27.08.1984

USAMein Geschäft

Geraldine Ferraro, Kandidatin für den Posten des US-Vizepräsidenten, drohte an einem allzu tüchtigen Häusermakler zu scheitern - ihrem Mann. *
Der Wetterumsturz kam jäh und mit Wucht, aber er mußte kommen.
Zu unirdisch leuchtend war das Bild ausgefallen, das die Demokraten, unterstützt von jubelnden Feministinnen und nicht minder hingerissenen Medien, von Geraldine Ferraro gemalt hatten - der ersten Frau, die je von einer großen Partei für das Amt des US-Vizepräsidenten nominiert wurde. Da schien plötzlich ein "politischer Megastar" ("Financial Times") geboren, ein "weibliches Universalgenie" zum Zuge gekommen zu sein (so die republikanische Kongreßabgeordnete Barbara Kennelly). Mit seiner "unvergleichlichen historischen Entscheidung" hatte der demokratische Kandidat Walter Mondale "die Gußform der amerikanischen Politik gesprengt" ("Newsweek") und im eher aussichtslosen Rennen um die Präsidentschaft eine "Trumpfkarte gezogen", die die "Wahlaussichten verändert" ("The New York Times").
In solcher Begeisterung ging unter, was in Amerika - zumal nach Watergate -jeden Kandidaten für ein derart erhabenes Amt erwartet: die gnadenlose öffentliche Durchleuchtung seiner Existenz.
Letzte Woche überstand Geraldine Ferraro ein erstes, nervenaufreibendes _(Bei ihrer Pressekonferenz am vorigen ) _(Dienstag in New York. )
Rigorosum: die mikroskopische Ausforschung ihrer Vermögensverhältnisse und der ihres Mannes, des millionenschweren New Yorker Immobilienmaklers John Zaccaro (dessen Namen die Kandidatin nie angenommen hat).
Forsch hatte Geraldine Ferraro kurz nach ihrer Partei-Kür erklärt, sie werde nicht nur ihre eigenen Steuererklärungen offenlegen, sondern auch die ihres Mannes. Aber den hatte sie wohl nicht gefragt. "Gerry", soll er nach Frau Ferraros eigenen Worten gepoltert haben, "ich werde dir nicht vorschreiben, wie du das Land zu regieren hast. Aber ich laß mir auch nicht von dir vorschreiben, wie ich mein Geschäft zu führen habe."
John Zaccaro lehnte ab, und die Hatz der Journalisten begann.
Doch alle Wühlarbeit im Firmengeflecht des John Zaccaro brachte nichts wirklich Anstößiges zum Vorschein, wenn auch einiges, das den Gatten einer möglichen amerikanischen Vizepräsidentin nicht schmücken kann.
Da fand sich in New Yorks Stadtviertel "Little Italy", von jeher Mafia-Territorium, ein Gebäude, in dem eine zwielichtige Firma haust, die pornographische Literatur vertreibt. Es gehört einer Firma, an der Zaccaro zur Hälfte beteiligt ist.
Ein weiteres Gebäude, das früher John Zaccaro besaß, gilt heute noch als Adresse eines Bosses der Mafia-Familie Gambino. Da half es nichts, daß Zaccaro es schon 1971 verkauft hatte.
In einer Gesellschaft, in deren Geschäfte das Wirken der Mafia eingewebt ist wie hierzulande das von Arbeitgeberorganisationen oder Gewerkschaften, können solche Verbindungen dem politischen Streben einer unbeteiligten Gattin nicht ernsthaft schaden.
Mißlich für Geraldine Ferraro war freilich auch, daß die ausgedehnten Recherchen der Journalisten noch einmal und im Detail einen Verstoß gegen das Wahlkampffinanzierungsgesetz ausleuchteten, der ihr 1978, bei ihrem ersten Wahlkampf zum Kongreß unterlaufen war.
Das damals ganz neue Gesetz beschränkt Beiträge von Einzelpersonen zu Wahlkampagnen auf 1000 Dollar. (Seitdem gibt es die "Politischen Aktionsausschüsse", über die nun politische Interessengruppen ihre Millionensummen in die Wahlkämpfe schleusen.) Aber hinter der unbekannten Staatsanwältin aus dem New Yorker Stadtteil Queens, die in den Kongreß wollte, stand keine Interessengruppe und schon gar nicht das Establishment ihrer Partei.
John Zaccaro und seine Familie liehen Geraldine 134 000 Dollar für den Wahlkampf; sie wurde dafür hinterher von der Wahlaufsichtsbehörde mit der milden Buße von 750 Dollar belegt. Außerdem mußte sie 130 000 Dollar von der Familienunterstützung aus eigenen Mitteln zurückerstatten.
Also verkaufte sie einem Geschäftspartner ihres Mannes ihren 50prozentigen Anteil an einem Gebäude, den sie nur fünf Monate vorher zum Preis von 25 000 Dollar bar plus Hypothek erworben hatte, mit kräftigem Gewinn, 75 000 Dollar, den sie für die Rückzahlung benutzte.
Das sah schon nach Kungelei und künstlicher Preissteigerung aus: Doch zwei Jahre später wurde dasselbe, 1978 für rund 175 000 Dollar erstandene Gebäude im New Yorker Boom tatsächlich für 375 000 Dollar weiterverkauft.
Nur: Bei der Berechnung der aus Frau Ferraros Schnäppchen fälligen Steuer verrechnete sich der altgediente Steuerberater der Familie um 29 709 Dollar zu ihren Gunsten. Mit den inzwischen aufgelaufenen hohen Zinsen ergab dieses nun eine Steuerschuld von 53 459 Dollar, die Geraldine Ferraro inzwischen dem Finanzamt überwiesen hat.
Am Montag voriger Woche veröffentlichten sie und nun doch auch ihr Mann ihre getrennten Steuererklärungen für die letzten fünf Jahre. Dabei zeigte sich, daß beide auf ihr Einkommen jeweils rund 40 Prozent Steuern gezahlt hatten. Genauso soll es nach den amerikanischen Steuergesetzen sein.
Nach ihrer Pressekonferenz am vorigen Dienstag, in der sie sich 90 Minuten lang den bohrenden Fragen von 30 Journalisten stellte und das gut überstand, bleibt für Geraldine Ferraro vor allem ein letzter Punkt heikel. Nach einem in der Watergate-Büßerstimmung 1978 erlassenen Gesetz über "Ethics in Government" müssen gewählte Kongreßabgeordnete neben ihren eigenen auch die finanziellen Verhältnisse ihrer Ehegatten und noch abhängiger Kinder offenlegen.
Geraldine Ferraro hat sich darum gedrückt - unter Berufung auf eine Ausnahmeklausel, die Kongreßabgeordnete von dieser Auflage befreit, wenn sie nichts über die Geschäfte ihrer Gatten wissen und nicht von ihnen profitieren.
Aber in den verzweigten Gesellschaften ihres Mannes wird Geraldine Ferraro mal als Vizepräsidentin, mal als Finanzchefin von Firmen aufgeführt. Ihre Steuererklärung verzeichnet ein Einkommen von 3000 Dollar aus diesen, wie sie beteuert, nominellen Positionen.
Ob sie damit gegen das Ethik-Gesetz verstieß, wird der dafür zuständige Kongreß-Ausschuß befinden müssen.
Die Lobby der Immobilienmakler in den USA hat jedenfalls gesagt, daß Frau Ferraro in 80 Prozent aller Fälle gegen die Interessen der Grundstücks-Dealer gestimmt habe.
Und die "New York Times" befand in der vorigen Woche, die "geprüften Unterlagen" ließen auch nicht den Schatten einer Andeutung dafür zu, daß "sie jemals das öffentliche Vertrauen mißbraucht oder gar unrechtmäßig von ihrem Amt profitiert" habe.
Bei ihrer Pressekonferenz am vorigen Dienstag in New York.

DER SPIEGEL 35/1984
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