aus, als sei das Debakel der polnischen Armee komplett, als habe der Blitzkrieg wirklich stattgefunden, den Deutschland vorausgesagt und seit zwei Jahren vorbereitet hat. Auf der Seite der Franzosen absolute Ruhe, sie beabsichtigen keineswegs, ihre Jugend in einem Kampf ohne Erfolg zu opfern.
Auch auf See haben sich die Deutschen sehr viel geschickter angestellt, die Bremen (das größte deutsche Passagierschiff) ist entkommen, weit weg, und die U-Boote sind am Werk; ich glaube, der Krieg wird entweder niemals richtig beginnen oder aber mit einer Gewalttätigkeit ohnegleichen.
Mit dem Hauskauf viele Schwierigkeiten, doch ich hoffe, wir werden sie meistern und keine Zentralheizung einbauen, wenn wir es kaufen. Das Wichtigste: wann kann ich wieder anfangen zu arbeiten? Ich habe nicht mehr viel Zeit zu verlieren.
9. September
Am Nachmittag höre ich die Rede von Göring und muß sagen, daß es eine sehr eindrucksvolle Rede war - volkstümlich, klug, mit allen rhetorischen Schattierungen: Drohung, Zugeständnissen, witzigen Einlagen, Sentimentalität; ein ausgezeichnetes Stück Demagogie. In einigen Punkten fürchte ich, daß er recht hat - daß nämlich die "Blockade" schon gebrochen ist und die "Rohstoffe" in ungeheuren Mengen aus Rußland fließen können. Wie sie es fertigbringen wollen, dafür zu zahlen, ist allerdings eine andere Frage.
10. September
Anderthalb Wochen ist Polen besetzt, die Armee vernichtet. Was mich in den englischen Zeitungen am meisten überrascht - sie haben nicht sehr viel Mitleid mit den Polen. Es ist nicht wie 1914 mit Belgien. Wie sich die Entfernung auf die Gefühle auswirkt!
12. September
Nichts Wichtiges. Es wird ein langsamer und endloser Krieg, sein Ende der Zusammenbruch des Kapitalismus. Von Tag zu Tag werde ich indifferenter gegen die Fronten; heute nur Anzeichen, daß Rußland einen Teil Polens übernehmen will und daß diese Vereinbarung wesentlich weitreichender ist, als man hier angenommen hat. Rußland zu vernachlässigen, war der größte von Chamberlains unzählbaren Fehlern.
13. September
Nichts Wichtiges. Ich muß endlich anfangen zu arbeiten. Es kann nicht länger so weitergehen. Heute die Hausurkunde unterzeichnet - ich denke, es war schließlich doch nicht schlecht, selbst wenn ich nach dem Krieg nicht in diesem Land bleiben sollte. Bin aller Zukunftsgedanken müde.
14. September
Nachricht von Miss Wall, daß hinsichtlich der Naturalisierung für die Dauer des Krieges noch nichts festgelegt worden ist. Ich will jetzt versuchen, von hier wegzukommen, nach Frankreich, Schweden oder wohin auch immer.
Der Zustand, daß man sich bei der Polizei melden muß, wenn man einen Tag irgendwohin möchte, ist wirklich eine Schande in meinem Alter und in meiner Position. Ich muß Schluß machen mit der Bescheidenheit und danach trachten, solche Demütigungen zu vermeiden.
15. September
Neuigkeiten aus Rußland, die überraschend und nicht sehr ermutigend sind. Es sieht so aus, als hätten Hitler und Stalin eine vierte Teilung Polens abgesprochen; die russische Mobilisierung kann keinen anderen Sinn und Zweck haben.
17. September
Schlechte Nachrichten. Die Russen brechen in Polen ein. Jetzt entsteht für England und Frankreich die Situation, daß sie ihnen den Krieg erklären - wenigstens können sie, wenn sie
es nicht tun, das alte Polen nicht mehr wiederherstellen. Ohne die Sowjets zu besiegen, ist der Krieg von diesem Moment an ein nahezu aussichtsloser Kampf.
Sie sollten sofort Frieden schließen, und sie werden es wohl nach einer gewissen "Respektfrist" auch tun. Das Ganze war von Anfang an eine verlorene Sache - Chamberlain, der die Allianz mit Rußland vereitelt hat, hat den schwersten seiner ungeheuren Fehler gemacht. Ich höre das alles in London, wohin ich zum erstenmal seit Kriegsbeginn gekommen bin - die Stadt ist traurig, und als ich in der Verdunkelung heimkehre, spüre ich wieder, daß es so nicht weitergehen kann.
Niemals ist eine Großmacht durch die Stupidität ihrer Führer derart zugrundegerichtet worden; und es gab Führer, aber man setzte sie nicht ein. Das Ende des Krieges wird eine völlige Umwälzung in diesem Lande bringen, und ich fürchte, daß die Mosley-Leute (Anhänger des britischen Faschistenführers Mosley) die Kriegsprofiteure sein werden.
20. September
Schlechte Nachricht von Freud (der 1938 nach London emigriert war), er leidet sehr - seine Gesundheit ist augenblicklich zu gut, so daß der Körper zu lange Widerstand leistet. Wie schrecklich, mit 83 Jahren derart zu leiden.
21. September
Viel zu tun mit dem Haus. Oft bedaure ich, daß ich mich festgelegt habe, aber andererseits war es einmal notwendig, sein Hab und Gut irgendwo beisammen zu haben, und die Wohnung Hallamstreet (in London) war überhaupt nicht mehr sicher. Die Kriegszeit macht mich müde - ein Krieg, der nicht recht beginnt, der nichts als Nervenkraft und Geld und Zeit vergeudet.
22. September
Traurig. Müde. Ich habe keine andere Hoffnung, als daß dieser Krieg bald enden möge - glaube nicht, daß man für das ausgemergelte Polen kämpfen wird. Meine Situation hier abscheulich - isoliert, ohne Macht und Möglichkeit mich auszudrücken. Nichts anderes wird hier von mir erwartet, als meine ausländischen Devisen abzugeben - aber mir selbst gewährt man keinerlei Rechte. In Frankreich behandeln sie die Ausländer vielleicht energischer, aber dort weiß man wenigstens, woran man ist.
23. September
Nichts! Ich beschäftige mich ein wenig mit dem Cicero. Aber kein ernstlicher Wunsch zu arbeiten, da ich nicht weiß, wo es veröffentlicht werden soll - und dabei bin ich heute einer der bekanntesten Autoren der Welt.
24. September
Am Radio höre ich, daß Freud gestern nacht gestorben ist - der große Freund, der teure Meister. Ich möchte natürlich zur Beerdigung. Aber ich fühle wieder meine Isolation in diesem Land - ich habe keine Zeitung, in der ich ein paar Worte schreiben könnte, keine Möglichkeit, etwas zu sagen, und das nach sechs Jahren England.
In solchen Augenblicken, und nur in solchen, bereue ich, nicht in ein anderes Land gegangen zu sein - aber nun habe ich keine Wahl mehr, ich muß bleiben, wo ich bin; mein Leben ist sowieso nicht mehr viel wert, die Freiheit ist dahin, und in diesem "Kampf um die deutsche Freiheit" wird die englische Freiheit das Opfer sein. Ich wollte, ich hätte die Naivität meiner Schriftstellerkollegen. Oder bin ich nur aufrichtiger gegen mich selbst?
25. September
Im Haus - es wird viel zu tun geben, ehe wir einziehen können. Dann eine Menge von Formalitäten, bis ich die Erlaubnis erhalte, nach London zu fahren, dann der Zug - ich steige ein inmitten des dicksten Berufsverkehrs und Durcheinanders. Und plötzlich, kurz vor 8 Uhr, komme ich statt in
London in Salisbury an. Da bin ich also auf einem fremden Bahnhof, vollkommen dunkel; Gepäckträger eilen umher mit kleinen blauen Lampen - es ist wie in Vineta, der versunkenen Stadt, geisterhaft und verzerrt, schrecklicher als unsere Bahnhöfe während des Krieges. Man sieht keinen Eingang, kein Restaurant - nichts überschaubar, alles Unordnung. Es ist schwierig, irgendeine Auskunft zu bekommen, endlich erfahre ich, daß es noch einen Zug nach London gibt, und ich muß abermals drei Stunden im Dunkeln sitzen ohne die Möglichkeit zu lesen oder sonst etwas zu machen. Schließlich komme ich an, nachts - Waterloo Station.
26. September
Morgens Notizen für die Rede, die ich auf Freuds Beisetzung halten soll. Ich habe keine Zeit und gehe direkt zum Krematorium - wunderschön gelegen mit Blick auf die grünen Wiesen. Die tapfere Marie Bonaparte (Prinzessin Georg von Griechenland und Dänemark, Mitarbeiterin Freuds) ist gekommen, auf dem gefährlichen Seeweg, viele Leute, aber fast keiner von der englischen Literatur oder der Regierung.
Erst spricht Professor Jones, aufrichtig und wirklich bewegt, dann erfülle ich meine Aufgabe, und ich hoffe, es einigermaßen gut zu machen. Nach mir spricht ein österreichischer Wichtigtuer. Wie gütig Frau Freud mir erzählt, daß der teure Meister mich so sehr geliebt und immer den Tag erwartet habe, an dem ich ihn besuchen würde.
Sämtliche Angehörigen verhalten sich mir gegenüber äußerst freundlich und dankbar. Alles in allem eine würdige und taktvolle Feier. Ich kehre anschließend sofort nach Bath zurück und finde es, wenn ich von London komme, jedesmal schöner. Wenn ich nur schon mit der Arbeit beginnen könnte! Dann wäre alles besser.
16. Oktober
Was ich nicht erwartet hätte, ist eingetreten - ich bin dieses Tagebuchs müde geworden, weil ich zu angewidert war von der Entwicklung dieses "Kriegs". Es ist schwer, die Zeitungen ohne Abscheu zu lesen, diese Propaganda, die denkbar dumm ist und mich fühlen läßt, daß ich es tausendmal besser könnte - besser und aufrichtiger. Der Krieg hat noch nicht wirklich begonnen.
Aufregende Tage über Hitlers "Friedensangebot", die Antwort von (dem französischen Ministerpräsidenten) Daladier und schließlich das heftige Nein von Chamberlain (seine Rede ohne jegliche produktive Idee, kalt, und man hat immer den Eindruck, daß er "beleidigt" ist).
So wird das Ganze also weitergehen, entgegen meinen Erwartungen, meinen Hoffnungen, meiner Verzweiflung, und ich verstehe nicht die Hintergründe, woher diese Hartnäckigkeit kommt: das Volk ist großartig, die Vorbereitungen scheinen perfekt zu sein, die Aktivität dieses Landes, das stark ist durch seine Einheit, ist tatsächlich überwältigend, und trotzdem kann ich nicht sehen, wie man die Deutschen in kurzer Zeit zu Fall bringen könnte. Ein langer Krieg kann andererseits niemals seine Kosten decken und wird in der Zerstörung unserer Kultur enden.
Ich treffe wenig Leute und habe keine Zerstreuung. Ich arbeite nicht ernsthaft. Ich lese nicht einmal viel, obwohl mir eine ganze Bibliothek zur Verfügung steht. Die einzige Beschäftigung ist das Haus, das in drei oder vier Wochen fertig sein wird. Der einzige Besucher war Louis Gillet, der viel von Paris erzählt hat, mir aber keine eigentliche Auskunft gab. Die ganze übrige Zeit warten, warten, warten und bald verzweifeln.
17. Oktober
Ein Tag der Depression. Ich habe zu sehr gehofft, daß dieser Krieg nicht wirklich beginnen würde. Und jetzt die deutschen Bomber in der Nähe von Edinburgh, die Zerstörung eines der größten Schlachtschiffe ("Royal Oak"), ich habe große Angst, daß all das nur ein Vorspiel ist.
Immer dieselben Versäumnisse der Menschheit, ein Mangel an Einbildungskraft, durch und durch! Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser Krieg drei Jahre dauern soll - die Macht der Zerstörung ist so erschreckend weit fortgeschritten, daß schon ein einziges Jahr die ganze Welt in Armut stürzen würde.
22. Mai 1940
Wieder Tagebuch. Ich habe mir irgendwo die ersten Tage des Krieges notiert. Ich wollte noch einmal ein Bild der Zeit mir geben und ließ es dann. Es geschah nichts. Monatelang. Immer nur das leere Gerede, immer nur Leerlauf. Dieselben Phrasen wie bei uns "Wir werden siegen, denn wir müssen siegen". E(ngland) pochte auf seinen Reichtum, auf seine Langsamkeit. Ich ließ mich nicht täuschen. Ich sah, daß man die Zeit nicht nützte. Daß das easy going nicht endgültig vorbei war und zahllose junge Leute, Arbeitslose, die nicht arbeiteten.
Ich zog mich zurück, wollte mit niemandem sprechen. Die alten Kassandragefühle wieder wach. Dann kam, knapp bevor ich (Anfang April) nach Paris fuhr, das norwegische Abenteuer, schlecht vorbereitet und laut angesagt, dann die Verblüffung über die Präzision und Rapidität, mit der die deutsche Flotte alles in einem Zug an sich riß. (Dem britisch-französischen Unternehmen zur Besetzung Norwegens war die deutsche Norwegen-Invasion zuvorgekommen.) Das war der erste Schock in das unbesorgte Selbstgefühl.
Die Niederlage bei der Expedition bestärkte das Unbehagen, es wurde Chamberlain abgeräumt, Churchill - zu spät - an seine Stelle gesetzt. Ich verbrachte jene strahlenden Abendsonnentage in Paris; kaum heimgekehrt, kam die Invasion Belgiens und Hollands.
Am ersten Tage glaubte ich, es sei ein Fehler Hitlers - eine Million oder zwei Zuwachs an Militär, Kolonien und Schiffe gegen ihn. Aber dann gelang den Deutschen jener furchtbare Vorstoß: Überrennung Belgiens, Hollands, der französischen Linien - mit einemmal ist England aus dem easy going erwacht. Wir stehen vor den furchtbarsten Tagen unseres Lebens. Jetzt wieder beginnt Weltgeschichte sich dramatisch abzuformen. Ich notiere von jetzt ab jeden Tag.
23. Mai
Abermals die Deutschen vor und sogar vor Boulogne. Das ist ein Wort, das die Engländer begreifen, tausende sind da durchgereist und sie wissen, wie gefährlich nah es liegt. Ich kann mir nicht denken, daß es, hochgelegen wie es ist, nicht gehalten werden könnte gegen motorisierte Truppen. Jedenfalls stellt diese Art der Kriegsführung ein völliges Novum dar
mit einem beträchtlichen Vorteil inmitten des Grauenhaften, nämlich daß sich alles rapider entscheidet.
24. Mai
Unausdenkbar: Boulogne gefallen, der Vormarsch geht auf Calais, die Armee in Belgien scheint völlig eingeklemmt und wird in einer, in zwei Wochen, wenn kein Wunder geschieht, erledigt sein. Und dann? Zum ersten Mal rückt uns die Gefahr auf die Haut, ich halte selbst eine Landung nicht mehr für ausgeschlossen und muß auch diese Möglichkeit bedenken, ja ernstlich ins Auge fassen.
25. Mai
Das Netz zieht sich zusammen, ich schätze es auf eine Woche höchstens, daß die Armee, soweit sie sich zu retten vermag, nach England zurückkehrt. Ich leide schwer unter meiner vorausdenkenden Phantasie; ich sehe jetzt schon in zuckenden Umrissen die Nachkriegsepoche hier in England mit ihrer ausbrechenden Erbitterung, die sich - abermals - gegen uns kehren wird, sei es in der einen Form als Ausländer oder der anderen als Juden.
Wir müssen nicht nur mit abermaliger Verstoßung, mit dem letzten Vermögensverlust rechnen, sondern auch wieder mit Haß. Aber wohin? Momentan habe ich keine Kraft, keinen Mut, noch einmal zu packen, zu reisen, ehe man nicht weiß, wohin. Denn wo ist das Wo, das einem ruhigen Lebensraum garantiert, wirkliches Gesichertsein für ein Jahrzehnt.
26. Mai
Ich unterschätze die englische Zähigkeit nicht, sie ist großartig. Aber jetzt kann sie zur Gefahr werden, wenn sie einen Kampf aus edelstem Ehrgefühl verlängert, der eben nur zu verlängern, aber nicht mehr zu gewinnen ist. Die wirklich geschulte Armee Englands scheint zum Großteil erledigt, die rasch ausgebildeten Rekruten können der technisch durch Jahre durchgemuskelten Mannschaft Deutschlands, diesen totalitären Kriegsmaschinen nur ein Kanonenfutter abgeben.
Alles hat sich zum Schlimmen, nein zum Schlimmsten gewendet, meine Skepsis, die mich wie 1914 von allen andern absonderte und immer höchstens an eine partie remis glaubte, ist entsetzlich übertroffen. Alles beginnt noch einmal von Anfang und wird noch rapider vor sich gehen, denn die Technik, die damals nur zögernd operierte, hat sich vervollkommnet; man wird uns rascher erledigen, seit man die Praxis kennt.
Ich lasse mich durch die jetzige Noblesse und Humanität hier nicht täuschen, so wie ich mich durch das "bei uns wäre das nicht möglich" in Österreich nicht täuschen ließ; Schicksal und Unglück verbittern Menschen wie Völker, und für die Ehrgeizigen, die jetzt Hitler nachäffen wollen, ist die ganze Registratur bereits eingespielt. Jedenfalls, man täte gut, ein Fläschchen mit Morphium jederzeit bereit zu haben. Vielleicht wird man es brauchen.
Ich stehe, glaube ich, ziemlich allein mit meiner Anschauung, daß man keinen Tag versäumen soll und nicht ohne irgendeine Gewißheit den Ausgang verzögern; bis heute haben die Alliierten nicht eine neue technische Waffe in Gang gebracht im Gegensatz zu den Deutschen, und nicht bloß das Militärische hat sich als zu konservativ gezeigt, sondern die Menschen ebenso wie die Institutionen.
Nach London. Zum erstenmal der Zug unregelmäßig, offenbar schon Verwundetenzüge und Transporte, die anlangen. In der Stadt überall Leere. Ganze Straßen wie sonst am Sonntag. Es hat eben mit furchtbarer Wucht eingeschlagen. Wir in Österreich 1914 waren Niederlagen historisch gewöhnt, hier glaubte niemand auch nur im entferntesten an ein Nichtsiegen, ja Nicht-sofort-Siegen. Der Slogan der "letzten Schlacht" war hier Evangelium. Zum erstenmal merkt man den Menschen hier Unruhe an, welche die Zeitungen niederer Klasse in Agitation gegen die Ausländer umzuschalten suchen.
28. Mai
Morgens neuer Donner ums Haus - Belgien hat die Waffen niedergelegt. Damit ist die Nordarmee verloren, teilweise zur
Kapitulation gezwungen, ein immenser Gewinn an Material für die Deutschen, nicht zum tausendsten Teil aufgewogen durch die willkommene Entschuldigung. Wird dieser Krieg weitergeführt, so wird er das Grauenhafteste, was die Menschen je gekannt, die totale Erledigung Europas. Und doch, ich habe - ist es Trägheit, Mut oder Treue - keine rechte Lust zu fliehen, selbst wenn mir der Ausstieg erleichtert würde; eben lese ich, daß Emil Ludwig mit Frau und Sohn angeblich zu lectures nach Amerika fährt (jetzt im Sommer) - ob man nicht doch mit Europa krepieren sollte.
Freilich auf Dank für Ausharren, für Opfer darf man nicht rechnen, jeder Tag zeigt, daß Wort und Ehre nicht mehr gelten; es wird das furchtbarste Verbrechen Hitlers sein, daß er die Lüge und den Betrug zu einer Respektstellung gebracht hat und man Staatskunst und Lebenskunst nennt, was seit Jahrtausenden als Verbrechen galt.
Wir, die wir mit und in den alten Begriffen leben, sind verloren; ich habe ein gewisses Fläschchen schon bereitgestellt. Denn ich halte alles für möglich jetzt, auch die Deutschen in England, wenn Italien eingreifen sollte oder Frankreich kapituliert oder Paris und Le Havre verloren sind.
29. Mai
Der Gedanke, daß meine Bücher überhaupt nicht mehr existieren, ist einfach erschütternd, wenn mich noch etwas erschüttern könnte. Viel ärger, daß man verurteilt bleibt, in der gleichen Sprache noch zeitlebens fortzuschreiben, die nur von Menschen gesprochen wird, die einen nicht lesen dürfen - daß es für meine Generation schon zu spät ist, endgültig zu spät zum Hinüber und man sich eigentlich verlorengeben muß in jedem Sinn.
30. Mai
In jedem Sinn. Heute Verlautbarung eines Gesandten, jeder solle sich im Umgang mit früheren Deutschen und Österreichern vorsehen - die Vogelfreierklärung im moralischen Sinn. Und mit meinem von Engländern gar nicht aussprechbaren Namen ist das auf Lebensdauer gesichert, die Frage eigentlich nur die, als wer man mehr gehaßt sein wird, als Deutscher oder als Jude - über den Haß, der uns als Nessushemd übergeworfen ist, gibt es selbst keine Diskussion mehr. Vielleicht noch als Drittes dazu der kommende Klassenhaß; es ist gesorgt auf jeden Fall.
Eben Nachricht, daß ich jetzt nach Brasilien könnte via New York. Aber soll ich es tun? Wieder fort von der Arbeit, vom Haus, von allem ins Bodenlose, wieder ganz sich fallen lassen ins Ungewisse, wieder Zeit versäumen mit Vorträgen und Geselligkeiten, während einem die Seele starr im Leibe steckt. Was gestern noch Freude gewesen wäre, schmeckt heute nach Galle.
2. Juni
Mit was für niedrigen erbärmlichen Dingen man seinen Kopf beschäftigt - von den vierundzwanzig Stunden gehört konzentriert kaum mehr als eine der Arbeit. Nachdenken, wohin mit den Autografen, ob die Zeichnungen wegschicken, die Ordnung, die man sich mühsam geschaffen, wieder zerstören.
Aber man ist und insbesondere ich ad personam genötigt, an das Äußerste zu denken, wenn wirklich nach einer Niederringung Frankreichs eine Art Landung hier stattfinden würde; lebend möchte ich diesen Herren nicht in die Hände fallen.
3. Juni
London. Die Fahrt schon länger und unbequemer, ich rechne schon damit, daß man sechs Stunden wird stehen müssen. Im (Informations-)Ministerium alles Vorbereitende erledigt, es ist mir sehr recht, daß nicht schon der 12te in Frage kommt, denn ich bin weniger als je entschlossen; falls Italien gegen England gehen sollte, ist das Risiko der Reise (nach Brasilien) verdoppelt, ja sogar verfünffacht. Immerhin, es ist eingeleitet.
10. Juni
Um 6 Uhr der Donnerschlag: Italien hat den Krieg erklärt. Man wußte es seit langem, aber der Instinkt hoffte noch immer. Dazu die Niederlage an der Somme, die deutschen Triumphe zu Land und See in Norwegen - jeder Mann ist meiner Meinung nach jetzt vergebens geopfert und ein wirklicher Erfolg unmöglich, dagegen im andern Fall der Sturz gar nicht auszudenken, Österreich war nur ein Vorspiel dazu.
Meine Sache mit Brasilien stimmt gleichfalls nicht, auch hier scheine ich gerade wie zu Anfang um eine Stunde zu spät gekommen zu sein. Und ich habe gar keinen Willen mehr. Ich weiß, daß sich niemals dieses Leben mehr einrenken wird, ein Leben mit einem zerstörten Frankreich, einem mir - entweder als Deutschen oder als Juden - feindseligen England hat keinen Sinn mehr, auch literarisch ist alles, was ich noch unternehmen könnte, durch den Mangel an Konzentration auf Jahre hinaus gehemmt, und als Sechziger ist man ohnehin doch schon unterhöhlt und halb erledigt.
12. Juni
Paris scheint zur Hölle geworden zu sein, ein Großteil der Bevölkerung fort, was aus Frankreich und allen den Freunden wird, ist gar nicht auszudenken. Auch scheinen große Teile der Armee abgeschnitten, der Zusammenbruch somit unaufhaltsam. Ob es zur Kapitulation kommt? Der einzige Trostgedanke, daß man jeden Augenblick Schluß machen kann.
Beunruhigend, daß selbst hier in Bath fast täglich Prozesse sind gegen Nazisympathizer, die klar das Zusammenarbeiten Deutschlands mit den hiesigen Faschisten klarmachen. Wie wird das nach dem Krieg werden, wenn alle diese Leute mit der Märtyrerglorie aus den Internements auftauchen werden?
13. Juni
Das Schicksal von Paris ist besiegelt, ein paar Tage höchstens noch, und dann ist eine der furchtbarsten Wendungen innerhalb der Geschichte geschehen. Ich muß mich jetzt fragen: wofür denkt man dann noch.
14. Juni
Wieder nach London. Ein Tag typischer Art, deshalb ausführlicher für die spätere Autobiographie. Aufgestanden 7 Uhr, im Zuge, wo man nicht mehr wagt, zu lesen oder zu schreiben (Prof. Isaacs wurde von einem Polizisten inquiriert, er habe die Petrolstationen auf der Fahrt notiert), angekommen 11.15.
Zum brasilianischen Konsulat. Dort sehe ich, daß man erst um 12 Uhr öffnet. Also weiter zum chilenischen Gesandten - nicht da. Er war nicht mehr in Stellung. Weiter zur brasilianischen Gesandtschaft, dort einiges besprochen. Essen, zurück zum Konsulat. Meine Photografien gelten nicht. Ich brauche welche auf weißem Hintergrund. Also zum Photografen. Wieder 20 Minuten warten. Wird einige Tage dauern, ich kann die Pässe nicht dort lassen, weil ich sie erst um 3 Uhr bekomme. Um 3 Uhr Informationsministerium. Man sagt, sie kommen erst um 4. Wieder drei Viertelstunden ziellos herumgegangen. 3/4 4 zurück, man kann nicht in das Haus wegen Luftschutzübung. 4 Uhr hinein, Pässe nicht da. Warten bis 5 Uhr. Schiffsplätze nicht bestellt. Erst müssen die Visa vorliegen. Heute nichts mehr zu machen, auch total erschöpft.
15. Juni
Morgens gleich zum amerikanischen Konsulat. Derselbe Konsul, der mir vor 10 Tagen gesagt, er händige mir glatt mein Visitorsvisum aus, sagt: neue Ordre, nun unmöglich, es werden keine mehr gegeben, also ein Transitvisum. Gut. Ja, aber ich müsse erst die Fahrkarte nach Brasilien vorweisen, sonst könne er es nicht geben. Was soll man tun? Zur Cunard Line. Niemand da. Ich soll paar Minuten warten. Und ich muß warten von 10 Uhr bis 12.
Dann kommt der Herr und erklärt glatt, erst müsse ich das Visum haben, eher keine Karte. Gut - ich werde Montag das brasilianische haben. Nein, er muß auch das amerikanische haben. Aber das bekomme ich doch erst, sobald ich die Fahrkarte habe und nicht früher. Bedaure. Recht unhöflich sogar. Jedenfalls zum brasilianischen Konsulat. Alles vorbereitet.
Ich habe nicht das Mindeste erreicht, weiß heute nicht, was wird, ob und ob überhaupt, habe nur Zeit verloren, Nerven verbraucht, nicht eine Minute etwas Vernünftiges denken können. Dazu die lähmenden Nachrichten - die Hakenkreuzflagge auf dem Eiffelturm! Hitlersoldaten als Garde vor dem Arc de Triomphe. Das Leben ist nicht mehr lebenswert. Ich bin fast 59 Jahre, und die nächsten werden grauenhaft sein - wozu alle diese Erniedrigungen noch durchmachen.
Um 2 Uhr die Nachricht der französischen Kapitulation. Endlich die brasilianischen Visa, nun die Schiffskarten abholen - dort stehen wir zwei Stunden bei der Cunard Line, um schließlich zu erfahren, daß nichts reserviert ist, nichts zu haben.
18. Juni
Morgens ganz früh los in das Paläst. Reisebüro. Dort macht man uns gute Hoffnung, dritte Klasse jedenfalls und wohl auch Brasilien. Der junge Mann nimmt sich rührend an, verspricht, um 2 Uhr sollten wir alles haben, dann könnten wir den Konsul noch erreichen und alles fixieren und zurück.
19. Juni
Gepackt oder doch vorbereitet. Jetzt zwei, drei Tage warten auf das Kommando. Hier wird alles von Tag zu Tag schwieriger für uns. Frau Kahn (die Hausgehilfin) ist uns genommen, das andere Mädchen dürfen wir nicht nehmen, obzwar sie Jugoslawin ist, William (vermutlich der Gärtner) soll als Ire nicht bleiben dürfen, weil er bei den Nachbarn Unfreundlichkeit erregt, neue Mädchen sind nicht zu bekommen und würden zu "Feinden" nicht gehen; denn so werden wir ja allmählich schon betrachtet.
Die Unruhe macht sich fühlbar und muß sich sicher in Haß verwandeln, wir sind wehrlos gegen all das, was kommt, und die Entschlossenheit der Engländer wird allmählich ihr ganzes Wesen verändern. Inzwischen Abfahrt auf Dienstag festgesetzt - ich glaube nur noch nicht daran.
*KASTEN
Dokument einer Unstern-Stunde *
Die Welt seiner eigenen Sprache sei für ihn untergegangen, schrieb Stefan Zweig, seine geistige Heimat Europa habe sich selbst vernichtet, seine Kräfte seien "durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft" - nun sei es für ihn besser, "rechtzeitig und in aufrechter Haltung" dieses Leben "abzuschließen".
Der deutsche Schriftsteller, der österreichische Jude Zweig schrieb es am 22. Februar 1942 in Petropolis, einem Vorort von Rio de Janeiro. Am selben Tag nahm er sich mit einer Überdosis Veronal das Leben - "aus freiem Willen und mit klaren Sinnen", wie er im Abschiedsbrief erklärte. Mit ihm ging seine (zweite) Frau Lotte in den Tod.
Der Freitod des sechzigjährigen Stefan Zweig im brasilianischen Exil beendete ein Leben, das an Glanz und Erfolgen reich gewesen war, ehe es von Depressionen verschattet und erdrückt wurde.
Mit seinen psychologischen Novellen ("Verwirrung der Gefühle"), kulturhistorischen Essays ("Sternstunden der Menschheit") und romanhaften Biographien ("Fouche", "Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam") hatte Zweig an Auflagenhöhe und internationaler Beliebtheit zeitweilig den bedeutenderen Kollegen Thomas Mann übertroffen.
Der junge Dichter, 1881 als Sohn eines Industriellen in Wien geboren, war als Kriegsgegner 1917 zeitweilig in die Schweiz gezogen. 1933 emigrierte Zweig aus Österreich nach England. Dort, in Bath bei Bristol, erlebte er den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Seine Eindrücke und Gedanken notierte er - bis zum Oktober 1939 in englischer Sprache - in Tagebüchern, die demnächst, zusammen mit anderen bisher ungedruckten Zweig-Journalen, erstmals veröffentlicht werden (Übersetzung der englischen Texte: Ursula Michels-Wenz). Aus den Aufzeichnungen vom 1. September 1939 bis zum 19. Juni 1940 bringt der SPIEGEL Auszüge als Vorabdruck. Sie zeigen Zweig schon unterwegs ans Ende aller Hoffnung. Materielle Not hat der vermögende und erfolgreiche Autor auch im Exil nicht gelitten; er ließ manchen anderen Emigranten finanzielle Hilfe zukommen.
Der bürgerliche Kosmopolit, der idealistische Humanist und konziliante Pazifist, der sogar gegen die Nazis zur Militanz nicht fähig war, verzweifelte über deren Anfangssiegen, sah angesichts des "wildesten Triumphes der Brutalität" seine gesellschaftliche und geistige Lebensform unwiderruflich zum Untergang verurteilt. Mit seiner Schilderung der Stimmung in England bei Kriegsausbruch und auch mit seinen pessimistischen Fehlprognosen ist Zweigs Tagebuch ein Dokument historischer Unsternstunden.
1940 verließ Zweig England und ging nach New York, 1941 zog er nach Petropolis. Dort vollendete er noch seine Autobiographie "Die Welt von Gestern" und die "Schachnovelle". Schon in England aber, das belegt nun sein Tagebuch, hatte er "ein gewisses Fläschchen bereitgestellt", war in "totaler Depression" sein "einziger Trostgedanke, daß man jeden Augenblick Schluß machen kann".
In Klammern kursiv gesetzte Erläuterungen: Anmerkungen der Redaktion.

DER SPIEGEL 35/1984
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