27.08.1984

UNTERNEHMENAllein auf der Scholle

Hartnäckig mühte sich Hoesch-Chef Rohwedder, die PHB Weserhütte seinem Konzern einzuverleiben. Er scheiterte an Großaktionär Otto Wolff. *
Er hat als Staatssekretär im Bonner Wirtschaftsministerium Erfahrungen gesammelt und - seit 1980 - als Chef des Stahlkonzerns Hoesch. Er kann harte Entscheidungen über Menschen und Maschinen treffen, kann seine Entscheidungen mit wohlgesetzten Worten begründen. Nur eines kann Detlev Karsten Rohwedder, 51, offenbar noch nicht - einen Fehler zugeben.
Vor einem Dreivierteljahr hatte Rohwedder sich mit 49,58 Prozent bei der Anlagenbau-Firma PHB Weserhütte (PWH) eingekauft. Inzwischen ist längst klar, daß seine Pläne nicht aufgehen, daß er die Mehrheit bei PWH nicht zusammenkaufen kann. Doch Rohwedder kämpft weiter - und fängt sich bei dem Spiel um Aktien und Einfluß nur immer wieder neue Niederlagen ein.
Sein Gegenspieler nämlich hat die besseren Karten: Der Stahlindustrielle Otto Wolff von Amerongen, 66, der schon länger an der PWH beteiligt war, verfügt über die Aktienmehrheit.
Otto Wolff nennt die Weserhütte seine "Perle". Das Unternehmen ist einer der führenden Konzerne der Welt in der Fertigung von Seilbahnen und Schwimmkränen, von Baggern und Rangieranlagen, Ausrüstungen für Bergwerke und Verladegerät für Häfen. Zwanzig Auslandsableger der PWH verkaufen die Produkte in aller Welt.
Rohwedder, der wegen der Dauerflaute beim Stahl mehr in zukunftsträchtige Produktionen investieren möchte, hatte PWH mit der Hoesch-Tochter Orenstein & Koppel (Anteil: 75 Prozent) zusammenlegen wollen. Auch O & K stellt Großmaschinen für den Tagebau und Hafenanlagen her - eine Fusion mit dem schärfsten Konkurrenten hätte den lästigen Wettbewerb auf diesem Gebiet ausgeschaltet.
Den Tip zum Einstieg bei der Weserhütte hatte der Hoesch-Chef aus seiner früheren Dienststelle, dem Bundeswirtschaftsministerium, bekommen. Bonn hatte für Kredite der Arbed Saarstahl gebürgt und dafür zur Auflage gemacht, daß die marode Stahlfirma ihren Anteil an der Weserhütte baldmöglichst abstößt. Für den damaligen Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff war der Verkauf an Hoesch ein Schritt zur Neuordnung der Krisenbranche Stahl.
Auch die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank sowie Chefberater Günter Vogelsang, die in den Aufsichtsräten von Hoesch, O & K und Saarstahl sitzen, waren für diese Lösung. Deutschlands größte Bank ist bei Hoesch und Saarstahl mit dreistelligen Millionenbeträgen engagiert.
So war sich Rohwedder sicher, auch die unternehmerische Entscheidungsgewalt bei PWH zu bekommen. Der andere Großaktionär, Otto Wolff, besaß zwar mit zunächst 49,94 Prozent ein paar PWH-Aktien mehr als Hoesch, aber auch zu wenig, um allein den Kurs des Unternehmens zu bestimmen.
Doch Wolff war listiger. Während Rohwedder bei den Banken nach PWH-Anteilen fragte, suchte der Großaktionär Wolff in seiner näheren Umgebung - mit Erfolg: Verwandte, Mitarbeiter aus der Wolff-Gruppe und Betriebsräte von PWH verkauften ihm ihre Anteile von insgesamt 0,48 Prozent.
Das reichte. Aus der Sicht der PWH, ließ der neue Mehrheitsaktionär das Hoesch-Management schriftlich wissen, sei eine Fusion nicht zu verantworten.
Rohwedder indes mochte noch immer nicht aufstecken. Der Ruhrmanager, dem in seiner Bonner Zeit ein ausgeprägtes Gespür für veränderte Stimmungen nachgesagt wurde, hatte offensichtlich nicht mitbekommen, daß im Vorstand der Deutschen Bank die Meinung umschlug. Die Bankiers fanden inzwischen, daß sie einen alten Kunden wie Wolff, der zudem Vorsitzender im Beraterkreis der Deutschen Bank ist, nicht alleinlassen könnten.
Wolff wußte inzwischen eine Reihe von Fürsprechern hinter sich - den Vorstandssprecher der Bank, Friedrich Wilhelm Christians, der dem Aufsichtsrat der Wolff-Gruppe vorsitzt, sowie die beiden Vorstandsmitglieder Alfred Herrhausen und Hilmar Kopper. Herrhausen ist Wolffs Testamentsvollstrecker; Kopper, seit sieben Jahren im Aufsichtsrat der Weserhütte, hatte sich von Anfang an gegen eine Fusion mit O & K ausgesprochen.
Spätestens zur Jahresmitte, als der damalige Bosch-Chef Hans Merkle den Aufsichtsratsvorsitz der Deutschen Bank übernahm, hätte Rohwedder merken müssen, daß er - so ein Bankier - "allein auf der Eisscholle stand". Merkle würde, das war allen anderen Beteiligten klar, seinem alten Weggefährten aus den Aufbaujahren nicht in den Rücken fallen.
Doch Rohwedder wollte noch eine letzte Chance nutzen. Ohne Absprache mit Wolff nominierte er zwei Hoesch-Leute für den PWH-Aufsichtsrat; als 49-Prozent-Aktionär pochte er darauf, in dem Aufsichtsgremium vertreten zu sein. Das Kölner Amtsgericht ernannte Rohwedders Kandidaten, den Hamburger Wirtschaftsprüfer und Hoesch-Aufsichtsrat Otto Gellert sowie den Düsseldorfer Anwalt und Lambsdorff-Sozius Kurt Wessing, zu neuen Aufsichtsräten der Weserhütte.
Lange waren sie es nicht. Eine halbe Stunde nach ihrer ersten Aufsichtsratssitzung bei PWH, am Montag vergangener Woche, wurden sie wieder abgewählt. Wolff nämlich hatte kurzerhand eine außerordentliche Aktionärsversammlung einberufen und zwei Gegenkandidaten aufgestellt. Er wolle, so Wolff, "bei der scharfen Auseinandersetzung im Markt" keinen Vertreter der Konkurrenz im Aufsichtsrat der PWH haben, der vom Management ständig über seine Geschäftspolitik informiert werde.
Die Abstimmung brachte ein eindeutiges Ergebnis. Mit 300 724 gegen 297 505 Stimmen wählte die Wolff-Gruppe Hans-Botho von Portatius aus dem Wolff-Vorstand und den Marmeladen-Fabrikanten
Arend Oetker aus Bad Schwartau, den Ehemann von Otto Wolffs Tochter Claudia, in den PWH-Aufsichtsrat.
Wenn Rohwedder nun doch aufsteckt, will Wolff das ärgerliche Tauziehen um die Weserhütte schnell beenden. Er weiß auch wie: Er selbst möchte den Hoesch-Anteil kaufen. Potente Geldgeber weiß er hinter sich - die Freunde von der Deutschen Bank.

DER SPIEGEL 35/1984
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