27.08.1984

ZEUGUNGSensible Organe

Wissenschaftler führen die rapide zunehmende Unfruchtbarkeit in Industriestaaten auf Umweltgifte zurück. *
Mediziner, die sich über Ursachen der Sterilität bei Frauen und Männern Gedanken machen, entwickeln mitunter erstaunliche Kreativität. "Da gibt es", so der Hamburger Fortpflanzungsforscher Michael Trapp, "die abenteuerlichsten Theorien."
Mal soll zu viel, mal zu wenig Sex daran schuld sein, auch Hot Pants und hautenge Jeans stehen im Verdacht. In der Fachliteratur werden harte Fahrradsättel wie Überanstrengung durch Joggen
angeführt, Ein Hamburger Professor bemühte sich gar, wenn auch vergeblich, um den Nachweis, daß häufiges Musizieren auf Streichinstrumenten zu Unfruchtbarkeit durch "Cello-Hoden" führt. Wissenschaftlich belegt ist dagegen, daß Zeugungs- und Empfängnisunfähigkeit von organischen Schäden, Streß oder psychischen Störungen herrühren kann.
Vergangene Woche wurde die Thesen-Vielfalt um eine neue Variante bereichert, mit der das TV-Magazin "Monitor" das westdeutsche Fernseh-Publikum schockte: Umweltgifte, die in Verdacht stehen, Krebs und andere schwere Krankheiten auszulösen, machen womöglich auch unfruchtbar.
Diese Theorie könnte ein Phänomen erklären, das Mediziner und Ökologen, Politiker und Biologen zunehmend beunruhigt. In den Industrienationen sinkt die Geburtenrate nicht nur, weil viele Paare keinen Nachwuchs wollen, sondern auch deshalb, weil sie keinen bekommen können.
In der Bundesrepublik sind rund 500 000 Männer unfruchtbar, jede fünfte westdeutsche Ehe bleibt unfreiwillig kinderlos. Nun entdeckten Wissenschaftler, woran es auch liegen könnte: In den Fortpflanzungsorganen wurde eine ganze Palette von gefährlichen chemischen Verbindungen, sogenannten Halogenierten Kohlenwasserstoffen, _(Kohlenwasserstoffe sind chemische ) _(Verbindungen von Kohlen- und ) _(Wasserstoff. Verbinden sie sich mit ) _(Fluor, Chlor, Brom oder Jod (sogenannte ) _(Halogene), sprechen Chemiker von ) _(Halogenierten Kohlenwasserstoffen. )
nachgewiesen. *___In den USA, wo die durchschnittliche Anzahl der ____Samenzellen pro Milliliter seit 1951 von 107 Millionen ____auf 60 Millionen Spermien gesunken und schon jeder ____zehnte Mann unfruchtbar ist, fanden Andrologen ____(Männerheilkundler) in Samenflüssigkeit das ____Holzschutzmittel Pentachlorphenol (PCP), die in ____Hydraulikölen eingesetzten Polychlorierten Biphenyle ____(PCB) sowie die Pflanzen- und Insektengifte ____Hexachlorbenzol (HCB), Dieldrin und DDT. *___In der Bundesrepublik, wo die Zeugungs- und ____Empfängnisfähigkeit gleichfalls zurückgeht, wiesen ____Wissenschaftler des Hamburger "Instituts für Hormon- ____und Fortpflanzungsstörungen" in der Eizellenflüssigkeit ____von 47 unfruchtbaren Frauen aus Westdeutschland und ____Österreich "signifikante Werte" von DDT, PCB, Dieldrin, ____HCB und anderen Chemikalien nach.
"Unsere Ergebnisse sind ein Indiz dafür", sagt Mediziner Heinz Bohnet vom Hamburger Forscherteam, "daß Halogenierte Kohlenwasserstoffe ein Faktor sein könnten, der zur Unfruchtbarkeit von Frauen beiträgt."
Solche Indizien häufen sich weltweit. Umweltgifte wurden in den Samenzellen polnischer Industriearbeiter gefunden. Im Blut von Hamburger Boehringer-Beschäftigten fanden Arbeitsmediziner geringere Mengen des männlichen Hormons Testosteron als üblich; das Hormon steuert die Samenproduktion.
US-Veteranen, die im Vietnamkrieg mit dem dioxinhaltigen Entlaubungsgift Agent Orange in Berührung gekommen waren, erwiesen sich nur noch als bedingt zeugungsfähig. Bei dioxinbelasteten Arbeitnehmern der amerikanischen Chemiefirma Dow Chemical sank die Fortpflanzungsquote rapide ab.
Die Öko-Publizisten Imre Kerner, Thomas Weidenbach und Dagny Radek haben in einem gerade erschienenen Umwelt-Buch die Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Chemikalien und Fruchtbarkeit zusammengetragen. _(Thomas Weidenbach, Imre Kerner, Dagny ) _(Radek: "Dioxin - Die chemische ) _(Zeitbombe". Kiepenheuer & Witsch, Köln; ) _(368 Seiten; 18,80 Mark. )
In einem Kapitel über "männliche Unfruchtbarkeit" resümiert der amerikanische Fertilitäts-Forscher Bruce Rappaport das Wissen: "Das Problem der Unfruchtbarkeit von Männern ist in der Umweltverschmutzung begründet."
In den letzten Jahrzehnten wurde in den USA zwar die hygienische Vorsorge verbessert, die Ernährung vielfältiger, und die Lebenserwartung stieg. Zugleich gab es aber in allen Industrienationen "eine explosionsartige Zunahme von spermatotoxischen Substanzen".
Wissenschaftlern ist klar, daß der letzte Beweis für den Zusammenhang zwischen Unfruchtbarkeit und Umweltgiften noch nicht erbracht ist und womöglich auch nie zu führen sein wird. Denn der naturwissenschaftlich exakte Nachweis einer ursächlichen Verbindung zwischen Sterilität und Chemie bedürfte entsprechender Versuche - am Menschen.
Daß es aber einen solchen Zusammenhang gibt, halten Umwelt-Mediziner für wahrscheinlich, weil diese Stoffe besonders die sensiblen Fortpflanzungsorgane angreifen. Substanzen, wie sie nun auch bei Männern und Frauen festgestellt worden sind, soviel ist gewiß, führen unter Kleinstlebewesen, aber auch bei Vögeln und Säugetieren zu Reproduktionsstörungen; ganze Arten drohen auszusterben.
Das könnte, fürchten US-Wissenschaftler, langfristig auch dem amerikanischen Volk widerfahren. Wenn nichts geschieht, rechnete Chemieprofessor Ralph Dougherty von der Universität in Tallahassee/Florida hoch, werden schon im Jahre 2000 rund 50 Prozent der männlichen US-Bevölkerung unfruchtbar sein.
Kohlenwasserstoffe sind chemische Verbindungen von Kohlen- und Wasserstoff. Verbinden sie sich mit Fluor, Chlor, Brom oder Jod (sogenannte Halogene), sprechen Chemiker von Halogenierten Kohlenwasserstoffen. Thomas Weidenbach, Imre Kerner, Dagny Radek: "Dioxin - Die chemische Zeitbombe". Kiepenheuer & Witsch, Köln; 368 Seiten; 18,80 Mark.

DER SPIEGEL 35/1984
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