27.08.1984

Reagans Amerika: „Stolzer, stärker, besser“

In Dallas, der „Stadt der Sieger“, feierten Amerikas konservative Ultras ihren größten Erfolg - mit einer radikalen Wahlkampfplattform ohne Beispiel in der republikanischen Parteigeschichte. Doch das Zugpferd bleibt Reagan: Wie ein gütiger Vater stellt er sich den Wählern. Nur die Frauen mögen ihn nicht so recht. *
Nancy Reagan wacht, wie üblich, über den alten Herrn. Man dürfe ihn nicht wecken, beschwört sie seine Berater. "Er braucht seine 16 Stunden, und außerdem haben wir schon seit Tagen keinen Urlaub gemacht."
Und so wird der Mann im Weißen Haus, ähnlich wie einst beim Abschuß zweier libyscher Kampfflugzeuge, nicht einmal geweckt - obwohl die Welt diesmal wirklich am Vorabend des 3. Weltkrieges zu stehen scheint.
Als er dann endlich aufsteht, steht er auch sogleich vor einer TV-Kamera. Heute, so witzelt er, wolle er ein besonderes "Austauschprogramm mit der Sowjet-Union ankündigen": Der Befehl zum Start der Raketen sei schon erteilt. Probleme wie die Haushalts-Defizite gehörten "jetzt der Vergangenheit an, wie im übrigen die Vergangenheit selbst der Vergangenheit angehört".
So sarkastisch ist ein Theaterstück, das vorige Woche ausgerechnet in jener Stadt Dallas uraufgeführt wurde, in der sich Ronald Reagan, 73, zum zweiten Mal zum Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei küren ließ.
Auf die texanische Bühne gestellt wurde die Satire von zwei Parteirebellen gegen Reagans Rüstungspolitik und den Rechtskurs der Republikaner: von dem Kongreßabgeordneten Jim Leach aus Iowa und dem Parteitagsdelegierten Paul Zimmerman aus Pennsylvania, der das ketzerische Stück verfaßte.
Die beiden machten sich damit zu Parias einer Gala-Veranstaltung von texanischen Ausmaßen, bei der Widerworte nicht am Platz und politische Debatten nicht gefragt waren, sondern nur eines: Jubel.
Und wie gejubelt wurde - 13 Stunden lang entfalteten die 2235 Delegierten der Republikanischen Partei und noch einmal so viele Stellvertreter bei jeder Gelegenheit Sternenbanner und Transparente, zeigten gute Laune und patriotisches Sendungsbewußtsein.
Während der vier Tage in Dallas ging es vorige Woche eigentlich nur darum, den ältesten Präsidenten, den sich die USA jemals geleistet haben, in einer gewaltigen Ovation um etwas zu bitten, was dieser sich selbst und der Nation ohnehin längst versprochen hatte: nochmals vier Jahre als Präsident zu dienen.
In einem gigantischen Convention Center, das der "Dallas"-Schurke J.R. erfunden haben könnte, um seine Sue Ellen zu quälen - so unmenschlich-kalt ist es -, jauchzten die Delegierten, wann immer der Name Reagan fiel. Hier sangen sie ein- bis zweimal täglich die Nationalhymne, empfingen jeden Abend den Gute-Nacht-Segen von Geistlichen (wechselnder Konfessionen) und fühlten sich eins mit dem Parteitagsmotto "Bring America Back", führt Amerika zurück - zur alten Größe, versteht sich.
Dazu paradierten die Symbolfiguren des reinen, reichen und erfolgreichen Amerika: die Stars Charlton Heston und Wayne Newton, der Prediger Jerry Falwell von der Saubermann-Gesellschaft "Moralische Mehrheit", der schlichte Kurzzeit-Präsident Gerald Ford und das altersschwache Parteigewissen Barry Goldwater, für den vor 20 Jahren ein unbekannter Ronald Reagan in den Wahlkampf gezogen war.
Da hielt es kaum einen der Delegierten auf seinem Sitz, da strahlten sie alle, _(Ronald Reagan beobachtet die ) _(Partei-Versammlung auf einem TV-Schirm ) _(in seinem Hotelzimmer und wird dabei von ) _(einer Fernsehkamera aufgenommen, die ) _(sein Bild auf eine Leinwand im ) _(Convention Center überträgt. Dort grüßt ) _(ihn seine Frau. )
auch der Erwählte selbst vor seinem Hotel-Fernsehgerät. Parteitagsetikette verbietet den frühzeitigen Auftritt des Kandidaten. Doch eine TV-Kamera führte Reagan seinem Parteivolk auf einer Leinwand im Convention Center vor. So war er stets präsent. Fröhlich winkte er seiner Nancy zu, die ihn in einer eigenen kleinen Rede gefeiert hatte. In die telegene Familienidylle schmetterte die Kapelle den Song "Du bist meines Lebens Sonnenschein".
Im ganzen führte der Parteitag ein Amerika vor, das weißer, wohlhabender, gebildeter und älter ist als der Durchschnitt der Amerikaner und der demokratischen Konkurrenz-Partei.
Wenn diese Gesellschaft das Hallenmonster im "Dallas Convention Center" verließ, fand sie sich in einer Megalopolis wieder, die so recht ihrer euphorischen Seelenlage entspricht - Aushängeschild der immer wieder gefeierten wirtschaftlichen Leistungen der Regierung Reagan.
Die siebtgrößte Stadt der USA (rund 950 000 Einwohner), die sich selbst als "Stadt der Sieger" bezeichnet, hat sich "Bauen tut not" als das inoffizielle Stadtmotto gewählt, und gebaut wird so hemmungslos in die weiten, einst von den berühmten Longhorn-Kühen genutzten Texasebenen hinaus, daß die immer neuen Satelliten-Städte im Norden wohl schon bald an die Grenze zum Nachbarstaat Oklahoma stoßen werden.
1983 erreichte das Bauvolumen der Stadtlandschaft Dallas/Fort Worth 6,6 Milliarden Dollar - mehr als jede andere Stadt der USA, fast doppelt soviel wie New York. Der Internationale Flughafen Dallas/Fort Worth ist der größte im Lande. Nur in New York und Chicago haben mehr Firmen ihr Hauptquartier als in "Big D", wie sich Dallas schon seit Jahren nennt.
Der Texas-Mythos "Bigger is better" (je größer, desto besser) scheint ungebrochen - Dallas ist seit Jahren eine Zuwanderer-Stadt. Und wenn es in den USA noch irgendwo die typische Traumkarriere vom Tellerwäscher zum Millionär gibt, dann in Dallas, vorexerziert etwa von der exzentrischen Mary Kay Ash, die Verkäuferin war und heute Inhaberin eines der großen Kosmetik-Konzerne (Jahresumsatz: 167 Millionen Dollar) ist.
Die engagierte Republikanerin sprach während der Convention unverblümt aus, was viele ihrer Parteifreunde aus Dallas und dem Rest des Landes denken mochten: Man solle endlich den Makel tilgen, den diese "vorbildliche Siedlung" seit dem Jahre 1963 trägt - es gelte jetzt, die Gedenkstätte niederzureißen, die an die Ermordung John F. Kennedys erinnert, und das Grundstück in Parkplätze umzuwandeln. Pünktlich brach am vorigen Donnerstag ein (bald gelöschtes) Feuer aus im "Texas School Book Depository", aus dem damals der Attentäter Lee Harvey Oswald auf Präsident Kennedy geschossen haben soll.
Ein anderer Dallas-Republikaner, der Alt-Millionär Nelson Bunker Hunt, lud am vorigen Dienstag zu einer Riesen-Party ein. Trotz eines Eintrittspreises von 1000 Dollar kamen 1600 Gäste, darunter Jerry Falwell und Jerry Ford. Der Erlös ging an einen Finanzierungsverein, der bei den Wahlen im November ausschließlich Kandidaten der äußersten Rechten unterstützt.
Und der Zuschuß zu ihrer ohnehin prall gefüllten Wahlkampfkasse blieb nicht der einzige Erfolg der äußersten Rechten in Dallas. Am vergangenen Dienstag verabschiedeten die Delegierten fast einstimmig "das radikalste Wahlprogramm in der Geschichte der Republikanischen Partei", so jedenfalls Ko-Autor Jack Kemp, rechter Kongreßabgeordneter aus New York.
Als sei das 200-Milliarden-Dollar-Defizit des laufenden Haushaltsjahres gar nicht vorhanden, wollen die Republikaner weiterhin die Steuern senken. Wirtschaftswachstum, das "pulsierende Herz der amerikanischen Erfahrung", werde dann schon den Haushalt ausgleichen.
In der Rüstung soll Amerika hinfort "stärker sein als jeder mögliche Gegner". Nicaragua, so heißt es bedrohlich, dürfe "nicht länger ein kommunistischer Freiraum bleiben".
Völlig freien Lauf lassen die Rechten ihrem Rigorismus in der Gesellschaftspolitik: In Reagans zweiter Amtszeit soll die Abtreibung per Verfassungsänderung verboten, das freiwillige Schulgebet per Verfassungsänderung wieder erlaubt werden.
"Ich bin begeistert", kommentierte Jesse Helms, Rechtsaußen des amerikanischen Senats, dieses Wahlprogramm seiner Partei. Der militanten Anti-Feministin
Phyllis Schlafly ("Die Atombombe ist ein Geschenk Gottes") bedeutet die Plattform "alles, was ich mir gewünscht habe".
Und "Moral Majority"-Chef Jerry Falwell bekannte gar: "Selbst wenn wir das Dokument hätten schreiben dürfen, wir hätten es kaum besser machen können."
Die Annahme dieses Wahlprogramms ist der bisher größte Erfolg der äußersten Rechten der USA. Dieselben Ultras, die Vizepräsident George Bush vor kurzem noch als den "verrückten Rand der Partei" bezeichnet hatte, stellen nun deren "treibende Kraft" dar. Kein Wunder, daß der harte Kern dieser Rechten zuweilen den Raum verläßt, wenn der amtierende, sogenannte "liberale" Vizepräsident der USA als möglicher Reagan-Nachfolger vorgestellt wird.
Obwohl Wahlkampf-Plattformen in den USA traditionell viel weniger ernst genommen werden als in Europa, signalisiert der Rechtsruck von Dallas doch eine Machtverschiebung, die vor 20 Jahren mit dem Sieg des konservativen Barry Goldwater über seinen liberalen Partei-Gegner Nelson Rockefeller begann.
1984 bezeichneten sich nur noch zwei Prozent aller Delegierten als liberal. Etwa 25 Prozent hielten sich für gemäßigt. Die überwältigende Mehrheit bekannte sich - fröhlich und stolz - zum Konservatismus.
Zwar hatte Ronald Reagan nach seiner Wahl die Rechten nur spärlich mit Posten bedacht. Doch unter dem Schutz seiner Rhetorik arbeitete der rechte Flügel energisch an der Ideologisierung der Partei. Erfolgreich bediente sich die äußerste Rechte dabei neuer Techniken der Wahlkampffinanzierung und benutzte neue Wege, den Wähler zu erreichen, zum Beispiel die Fernsehsender der protestantischen Fundamentalisten, in Amerika eine Medienmacht.
So behauptet der Erweckungsprediger Pat Robertson, mit seinem "Christian Broadcasting Network" mehr Amerikaner zu erreichen als "Time", "Newsweek", "New York Times", "Washington Post", "Los Angeles Times" und "Chicago Tribune" zusammen. 200 Millionen Briefe wird der millionenschwere Marketing-Experte und Rechts-Ideologe Richard Viguerie in diesem Wahlkampf versenden. Er greift darin liberale Kandidaten auch der eigenen Partei an und ruft zu Geldspenden für deren konservative Konkurrenten auf.
Auch im Kongreß trommelt die äußerste Rechte unablässig für die Reinheit der konservativen Lehre: Nur über einen rechten Populismus, der Gott und Vaterland, freie Marktwirtschaft und Familie in Ehren hält, könnten der Partei neue Wählerschichten zugeführt werden. Nicht "in der Wall Street, sondern in der Main Street" müsse man sie suchen.
Auf der "Hauptstraße" siedelt jene weiße untere Mittelschicht, die traditionell demokratisch gewählt hatte, aber 1980 inflationsgeschockt von Carter zu Reagan überlief. Sie soll auf Dauer für die Republikanische Partei gewonnen werden - wobei mehr als zweifelhaft bleibt, ob das ausgerechnet mit rechter Ideologie zu bewirken ist.
Jack Kemp, Bannerträger des rechten Flügels im Abgeordnetenhaus und einer der ernst zu nehmenden Bewerber um die Nachfolge Ronald Reagans, ist überzeugt, daß das Honoratioren-Partei-Image abgebaut werden müsse. In Dallas nannte Kemp die Republikaner denn auch schon die "Grand New Party".
Ihr scharfer Rechtskurs hat gestandene Partei-Rechte wie die Senatoren Robert Dole oder Paul Laxalt bereits in den Ruch gebracht, "gemäßigt" zu sein; progressive Republikaner wie der Senator Mathias müssen sich als "liberale Schweine" beschimpfen lassen (siehe Interview Seite 94).
Schon haben zahlreiche Kandidaten für die Kongreßwahlen erklärt, sie könnten mit der Dallas-Plattform der Partei im Wahlkampf nicht antreten.
Sogar Maureen Reagan, 43, Präsidenten-Tochter aus erster Ehe, rebellierte: "Ich glaube nicht, daß diese Plattform repräsentativ ist für die Mehrheit der Partei." Mehr noch: "Neandertal-Männer" hätten sie formuliert. Für sie alle ist Ronald Reagan da - abgehoben von der Fraktionen Streit, mit dem Auftritt des gütigen Vaters.
Reagan betreibt die Präsidentschaft ungleich stärker als jeder seiner Vorgänger wie persönliches Marketing und nicht mit dem Ziel eines politischen Interessenausgleichs. So überfluten seine Image-Macher die Nation mit immer neuen Fernsehbildern vom Präsidenten auf großer Fahrt: in China, Irland und der Normandie, mit dem Papst in Rom, der Königin von England, dem Tenno von Japan. Das ist derart werbewirksam, daß die Demokraten nicht mehr verächtlich vom früheren Schauspieler Reagan sprechen, sondern sich im stillen wünschen, sie hätten selbst einen, und sei er auch nur zweitklassig.
Und bei der Nation kommt dieser Ronald Reagan an, sie hat ihn offenbar ins Herz geschlossen wie keinen Präsidenten seit Dwight D. Eisenhower. Die längst auch für Amerikaner sichtbaren zahlreichen Fehlleistungen seiner Regierung - 265 Tote im Libanon etwa, ein Haushaltsdefizit von fast 200 Milliarden Dollar - und die peinlichen Finanzskandale hoher Reagan-Beamter werden ihm nicht angelastet, bleiben so wenig an ihm haften wie Gebratenes in einer Teflon-Pfanne, so daß kritische Amerikaner ihn schon als "Teflon-Präsidenten" bezeichnen.
Aber: Dieser Teflon-Effekt kommt nur einem Republikaner zugute - Ronald Reagan. Republikanische Kandidaten bei Wahlen auf Bundes- und Landesebene werden jedoch mit seinen Fehlleistungen konfrontiert.
Die Nachdenklicheren unter ihnen sorgen sich, daß die Präsidentschaft der schönen Fernsehbilder schon bald - zu ihren Lasten - ein Ende nehmen könnte, wenn die Wähler nämlich konkreter nach den Leistungen fragen und ihnen bewußt wird, daß Reagan, seine Wiederwahl am 6. November unterstellt, 1988 laut Verfassung selbst dann nicht wieder kandidieren kann, wenn er es sich in seinen letzten Amtsjahren noch so gemütlich macht.
Außerdem fürchten seine Berater, daß schon die kleinste Krankheit des alten Mannes, der immer noch zehn Jahre
jünger aussieht, als er ist, sein wahres Alter unbarmherzig enthüllen und seine Wahlchancen im November drastisch reduzieren könnte.
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die "gender gap", die offenbar kaum zu überbrückende Kluft zwischen Reagans großer Beliebtheit bei Amerikas Männern und seiner erheblich geringeren Zustimmung bei den Frauen, die ihm seinen starren Konservatismus in allen Frauenfragen von Abtreibung bis zur Gleichberechtigung ankreiden - und obendrein fürchten, daß seine Rüstungspolitik die Kriegsgefahr erhöht.
Um diese Geschlechterlücke zu schließen, ließen die Organisatoren des Parteitags so viele weibliche Delegierte nach Dallas kommen (44 Prozent) wie nie zuvor zu einer Convention und die prominenten Frauen der Regierung gleich reihenweise zum Fußvolk sprechen.
Das sollte zugleich mithelfen, den "Ferraro-Effekt" zu neutralisieren, der nach der historischen Nominierung einer Frau, Geraldine Ferraro, zur Vizekandidatin der Demokraten entstanden war (siehe rechte Spalte).
Für die eigentliche Wahlkampagne, die nach dem Labor Day am 3. September beginnt, ergeben sich weitere Probleme: Reagans Strategen glauben, daß sie ihren Mann trotz seines Alters vier Tage pro Woche auf Wahlkampfreise schicken müssen, weil Passivität des großen Matadors den derzeit riesigen Vorsprung des Teams Reagan/Bush von mindestens 15 Prozentpunkten leicht schrumpfen lassen könnte.
Mit ähnlichem Vorsprung waren auch Richard Nixon 1968 gegen Hubert Humphrey und Jimmy Carter 1976 gegen Gerald Ford angetreten - und am Ende mußten sie froh sein, ganz knapp gewonnen zu haben.
Wenn aber Ronald Reagan übermüdet, überanstrengt und möglicherweise noch ohne seine Not-Souffleuse Nancy, ohne Manuskript und Notizen antritt, dann besteht allerhöchste Gefahr: Der Präsident ist mittlerweile berüchtigt für seine unfreiwilligen Ausrutscher.
Eine Kostprobe gab er noch am Vorabend seiner Krönung, bei einem Wahlkampfauftritt in Decatur, Illinois, als er "ethisch" und "ethnisch" nicht auseinanderhalten konnte und ein und denselben Satz gleich zweimal hintereinander vorlas.
Von solchen Sorgen aber war auf dem republikanischen Wahlkongreß zumindest nach außen nichts zu spüren, als sich Ronald Reagan am vorigen Donnerstag seiner tosenden Gefolgschaft darbot, die sich schon drei Tage lang in Zirkus-Atmosphäre versetzt hatte - mit Wolken von Luftballons, exotischen Lärminstrumenten und Clownerien unter Texashüten.
Die Delegierten konnten sich ungehemmter Ekstase hingeben, weil der Übervater sich sehr wohl hütete, in seiner Thronrede Einzelheiten der erzkonservativen Wahl-Plattform von Dallas anzusprechen. Einer seiner Gehilfen begründete das so: "Der Präsident ist das Programm."
Fast eine dreiviertel Stunde lang labte Ronald Reagan seine Anhänger erneut mit Kraftkost aus einer konservativen Philosophie: dem festen Glauben an die Größe und Einmaligkeit Amerikas, der ungetrübten Zuversicht, daß dieses Land noch "stolzer, stärker und besser" werde, als es ohnehin schon ist. Der Führer allerdings wirkte bei dieser Rede keineswegs "stärker und besser", verhaspelte sich beim Ablesen, leierte seinen Text kraft- und ausdruckslos herunter, so, als ob er nur eines im Sinn hätte: die Strapaze ganz schnell hinter sich zu bringen.
Unnachsichtig aber wollen Reagan und die Seinen den ehemaligen Vize Jimmy Carters bis zum Wahltag für den Niedergang verantwortlich machen, den das wunderschöne Amerika in ihrer Weltsicht während Carters und Mondales Amtszeit erlitt.
Die Woge überschäumender äußerer Einigkeit gegen den häßlichen Feind spülte in Dallas fast jeden Widerstand fort. Nur zwei Delegierte stimmten gegen den Kandidaten Reagan, vier gegen den Vize-Kandidaten Bush.
So paßte es auch ins Bild allgemeiner Glückseligkeit, daß sogar das rebellische Theaterstück der beiden Convention-Außenseiter Leach und Zimmerman noch optimistisch endet. Der 3. Weltkrieg findet auf der Bühne von Dallas schließlich doch nicht statt - wenn auch nur dank einer Panne. In den Satelliten-Netzen der miteinander konkurrierenden großen Telephongesellschaften Amerikas bleiben die Startsignale für Amerikas Raketen hängen. In der Satire.
Ronald Reagan beobachtet die Partei-Versammlung auf einem TV-Schirm in seinem Hotelzimmer und wird dabei von einer Fernsehkamera aufgenommen, die sein Bild auf eine Leinwand im Convention Center überträgt. Dort grüßt ihn seine Frau.

DER SPIEGEL 35/1984
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