27.08.1984

BERLINSchwarze Wichtel

Gehört die Hausbesetzer-Szene der Geschichte an? Gegen Pläne, an einem geräumten Haus die Fassadenmalerei zu beseitigen, wird Denkmalschutz begehrt. *
Im Januar 1981 wurde im Berliner Bezirk Kreuzberg das Haus Anhalter Straße Nummer 7 besetzt. Hunderte folgten einer "Einladung zum gemeinsamen Hausfriedensbruch" mit Rockmusik und großem Gelage. Am nächsten Morgen blieben, so ein Chronist, "ein großer Müllhaufen und etwa 20 Leute übrig, das waren dann die Besetzer".
Die gründeten an Ort und Stelle das "Kunst- und Kulturcentrum Kreuzberg", KuKuCK abgekürzt, von der alternativen Szene begierig als Spielstätte für Musik und Theater genutzt. Selbst der CDU/FDP-Senat, der die Stadt überregional gern auch als Heimstatt der Subkulturen rühmen läßt, spendete Beifall, weil "dort etwas herauskommt, was für uns wichtig ist" (Kultursenator Volker Hassemer).
Doch Ende letzten Monats ereilte der vom Senat gegen Berlins Hausbesetzer-Szene geführte Feldzug auch die Anhalter Straße. Als eines der letzten von einst über 160 besetzten Häusern wurde das KuKuCK polizeilich geräumt.
Übriggeblieben ist, was nach Einschätzung des Berliner Kulturrats neben Kongreßhalle und Gedächtniskirche eines der "am häufigsten abgebildeten Wahrzeichen der Stadt" geworden ist - die spektakuläre, sechsgeschossige Bemalung der KuKuCK-Fassade: Oben im
Bild bringt ein mächtiger Besetzer-Pfeil, umgeben von sprenggewaltig wucherndem Grün, etabliertes Mauerwerk zum Bröckeln; darunter basteln schwarzberockte Anarcho-Wesen grinsend an Bomben. Die jedoch verwandeln sich bei ihrem Flug auf die benachbarte Giebelwand zu Seifenblasen, in denen allerlei Szenen-Inventar - Freaks, Feministinnen, Spekulanten, 68er Illusionen - gen Himmel steigt. Tief drunter kämpft eine Kleinbürgerfamilie gegen das Ertrinken in einem Haufen aus Zivilisationsmüll und Waffenschrott.
"Beton brennt doch - wir heben mit unseren Träumen ab", wollten die KuKuCKs damit ausdrücken. Angesehene Kulturbetriebler, die es neben Touristenscharen und Fernsehteams zuhauf in die Anhalter Straße zog, erkannten auf "liebenswürdige Poesie", in der sich die Hausbesetzerwelt "ironisiert" (Deutscher Werkbund).
Berlins konservativer Senat dagegen findet das Tableau überhaupt nicht witzig. Hinzu kommt, daß für die in Sichtweite vom KuKuCK produzierte Springerpresse - rund 80 Prozent Marktanteile in der Stadt - das Malwerk immer nur ein "Machwerk" war, das "kriminelle Belastung" sowie "Gewaltstrategen" verbergen sollte.
So fiel denn auch dem Berliner Volksmund, der die Gedächtniskirche als "hohlen Zahn", die Kongreßhalle als "schwangere Auster" vereinnahmt hatte, zum Wahrzeichen KuKuCK gar nichts ein. Seit langem wächst der Druck - die bunte Mauer soll weg.
Zwar wollen die Bemaler nun mit Anwaltshilfe auf ihr Urheberrecht pochen und die Wohnungsbaugesellschaft, die das geräumte Haus umbaut, will die Neugestaltung der Fassade auch vorerst "zurückstellen"; Bauherr Axel Mischke jedoch hat schon angekündigt, vom Bild werde "nichts, aber auch nichts" übrigbleiben.
Bei der Senatsbauverwaltung hat er wohl kaum Widerstand zu erwarten. Was Wunder: Bausenator Klaus Franke ist neben Innensenator Heinrich Lummer Kabinettsrechtsaußen und Falke in der Hausbesetzer-Politik. Seine Behörde bekundet "keinerlei Interesse am Erhalt" der Fassade, die "an eine höchst ärgerliche politische Entwicklung erinnert, die Hausbesetzerzeit".
Ärger wollten die Urheber auch bereiten, die ihr Monumentalbild binnen drei Monaten gefertigt hatten, mit Zuschüssen von Netzwerk und Alternativer Liste, auf einem vom Kommunistischen Bund Westdeutschlands ausgeliehenen schwankenden Gerüst.
"Fassaden sind wie Barrikaden", frohlockte eine KuKuCK-Schrift, und somit wundert es den Kreuzberger Baustadtrat Werner Orlowsky kaum, "daß der Rachedurst der anderen Seite so groß ist, nun auch noch die historischen Spuren auszulöschen".
Gegen die geplante Tilgung der farbigen Provokation formiert sich neuerdings links von der Mitte Bürgerwiderstand. Ein Bewohner des Weddings rief das Verwaltungsgericht an, die Fraktion der Alternativen Liste bringt die Sache ins Abgeordnetenhaus. Unterschriftensammlungen kreisen, die im Kulturrat repräsentierten künstlerischen Verbände der Stadt protestieren Seite an Seite mit Stadträten, ganzen Bezirksamtsstellen und Hochschulprominenz. Von ferne zürnt Joseph Beuys: "Kulturpolitischer Skandal."
Jüngste Rettungsbemühungen wollen die Fassade gar wie das Zeugnis einer dahingegangenen Ära behandelt wissen, per Denkmalschutz. Vom Landeskonservator verlautet, zwar handele es sich nicht um ein Denkmal "im eigentlichen Sinne", durchaus aber um einen "wichtigen Ausdruck einer geschichtlichen Epoche dieser Stadt".
Die hat im übrigen anderweitig kaum Bedenken, auch die Überbleibsel ihrer politischen Debakel wie Denkmäler zur Schau zu stellen. Vom gehätschelten Mauerrest des Anhalter Bahnhofs - was abrißwütige Planer in den Sechzigern wegzusprengen versäumten, wird jetzt nächtens angestrahlt - bis hin zu den denkmalgeschützten AEG-Hallen im Wedding: Das stolz vorgewiesene "Berliner Innovations- und Gründerzentrum", eine Pilotansiedlung kleinerer High-Tech-Unternehmen, siedelt hinter den Mauern der von wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen hinweggeschrumpften Berliner Traditionsfabrik.
Ähnliche Dauerhaftigkeit wünschen auch die KuKuCK-Veteranen nun ihrem Opus, da die Berliner Hausbesetzerei beginnt, in Historie zu versinken. Wer von weit her die schwarzen Wichtel sieht, soll, so hofft ein Ex-Besetzer, spontan bei sich denken: "Ach ja, die Bewegung."

DER SPIEGEL 35/1984
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