27.08.1984

WASSERVolle Wanne

Zisternen kommen wieder in Mode. Private Wasserspeicher helfen Geld sparen und Umweltschäden verhindern. *
Berthold Gall, 37, CDU-Mitglied und Bürgermeister in Sulzbach am Taunus, liest gern in der Bibel. Besonders angetan ist er von jener Stelle im Alten Testament, wo geschrieben steht, wie Joseph, Jakobs Sohn, von seinen Brüdern in eine Zisterne geworfen wurde. Die alte Geschichte brachte Gall auf eine "neue Idee": Der antike Regenspeicher,
der schon vor Jahrtausenden funktionierte und vereinzelt, etwa auf den Nordsee-Halligen, bis in jüngste Zeit benutzt wurde, könnte in der wasserknappen Neuzeit gute Dienste leisten. "Kostenloses Regenwasser sammeln", so Gall, "spart teures Trinkwasser."
Als "praktischen Beitrag zum Umweltschutz" präsentierte der Christdemokrat vor drei Jahren ein "Sulzbacher Modell", und mittlerweile hat sich das in der Bundesrepublik herumgesprochen. Eine ganz große Koalition - von roten Naturfreunden über grüne Ökologisten bis hin zur schwarzen Union - propagiert nun die dezentralen Wasserspeicher.
Nach und nach, fordern Gall und seine Mitstreiter, sollen überall im Land private und kommunale Bauten mit kleinen Regenbecken ausgestattet werden. Bauen darf die jeder; Zisternen müssen weder genehmigt noch angezeigt werden. Ein kleines Betonbecken mit Pumpe und Überlauf, im Keller oder an der Hauswand, genügt. Dort hinein wird das Regenwasser aus der Dachrinne geleitet, das erst dann in die Kanalisation überläuft, wenn die Wanne voll ist.
Schon empfehlen ganz offiziell Gemeinden, wie Dreieich im Hessischen, privaten Bauherren eine Regenrückhalteanlage. In Otzberg im Odenwald läuft bei jedem zweiten Neubau das Regenwasser in einen gleich mitgeplanten Speicher.
Im Rhein-Main-Gebiet offeriert der Idsteiner Großbauherr Dietmar Bücher Eigentumswohnungen samt "Einbau einer privaten Zisterne". In Sulzbach sind mehr als zwanzig Sammelbecken im Bau, die Sportplätze der Gemeinde werden mit Regenwasser begossen. Nun soll die Bonner Regierung, auf Initiative der Grünen, Galls Regenrückhalteprogramm bundesweit aufgeschlossenen Bauherren schmackhaft machen.
Es ist nicht kleinkarierte Naturtümelei, die westdeutsche Lokalpolitiker für die Zisterne einnimmt. Den Kommunen machen Wasserprobleme zu schaffen, die sich für Experten wie den Ökoforscher Uwe Lahl bereits zu einer "heraufziehenden Trinkwasserkrise" ausweiten. _(Uwe Lahl, Barbara Zeschmar: "Kein Wasser ) _(zum Trinken". Rowohlt ) _(Taschenbuch-Verlag, Reinbek; 252 Seiten; ) _(10,80 Mark. )
Sauberes Trinkwasser, Lebensmittel Nummer eins, wird laut Lahl immer knapper werden: Vielerorts ist das Grundwasser schon verseucht, die Aufbereitung wird schwierig und teuer. Im Ballungsraum Frankfurt beispielsweise herrscht Wassernot.
Um den Bedarf der Bürger zu decken, greift die Stadtverwaltung seit Jahren zu fremden Quellen. Aus dem Vogelsberg und dem hessischen Ried schafft die Stadt jährlich viele Millionen Kubikmeter über Fernleitungen heran. Hamburg fördert Wasser in der Lüneburger Heide, Bremen zapft den Harz an, München pumpt das Loisachtal ab. Den Raubbau am Grundwasser hält Gall für "hellen Unfug". Der CDU-Politiker will nicht einsehen, daß "hochwertiges Grundwasser über Hunderte von Kilometern Leitungsnetz gepumpt und, zu Trinkwasserqualität aufbereitet, vom Bürger zum Waschen seines Autos und Bewässern seines Gartens verschwendet wird".
Private Wasserspeicher könnten dazu beitragen, den seit Jahrzehnten emporschnellenden Trinkwasserverbrauch zu begrenzen - mit positiven Auswirkungen auf Regionen wie das Ried oder die Lüneburger Heide, in denen Feuchtgebiete zu versteppen drohen.
Entlastet wird durch den Zisternenbau auch das Familien-Budget. Ein Privatspeicher, der je nach Größe und Ausstattung 400 bis 1000 Mark kostet, amortisiert sich Sulzbacher Erfahrungen zufolge schon "nach fünf Jahren".
Zudem würden, wie die hessische Landesanstalt für Umwelt errechnet hat, bis zu sieben Prozent weniger Niederschlagswasser in die - kostenpflichtige - Kanalisation fließen. Vielerorts fordern daher kommunale Politiker, Haushalten mit Zisterne einen Teil der Kanalisationsgebühren zu erlassen.
Massenhafte Installationen zur Regenwassernutzung würden darüber hinaus die Gefahr von Überschwemmungen der allenthalben kanalisierten Flüsse mindern. Das Niederschlagswasser bei Wolkenbrüchen würde zum Teil von den privaten Speichern aufgefangen.
Die Kommunalpolitische Vereinigung der CDU/CSU weist denn auch darauf hin, daß die kostengünstige Privatisierung der Regenwasser-Rückhaltung einen Teil der "teuren und die Landschaft oft verunstaltenden zentralen Regenrückhaltebecken überflüssig" mache.
Ein Faktor freilich verunziert die schöne Bilanz: Das Nutzwasser zum Nulltarif kann Schadstoffe enthalten, die der Regen aus der Luft gewaschen oder von den Dächern in die Zisterne geschwemmt hat. Zisternen-Förderer Gall sieht da schon "ganz neue Absatzperspektiven" für die deutsche Industrie: Filteranlagen für Regenwasser. _(Regenwasser wird in drei Zisternen ) _(gesammelt: In einer künstlichen Kuhle ) _((A), in einem Regensammler (F) für die ) _(Viehtränke (G) und in einem ) _(Trinkwasserspeicher (I). Am Boden der ) _(Kuhle befinden sich kleine Behälter als ) _(Wasserreserve (D), eine Zuleitung aus ) _(Wassersammelgräben (B) und eine ) _(Ableitung für Salzwasser (C), wenn bei ) _(Sturmflut die Kuhle überspült wird. )
Uwe Lahl, Barbara Zeschmar: "Kein Wasser zum Trinken". Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek; 252 Seiten; 10,80 Mark. Regenwasser wird in drei Zisternen gesammelt: In einer künstlichen Kuhle (A), in einem Regensammler (F) für die Viehtränke (G) und in einem Trinkwasserspeicher (I). Am Boden der Kuhle befinden sich kleine Behälter als Wasserreserve (D), eine Zuleitung aus Wassersammelgräben (B) und eine Ableitung für Salzwasser (C), wenn bei Sturmflut die Kuhle überspült wird.

DER SPIEGEL 35/1984
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