27.08.1984

KRIMINALITÄTImmer neue Maschen

Ein findiger Daimler-Benz-Bediensteter kämpft erfolgreich gegen eine „Fünfhunderter-Bande“, die sich auf den Diebstahl von Luxusautos spezialisiert hat. *
Einem Karlsruher Autohändler kamen beim Erwerb eines gebrauchten Mercedes 500 SEL Bedenken wegen der ungewöhnlich günstigen Konditionen des belgischen Anbieters.
Der Karlsruher wählte den Stuttgarter Telephonanschluß 17-2064 und gab die aus vierzehn Ziffern bestehende Fahrgestellnummer des offerierten Wagens durch. Nach zwei Minuten erfuhr er, die in der Nummer enthaltene Kombination für die Lackierung, 932, passe nicht zu der dunkelblauen Limousine - das Typenschild sei frisiert, der Wagen "heiß", wahrscheinlich gestohlen.
Die Auskunft kam von der Zentralen Datenkartei des Daimler-Benz-Stammwerkes in Untertürkheim, wo für jeden verkauften Mercedes eine Karte mit zahlreichen kodierten Merkmalen gespeichert ist, darunter neben der Fahrgestellnummer die Nummern des Auftrags (zehn Ziffern) und des Produkts (sieben Ziffern), des Motors und des Getriebes (je vierzehn Ziffern).
Lückenlos ist in der Daimler-Datei der Lebensweg jedes Wagens vom Verkauf bis zur Verschrottung erfaßt. Die Angaben werden jeweils nach Mitteilungen von Daimler-Benz-Niederlassungen und Kundendienstnetz, von Zulassungsstellen, Versicherungen und Polizeibehörden eingespeist - ein System, das von einem der größten Autoversicherer, der Allianz, als "wohl einmalig auf der Welt" gerühmt wird.
Die Herkunft des dunkelblauen 500 SEL ließ sich rasch klären: Er war an einen Geschäftsmann in Genf verkauft worden, der nach Angaben seiner Frau beruflich in Spanien war. Der Mercedes sei, hörten die Stuttgarter, gerade beim Kundendienst in Genf. Dort stand er nicht mehr - er war samt Schlüssel aus der Werkstatt gestohlen worden.
Auch wenn der Diebstahl in Genf sogleich bemerkt und angezeigt worden wäre, hätte der Mercedes ungehindert aus- und via Belgien in die Bundesrepublik eingeführt werden können: Die verfälschte Fahrgestellnummer konnte weder der eidgenössischen Polizei noch den Grenzbehörden, Interpol oder dem Bundeskriminalamt (BKA) auffallen.
Die Karlsruher Kriminalpolizei, von Daimler-Benz alarmiert, stellte gleich noch zwei weitere zum Verkauf bestimmte 500er-Limousinen und ein Coupe 500 SEC sicher, alle drei mit belgischem Kennzeichen sowie veränderten Fahrgestellnummern - und jeweils gestohlen. Der Computer in Untertürkheim spuckte aus, daß die drei Wagen nach München, Detmold und Speyer geliefert worden waren, die Mercedes-Händler vor Ort benannten die Eigentümer, denen die teuren Karossen wenige Tage vorher abhanden gekommen waren - am Gardasee, in Gardone, Salo und Bardolino.
Als Täter ermittelte die Kripo einen Belgier, eine Deutsche und einen Araber, die nicht nur die gestohlenen Mercedes-Wagen über die Grenzen chauffiert hatten, sondern auch noch weitere Mercedes-Typen sowie zwei Porsche 911 Turbo, die teils von deutschen, teils von italienischen Eigentümern als vermißt gemeldet worden waren.
Die Autos wurden sichergestellt, auch ein Mercedes-Coupe, das bereits auf dem Motorschiff "Tosca" nach New York unterwegs war. Untertürkheim verständigte die Daimler-Benz-Vertretung in New York, diese das FBI. Der Wagen wurde bei der Ankunft beschlagnahmt und dem Besitzer, einer Firma im italienischen Vicenza, zurückgeschickt.
Der hauseigene Identifizierungsraster von Daimler-Benz ist das Werk eines Vertriebsangestellten, der die Datei vor sechzehn Jahren angelegt und seitdem ausgebaut und vielfältig verfeinert hat - mit technischen Tricks, die den immer raffinierteren Manipulationen der Autodiebe standhalten sollen.
Bei Daimler-Benz nennen sie ihn "Daten-Karle". Seit Mai versucht er, einer international operierenden "Fünfhunderter-Bande", wie er sie auf dem Etikett eines dicken Leitz-Ordners benannt hat, möglichst viele Mercedes-Modelle der S-Klasse wieder abzujagen.
Die meist neuwertigen Wagen werden den durchweg deutschen und italienischen Eigentümern vorwiegend während der Sommermonate vor allem in Urlaubsgebieten gestohlen, an Adria und Riviera, in Rom, der Toskana und Südtirol. Die Täter verschieben die Luxuswagen kaum noch, wie zuvor, in die Türkei oder in arabische Staaten, Land- und Wasserwege dorthin sind zu unsicher geworden. Bevorzugt werden jetzt der Export in die USA, wo teure Mercedes-Limousinen sehr gefragt sind, oder aber - schnell und billig - Re-Import und Verkauf in der Bundesrepublik.
Häufig kann Karle die potentiellen Käufer von Diebesgut vor Schaden bewahren; denn es gebe "nach deutschem
Recht kein Eigentum an gestohlenem Gut". Die Versicherungen zahlen nicht, wenn gestohlene Wagen an den rechtmäßigen Eigentümer zurückgehen.
Der Erwerber eines geklauten Wagens kann nur, ohne sichere Erfolgsaussicht, mit dem deutschen Verkäufer prozessieren, der sich seinerseits allenfalls an den meist ausländischen Hehlern schadlos halten könnte. In der Regel jedoch sind Mann und Geld verschwunden.
Die Erfolgsbilanz von Daten-Karle kann sich sehen lassen. Bei westdeutschen Mercedes-Diebstählen (jährlich rund 3000 Fälle) liegt die Aufklärungsquote bei mehr als fünfzig Prozent, bei Autodiebstahl allgemein dagegen bei etwa 33 Prozent. Kein Wunder, daß mancher BKA-Beamte dem Stuttgarter die Erfolge ein bißchen neidet, zumal er sich nur um die Auto-, nicht aber um die Personenfahndung kümmert.
Bis Mitte August hatte Karle der "Fünfhunderter-Bande" rund 30 Wagen "abgenommen", vor allem S-Klasse-Mercedes, aber auch einen Porsche 928 S und einen BMW 745i im Gesamtwert von zwei Millionen Mark. Und fast täglich wird die Kartei in Untertürkheim von Zoll- und Polizeibehörden, vom Kraftfahrt-Bundesamt oder von TÜV-Filialen, von seriösen Händlern und mißtrauischen Kunden angezapft.
Als etwa in Antwerpen ein 500 SEL (Farbe: anthrazitgrau-metallic) nach New York verschifft werden sollte, ließ die belgische Hafenpolizei sicherheitshalber in Stuttgart-Untertürkheim die Fahrgestellnummer überprüfen. Auskunft: "Keine Übereinstimmung zwischen Farbe und Zahlenkode." Die Computer-Rückblende ergab, daß der Wagen in Rom gestohlen worden war. Nebst zwei weiteren 500ern, die für die USA bestimmt waren, wurde das Fahrzeug in Antwerpen sichergestellt.
Umgehend bat Karle einen Freund bei Scotland Yard, er möge in London auf neuwertige Daimler-Benz-Typen achten lassen, die für New York bestimmt sind. Fünf Stunden später kam der Rückruf: "Wir haben zwei große Mercedes an der Angel" - der eine war, wie Karle ermittelte, einem Münchner Kaufmann, der andere einem Mailänder Leasing-Unternehmen entwendet worden.
Die Autodiebe arbeiten mit allen Tricks. Häufig werden die gestohlenen Wagen mit den Daten eines korrekt zugelassenen Fahrzeugs versehen, so daß die Nachforschungen zunächst ergeben, daß der Wagen als "sauber" gilt.
Den Banden kommt zustatten, daß bei regulärem Export ins Ausland kein Kraftfahrzeugbrief erforderlich ist. Beim Re-Import stellt der TÜV Kfz-Briefe aus, wobei er sich an die Daten im Wagen hält - frisierte Zahlen werden auf diese Weise zu scheinbar echten.
Dann kann nur noch Karle helfen. In jedem Mercedes nämlich findet sich irgendwo versteckt eine lange Zahlenkombination, die, unabhängig vom Typenschild im Motorraum und von den eingehämmerten Zahlen an Motor und Fahrgestell, viele Hinweise enthält, so auch das Bestimmungsland, in dem dann weitergeforscht werden kann.
Nur Karle und ein Spezialistenteam in Sindelfingen, wo die Daimler-Wagen ausgeliefert werden, kennen das Versteck. Vor Jahren beispielsweise wurde ein winziger Metallstreifen im Innern eines Sitzpolsters verborgen.
Immer wieder folgen auch Mercedes-Konstrukteure Hinweisen von Daten-Karle. Nachdem beispielsweise ein Österreicher eine elektronische Sonde erfunden hatte, mit der er jedes Türschloß abtasten und öffnen konnte, änderte Daimler-Benz das Schließ- und Schlüsselsystem. Jetzt müssen Diebe das Tür- oder das Zündschloß auswechseln oder umständlich bearbeiten, mit Schlüssel-Nachfertigungen ist es nicht mehr getan. "Unsere Wagen", sagt Karle, "sind zu achtzig Prozent geschützt, aber es sind natürlich keine Tresore."
Weil deutsche Urlauber ihren Mercedes nur selten unbeaufsichtigt lassen, verfallen vorzugsweise italienische Autoklauer auf immer neue Maschen, um schnell an und in die Fahrzeuge zu kommen. Aus Mailand erfuhren die Stuttgarter Sicherheitsexperten jüngst vom sogenannten Pisser-Trick, mit dem wartende Fahrer aus dem Auto gelockt werden: Ein Mann reißt die meist unverschlossene Beifahrertür auf und uriniert ins gepflegte Wageninnere. Der empörte Urlauber springt prompt aus dem Auto, um den Übeltäter zu packen, der jedoch flink in der Menge verschwindet.
Derweil springt ein Komplize hinters Lenkrad, fast immer steckt der Zündschlüssel - und binnen Sekunden rollt der Wagen samt Gepäck davon.

DER SPIEGEL 35/1984
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