27.08.1984

BUNDESWEHROliv raus

Mit neuen Tarnfarben, Theater und Kinderfreizeiten will das Verteidigungsministerium die Wehrkraft stärken. *
Wie lange die Wehrpflichtigen von 1989 an dienen müssen, weiß bislang nicht einmal der Verteidigungsminister: 18, 19 oder gar 20 Monate?
Manfred Wörner hat sich nach der Marathonsitzung der Hardthöhenspitze am vergangenen Montag noch einmal in den Urlaub zurückgezogen. Er wolle "mit sich selbst zu Rate gehen", beschied er seine Mitarbeiter.
Wie die jungen Soldaten in Zukunft ausstaffiert werden sollen, ist dagegen klar. Heeresinspekteur Mainhardt Glanz zwingt Nato-Oliv raus und Bunt rein. Scheckig und martialisch soll die Feldkleidung wieder sein. "Wir kehren", sagt der Bundeswehrgeneral, "zu Altem, Bewährtem zurück."
Vorbild ist die US-Armee, deren Soldaten seit der Amtsübernahme Ronald Reagans einen Kampfanzug in Tarnfarbe erhalten, der einst den Eliteeinheiten, den Marine-Infanteristen (Marines) und den Fallschirmjägern der Luftlandedivisionen, vorbehalten war.
Die neue Kluft soll helfen, die Kampfmoral der amerikanischen Soldaten zu stärken. Immerhin zog die US-Army in Schwarz-braun-khaki-grün siegreich in Grenada ein, ganz grün dagegen war sie in Vietnam dereinst kläglich untergegangen.
Während die Umkleidung des US-Heeres in Europa inzwischen abgeschlossen ist, soll die bundesdeutsche Truppe erst in den nächsten Jahren neu gestylt werden. Warum die Soldaten eine andere Montur brauchen, weiß nicht einmal der Heeresinspekteur selbst so recht zu begründen. Mal behauptet Glanz, man wolle Mängel der alten Soldatengarderobe beseitigen, dann wieder heißt es, die Streitkräfte müßten mit der Mode gehen. Glanz: "Die Taktik ist veränderlich."
Viel wahrscheinlicher ist: Der Moleskin-Feldanzug in Nato-Oliv wirkt den Militärs allmählich zu zivil. Nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen tragen immer häufiger die Hosen mit den aufgesetzten Seitentaschen an den Oberschenkeln und die knapp sitzenden Jacken. Verwaschen macht die Militärgarderobe mittlerweile fast schon ausgebleichten Jeans Konkurrenz.
In den Gründerjahren der Bundeswehr trugen die Soldaten schon einmal gefleckte Kampfanzüge, erst 1958 wurden die olivfarbenen Modelle kreiert. Sie seien, begründeten die Modemacher der Bundeswehr, leichter, luftdurchlässiger als die alten, zudem wetterbeständig und im Gelände nicht so leicht zu erkennen.
Das gilt nun auf einmal nicht mehr. Oder sollte der Saure Regen die Bäume schon so verändert haben, daß Grün dem Feind im Wald auffallen müßte?
Vor die große Umkleideaktion - das letzte "Glanz-Stück", wie im Hause Wörner gespottet wird - hat die Militärbürokratie das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) gesetzt.
Dort werden nun Ausschreibungen für die neuen Modelle verfertigt, Stoffproben begutachtet, Scheuer- und Reißproben veranstaltet. Die größten Schwierigkeiten bereiten Farbzusammenstellung (wieviel Schwarz, wieviel Braun, wieviel Grün?) und Farbechtheit. Mehr als zwei Jahre werden voraussichtlich vergehen, bis die "Trageversuche in der Truppe" beginnen können.
Dem amtierenden Heeresinspekteur, der demnächst in Pension geht, dauert dies zu lange. Er will deshalb einstweilen wenigstens den Fuhrpark aufpolieren. Zwar weiß Glanz noch nicht, wie viele neue gepanzerte Kampfwagen das Heer in den neunziger Jahren bekommen wird (wahrscheinlich nur 1500 statt der geforderten 4500), aber wenigstens die vorhandenen sollen so aussehen, daß sie zum neuen Soldaten-Outfit passen.
In den nächsten Monaten erhalten die Wehrpflichtigen Pinsel, Schablonen und Farbtöpfe in die Hand gedrückt, um die Panzer, Last- und Geländewagen neu anzumalen. Die "Gefechtsfahrzeuge" sollen schon vom Herbst an in Schwarz-Braun-Grün-Tönen durchs Gelände rasseln, während die Soldaten noch - stilwidrig - olivfarben gewandet sind. Malstatt Putz- und Flickstunden für die Wehrpflichtigen.
Manfred Wörners Planer sind mittlerweile auch auf andere originelle Ideen gekommen.
Selbst bei 18 Monaten Wehrdienst wird, wie Generalinspekteur Wolfgang _(Verteidigungsminister Manfred Wörner ) _((r.) beim Truppenbesuch. )
Altenburg errechnet hat, die Friedensstärke der Bundeswehr von 495 000 Mann nicht zu halten sein. 450 000 Mann aber sollen es auch in den neunziger Jahren mindestens sein.
Deshalb werden demnächst auch Wehrpflichtige gezogen, die bisher mit gutem Grund als nicht tauglich galten, Plattfüßer und Sehschwache zum Beispiel.
Das Studium der Theologie oder die freiwillige Meldung zum Grenzschutz, zur Polizei, zum Roten Kreuz und zum Technischen Hilfswerk sollen ebenfalls nicht länger vor dem Gestellungsbefehl schützen.
Außerdem will Wörner mehr Freiwillige werben. Dafür aber gilt es frühzeitig die Wehrbereitschaft zu wecken. Den Anfang machen die Badischen Kammerschauspiele aus Emmendingen in Stetten am kalten Markt. Am 27. September startet das Lehrstück "Die Gewissensfrage", in dem die Hardthöhen-Intendanten für eine Politik militärischer Stärke werben (siehe Kasten Seite 84).
Direktor Georg Weth hat zwar den zugesagten Zuschuß von 700 000 Mark noch nicht bekommen, weil Verteidigungsministerium und Bundespresseamt sich streiten, wer das Theater bezahlen soll. Aber er ist optimistisch. 200 Schulen, sagt er, hätten sich schon für die Inszenierung interessiert.
Ähnliche Resonanz erhoffen sich Wörner-Pressesprecher Jürgen Reichardt und seine Mitarbeiter von ihrer neuesten Idee: Zur "Nachwuchssicherung in der Jugendarbeit" schlagen sie regelmäßige "Ferienfreizeiten der Bundeswehr für Jugendliche" vor. "Altersgruppen und inhaltliche Gestaltung der Freizeiten wären nach Vorgaben der Meinungs- und Motivforschung im Bereich der Jugendlichenuntersuchungen zu bestimmen. Sport könnte wesentlich sein (Erlangen von Qualifikationen)", heißt es dazu im Aktenvermerk 01-55-07.
Die fatale Parallele zu den Wehrertüchtigungslagern der Hitlerjugend oder der DDR-Gesellschaft für Sport und Technik (GST) ist Reichardts Öffentlichkeitsarbeitern zwar bewußt, aber: "Das Rechtsbewußtsein sollte die Verwechslungsgefahr des Ansatzes zur Jugendarbeit totalitärer Staaten von vornherein ausschließen und die zu erwartende Kritik gelassen sehen."
Nicht nur den Sozialdemokraten, die bisher das Treiben der Hardthöhe eher amüsiert betrachteten, ist inzwischen das Lachen vergangen.
SPD-Wehrobmann Horst Jungmann: "Nun hört der Spaß aber auf. Weiß Wörner eigentlich noch, was in seinem Ministerium so alles läuft?"
Verteidigungsminister Manfred Wörner (r.) beim Truppenbesuch.

DER SPIEGEL 35/1984
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