23.04.1984

LIBYENWie ein Schlachtfeld

Umzingelst du meine Botschaft, umzingele ich deine: Gaddafi gegen Margaret Thatcher. *
Henker Gaddafi!" und "Nieder mit dem Diktator!" riefen die Demonstranten vor dem libyschen "Volksbüro" am St. James''s Square in London. Die Papiertüten und Pudelmützen, die sie sich über die Gesichter gezogen hatten, um inkognito zu bleiben, dämpften das Protestgeschrei. Die Polizisten sahen eher gelangweilt hin. So was passiert in London alle Tage.
Doch da öffnete sich im zweiten Stock des Botschaftsgebäudes ein Fenster, und eine Maschinenpistole begann zu rattern. "Es dauerte zehn Sekunden, der ganze Platz schien zu explodieren", sagte Filmproduzent Ray Barker, der die Szene beobachtete. "Danach sah es aus wie ein Schlachtfeld."
Elf Demonstranten waren getroffen. Polizeikonstablerin Yvonne Fletcher, 25, aus Dorset wand sich mit einem Bauchschuß am Boden. Sie starb wenige Stunden später im Westminster Hospital.
Die Schüsse von St. James schienen Großbritannien vorige Woche die schwerste außenpolitische Herausforderung seit dem Ende des Falkland-Konflikts zu bescheren. Spezialeinheiten der Anti-Terror-Brigade "SAS" umstellten die libysche Botschaft am St. James''s Park _(Polizeibeamte bringen Sichtblenden an ) _(der Zufahrtstraße zur Botschaft an. )
und forderten die Insassen zur Übergabe auf.
Daraufhin machte auch Tripolis mobil. Staatschef Gaddafi, der laut "Daily Mirror" "seine Finger hinter jedem einzelnen Schuß gehabt hat", ließ zunächst "Revolutionsgarden" und Armee-Einheiten um die Briten-Botschaft in Stellung gehen. Für den Fall, daß die Regierung in London ihren "bestialischen Akt" nicht unverzüglich beende, teilte er mit, drohe er Großbritannien "Vergeltung mit allen Mitteln" an.
Die Talfahrt der britisch-libyschen Beziehungen hatte bereits im Februar mit der Übernahme der libyschen Vertretung in London durch eine Gruppe "revolutionärer Studenten" begonnen. Gut zwei Wochen nach dem Wachwechsel in St. James gingen in Großbritannien kurz nacheinander sieben Sprengsätze hoch, die wahrscheinlich von Libyern gelegt worden waren.
Insgesamt registrierte Scotland Yard 27 Verletzte. Fünf Libyer wurden als mutmaßliche Täter ausgewiesen, zwei weitere unter dringendem Tatverdacht festgenommen.
Das "Volksbüro" wies alle Verantwortung weit von sich. Büro-Sprecher Umar Sudani erläuterte in einer Presseverlautbarung, daß Libyen aufgrund der arbeitsteilig organisierten libyschen Rechtsfindung gar nicht gegen die Volksschädlinge habe einschreiten müssen. Denn: "Es gibt einmal den libyschen Staat, der Leute verurteilt und hinrichtet, und es gibt Privatleute, die auf sich selbst gestellt richten und entsprechend verfahren dürfen."
Wo es an solcher Privatinitiative mangelt, greift freilich die Zentrale zuweilen wegweisend ein. Im Frühjahr 1980 starben in verschiedenen europäischen Hauptstädten sieben libysche Oppositionelle im Feuer ambulanter Todesschwadronen, die Gaddafi nach eigenem Bekenntnis auf die Reise geschickt hatte.
Zwei der Täter wurden in London zu lebenslanger Haft verurteilt. Botschaftssekretär Mussa Kussa mußte das Land verlassen, nachdem er öffentlich die Ermordung zweier weiterer Exil-Libyer angekündigt hatte. Tags drauf flogen Brandbomben gegen die britische Botschaft in Tripolis.
London gilt als die Metropole Gaddafi-feindlicher Gegenrevolutionäre. Die Mehrheit der rund 7000 Libyer in Großbritannien zählt Gaddafi zu der Gemeinschaft der "heulenden Hunde, die verbrecherische Handlungen gegen das libysch-arabische Volk begangen haben".
So wie die Ereignisse am St. James''s Square abliefen, hatte Scotland Yard Zweifel, daß die verhängnisvollen Schüsse die spontane Wahnsinnstat eines Zeloten waren. Das Volksbüro hatte, in Kenntnis der angemeldeten Demonstration, zwei Kamerateams der Agentur UPITN engagiert, um das Geschehen filmen zu lassen.
Nach dem Blutbad nahm ein Mitglied des Volksbüros den Horror-Film in Empfang und raste damit zum Flughafen Heathrow, wo das Material von einer wartenden Maschine der "Libyan Arab Airlines" übernommen werden sollte. Weil der Kurierwagen unterwegs von der Polizei abgefangen wurde, ließ sich das libysche Fernsehen per Satellit den Streifen rechtzeitig zu den Abendnachrichten überspielen.
Obwohl das Videoband den Ablauf des Geschehens unzweideutig dokumentiert, stellte Radio Tripolis den Vorgang auf den Kopf: "Libysche und andere ausländische Agenten des britischen Geheimdienstes", so hieß es, hätten das Botschaftsgebäude gestürmt, worauf den Patrioten vom Volksbüro keine Wahl geblieben sei, als sich mit der Waffe gegen die "schreckliche terroristische Aktion" zu verteidigen.
Premierministerin Margaret Thatcher, die sonst nicht konfliktscheue eiserne Lady, sah ihre Bereitschaft zu spontanem Aktionismus in diesem Fall beschränkt. Sie mußte bei hartem Durchgreifen mit Repressalien gegen die 8000 in Libyen lebenden Briten rechnen.
Presse und Parteienvertreter sind sich einig wie nie in ihrer Forderung, "das Mördernest am Saint James''s Square auszumisten", so der "Daily Express". David Owen, der sonst eher verbindliche Chef der Sozialdemokratischen Partei, brachte die Meinung seiner Parteifreunde und auch die vieler Tories und Labour-Abgeordneter auf den kurzen Nenner: "Schmeißt sie alle raus."
Polizeibeamte bringen Sichtblenden an der Zufahrtstraße zur Botschaft an.

DER SPIEGEL 17/1984
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