27.08.1984

„Das ist eine ungesunde Entwicklung“

SPIEGEL-Interview mit US-Senator Charles Mathias über den Rechtsruck bei den Republikanern *
SPIEGEL: Herr Senator, wie kann ein gemäßigter republikanischer Politiker wie Sie nach Dallas eigentlich noch die erzkonservative Ideologie dieser Partei verteidigen?
MATHIAS: Wenn mein Handlungsspielraum auf den Parteitag 1984 begrenzt wäre, sähe der Blick in die Zukunft wahrlich sehr trübe aus. Aber im Senat haben wir vom gemäßigten Flügel der Partei durchaus eine Rolle zu spielen. Im November beispielsweise entscheiden wir mit darüber, welcher republikanische Kollege künftig den Senat führen wird. Über die Medien können wir das Land aufklären. Zuweilen läßt sich sogar der Präsident von uns beraten.
SPIEGEL: Wirklich?
MATHIAS: Er hat mich wahrscheinlich häufiger angerufen als ich ihn. Er hört zu, aber er reagiert nicht immer. Er hört allerdings häufiger zu und reagiert häufiger, als es der konservativen Rechten lieb ist, aber natürlich nicht bei allen Themen. Das wäre zuviel verlangt.
SPIEGEL: Zweifellos steht Ronald Reagan dem jetzigen Parteiprogramm näher als Sie.
MATHIAS: Das kann man wohl sagen. Ich betrachte es beispielsweise als äußerst schweren Fehler, daß wir den Verfassungszusatz, mit dem die Gleichberechtigung der Frau festgeschrieben werden sollte, was eine traditionell republikanische Position war, ausgeklammert haben. Die Vorstellung, daß Bundesrichter nach ihren gesellschaftlichen Überzeugungen und nicht nach ihrer juristischen Kompetenz ernannt werden sollen, scheint mir ebenfalls unverantwortlich und absurd.
SPIEGEL: "Time" staunte über die "bemerkenswerte Situation", in der sich Ronald Reagan seit der Verabschiedung der Plattform befindet, nämlich "etwas links von der Partei".
MATHIAS: Ich bin überzeugt: Ronald Reagan selbst ist erstaunt über diese ungewöhnliche Rolle. Aber ich möchte doch korrigieren: Nicht unsere Partei ist extrem geworden oder nimmt rechtsextreme Positionen ein, dafür sind die Aktivisten verantwortlich, die in den Plattform-Ausschüssen das Sagen haben.
SPIEGEL: Warum sind Sie denn nicht aufgestanden auf dem Parteitag und haben gesagt: Ich protestiere gegen diese Übertreibungen?
MATHIAS: Das liegt einfach an der Prozedur. Diese Partei-Versammlung wurde so organisiert, daß Proteste kaum möglich waren. Sicher, man hätte physisch protestieren können. Ich hätte mich in der Halle auf den Gang legen oder ein Sit-in veranstalten können, das wär's dann aber auch gewesen. Wir, die gemäßigten Senatoren, haben unseren Dissens schon vor Wochen erklärt.
SPIEGEL: Stört es Sie nicht, daß man Sie auf diesem Parteitag nicht zu Wort kommen ließ?
MATHIAS: Es war alles andere als ein demokratisches Verfahren. Aber weit mehr ist es eine Frage verlorener Gelegenheiten. Meine Partei ist offenbar zu der Überzeugung gekommen, in dieser Welt existierten keine Probleme, über die wir hätten diskutieren müssen. Dabei hätten wir das amerikanische Volk zum Beispiel darüber aufklären können, daß die Schulden der Dritten Welt auch Amerika belasten. 1600 amerikanische Banken und Tausende von Arbeitsplätzen könnten darunter zu leiden haben. Wir haben nichts diskutiert. Wir haben uns Reden angehört, eine langweiliger als die andere.
SPIEGEL: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Sie verbittert sind.
MATHIAS: Nein, nicht wirklich. Aber wer hat sich diese Reden tatsächlich angehört? Vielleicht die Ehepartner der Redner, wahrscheinlich die Mütter.
SPIEGEL: Und natürlich die Delegierten, die begeistert klatschten. Sie und Ihre Freunde waren in dieser Partei isoliert.
MATHIAS: Vergessen Sie Shakespeares großes Wort nicht: "Wir wenigen, wir beglücktes Häuflein Brüder." Fraglos ist die Gruppe der Gemäßigten viel zu klein. Wir sind kein Gegengewicht mehr, das in einer politischen Partei notwendig ist. Es muß eine Spannung zwischen zwei Machtzentren geben, denn über die gegensätzlichen Standpunkte entstehen politische Diskussionen. Im Augenblick fehlen uns die Stimmen, und deshalb müssen wir eben Demütigungen hinnehmen.
SPIEGEL: Denken Sie da an Republikaner Ihres Heimatstaates Maryland, die Sie als ein "liberales Schwein" beschimpft haben?
MATHIAS: Solche Beleidigungen können mich nicht treffen. In der Politik ist es sehr einfach, jemanden zu beschimpfen. Es ist dagegen schwer, sich mit Problemen auseinanderzusetzen und Lösungen zu finden.
SPIEGEL: Was sagen Sie dazu, daß der Einfluß der religiösen Gruppen und Führer auf Ihre Partei und das öffentliche Leben der USA immer mehr zunimmt?
MATHIAS: Das ist in der Tat beunruhigend und eine wirklich ungesunde Entwicklung. Natürlich kann und sollte Religion eine bedeutende Rolle im persönlichen Leben des einzelnen spielen, aber es ist entsetzlich gefährlich, wenn Konfessionen versuchen, politische Institutionen zu übernehmen.
SPIEGEL: Werden weitere vier Jahre Ronald Reagan die politische Landschaft der USA unwiderruflich verändern?
MATHIAS: Ich kann und ich will nicht glauben, daß dies von Dauer ist. Diese Bewegungen im politischen Leben der USA sind häufig zyklisch. Sollte die wirtschaftliche Angebots-Theorie wirklich funktionieren, was ich bezweifle, dann wird diese rechte Bewegung in den kommenden Jahren noch an Stärke gewinnen. Wenn aber die Folgen des Haushalts- und Handelsdefizits zu jenen Spannungen führen, die ich für unabwendbar halte, werden sich die Leute wieder besinnen und die richtigen, die wirklich bedeutsamen Fragen stellen.

DER SPIEGEL 35/1984
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