27.08.1984

RÜSTUNGBizarre Lücke

Die Amerikaner wollen an der innerdeutschen Grenze ein mit flüssigem Sprengstoff gefülltes unterirdisches Röhrensystem verlegen. *
Für Professor John Keegan am Royal Military College im britischen Sandhurst ist der Mangel schon seit langem offenkundig: "Im Verteidigungssystem der Nato ist es eine geradezu bizarre Lücke, daß es an ihren Grenzen keine Befestigungen gibt."
Gemeint ist vor allem die deutschdeutsche Grenze, wo das Fehlen eines Ostwalls die Militärs schon immer beunruhigt hat. Nach amerikanischer Auffassung haben gesamtdeutsche Hoffnungen
die Errichtung dauerhafter Grenzhindernisse mitten in Deutschland ebenso verhindert wie der Widerstand der Bauern gegen Bunker auf ihren Feldern.
Militärische Planer im amerikanischen Verteidigungsministerium wollen auf solche Gefühle offenbar keine Rücksicht mehr nehmen. Vor Parlamentariern aus den Bündnisstaaten erläuterte der Direktor für Nato- und Europa-Fragen im Pentagon, Brigadegeneral Anthony A. Smith, am vorigen Montag in einem Vortragssaal des Ministeriums, wie eine festinstallierte Verteidigungskette gegen eine Panzerinvasion aus dem Osten aussehen könnte.
Als ehemaliger Bürochef des amerikanischen Nato-Oberbefehlshabers Europa, General Bernard Rogers, ist Smith mit deutschen Verhältnissen vertraut. Er skizzierte ein Pipeline-System entlang der DDR-Grenze: in die Erde zum Teil horizontal, zum Teil senkrecht versenkte Rohre, über denen Gras oder Getreide wächst. In Krisenzeiten sollen die Rohre mit flüssigem Sprengstoff gefüllt und im Kriegsfall zur Explosion gebracht werden.
Erwartetes Ergebnis: eine Kette tiefer Gräben und Krater, die den Vormarsch feindlicher Panzerarmeen zumindest vorübergehend bremsen und den Gegner dem Abwehrfeuer aussetzen. Das Graben- und Lochsystem könnte einen gegnerischen Panzeransturm keineswegs abwehren. Sein Ziel ist es lediglich, Zeit zu gewinnen, die Pläne des Angreifers zu stören und seine Angriffswelle aufzuhalten, ihr eventuell auch noch durch ein im Rücken gezündetes weiteres Grabensystem den Fluchtweg abzuschneiden. Die Panzer säßen in der Falle, im US-Militärjargon in der Vernichtungszone ("killing ground").
Größere oder besonders ins Auge fallende Grenzbefestigungen wollen die USA nicht vorschlagen. Dagegen bestünden berechtigte politische Einwände, heißt es dazu in einem Bericht, den das Pentagon kürzlich an den Kongreß in Washington schickte. Denn, so fanden die Militärs heraus: "Anders als Korea oder der Mittlere Osten befinden sich die Nationen Europas nicht im Krieg, und ihre Menschen sind genausowenig bereit, ihre Grenzen zu befestigen wie die Menschen in Texas oder in Nord-Dakota."
Unsichtbare Grenzsperren mitten durch Deutschland sind erst möglich geworden, seit sich die Militärs für ein Sprengmittel interessieren, das bereits seit 20 Jahren in der privaten Wirtschaft genutzt wird.
Das von der Angus Chemical Company im kalifornischen Sherman Oaks hergestellte Nitromethan ist ein flüssiges Erdölderivat, das wie Wasser transportiert und unbefristet aufbewahrt werden kann. Sein Zündpunkt liegt bei 418 Grad Celsius. Eine herkömmliche Sprengpatrone kann es zur Explosion bringen. In einer farbigen Hochglanzbroschüre preist die Firma die Vorzüge ihres Produkts an.
Bereits im vergangenen Jahr hatte Amerikas ehemaliger Verteidigungsminister Robert McNamara in seinem Vorschlag, der Westen solle nicht als erster im Kriegsfall zu Atomwaffen greifen, auch in Bonn öffentlich den Einsatz unterirdischer Sprengröhren empfohlen. Der großflächige Einsatz konventioneller Explosivstoffe schien ihm ein geeignetes Mittel, im Falle einer kriegerischen Auseinandersetzung die nukleare Schwelle anzuheben.
Was damals in Deutschland kaum beachtet wurde, ruft heute die Erinnerung an Geheimpläne des Generalinspekteurs der Bundeswehr, Heinz Trettner, wach, der vor der Nato-Tagung im Dezember 1964 in Paris den Einsatz von "Atomic Demolition Munition" (ADM) auf deutschem Boden verlangt hatte. Trettner: "Der mögliche Gegner soll ... in einer geringen Entfernung von der Zonengrenze, auf westdeutschem Boden, in eine Sperre von Atom-Minen laufen."
Die allgemeine Empörung, besonders in den betroffenen Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Bayern, brachte Trettners Plan rasch zu Fall. Gleichwohl werden auf deutschem Territorium noch heute etwa 350 amerikanische Atom-Minen für den Einsatz im Kriegsfall gelagert.
Die Erfahrungen jener Zeit mögen den Sprecher des Bonner Verteidigungsministeriums, Oberst Jürgen Reichardt, am Mittwoch vergangener Woche dazu bewogen haben, die Pentagon-Ideen schnell zu verwerfen: "Weder die Nato noch das deutsche Heer haben irgendwelche Pläne zur Errichtung eines durchgehenden Sperrsystems entlang der Grenze, gleich welcher Beschaffenheit." Solche Pläne seien "abwegig".
Der Oberst dementierte damit freilich, was der US-General nie behauptet hatte: die geplante Errichtung eines "durchgehenden" Sperrsystems. In Wirklichkeit sind die Möglichkeiten, die das flüssige Sprengmittel bietet, auch für die Bundeswehr so attraktiv, daß sie sich mit dem Stoff längst viel intensiver befaßt hat, als Reichardts Äußerungen erkennen lassen.
So haben Tests auf dem Erprobungsgelände der Bundeswehr in Meppen und zusammen mit der U. S. Army auf dem Truppenübungsplatz in Wildflecken ergeben, daß ein in 2,30 Meter Tiefe verlegtes und mit Nitromethan gefülltes Plastikrohr von 17 Zentimeter Durchmesser bei der Explosion einen vier Meter tiefen und 17 Meter breiten Graben reißt. Das Hindernis können auch modernste Panzer wie der deutsche Leopard 2 oder der amerikanische M 1 Abrams so rasch nicht überwinden.
Es dauerte Stunden, bis Pioniere mit Hilfe von modernen Planierraupen die Gräben eingeebnet hatten und die Panzer weiterfahren konnten. Selbst auf Sandboden brauchten die Kettenfahrzeuge fünf bis sechs Minuten, bis sie eine Rampe geschaufelt und die andere Grabenseite erreicht hatten.
Beim bislang letzten Versuch, den die Bundeswehr zusammen mit den Amerikanern am 13. August auf dem Truppenübungsplatz Baumholder veranstaltete, wurde eine simulierte Gebirgsstraße durch zwei, in fünf Meter Tiefe aufeinandergeschichtete Fässer Nitromethan gesprengt. 81 Sekunden lang versuchte ein Leopard 2, das Loch zu überqueren. Dann verklemmten sich Felsbrocken zwischen Kette und Antriebsrad, und die Kette sprang ab. _(Ausriß aus der Angus-Broschüre. )
Ausriß aus der Angus-Broschüre.

DER SPIEGEL 35/1984
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