27.08.1984

Hundert Gene entscheiden über Krebs

Die neue Theorie der Krebsentstehung *
Alle Krebsauslöser - gleichgültig, ob es sich um Bestandteile des Zigarettenrauchs oder Viren, um Asbeststaub oder Röntgenstrahlen handelt - verrichten ihr schädliches Werk in der menschlichen Zelle offenbar auf gleiche Weise: Sie verändern das genetische Material im Zellkern in einer bestimmten Richtung.
Vermutet hatten Krebsforscher in aller Welt einen so einheitlichen Mechanismus seit langem. Aber erst vor einigen Jahren, als die Biochemiker in tierischen Krebszellen ebenso wie in bestimmten Viren sogenannte Krebsgene fanden - genetisches Material, das, in die Zellen von Labortieren verbracht, in wenigen Tagen oder Wochen unfehlbar Krebs auslöste-,begannen sich die Umrisse einer einheitlichen Theorie der Krebsentstehung abzuzeichnen. Die Krebsgene, so erläuterte der amerikanische Krebsforscher Howard M. Temin, ähneln in ihrer Struktur einer Gruppe normaler, in allen menschlichen und tierischen Zellen vorkommender Gene, sogenannte Proto-Krebsgene - diese steuern die Produktion der für normales Zeilwachstum und -entwicklung nötigen Enzyme.
Werden nun die Proto-Krebsgene entweder durch Röntgenstrahlen oder zellgiftige Substanzen zu Krebsgenen, so kontrollieren sie zwar weiterhin den Ausstoß der Enzyme, aber der Produktionsbefehl hat nun zwei entscheidende Fehler: Es werden Enzyme in unnötig großen Quantitäten produziert, und diese Enzyme haben eine leicht unterschiedliche Struktur, sie fördern die Krebsentwicklung. Diese Theorie könnte auch die unterschiedliche Latenzzeit verschiedener Krebsarten erklären. Umweltkrebse, also durch Strahlen oder Chemikalien ausgelöste Erkrankungen, haben eine lange Latenzzeit, da es mehrerer Mutationen im Zellkern bedarf, um aus einem Proto-Krebsgen ein Krebsgen entstehen zu lassen. Dringt dagegen das komplette Krebsgen aus einem Virus in einen Zellkern ein, kann sich Krebs sehr viel schneller entwickeln. Die Zelle steht freilich solchen Eingriffen nicht ungeschützt gegenüber: Zellen enthalten wahrscheinlich auch Anti-Krebsgene, die eine erste Abwehrkette gegen die krebsartige Entartung bilden.
Für die Krebsforscher hat die neue Theorie zugleich eine erwünschte Einengung ihres Forschungsfeldes gebracht. Denn offenbar kann nicht jede Veränderung des Erbguts in der Zelle, nicht jede Schädigung an einem der zigtausend Gene im Zellkern zu Krebs führen. "Statt uns um jede Änderung des Erbguts zu kümmern", meint Temin, "genügt es, wenn wir uns auf etwa einhundert Gene konzentrieren." Nur in diesen rund hundert Genlokationen des Zellkerns kann es zur möglicherweise tödlichen Entartung kommen.
Erste Ansätze sowohl für eine verbesserte Krebsdiagnostik als auch eine wirksamere Therapie tun sich nach Ansicht der Krebsforscher damit gleichfalls auf. Ein Test, der genetische Veränderungen an Zellen frühzeitig registriert, könnte erstmals eine echte Früherkennung des Krebses ermöglichen, und vielleicht, so meinte Temin, gelingt es auch, Wege zu finden, die tödlichen Krebsgene rechtzeitig zu blockieren oder auch Anti-Krebsgene im Labor nachzubauen und damit die körpereigene Abwehr zu unterstützen.

DER SPIEGEL 35/1984
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DER SPIEGEL 35/1984
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