28.05.1984

FILMRichtige Bewegung

Mit seinem bei den Filmfestspielen in Cannes mit der „Goldenen Palme“ ausgezeichneten Film „Paris, Texas“ hat der deutsche Regisseur Wim Wenders seinen größten Erfolg errungen. *
Die internationale Kritik und die Cineasten waren dem deutschen Filmregisseur Wim Wenders schon immer gewogen, entschieden mehr als das große Publikum, doch nun, letzte Woche im regnerischen Cannes, wurde Wenders mit Publikumsjubel wie Kritikerlob geradezu überschüttet.
Nach Schlöndorffs "Blechtrommel" erhielt - erstmals wieder seit fünf Jahren - ein Deutscher die begehrte Trophäe, die den hektischen Filmmarkt von Cannes adelt, die "Goldene Palme": Wim Wenders für "Paris, Texas".
"Le Monde" bejubelte Wenders'' Familiengeschichte als "aufregendsten Film der letzten zehn Jahre". Dem "FAZ"-Rezensenten Hans-Dieter Seidel verschlug es die Sprache: "Von diesem Film zu schwärmen bedeutet den hoffnungslosen Versuch, in Worten die intensive Macht der Bilder nachzuvollziehen."
Das gelang nur einem deutschen Journalisten. Dem Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" und Wenders-Biographen Peter Buchka rauschten die Superlative aus der Maschine: "Mit ''Paris, Texas'' hat sich Wenders als der zur Zeit beste Regisseur der Welt etabliert. ''Paris, Texas'' wird das Kino - genauer: den Autorenfilm - so verändern, wie es vor einem Vierteljahrhundert Jean-Luc Godard mit ''Außer Atem'' getan hat."
Also nicht die Arrivierten des internationalen Kinos wie etwa Sergio Leone ("Once Upon A Time In America") oder John Huston (der nicht für sein spätes Meisterstück "Under The Volcano", sondern für sein Gesamtwerk einen Ehrenpreis erhielt) erregten diesmal in Cannes das meiste Aufsehen, auch nicht der Deutsche Werner Herzog, der seinen in Australien gedrehten Film "Wo die grünen Ameisen träumen" zeigte - sondern der 38jährige Einzelgänger Wim Wenders, der gerade in Cannes beim letzten Mal, 1982 mit "Hammett", eine Schlappe erlitten hatte.
Wenders-Filme waren immer kunstvoll, aber nie spektakulär; in ihrer behutsamen Wahrnehmung, ihrer Mitteilungsscheu, ihrer Melancholie waren sie dem Werk seines Freundes Peter Handke verwandt: Zwei Drehbücher von ihm hat Wenders verfilmt ("Die Angst des Tormanns vor dem Elfmeter", "Falsche Bewegung") und die Uraufführung seines Stücks "Über die Dörfer" in Salzburg inszeniert. Auch aus Handkes Buch "Langsame Heimkehr" möchte er einen Film machen.
Wenders-Filme waren immer wieder Geschichten von einer Reise, von einer Bewegung im Raum, von der Suche nach einem verlorenen Ursprung, und sie waren immer erfüllt von einer Sehnsucht nach Amerika, nach dem amerikanischen Kino. "Der amerikanische Freund" (1977) endlich brachte ihm ein Hollywood-Angebot ein.
Doch gerade der Film "Hammett", der dort entstand - in jahrelangen, bizarren und quälenden Auseinandersetzungen mit seinem US-Produzenten Francis Coppola - geriet nur zur leeren, eleganten Ruine seiner Hoffnungen. Was Wenders mit "Hammett" nicht gelungen ist, hat er nun mit seinem Cannes-Erfolg "Paris, Texas" zustande gebracht, einer relativ bescheidenen deutsch-französischen Koproduktion made in USA: die Verwirklichung eines europäischen Traums vom amerikanischen Kino.
Verwüstet wie das Niemandsland zwischen Mexiko und Texas mit den endlosen Weiten und einsamen, bizarren Hügeln sieht es in der Seele von Travis aus, einem Mann über Vierzig, der halbverdurstet aus diesem öden Nirgendwo auftaucht und in einer verkommenen Raststätte zusammenbricht.
Wie ein klassischer Western beginnt Wim Wenders'' Film-Reise durch Amerika. Und wie ein Western endet "Paris, Texas" nach zweieinhalb Stunden, in denen Wenders den Zuschauer auf die Augenweide führt: Ein Mann kommt aus dem Nichts, erledigt eine Aufgabe, die er sich stellt, und verschwindet in die unbekannten Weiten der Zukunft - ein heroischer Verlierer, der endgültig von der Vorstellung vergangenen Glücks Abschied genommen hat.
Travis (Harry Dean Stanton) wird von seinem Bruder in Texas aufgelesen und im Auto nach Los Angeles gebracht. Allmählich taut er auf aus totaler Sprachlosigkeit. In zaghafter Annäherung gewinnt er das Zutrauen seines kleinen Sohnes, der beim Bruder lebt, seit sich der Vater nach Mexiko abgesetzt hat, um vor dem Schock der Trennung von seiner jungen Frau Jane (Nastassja Kinski) zu fliehen.
Bei der abendlichen Vorführung eines Super-Acht-Films holt die Vergangenheit Travis wieder ein. In einer spannenden, behutsam sich steigernden und nach allen Regeln der Kunst aufgebauten Sequenz (Schnitt: Peter Przygodda) tritt Jane per Heimkino wieder ein in Travis'' Leben.
Mit seinem Sohn beginnt Travis die Reise zurück nach Texas. Er macht Jane ausfindig in einer Peep-Show in Houston, wo sie hinter einseitig transparentem Spiegelglas von Travis die Geschichte ihrer Ehe anhört, ohne ihn zu sehen. Er teilt ihr mit, wo sie ihren Sohn wiederfinden kann, und bricht mit dem Auto auf, während ein rötlicher Abendhimmel über Houston steht.
Es ist das wehmütige Finale eines Films, mit dem Wenders souverän das Trauma seiner Arbeit mit Coppola an "Hammett" und die larmoyante Selbstbespiegelung seiner (in Venedig 1982 _(Mit Nastassja Kinski. )
preisgekrönten) Cineasten-Ballade "Der Stand der Dinge" überwunden hat.
Selten zuvor ist Wenders die Übereinstimmung einer Geschichte mit seiner sich vordrängenden Besessenheit, visuelle Wunder auf die Leinwand zu zaubern, geglückt wie in "Paris, Texas". Mit dem Kameramann Robby Müller übersetzte er die Story, die ihm der amerikanische Dramatiker Sam Shepard geliefert hat, in Bilder von den USA, wie sie in den Köpfen Amerika-sehnsüchtiger Europäer existieren: trostlose Kleinstadt-Straßen, Imbiß-Buden, Neon-Reklamen oder das schäbige Labyrinth eines Peep-Show-Etablissements sind in die schöne Melancholie und graphische Strenge getaucht, die in den Bildern des Malers Edward Hopper oder in den Photographien des Dreißiger-Jahre-Dokumentaristen Walker Evans herrschen.
Von Amerika war in Wenders'' Dankesworten in Cannes nicht die Rede. Er dankte den deutschen Institutionen, die die Finanzierung seines Films mit ermöglicht hatten: dem Westdeutschen Rundfunk in Köln, der Berliner Filmförderungsanstalt und dem Bonner Innenminister, aus dessen Förderfonds ein Teil der Mittel für "Paris, Texas" stammen. Der Minister hieß, als Wenders die Prämie erhielt, noch Gerhart Baum.
Mit Nastassja Kinski.

DER SPIEGEL 22/1984
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