27.08.1984

„Geht doch mal in die DDR“

Wie die Bundeswehr im Theater ihre Friedensliebe beweist Das Bundesverteidigungsministerium möchte seine Sorgen um die Mannschaftsstärke der Bundeswehr mildern und von einer Schauspieltruppe im Theater den Wehrdienst als „Friedensdienst“ darstellen lassen. Für die Badischen Kammerschauspiele dachte sich der 63jährige Journalist Thilo Koch ein Expose aus; der Krimi-Regisseur Jürgen Roland ("Stahlnetz") erklärte sich bereit, das Werk zu inszenieren, wurde aber von seinem Sender nicht freigegeben. Nach einer internen Schätzung müßte das Verteidigungsministerium zu den Kosten von knapp einer Million etwa 700 000 Mark beisteuern, um das Kunstwerk 150mal vor wehr(un)willigen Jugendlichen aufführen zu lassen. Die für den 28. April geplante Premiere wurde inzwischen auf den 27. September verschoben; Ort: Stetten, Titel des Dramas: „Die Gewissensfrage“. Das Drehbuch wurde vom Informations- und Pressestab des Wörner-Ministeriums genehmigt, ergänzt und korrigiert. Wortlaut des Koch-Exposes: *
Die einzige Scene und Dekoration des Stückes ist eine typische Ecckneipe, in der sich folgende Personen treffen:
1. Der Wehrpflichtige, der seine Zeit beim Bund als Dienst für den Frieden versteht.
2. Seine Freundin, die vom Kirchentag als überzeugte Pazifistin wiedergekommen ist.
3. Sein Freund, ein Grüner und Wehrdienstverweigerer aus politischen Gründen, der "eigentlich" in West-Berlin lebt.
4. Sein Lehrer, der noch den Zweiten Weltkrieg mitgemacht hat, dann "ohne mich" sagte und heute das westliche Verteidigungsbündnis für die einzige verläßliche Grundlage der Existenz der Bundesrepublik Deutschland hält.
5. Die Wirtin, eine "Mutter Courage", die kein Blatt vor den Mund nimmt und eine Politik der Stärke für das einzig Richtige hält, sie stammt aus der DDR.
Während der Dialoge und während des Handlungsablaufs kommen einige unbequeme Fragen aus dem Zuschauerraum von der
6. Person. Es ist ein junger Pfarrer, der der Friedensbewegung angehört und der mit der Freundin (2) und dem Grünen (3) auf der Bühne sympathisiert.
Andere Fragen aus dem Zuschauerraum stellt die
7. Person. Sie ist eine junge Lokalreporterin, die auf der Seite des Wehrpflichtigen (1) und z. T. des Lehrers (3) steht, aber nicht so weit geht wie die Wirtin (5).
Diese beiden "Zuschauer" kommen zwei- oder dreimal auf die Bühne, um in der Scene selbst ziemlich energisch und dramatisch ihre kritischen Einwürfe zu vertreten. Dabei kommt es auch zu Wortwechseln zwischen dem Pfarrer und der Reporterin, die in vielem entgegengesetzter Ansicht sind, aber beide großen Wert auf die Einhaltung demokratischer Spielregeln legen. Insofern wächst ihnen im Stück eine Art Schiedsrichterrolle zu, wenn es beispielsweise zwischen Freundin und Wirtin, Soldat und Freund recht hitzige Auseinandersetzungen gibt.
Die Dramaturgie hat in etwa zum Vorbild "Die zwölf Geschworenen". Was in diesem Stück von Reginald Rose "das Urteil" ist und die Urteilsfindung, ist in dieser Inszenierung ein Konflikt um den Wehrpflichtigen. Seine Freundin und sein Freund haben ihm ein Ultimatum gestellt: Er soll in dieser Nacht die Bundeswehr verlassen und untertauchen, weil die atomare Eskalation (Stationierung von immer mehr Raketen in der Bundesrepublik Deutschland) jeden Dienst mit der Waffe zum "Verbrechen an der Menschheit" mache.
Freundin und Freund haben für die nächsten 24 Stunden alles vorbereitet, um dem Wehrpflichtigen eine "Absetzbewegung" zu ermöglichen, die Freundin will mit ihm gehen.
Über diesen Plan sprechen nur die drei miteinander, sie verbergen ihn vor den anderen - nicht jedoch vor den zwei Zuschauern, die sich dazu äußern. Lehrer und Wirtin kommen ins Gespräch mit Argumenten, die zum Thema Wesentliches beitragen, ohne daß diese beiden Personen wissen, wie heiß der Boden in der Eckkneipe an diesem Abend ist - besonders für den Wehrpflichtigen.
Der Wehrpflichtige ist mit Überzeugung beim Bund. Schwankend macht ihn für ein paar Minuten nur die Entschiedenheit seiner Freundin, die ihm droht, sich von ihm zu trennen, wenn er nicht den "moralischen Mut" aufbringe, eine "Gewissensentscheidung" zu fällen und ihr zu folgen auf dem Weg: "Frieden schaffen ohne Waffen." Der Wehrpflichtige bleibt bei seiner Meinung: Frieden kann es angesichts der Bedrohung durch die Aufrüstung und Vorrüstung der Sowjet-Union nur geben, wenn das Gleichgewicht der Kräfte gewahrt wird.
Friedenssehnsucht haben wir alle, aber sie genügt nicht: Der Weltfrieden wurde seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur gewahrt, weil die Abschreckung, auch durch Atomwaffen, wirksam blieb. Der Wehrpflichtige wirft Freundin und Freund vor, daß sie Opfer einer Angstpsychose und Angstkampagne sind.
Der Freund argumentiert: Friede ist mehr als organisierte Kriegslosigkeit. Die USA wollen die Erstschlagsfähigkeit und halten einen begrenzten Atomkrieg in Europa für führbar. Die Angst vor den Russen wird von Regierungen und Rüstungsindustrie im Westen künstlich geschürt.
Die Rüstung ist in den kapitalistischen Ländern ein Riesengeschäft. Immer wahrscheinlicher wird ein atomarer Schlagabtausch aus Versehen. Die Pershing-2 vergrößert diese Gefahr dramatisch. Auch die amerikanische Friedensbewegung sieht das so: "Freeze Now" und Bischöfe warnen Washington ebenso dringlich wie die Grünen und die Friedensbewegung in Deutschland Bonn warnen. Einseitige Abrüstung des Westens ist der einzige Weg, den atomaren Holocaust zu verhindern: lieber rot als tot.
Die Wirtin entrüstet sich über das "grüne Gemüse" und den "alternativen Quatsch" in ihrer Kneipe. Macht erst mal durch, was wir erlebt haben! Geht doch nur mal für eine Woche in die DDR. Fragt mal die Häftlinge. Habt ihr schon mal was von Solschenizyn und dem Archipel Gulag gehört? Von Sacharow?
Klar, auch die Amis sind keine Engel. Aber sie haben Berlin gerettet, und sie sind die einzigen, die die Russen daran
hindern können, morgen zum Atlantik zu spazieren. Ich habe meinen Mann durch die Nazis verloren und meinen Sohn durch die Kommunisten. Mir reichen zwei Diktaturen. Ich sage: lieber tot als rot.
In dem immer hitziger werdenden Streit bleibt der Lehrer ruhig, er versucht zu vermitteln. Als einziger von allen sieben Personen des Stückes weiß er, was Krieg wirklich heißt, er war 1939 bis 45 dabei, wurde verwundet, kam in russische Kriegsgefangenschaft. Dennoch trägt der den russischen Menschen nichts nach, er lernte sie verstehen, nachdem er erfahren hatte, was sie leiden mußten - unter Stalin wie durch Hitler.
Er bringt auch dem Wehrdienstverweigerer Respekt entgegen. Er versteht das christliche Engagement der Freundin. Er findet es gut, wie genau die jungen Leute es mit ihrem Gewissen nehmen. Dagegen-sein-Dürfen gehört für ihn zu den wichtigen Errungenschaften der ersten stabilen Demokratie in Deutschland. Aber er warnt mit allem Ernst davor, diese Bundesrepublik Deutschland durch "zivilen Ungehorsam", durch blinden Amerikahaß, Austritt aus der Nato und "Selbstfinnlandisierung" kaputtzumachen. Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagt er und unterstützt den Wehrpflichtigen, wenn er der Angst die Tatsachen entgegenhält: den Gewaltverzicht der Bundesrepublik in den Ostverträgen und bei der KSZE, den Verzicht auf Angriffshandlungen bereits in der WEU-Erklärung 1954.
Dies alles läßt der junge Pfarrer ("Zuschauer") nicht gelten. Er beruft sich vor allem auf die Bergpredigt.
Die Message des Stückes wird sein: Wehrdienst ist rechtverstanden tatsächlich Friedensdienst. Ein enormes Mediengeräusch und wachsende Ängste in der Bevölkerung tragen dazu bei, daß diese Tatsache verdeckt und sogar denunziert wird. Die Dialoge sollen so geführt werden, daß die Polarisation Konturen bekommt, die heute in der Bundesrepublik die Menschen mehr und mehr trennt und auch in den Familien und Gruppen zu persönlichen Konflikten und Entfremdungen führt. Es wird keine billige Kapitulation der einen oder der anderen Seite geben. Jeder aber soll am Ende ein bißchen nachdenklicher und auch pragmatischer die Probleme sehen.
Haben schließlich also alle auf ihre Weise recht? Nein, der Wehrpflichtige entscheidet sich für seine Pflicht und für seine Überzeugung gegen Freundin und Freund. Der Lehrer rät allen, die Brücken nicht abzubrechen, denn schließlich sitzen wir doch in einem Boot!
In der letzten Fassung des Drehbuchs sind die Personen des Pfarrers und der Lokalreporterin (6 und 7) weggefallen.

DER SPIEGEL 35/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Geht doch mal in die DDR“

  • Doping für ewige Jugend: "So ein Körper ohne Steroide? Dumm!"
  • Videoaufnahmen aus Hongkong: Journalistin während Livebericht attackiert
  • Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Airshow in Gloucestershire: Fasten your seatbelts, please